Epitaph

Da gehen sie dahin, die Helden unserer Jugend und der Jugend davor und der Jugend davor und vermutlich auch der Jugend nach unserer Jugend: Bad Religion, die Punkrock-Urgesteine, die sich mit „Suffer“ in die Musikgeschichte gespielt haben und deren Lyrics so viel Herzblut und Weisheit enthalten, dass wir uns vor jedem einzelnen Song verneigen, ausgerechnet diese Band bringt ein Weihnachtsalbum heraus. Ist das ein Zeichen für das nahende Ende der Welt, wie wir sie kennen? Darf so etwas passieren? Darf der promovierte Evolutionsbiologe und Punkmeister Dr. Greg Graffin ein Weihnachtsalbum einspielen und sich und seine Musik damit auf eine Bedeutungsstufe mit derjenigen der Kastelruther Spatzen stellen? Ist es möglich, dieses Album zu hören, ohne eben erst verzehrte Kekse zu erbrechen? Diese Fragen sind völlig irrelevant, denn es ist bereits geschehen und die Lebkuchen rumoren im Magen.

Die vereinzelten Weihnachtslieder, die Bad Religion bisher im Rahmen der jährlichen „Almost Acoustic Christmas Show“ des Radiosenders KROQ aus Los Angeles zum besten gaben, waren verkraftbar. Vor allem, weil diese Liederabende sich mittlerweile zu einer festen Institution im alternativen Musikbusiness etabliert haben. Ein kleiner Weihnachtssong hat noch nie geschadet und war ein nettes Geschenk von Bands an ihre Fangemeinde. Ein ganzes Album mit Coverversionen traditioneller Weihnachtsschnulzen, darunter natürlich auch „White Christmas“ und „Little Drummer Boy“, auf den Markt zu werfen, und vielleicht ist das der Hauptkritikpunkt an der ganzen Sache, das geht im Punkrock-Ethos eindeutig zu weit.

Musikalisch ist an den neun „Christmas Songs“ nichts auszusetzen. Wo Bad Religion draufsteht ist seit mehr als dreißig Jahren auch Bad Religion drin. Auf dem Cover-Artwork ist übrigens ein Bild vom Österreicher Gerald Waller zu sehen. Er hat 1946 einen Burschen fotografiert, der sich über neue Schuhe vom amerikanischen Roten Kreuz freut. Das ist auf „Christmas Songs“ wahrscheinlich die einzige Spur von Sozialkritik neben dem „American Jesus“-Remix von Produzent und Toningenieur Andy Wallace, der schon bei Slayers „Reign In Blood“, Sepulturas „Rise“, Rage Against The Machines selbstbetiteltem Debüt und Nirvanas „Nevermind“ seine Finger im Spiel hatte.

Tracklist:

1. „Hark! The Herald Angels Sing“

2. „O Come All Ye Faithful“

3. „O Come, O Come, Emmanuel“

4. „White Christmas“

5. „Little Drummer Boy“

6. „God Rest Ye Merry Gentlemen“

7. „What Child Is This?“

8. „Angels We Have Heard on High“

9. „American Jesus (Andy Wallace Mix)“

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