eine Kurzgeschichte von Stefan Kloiber

Kennt ihr diesen allabendlichen Moment, wenn ihr nicht mehr wach seid und doch nicht im Schlaf? Es ist keine Sekunde – er lässt sich nicht zeitlich einordnen. Es ist ein Gefühl. Unbeschreiblich und nicht in der Erinnerung abrufbar. Wer sagt uns denn, dass wir ihn nicht jeden Tag als Glücksgefühl wahrnehmen, wir aber nicht in der Lage sind, diese Empfindung zu beschreiben und ihn deshalb vergessen? Mein ganzes Leben habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, aber ohne Antwort. Wie sollte ich mich auch bewusst an etwas erinnern, das sich der Erinnerung so vehement entzieht – doch ich habe es erfahren, so wie ihr alle es erfahren werdet.
Es war ein Mittwochabend im November. Auch wenn das Jahr ungewöhnlich warm war, so war das ganze Monat, insbesondere dieser Abend ausgesprochen kühl und schon mehr Winter als Herbst. Ein Tag, an dem man die Zugvögel ob ihrer Reise bewunderte. Zumindest die meisten hätten es getan. Für mich war es nur ein weiterer grauer Tag, den man trotz des Ausströmens von Melancholie niemals hätte mit Licht und Wärme füllen wollen – es hätte sich falsch angefühlt im Schein der Sonne zu leben. Ich liege also erschöpft und vom Leben ermüdet im Bett. Einzig das schwache, manchmal flackernde Licht der Straßenlaternen ist durch die geschlossenen Jalousien zu sehen. Während ich also mein Bett zu meiner schützenden Burg auserkoren habe, in dem ich sicher von der Außenwelt leben, oder zumindest sein kann, höre ich diese Klänge in meinem Kopf, die mich zu dem Zeitpunkt schon seit knapp 9 Stunden nicht mehr losgelassen hatten. Ich habe in meinem Leben stets Musik gehört und geliebt und immer schon war sie jener Mittler, der mich mit anderen Menschen verbunden hatte. Ebenso war sie stets in meinem Kopf, um mich auch von den anderen Menschen loszulösen.
Es war eine Sucht, welcher ich verfallen war. So sehr verfallen, dass ich den Bezug zum realen Leben verloren hatte. Ich lebte nicht um Musik zu hören, ich lebte in ihr selbst. Ihr Klang bestimmte mein Denken. Täglich war ich auf der Suche nach neuer Musik und stöberte im Internet, wo es noch nicht Gehörtes zu entdecken gab, so auch beispielsweise auf www.music-news.at, wo man mit solchen Neuigkeiten vertraut gemacht wurde. Gierig verschlang ich die klingenden Drogen. Aber die Wirkung ließ mit der Zeit nach. Nur wenig Neues schaffte es, mich so zu fesseln und die ersehnte Loslösung vom täglichen Leben zu bringen.
An diesem düsteren Tag im November war es nun aber so weit. Ich öffnete gerade den Live-Stream eines Klassik-Senders und war von einem Moment auf den anderen nicht mehr in meiner Wohnung. Die Musik entrückte mich in eine andere Landschaft, eine Dimension ohne Leben, nur der Klang lebte. Es war weder Glück, noch Trauer – es war etwas Unaussprechliches das mich erfasste. Ich habe das Gefühl, als hätte ich 26 Jahre lang nur ausgeharrt um jene Musik zu hören, als wäre sämtliches Leid darin aufgegangen und würde sich nun als Erlösung offenbaren. Der Klang der Streichinstrumente war so voller Trauer, erfüllt von Hoffnung, bestürzend mit hereinbrechender Gewalt. So wie ich hoffte, dass diese Empfindung nie zu Ende gehen würde, so hoffte ich auch, dass ich endlich hören würde, um welches Werk es sich handle. Ich wusste dass diese Musik nicht ewig andauern könnte und so wollte ich zumindest die Möglichkeit haben, sie immer wieder anzuhören. Es war nun so weit. Während ich noch paralysiert