eine Kurzgeschichte von Sandra Gloning

18. Februar
Wir liegen einfach nur da. Sehen uns die Augen, keiner wendet den Blick ab. Es erinnert mich an das Kinderspiel, bei dem, der als erster wegsieht verliert. Doch das hier ist kein Spiel. Das hier ist Ernst. Das hier ist mein Leben.
Ich versuche mir sein Gesicht einzuprägen. Jede Sommersprosse versuche ich in meinen Gedanken zu speichern, um sie nie mehr zu vergessen. Wir liegen einfach nur da, wie wir es tausende Male gemacht haben. Nur diesmal ist es anders.
„Ich kann dich nicht glücklich machen“, der Schmerz, den ich tief in mir weggesperrt habe, spiegelt sich in seinen Zügen wieder.
„Ich weiß“, meine automatische Playlist spielt ein Lied, das wir noch vor einigen Wochen gemeinsam einstudiert haben und ich frage mich, ob es mich verhöhnen will. Ob das Schicksal denkt, dass ich noch nicht genug habe.
„Du weißt, dass ich dich liebe. Aber du musst mit dir selbst Frieden schließen. Wir können uns nicht gegenseitig heilen“, er kennt mich gut genug um keine Reaktion zu erwarten.
„Ich weiß“, murmle ich und verschließe mich vor all diesen Gefühlen, die auf mich einbrechen wollen. Mein Inneres fühlt sich wund an und brennt wie die Knie, als ich sie als Kind beim Fußballspielen aufgeschlagen habe. Doch das hier ist kein Spiel. Das hier ist Ernst. Das hier ist mein Leben.
„Ich will dir nicht wehtun. Ich will dir helfen. Aber ich glaube nicht, dass ich das kann.“
„Ich weiß.“
Wieder liegen wir nur da und sehen uns an. Schweigen.
Ich starre sein Gesicht an. Will es in meinem Gehirn abfotografieren, damit ich es nicht vergesse. Denn er wird gehen. Er wird verschwinden. Und ich werde hier liegen und mich fragen, was für einen Sinn das alles hatte.
„Melde dich bitte. Es tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen.“
„Ich weiß“, er wirft mir noch einen letzten langen Blick zu, bevor er aufsteht und seine Gitarre nimmt, die neben dem Bett steht. Er ist schon fast aus der Tür, als er sich noch einmal umdreht und mir einen sanften Kuss auf die Stirn haucht. Dann ist er verschwunden.
Ich starre die Stelle an, wo gerade noch sein Kopf gelegen ist. Versuche mir vorzustellen, wie er sich fühlen muss und versuche zu verstehen wie ich mich fühle. Doch da ist nichts. Also bleibe ich liegen. Bewege mich nicht und starre weiter vor mich hin, als wäre nichts passiert. Als hätte sich nichts verändert.
Doch das hat es. Meine Playlist ist ausgelaufen und ich möchte schreien, doch das würde die Stille zerstören. Also bleibe ich einfach liegen. Mir ist klar, dass ich etwas tun muss. Doch ich weiß nicht was. Ich weiß nicht wie und ich weiß nicht warum.
Zu sagen „ich weiß“ war eigentlich nur eine Lüge von vielen.

5. März
„Ahhhhh“, mit Schwung schleudere ich das Glas, das ich zuerst einige Minuten hin und hergedreht habe gegen die Wand, während Nickelback meinen Schrei verschluckte. Tränen rinnen mir in Strömen die Wangen hinunter, doch ich mache mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Ungläubig betrachte ich einen Moment meine Hand, die vor Erregung zittert und wende dann meinen Blick dem Glas zu, das am Boden gelandet und in tausend Stücke zersprungen ist. Ein Lächeln zuckt um meine Lippen und ich frage mich, ob ich langsam wahnsinnig werde. Ob die ganze Situation, all die Ungerechtigkeit, mir schleichend den Verstand nimmt.
