eine Kurzgeschichte von Mirjam Schadendorf

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Trommler. Er wohnte in einer schönen Stadt in der Nähe der großen Berge, die das Land in zwei Hälften teilten. Er war ein guter Trommler, und er hatte viele Jahre seines Lebens damit verbracht, das Trommeln zu lernen. Er konnte viele Rhythmen spielen, und den Takt halten, auch wenn andere Instrumente spielten.
Eines Tages traf er eine Harfenspielerin. Er hatte schon oft eine Harfe spielen gehört, aber nicht so, wie es diese Harfenspielerin tat. Eigentlich spielte sie gar nicht – sie hob nur die Hände und ließ sie auf die Saiten fallen und die schönsten Töne erklangen. Sie war gerade erst in der Stadt angekommen, denn sie hatte viele Jahre in einem kleinen Dorf gelebt. Dieses Dorf war südlich der Berge gelegen, es gab dort viele schöne Burgen und Schlösser, und man konnte das Leben dort genießen.
Der Trommler verliebte sich sofort in die Harfenspielerin. Und die Harfenspielerin erwiderte seine Liebe, denn sie hatte noch nie einen so regelmäßigen Rhythmus gehört, wie ihn der Trommler spielte. Oft spielten sie zusammen, und es waren die schönsten Klänge, die sie gemeinsam hervorbrachten. Die Leute glaubten, dass der Trommler und die Harfenspielerin lange geübt hatten, um so schön zusammenzuspielen, aber das stimmte nicht. Es war, als hätte die Harfenspielerin nur auf den Rhythmus des Trommlers gewartet, um ihre wunderschönen Saitenklänge darüber zu legen. Und der Trommler war fasziniert von den hohen verfliegenden Klängen der Harfe, die seine Rhythmen nicht störten, wie viele andere Instrumente.
Trotzdem ärgerte sich die Harfenspielerin manchmal, dass sie selber keine Trommlerin war. Sie spielte die schönsten Harmonien, aber sie verflogen immer, kaum dass man den Klang gehört hatte. Was der Trommler tat, war klar und hatte Bestand. So begann sie, den Trommler zu beobachten, wenn er übte. Und weil es gar nicht so schwer aussah, gab sie ihm Ratschläge, wie er es besser machen konnte. Sie war gut darin Ratschläge zu geben, und so vergaß sie bald, dass sie eigentlich Harfenspielerin war und konzentrierte sich statt dessen auf das Spiel des Trommlers.
Das störte den Trommler. Er brauchte Zeit zum Üben, und er wusste sehr gut, wie man das tun musste. Auch er ärgerte sich, weil er fand, dass die Harfenspielerin es viel besser hatte als er. Sie musste nicht üben. Wenn sie ihre Hände auf die Harfe fallen ließ, sah es so aus, als ob sie es nie hätte lernen müssen. Ihr Spiel sah kinderleicht aus, wie das Natürlichste von der Welt und er fragte sich oft, ob sie eigentlich wusste, was sie tat. „Vielleicht ist es da unten so“, dachte er, „im Land der Burgen, dass alles so einfach ist und man nicht üben muss.“
Eines Tages wurde die Harfenspielerin krank. Sie konnte nicht mehr Harfe spielen, ein Fieber plagte sie. Ihre Hände wurden so schwer, dass sie sie nicht mehr heben konnte, um über die Saiten der Harfe zu streichen. So sah sie den ganzen Tag dem Trommler zu, wie er seine Rhythmen übte. „Ich muss es verstehen, wie er es macht“, sagte sie sich immer wieder. Dabei kam sie immer näher an den Trommler heran. Den Trommler machte das nervös. Er konnte nicht üben, wenn die Harfenspielerin so nah bei ihm war.
„Weiß sie nicht, dass ich Platz brauche, um die Trommel zu spielen?“, fragte er sich. „Warum ruht sie sich nicht aus, bis sie selber wieder Harfe spielen kann?“
Aber die Harfenspielerin war von dem Fieber so durcheinander, dass sie nur noch von dem Gedanken besessen war, das Geheimnis des Trommlers zu lüften. Sie schaute und schaute, und kam immer näher an den Trommler heran. Schließlich stellte sie sich direkt vor ihm auf, und sah, wie er die Schlegel mit seinen kräftigen Händen immer wieder auf das Trommelfell schlug.
„Vielleicht kann ich es verstehen, wenn ich meine Hände auf die Trommel lege“, dachte sich die Harfenspielerin, und schob sich noch ein wenig näher an die Trommel heran. Sie legte ihre Hände auf die Trommel, und eh sie sich versah, hatte der Trommler sie fest mit seinen Schlegeln geschlagen. Ihre Hände wurden rot und dick, und sie schrie vor Schmerz.
Erschrocken sah der Trommler auf. Als er die weinende Harfenspielerin sah, überkam ihn eine große Wut.
