eine Kurzgeschichte von Christian Schwetz

Ich bin Steuerberater. Und ich höre schon, wie die meisten gelangweilt aufseufzen und den Kopf schütteln. Sorry, ich korrigiere mich. Das Kopfschütteln höre ich nicht, obwohl ich ein ganz gutes Gehör habe. Das brauch ich auch, bei meinem Beruf.
Nicht grundsätzlich natürlich, ich will hier niemandem einen Bären aufbinden, dass man für die Tätigkeit als Steuerberater so ein gutes Gehör braucht, quasi Gras wachsen, Zahlengeflüster, Wispern der Kommastellen und so, Gerüchteküche aus dem Finanzministerium et ceterum blabla, aber in der Kanzlei, wo ich angestellt bin, da braucht man das gute Gehör.
Schließlich sieht sich einer meiner Chefs fast so sehr als Musiker wie als Steuerberater, und ein großer Teil unserer Klienten sind Musiker.

Die beste Geschichte mit einem Musiker habe ich damals mit dem Stani Haschek erlebt. Der Stani Haschek heißt in Wirklichkeit anders, aber für die Geschichte hab ich seinen Namen geändert. Nicht, weil ich glaube, dass er was dagegen hätte, wenn ich die Geschichte erzähle. Aber vielleicht hat mein Chef etwas dagegen, und überhaupt, sicher ist sicher, Paranoia und so. Wozu bin ich schließlich Steuerberater geworden.
Die Steuersachen vom Haschek macht ja alle seine Frau, die auch die Buchhaltung führt. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Klienten werden da nicht irgendwelche Zahlen in irgendwelche Computerprogramme getippt, sondern die Frau vom Haschek verwendet wirklich noch diese riesigen Bücher, eigentlich sind es ja Hefte, in die sie händisch alles reinschreibt. A3 Format haben diese Bücher, passen also in gar keine normale Tasche, drum kommt sie auch immer mit dem Billasackerl, wenn sie die Unterlagen bringt.
Aber obwohl nur die Frau vom Haschek sich ein bissl auskennt, besteht mein Chef eben darauf, dass auch der Stani einmal im Jahr kommt und seine Steuererklärungen persönlich unterschreibt.
Wahrscheinlich nur, weil er gern mit dem Haschek über gemeinsame Musikerbekannte plaudert. Weil, dass der Gatte für die Ehefrau unterschreibt, soll ja vorkommen. Aber ist halt doch was ganz anderes, als wenn eine Frau für den Mann unterschreibt.

Die Birgitta hat vor kurzem erzählt, dass eine Wohnungseigentümerversammlung, bei der beschlossen worden wäre, dass sie und die anderen Kinder in den Grünflächen spielen dürfen, von der Hausverwaltung nicht anerkannt worden ist, weil hauptsächlich Frauen dort waren und unterschrieben haben, und die Mehrheit quasi keine echte Mehrheit, weil Frauen haben in den Sechzigerjahren offenbar nicht wirklich gezählt.

So, zurück von den Sechzigerjahren, in denen ja auch der Stani Haschek seine musikalischen Wurzeln hat, in die Gegenwart, oder – ich will ja ehrlich sein – in die jüngere Vergangenheit.
Also mein Chef hat den Haschek und seine Frau in die Kanzlei zitiert, und er hat mit dem Stani ein bissl musikalischen Smalltalk betrieben, und dann hab ich mit der Frau Haschek über den Jahresabschluss reden sollen. Und der Stani hat in die Jacke gegriffen und sich die Kopfhörer von seinem MP3-Player rausgeholt und in die Ohren gesteckt.
„Entschuidigts“, hat er gebrummt „oba es wissts eh, dass mi der Schaß net intaressiert.“
Und so hat der Stani ein bissl Musik gehört, und seine Frau und ich haben ein bissl über den Jahresabschluss geplaudert und meinem Chef ist ein bissl fad geworden.
Da hat er sich neben den Stani gesetzt und ihm einen von den Kopfhörerstöpseln aus den Ohren gezogen und sich selbst ins Ohr gesteckt.
Und dann hat der Stani angefangen, mit dem Mund so Gitarren- und Bassgeräusche zur Musik mitzuspielen und mein Chef hat sich zwei der Kanzlei-Werbeschriftzug-Klientenbesprechungsbleistifte aus dem Bleistiftbehälter geangelt und angefangen, damit Schlagzeug zu spielen.
Und die Frau vom Haschek und ich haben aufgehört, über die Steuererklärungen zu sprechen, und haben den beiden zugehört.
Dabei ist irgendwie die Zeit schneller vergangen, als wir gedacht hätten, weil irgendwann hat die Sekretärin geklopft, und weil wir sie nicht gehört haben, ist sie reingekommen und staunend an der Tür stehen geblieben. Eigentlich hätte sie ja sagen wollen, dass der nächste Klient schon da ist, und die Zeit, für die wir das Besprechungszimmer gebucht haben, abgelaufen ist, aber weil es wirklich sehr cool war, was mein Chef und der Stani gespielt haben, ist sie dann auch da geblieben und hat zugehört.
Aber der Klient, der gewartet hat, war leider kein Musiker und hat auch nicht so ein feines Gehör gehabt, wie es die Mitarbeiter bei uns alle brauchen, drum ist er nach ein paar Minuten auch ins Besprechungszimmer gekommen, hat nicht mal eine ganze Strophe zugehört, dann hat er meinem Chef einfach auf die Schulter geklopft und den Kopfhörerstöpsel aus dem Ohr gezogen.
Aber vielleicht ist es eh besser, dass er kein gutes Gehör hatte, darum hat er gar nicht gehört, wie mein Chef was von „Banause“ gemurmelt hat und ist immer noch unser Klient.

Der Haschek ist zwar auch noch unser Klient, aber nicht mehr meiner, weil leider verdient ja ein wirklicher Künstler nicht so viel wie einer, der die Jingles fürs Wetterpanorama schreibt, oder gar wie einer, der Käseabfall in Pizzabelag verwandelt und kann sich meine Stundensätze nicht mehr leisten, sondern wird halt alle zwei Jahre an eine jüngere, billigere Kollegin weitergegeben. Aber alle paar Monate schau ich bei „www.music-news.at“, was es Neues von ihm gibt.

Über den Autor Christian Schwetz

Christian Schwetz, geb. 30.12.1962, lebt und arbeitet (als Steuerberater und Autor) in Wien.
In den 80er Jahren war er neben dem BWL-Studium literarisch aktiv. Im Verlauf der Diplomarbeit „Die wirtschaftliche Lage der Schriftsteller in Österreich“ beschloss er, das Schreiben nicht zum Beruf zu machen und wurde Steuerberater.
Gründungs- und Vorstandsmitglied von „DAS SPRECH-Initiative für Sprach-, Sprech- und Hörkunst“;
Langjährige Zusammenarbeit mit der Band „Novi Sad“.

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