Ich atme tief durch, versuche das Schluchzen zu unterdrücken, was mir nicht geling. Wieder sucht ein Schrei sich seinen Weg aus meinen Lippen und ich werfe einen Blick auf das zerschmetterte Glas. Was sich gerade noch wie ein unglaublicher Triumph angefühlt hat, füllt mich nun mit so viel Schmerz aus, dass ich Angst habe daran zu ersticken. Verzweifelt schnappe ich nach Luft, bevor ich auf die Knie falle und mit fahrigen Bewegungen anfange die Scherben am Boden einzusammeln. Mein Verlust wird in Form dieses Glases gegenwärtig und während ich von neuen Schluchzern geschüttelt werde, kann ich nicht genau sagen, was ich eigentlich betrauere. Das Glas, meine Situation oder mich selbst.
Während ich beginne die Trümmer meiner Selbst langsam wieder einzuklauben, fällt mein Blick auf meinen Finger, aus dem ein rotes Rinnsal quillt. Ich habe es nicht bemerkt, spüre auch jetzt noch keinen Schmerz und einen Moment wünsche ich mir diese kleine Wunde könnte das unüberwindbare Gefühl bekämpfen, das mich immer wieder in tausend Stücke zerreißt. Jeden Tag, jede Stunde. Und das ich jeden Morgen wieder fein säuberlich zusammensetze, ein Lächeln in mein Gesicht klebe und der Welt entgegentrete, um zu beweisen, dass ich nicht kaputt gegangen bin. Noch nicht.

12. April
Mein Schreibtisch steht direkt am Fenster und als ich einen Blick nach draußen werfe, sehe ich, wie die Sonne langsam hinter den Wolken hervorkommt. Weiter starre ich das leere Blatt vor mir an und frage mich, wann ich verlernt habe zu schreiben. Wann ich verlernt habe mich auszudrücken. Denn zu schreiben war immer das, was meine Gedanken in Ordnung brachte.
Es war wie diese eine Person, die einen an der Hand nimmt und immer den richtigen Weg weiß. Die einen hochzieht und anschreit, man solle aufhören herum zu heulen und seinen Arsch bewegen um etwas zu verändern. Diese Person war immer Schreiben für mich. Nur dass sie mir nicht sagen muss, dass ich nicht weinen soll. Ich habe etwas verloren. Erst nur Kleinigkeiten, nur Stück für Stück kleine Teile von mir und den Dingen, an die ich glaubte, bis ich schließlich ganz verloren ging.
Wenn man eine Socke verliert, dann weiß man, wo man sie suchen muss. Man weiß wo man sie zuletzt ausgezogen hat und dort beginnt man die Suche. Man sieht in der Waschmaschine nach oder in der Spalte zwischen dem Bett und der Wand. Eine Socke kann nicht verloren gehen. Sie kann nicht verschwinden. Doch wo sucht man sich selbst? Wenn man nicht gemerkt hat, wo man überhaupt verloren gegangen ist. Wenn man nicht gemerkt hat, wann und wo man welchen Teil von sich verloren hat. Man wacht nur eines Morgens auf und ist verschwunden. Man ist nichts mehr als eine äußere Hülle, die jeden Tag aufsteht und zur Arbeit geht, die einkauft, kocht, isst und schläft. Anderen Menschen fällt nicht auf, dass man nicht mehr da ist. Denn eigentlich ist man ja da. Und irgendwie ist man es nicht.
Ich bin jeden Tag aufgestanden. Ich bin in die Arbeit gegangen, habe eingekauft, habe gekocht, gegessen, geschlafen und mit meinen Mitbewohnern gelacht. Ich habe Bücher gelesen und Filme geguckt. Doch meine äußere Hülle war leer. Es ist irgendwann passiert, nachdem meine Familie aufgehört hat eine Familie zu sein. Jeder ist seinen Weg gegangen und hat das Stück von mir, das ihm gehörte, mitgenommen. Und ich habe sie gelassen. Das mag mein erster Fehler in einer ganzen Reihe großer Fehler gewesen sein. Doch als sie weg waren und ich schaute, was geblieben war, war ich nur noch eine Hülle.