„Warum kommt sie auch so nah an mich heran?“ dachte er sich. „Soll sie sich doch um sich selbst kümmern!“
Da nahm die Harfenspielerin ihre Harfe, packte sie ein, so gut sie es mit den schmerzenden Händen konnte, und ging weg, zurück in das kleine Dorf im Burgenland. Sieben Tage lang konnte sie keine Hand rühren. Die Harfe stand unberührt in der Ecke. Sie weinte sieben Tage und sieben Nächte, und sie wusste nicht, was schlimmer war: der Schmerz in ihren Händen oder in ihrem Herzen, weil der Trommler sie geschlagen hatte. Am achten Tag ließ der Schmerz endlich nach. Da packte die Harfenspielerin ihre Harfe aus. Nachdenklich schaute sie das Instrument an.
„Ich muss noch warten, bis das Fieber zurückgeht“, dachte sie. „Aber dann will ich versuchen, auf der Harfe einen Rhythmus zu spielen.“
Es dauerte noch sieben lange Wochen, bis die Harfenspielerin wieder gesund war, und wieder die Hände heben konnte, um über die Saiten der Harfe zu streichen.
Als sie endlich wieder mit ihren Händen über die Saiten glitt, erfasste sie ein ganz besonderes Gefühl. Sie liebte ihre Harfe, und sie hatte nie ein anderes Instrument gespielt. Auf einmal konnte sie gar nicht mehr verstehen, wieso sie hatte trommeln lernen wollen. Es war doch die Harfe, auf der sie spielen konnte, und mit der sie wunderbare Klänge erzeugen konnte. Dann dachte sie wieder an den Trommler und seine wunderbaren Rhythmen, die so gut zu ihrem Spiel gepasst hatten. Da wurde die Harfenspielerin sehr traurig und hing den schönen Erinnerungen nach. Doch auf einmal durchfuhr sie ein Gedanke.
„Wieso versuche ich eigentlich nicht, selber Rhythmen zu spielen, auf meinem eigenen Instrument?“ fragte sie sich. Sie versuchte, einen Rhythmus zu spielen, wie der Trommler es getan hatte, aber es war viel, viel schwerer, als es jemals bei ihm ausgesehen hatte.
„Ich will es üben“, sagte sich die Harfenspielerin. Sieben lange Wochen tat sie nichts anderes, als nach einem Rhythmus auf ihrem Instrument zu suchen. Endlich begannen sich ihre Finger an das regelmäßige Spiel auf den Saiten zu gewöhnen, und sie konnte die Rhythmen produzieren, die sie in ihrem Kopf hörte, ganz ähnlich, wie sie der Trommler einst gespielt hatte. Sie hob die Hände, wie sie es früher getan hatte, doch sie ließ sie nicht mehr einfach auf die Saiten fallen. Jetzt wusste sie, was sie tat, und überlegte, wie sie die Saiten zupfen sollte.
Auf einmal war die Harfenspielerin stolz auf sich, so stolz, wie sie es noch nie gewesen war. Sie liebte es wieder, Harfe zu spielen und der zarte, leichte Klang, den sie produzierte, machte sie so glücklich.
„Ich will nie wieder ein anderes Instrument spielen“, sagte sie sich und dann dachte sie wieder an den Trommler. Da wurde die Harfenspielerin traurig, denn sie konnte sich vorstellen, dass es jetzt noch viel, viel schöner klingen würde, wenn sie mit ihm zusammenspielen könnte.
So zupfte und spielte sie auf ihrer Harfe und wurde eine wahre Meisterin. Jeder wollte mir ihr zusammenspielen und sie wurde eine berühmte Musikerin nicht nur in ihrem Dorf, sondern im ganzen Land südlich der großen Berge.
Eines Tages kam ein Bote zu ihr, der alle musikalischen Neuigkeiten im Land verbreitete. Er hatte ein großes Buch dabei, das „Music-News-At“ hieß, und in das er alle Musiker eintrug, die den Leuten Freude machten. „Ich will dich auch in mein Buch aufnehmen“, sagte er zu der Harfenspielerin. „Du spielst so schön, dass du alle Leute glücklich machst, die dir zuhören.“ Die Harfenspielerin freute sich sehr, denn sie wusste, dass das Buch von allen gelesen wurde, die sich für Musik interessierten. „Meinst du, ich kann dann auch einmal in der schönen Stadt nördlich der Berge spielen?“, fragte sie den Boten.“ „Oh, die Menschen dort sind sehr anspruchsvoll“, sagte der. „Aber ich will sehen, was sich machen lässt.“
Der Bote hielt Wort. Denn es dauerte gar nicht lange, da wurde die Harfenspielerin eingeladen, in der schönen Stadt jenseits der Berge zu spielen. Sie bekam einen Brief vom Bürgermeister, und darin stand, dass er in „Music-News-At“ von ihr gelesen hatte. „Wir würden uns sehr freuen, wenn du auch einmal bei uns spielen würdest.“
Die Harfenspielerin freute sich, doch sie war auch unruhig, denn ihre Sehnsucht nach dem Trommler war sehr stark. „Ob ich ihm wohl begegnen werde?“, fragte sie sich. Ihr Wunsch, ihn wiederzusehen, war schließlich größer als ihre Zweifel und ƒngste und sie schrieb dem Bürgermeister, dass sie gerne auch für ihn und die Bewohner der Stadt spielen würde.