dem verklingenden Schlussakkord nachtrauerte, hörte ich den Titel dieses erklingenden Wunders. Sofort kamen Assoziationen in mir hoch. Ich kannte den Komponisten bisher nur durch ein anderes Werk, doch schon dieses erschien mir einst als das Schönste das ich je hörte. Über meine persönliche Auffassung was ich als schön empfinde möchte ich hier gar nicht reden. Denn das ist nicht entscheidend – einzig wichtig ist das Gefühl, welches ich dadurch empfand. Es war jener Zustand, bei welchem Glück und Tod vereint zu sein scheinen. Als würde man vor Glück einen Luftsprung machen und sich am höchsten Punkt eine Schlinge um den Hals legen. Auf dem Weg nach unten ist man zwar noch von jenem positiven Gefühl beseelt, doch ist man gleichzeitig schon tot.
Ich hörte mir es wieder und wieder an. Es waren inzwischen mehrere Stunden vergangen und die Dunkelheit des Nebels wurde durch die Finsternis der Nacht verdrängt. Der schwache Strahl der Laternen warf nur die verschwommenen Schatten der Lamellen der Jalousien an die Wand, in deren Richtung ich mich im Bett gedreht hatte, um so abgeschottet wie möglich zu sein. In der Zwischenzeit hatte ich besagtes Werk schon knapp zwei Stunden nicht mehr gehört. Es war nicht mehr notwendig: in meinen Gedanken lief es in Endlosschleife. Ich war nicht mehr auf die Akustik angewiesen, in meinem Kopf veränderte sich das Werk. Ich blieb eine gefühlte Ewigkeit an einzelnen Akkorden stehen, bevor ich dem Lauf der Musik entlang weiterwanderte. Innerhalb dieses Zeitraums hatte dieser Klang mein ganzes Sein für sich eingenommen. Kein anderer Gedanke war noch vorhanden. Hunger und Durst waren scheinbar ausgelöscht. Die Welt um mich schien nicht mehr existent. Erst später wurde auch die Umwelt wieder real, aber ohne dass die Musik dadurch ihre Wirkung verloren hätte. Vielmehr schien durch sie der Ist-Zustand erträglicher. Es dauerte noch länger bis das Gefühl der Müdigkeit in mir zum Vorschein kam. Es änderte jedoch nichts an meinem Zustand. Ich lag nach wie vor regungslos, den Körper weg vom Fenster, hin zur Wand gedreht, im Bett und hörte in meinem Kopf ununterbrochen diese eine Musik. Inzwischen, es ist schon eine Ewigkeit seit diesem Abend und dem Jetzt vergangen, werden mir manche Gefühle erst bewusst. Ich hatte damals nicht richtig verstanden, dass sich in mir ein Gefühl von unbeschreiblichem Glück ausbreitete. Ich war an jenem Moment angekommen, da ich weder wach war, noch im Schlaf. Dieser Moment voller Hoffnung, den man in seiner Erinnerung jedoch nie abrufen kann. Doch an diesem Abend war es anders. Seither hält dieses Gefühl ununterbrochen an. Ich bin an jenem düsteren Abend im November gestorben.

Über den Autor Stefan Kloiber

Stefan Kloiber wurde 1988 in Kärnten geboren. Nach seiner Matura folgte die Übersiedlung nach Graz. Dort nahm er das Studium der Musikologie auf. Zwischenzeitlich arbeitete er auch in den Bereichen Archiv und Künstlerbetreuung im Musikverein für Steiermark. In seinem Studium beschäftigt er sich hauptsächlich mit klassischer Musik des 20. Jahrhunderts. Seine Bakkalaureatsarbeit behandelt den Einfluss von Karlheinz Stockhausen auf das Schaffen György Ligetis im Zeitraum von 1957 bis 1962. Neben Musik ist die Beschäftigung mit dem Medium Film ein Hauptaspekt seines Lebens. Im Rahmen seiner Masterarbeit setzt er sich derzeit mit der Bedeutung der Musik in den Filmen von Michael Haneke auseinander.

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