Es ist wie beim Puzzlespielen als Kind, wenn man den Rand gelegt hat, die sichere Hülle, die alles erleichtert und einem ermöglicht nun das Puzzle zu vollenden. Doch dann bemerkt man, dass es keine inneren Teile gibt. Die haben die Kinder auf meinem Kindergeburtstag mitgenommen. Man hat den Rand, der sicher und heil und fest ist. Doch ohne den Rest war er wertlos. Doch das hier ist kein Spiel. Das hier ist Ernst. Das hier ist mein Leben.
Einige weitere Minuten starre ich das Blatt an, bis ich schließlich den Stift zur Seite lege und die Gitarre vom Fensterbrett nehme. Ich setze mich auf die kleine Couch und sehe der Sonne zu, wie sie mit den Wolken tanzt, sich duelliert. Immer wieder verschwindet sie, nur um im nächsten Moment hervorzubrechen und zu zeigen, dass sie überlegen ist. Sie lässt sich nicht vertreiben, verschwindet nie ganz und die Überlegenheit zeigt sie immer wieder mit einem Strahlen. Als würde sie lächeln. Und ohne es zu merken, lächle ich mit ihr und beginne zu spielen. Gedankenverloren beobachte ich sie und klimpere vor mich hin. Der Schmerz in meiner Brust wird leichter. Es brennt nicht mehr so stark und endlich schaffe ich es tief durch zu atmen. Das erste Mal seit langer Zeit fließt Luft in mich und nicht nur in meine Lungen.

30. April
Mit den Kopfhörern in meinen Ohren und lauter Musik, die meinen ganzen Körper ausfüllt rase ich auf meinem Rad die Straße zu meiner Wohnung hinunter. Der Wind reißt mir die Haare aus dem Gesicht und ich spüre den Luftzug beißend auf meiner Haut. Meine Wangen haben sich rot verfärbt. Erst als mich einige Fußgänger erstaunt ansehen, bemerke ich, dass ich singe. Mir war die ganze Fahrt über nicht aufgefallen, dass ich laut zur Musik in meinen Ohren gesungen habe. Es ist ein Lied, das er aufgenommen hat.
Ich vermisse ihn. Seit er aus meiner Tür gegangen ist, habe ich mich nicht bei ihm gemeldet. Er hat mehrmals versucht mich zu erreichen, doch ich weiß, dass er recht hat. Dass ich aufhören muss darauf zu vertrauen, dass er mich reparieren wird. Denn obwohl er mich glücklich macht, bin ich nicht glücklich. Schon lange nicht mehr. Und obwohl ich ihn liebe bin ich nicht mehr ich. Ich habe mich verloren und er hat mir dabei zugesehen ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Er hat nichts unversucht gelassen um mich wieder zusammen zu setzen. Doch es hat nicht gereicht. Das ist zumindest das Gefühl, das er hat.
Doch so ist es nicht. Es hat nicht gereicht, weil ich nicht zulassen darf, dass ich wieder nur aus Teilen bestehe, die andere Menschen mir geliehen haben. Denn wenn diese Menschen gehen, dann holen sie sich wieder ihren Teil von mir zurück. Diesmal muss ich mich aus mir selbst zusammenbauen. Ich muss mich aus Bauklötzen derselben Sorte zusammenbasteln. Doch das hier ist kein Spiel. Das hier ist Ernst. Das hier ist mein Leben.