Als sie in der Stadt Konzerte gab, liebten auch hier die Leute ihre Musik. Nur der Trommler nicht, denn er vergrub seinen Kummer im Trommelspiel. Er übte Tag und Nacht, und achtete nicht darauf, was in der Stadt vorging.
Als die Harfenspielerin mal wieder ein Konzert gegeben hatte und alle Leute ihr zujubelten, musste sie wieder an den Trommler denken. „Warum kommt er nicht zu meinen Konzerten?“, fragte sie sich. Sie konnte ja nicht wissen, dass der Trommler versuchte, sie zu vergessen.
Doch die Harfenspielerin war mutig und stark geworden und sie dachte sich: „Ich will es noch einmal wagen, und nur für den Trommler spielen.“ Sie nahm ihre Harfe, dachte ganz fest an ihn, und spielte ihre wunderschönen Harfenklänge. Dabei ging sie ganz langsam auf das Haus des Trommlers zu, das am Ende der Stadt lag,
Der Trommler war zu Hause und übte. Da hörte er auf einmal ganz leise eine Harfe. „Ich habe wohl nicht richtig gehört“, dachte er sich und übte weiter. Doch obwohl seine Trommel so laut war, vernahm er wieder die leisen Töne der Harfe. „Sie kommt mir bekannt vor“, dachte er. „Es klingt ein wenig wie meine Harfenspielerin.“ Aber dann dachte er „Nein, das ist sie nicht, sie hat ganz anders gespielt, irgendwie anders.“ Der Trommler konnte einfach nicht herausbekommen, was an dem Harfenspiel anders war, das da immer näher zu seinem Haus kam. Doch was er hörte, gefiel ihm so gut, dass er aufhörte zu üben, und sich vor sein Haus stellte. Die Klänge waren ihm so vertraut, dass sein Herz aufging. Es wurde ihm ganz warm und er dachte: „Es wäre so schön, wenn es meine Harfenspielerin wäre, es klingt so gut und so vertrauenerweckend.“ Und genau in diesem Moment wurde ihm klar, was anders an dem Harfenspiel geworden war.
„Sie spielt einen eigenen Rhythmus!“, rief der Trommler und konnte es kaum glauben.
In dem Moment kam die Harfenspielerin um die Ecke gebogen. Sie spielte, wie sie noch nie in ihrem Leben gespielt hatte. Sie hatte gar keine Zeit zu denken, sie spielte einfach und ging auf den Trommler zu. Als der Trommler sah, wie versunken sie in ihr Spiel war, rannte er so schnell er konnte, in sein Haus, holte die Trommel und begann, in das Spiel der Harfenspielerin einzustimmen. Er schlug die Trommel, so wie er es schon immer getan hatte, doch nun war sein Spiel voller Liebe und Zuneigung.
Als die Harfenspielerin die Trommel hörte, hob sie ihren Kopf und sah den Trommler an. Sie konnte kein Wort sagen. Es waren ja viele, viele Wochen gewesen, in denen sie den Trommler nicht gesehen hatte. Was sollte sie ihm sagen? Auch der Trommler wusste nicht, was er sagen sollte. Er schämte sich, weil er die Harfenspielerin geschlagen hatte.
Schließlich fasste er sich ein Herz, und wollte ihr sagen, wie schön sie spielte: “ Du hast noch nie so schön gespielt wie heute“, sagte er zu ihr. Da ging der Harfenspielerin das Herz auf, und sie wusste, dass sie nur so sehr geübt hatte, damit ihr Spiel dem Trommler gefiel. Aber sie wusste auch, dass ihr Harfenspiel etwas ganz Besonderes war, und dass sie nie mehr damit aufhören wollte.
Von da an spielten der Trommler und die Harfenspielerin wieder gemeinsam. Die ganze Stadt und das ganze Land diesseits und jenseits der Berge waren begeistert von diesem schönen Klang. Und überall, wo Musik gebraucht wurde, bei Geburtstagsfeiern und Hochzeiten, spielten die beiden.
Diese Geschichte ist schon sehr, sehr lange her. Doch wenn du dein Ohr ganz nah an eine große Trommel legst, kannst du ganz leise den Trommler spielen hören. Und wenn du vorsichtig an den Saiten einer Harfe lauschst, dann kannst du ganz, ganz zart die wunderschönen Klänge hören, die die Harfenspielerin einst gespielt hat.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.