28. Mai
Ich lächle den alten Mann, der mir gegenüber am Zebrastreifen steht, verschmitzt an. Er zieht eine Augenbraue hoch und grinst zurück, was mein Lächeln nur noch breiter werden lässt. Die Ampel springt auf Grün und wir gehen los. Etwa in der Mitte treffen wir uns und er deutet sich zum Gruß auf die Mütze, die er trägt.
„Das ist eine reizende Art einen Tag zu beginnen. Es war mir ein Vergnügen“, ich nicke ihm zu und ein kurzes Lachen stiehlt sich aus meiner Kehle. Es ist neblig und betrübt, doch in meinen Ohren läuft flotte Ska-Musik, die mir gute Laune vermittelt. Meine Füße laufen die Straßen im Offbeat entlang und ich muss mich beherrschen um nicht zu hüpfen.
Seit einigen Wochen schreibe ich jeden Abend auf, was mich glücklich gemacht hat und warum ich gelächelt habe. Häufig ist Musik dabei. Musik, die ich selbst gemacht habe oder die ich irgendwo gehört habe. Ich versuche Luft bewusst einzuatmen. Die Straßen zu sehen und zu fühlen, auf denen ich gehe. Ich möchte wieder ein Teil meines eigenen Lebens zu sein und meine Hülle nicht mehr alleine auf die Reise schicken. Denn auch wenn sie den Zweck erfüllt, so kann sie nicht fühlen. Sie kann nicht riechen wie der Duft der Blumen die Luft schwängert und die Vögel einen am Morgen sanft wecken. Und sie kann nicht fühlen, wie es sich anfühlt geliebt zu werden.
Es macht mich verrückt ihn nicht wissen zu lassen, was in meinem Leben passiert. Wie es mir geht. Doch es wäre ihm gegenüber nicht fair zurück zu kommen, bevor ich heil bin. Ich kann ihn nicht wieder in diese Situation bringen, gerade weil ich ihn liebe. Jeden Morgen erwache ich von einem Klavierstück, das er für mich aufgenommen hat. Es ist mein Wecker und so kann ich den Tag mit dem Gedanken beginnen, dass ich nicht alleine bin. Denn es gibt Menschen, die mich gern haben, so allein ich mich auch manchmal fühlen mag. Ich baue mein Selbstwertgefühl nicht mehr auf den Meinungen anderer. Denn das sind alles nur Menschen. Wichtig ist, was ich über mich selbst denke. Ob ich mich selbst leiden kann. Das ist das, was zählt. Und je länger ich über diese Frage nachdenke, umso sicherer werde ich mir, dass ich das tue. Dass ich keinen Grund habe mich nicht zu mögen.
Manchmal liege ich abends im Bett und bin mir sicher, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis ich wieder ganz bin. Bis ich in Ordnung bin. Oder zumindest etwas in diese Richtung. Ich werde wahrscheinlich nie wieder mit dieser Naivität durchs Leben gehen können, die ich bisher an den Tag gelegt habe. Seit meiner Kindheit war ich einer dieser Menschen, der andere sofort in sein Herz einschloss und ihnen vertrauen schenkte. Häufig bevor ich überhaupt prüfte, ob diese mein Vertrauen verdienten und es wert waren, dass ich ihnen mein Herz in die Hände legte. Denn viele Menschen sind das nicht. Doch das habe ich erst zu spät erkannt. Allen diesen Menschen habe ich einen Hammer in die Hand gelegt und ihnen die Chance gegeben, mich kaputt zu machen. Wie wenn man als Kind aus Legosteinen ein Haus baut und es stolz den Eltern zeigt. Doch es ist klar, dass man es wieder zerstören muss, um etwas Neues zu bauen. Doch das hier ist kein Spiel. Das hier ist Ernst. Das hier ist mein Leben.

5. Juni
Ich sitze in meinem riesigen Zimmer unter dem Schreibtisch.
Ich weiß nicht wie ich dort hingekommen bin.
Ich habe nachgedacht.
Darüber, dass ich immer noch nicht die Alte bin.
Er fehlt mir so sehr, dass ich fast wahnsinnig werde. Je heiler ich werde, umso klarer werden meine Gefühle. Mein Verlust. Er war der eine Mensch, bei dem ich sein konnte, wie ich bin. Ich musste nicht versuchen ihm zu gefallen, weil ich das einfach tat. Ohne ein Spiel zu spielen.
Aus irgendeinem Grund habe ich angenommen, dass er einfach auf mich waren würde. Dass ich mir so viel Zeit nehmen kann, wie ich brauche und er noch immer da sein würde. Doch das hat er nie gesagt. Wir haben nie darüber geredet und doch habe ich es angenommen.
Ich ziehe panisch die Luft ein, bis mir fast schwarz vor Augen wird.
Was wenn er keine Spielpause gemacht hat. Wenn er einfach nur die Spielfigur ausgetauscht hat.
Gestern habe ich erkannt, dass ich noch nicht ganz bin. Das aber auch nicht werden kann. Denn obwohl ich den Großteil der Puzzlestücke und Holzklötze habe, die ich brauche, fehlt dort in meiner linken Brust ein Teil. Ein beträchtlicher. Und in diesem Fall weiß ich sogar, welches Kind beim Kindergeburtstag den Teil eingepackt und mit nach Hause genommen hat. Ich muss ihn mir nur zurück holen.
Ich ziehe die Knie an die Brust und hole tief Luft. Dann lasse ich sie in einem langen, anhaltenden Strom wieder heraus.
Ich habe nicht aufgegeben. Obwohl wir nichts voneinander gehört haben, habe ich die PR-Arbeit für seine Band nicht aufgehört und ihn aus der Dunkelheit unterstützt. Es ist ein wenig wie das Spiel, dass ich als Kind mit meinen Freunden gespielt habe. Wir waren alle Geheimagenten, die im Geheimen ihre Aufträge ausführten. Niemand durfte von den anderen wissen, was ihre Mission war. Doch das hier ist kein Spiel. Das hier ist Ernst. Das hier ist mein Leben.
Und zum ersten Mal als ich diesen Satz denke, erkenne ich die Bedeutung dahinter. Das hier ist mein Leben. Ich kann nicht weiter hier sitzen und darauf warten, dass etwas passiert. Darauf dass ich wieder heil bin und erst dann wieder anfangen zu leben. Die Zeit wartet nicht auf mich. Die Welt dreht sich weiter. Und er spielt weiter. Wenn ich nicht will, dass er ohne mich das nächste Spiel anfängt, muss ich jetzt etwas tun.
So schnell ich kann versuche ich unter dem Schreibtisch hervor zu kriechen und stoße mir dabei den Kopf an der Tischplatte. Ich laufe zur Tür hinaus. Sie spielen heute in einem kleinen Club ganz in der Nähe. Ich rase nun auf meinem Rad wie eine verrückte durch die Stadt. Zweimal werde ich angehupt, einmal bremst ein anderer Radfahrer und schreit mich an, als ich ihm den Vorrang nehme. Es ist mir egal. Das hier ist mein Leben.
Als ich durch die Tür in den Club stürze und zwei aufgetakelte junge Mädchen anremple ernte ich entrüstete Blicke. Ich wirke gehetzt, sehe mich um und muss erleichtert feststellen, dass die Band noch nicht zu spielen angefangen hat. Er steht mit einigen seiner Bandkollegen am Bühnenaufgang. Sie scheinen sich auf ihren Auftritt vorzubereiten und wollen gerade anfangen. Ich laufe los.
„Warte“, meine Stimme hallt erschreckend laut durch den Raum, doch ich bleibe nicht stehen.
„Warte“, ich greife nach seinem Arm als er die erste Stufe erklimmen möchte. Er dreht sich um, will protestieren, doch als er mein Gesicht sieht, bleibt er stumm. Seine Haare sind gewachsen und hängen ihm unordentlich ins Gesicht. Früher habe ich ihn immer darauf aufmerksam gemacht, wann es Zeit war einen Friseur aufzusuchen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Eigentlich weiß ich gar nicht, was ich sagen möchte.
Lange schweigen wir beide. Sehen uns einfach nur an.
„Ich schätze den Beitrag in www.musicnews.at haben wir dir zu verdanken?“, ich nicke stumm.
„Geht’s dir besser?“, fragt er und zieht die Stirn in Falten. Wahrscheinlich wundert er sich, warum ich hier stumm vor ihm stehe. Wieso ich durch die Tür gestürmt bin, nur um jetzt nichts zu sagen. Und gerade als sein Kollege den ersten Schlag auf die Base Drum macht, um ihm zu zeigen, dass sie jetzt beginnen möchten, sehe ich meine Chance schwinden und sprudle los.
„Ich vermisse dich. So sehr dass es weh tut. Ich habe angefangen mich zusammen zu setzen wie bei einem Puzzle und jetzt bin ich fast fertig aber mir fehlt ein Teil. Mit dem bist du abgehauen und ich brauche es wieder. Bitte. Es ist nicht komplett so wie es jetzt ist“, mir ist klar, dass ich Schwachsinn rede und er mir wahrscheinlich nicht folgen kann. Seine Bandkollegen rufen ihm zu, dass sie jetzt anfangen müssen. Er wirft mir noch einen langen Blick zu und lässt mich dann einfach stehen.
Ich drehe mich um. Fange langsam an Richtung Ausgang zu gehen. Die ersten Gitarrentöne erklingen und ich fühle mich schwer. Am liebsten hätte ich mich am Boden zusammengerollt. Mich einfach auf den Boden geworfen wie ein Kind im Supermarkt, dass die Schokolade nicht bekommt. Doch stattdessen tragen mich meine Beine weiter, bis seine Stimme mich plötzlich aufhält.
„Das nächste Stück ist für jemand, der gelernt hat, dass das Leben nicht nur Ernst ist. Es ist ein Spiel. Und ich würde gerne wieder mitspielen, auch wenn ich nicht versprechen kann nicht mit noch Teilen abzuhauen“, und mit diesen Worten beginnt die Band zu spielen und das Loch in meiner linken Brust wird ein bisschen kleiner.

Über die Autorin Sandra Gloning

Am 9. November 1993 in einem winzigen Dorf in Braunau geboren, hat sich die heute 21-Jährige zu einer jungen Frau entwickelt, die mitten im Leben steht. Sie liebt den familiären Ort Franking, lebt allerdings nun in Graz, wo sie Journalismus und PR an der Fachhochschule studiert.
Bereits in der Volksschule begann sie die deutsche Sprache zu lieben, spielte mit ihr wie mit einer ihrer Puppen. Von ihrer Deutsch-Lehrerin bestärkt und ermutigt begann sie mit 12 auch in ihrer Freizeit zu schreiben und betätigte sich an Schreibwettbewerben für Jugendliche. Im Jahr 2008 schaffte sie es erstmals mit einem ihrer Texte vollständig zu überzeugen und wurde in der Anthologie „Alles Emma – auf ein Neues“ veröffentlicht. Im Winter 2010 wurden abermals zwei ihrer Texte in einer Weihnachtsanthologie des Rowohlt-Verlags abgedruckt.
Seit dem Herbst 2013 studiert sie nun an der Fachhochschule Joanneum Journalismus und PR und ist im Begriff ihr Hobby zum Beruf zu machen.
Schon in jungen Jahren sagte sie immer: „Mein größter Wunsch ist es, meine Worte gedruckt auf Papier zu sehen. Aber das ist so wahrscheinlich, wie rosarote Elefanten die fliegen.“ Und plötzlich hat sie begonnen Ausschau nach rosaroten Elefanten zu halten.

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