eine Kurzgeschichte von Bernd Valta

An einem schönen Nachmittag im September wartete ich mit einer Gruppe junger Leute auf einen gemieteten Autobus, der uns nach Wien kutschieren sollte. Die Band MODULAR, in der eine meiner beiden Töchter singt, hatte sich nach vier harten Vorausscheidungsrunden in Graz für das Finale im Local Heroes Bandwettbewerb qualifizieren können, das in der Arena nahe des renovierten und denkmalgeschützten Gasometers abgehalten werden sollte.
Der Fahrer, seiner Aussprache nach ein Mann aus einem südlichen Nachbarland Österreichs, stach mit seiner korrekten Bekleidung und den sorgfältig kurz geschnittenen Haaren auf den ersten Blick aus der Reihe der sich im Einsteigen befindlichen Fahrgäste heraus. Er trug eine Anzughose, einen kurzärmeligen dunkelblauen Pullover und sogar eine Krawatte über dem Hemd.

Der Bus war zu zwei Drittel besetzt mit Anhängern und einigen weiteren Elternteilen der Gruppenmitglieder, darunter befand auch ich mich. Mein halbwüchsiger Sohn hatte sich einen Platz einige Reihen von mir entfernt gesucht und tat wie üblich so, als ob er mich nicht kennen würde. Er begann gleich, sich in ein buntes Heft zu vertiefen, das hieß: MUSIC-NEWS oder so ähnlich, ich konnte den Titel nicht genau lesen. Bald darauf begann sich mein Sohnemann aber ohnehin mit dem Mobiltelefon zu beschäftigten. Seine älteste Schwester übernahm mit ihrem Freund sozusagen das Buskommando und erklärte den kommenden Ablauf. Unter den jungen Leuten, die von mir keine besondere Notiz nahmen, waren auch Musiker von anderen befreundeten Gruppen. Es gefiel mir, dass sie hier solidarisch mit ihren Kollegen waren und zur großen Endausscheidung in die Donaumetropole mitfuhren.
Mit ihrem Aussehen musste ich mich erst etwas anfreunden. Ich bemerkte, dass die Burschen keine Jacken hatten, sondern nur mit ihren T-Shirts bekleidet waren. Allerdings sah ich auch, dass sie Zwanzigerpackungen mit Dosenbier geschultert hatten. Einer der jungen Männer war ein recht großer Typ mit langen dunklen Haaren und deutlich sichtbaren Bodybuilder- Muskelpaketen, Produkte ausdauernden Trainierens – oder der Einnahme von Unmengen an Kraftnahrung?

Der Fahrer startete den Bus und lenkte ihn Richtung Autobahn. Anfangs gab es noch ein hin und her gehendes Stimmengetöse. Der Buschauffeur steckte bereitwillig die ihm gereichten Rockmusik-CDs ins Bordradio. Zuerst wurde noch kräftig zur Musik mitgegrölt und mit den Armen in die Luft gedeutet, doch nach einiger Zeit waren praktisch alle Passagiere auf ihren weichen Sitzen friedlich eingedöst. Als wir das Wiener Stadtgebiet erreichten, wurden die jungen Leute wieder munter. Schließlich waren wir auf dem vorgesehenen Abstellplatz ohne irgendwelche Vorkommnisse angelangt und verließen hintereinander den Bus.

Die Arena. Als erstes fiel auf – an der historistischen Ziegelmauer des ehemaligen Schlachthofes gab es nicht eine einzige winzige Stelle, die nicht in mehreren Schichten mit Graffiti bespritzt gewesen wäre. Friedlich hockten am Boden davor und an den Mauersimsen junge Leute und unterhielten sich. Die Stimmung erinnerte mich an meine Teenager-Zeit in den Siebzigern, die Mode und das Gehabe hatten eine gewisse Ähnlichkeit gehabt. Den Zutritt zum eigentlichen Veranstaltungsareal bewachten grimmig aussehende Rockertypen, so hätten wir früher gesagt. Glatzköpfige, am ganzen Körper tätowierte Burschen und auch Mädchen, jede und jeder einzelne mit einem Glimmstängel bewaffnet, kontrollierten unsere Taschen. Die Luft war zum Schneiden. Besser war es dann in der Halle selbst, dort herrschte, zumindest theoretisch, Rauchverbot.

Der Bewerb hatte begonnen. Viele unterschiedliche Musikstile erklangen. Von hippieartigen Improvisationen über Blues und Jazz bis hin zu harten Rockstücken war alles vertreten, die Musiker gaben ihr Bestes. Auch unsere Band spielte großartig. Ihr Musikstil nennt sich Alternativ-Rock, oder so ähnlich. Sie haben es mir schon ein paarmal erklärt, ich habe mir die Bezeichnung aber noch immer nicht gemerkt. Ich denke, ich werde mir demnächst Ginko – oder Omega3 – Pillen für ein besseres Gedächtnis besorgen müssen. Unsere Jungs und die beiden Sängermädels legten einen fulminanten Auftritt auf die Bühne, es passte alles – guter Sound und beeindruckende Lichtshow. Die mitgereisten Fans, Eltern und Freunde machten dazu richtige Stimmung. Nach dem äußerst gelungenen Auftritt rechnete ich persönlich schon damit, dass sie zumindest im vorderen Listenfeld gelandet sein müssten.

Als die letzte Partie ihre Stücke absolviert hatte, gab es eine längere Pause, in der die Jury ihre Bewertung abgeben musste. Neudeutsch gesagt, sie „wouteten“.

Die Siegerband mit Hirschgeweih vom letzten Jahr, GNACKWATSCHN, spielte dann als Hauptgruppe ein kurzes, aber deftiges Programm. Endlich trat die Jury auf die Bühne und verkündete das Endergebnis. Groß war meine Enttäuschung und die der übrigen mitgereisten Daumendrücker: unsere Leute waren leider nicht bei den Siegern, sie lagen etwa am Anfang des letzten Drittels. Gewonnen hatte eine Tiroler Band, die zwar auch gut gespielt hatte, aber eigentlich ziemlich altmodischen Bluesrock dargeboten hatten. Inwieweit das zukunftsträchtig sein wird, sei dahingestellt.

Inzwischen war es ein Uhr morgens geworden. Die Temperatur war vielleicht auf zehn Grad zurückgegangen, doch niemand ließ sich darüber etwas anmerken. Die Lautstärke, der lange Tag und das bis zur letzten Dose konsumierte Bier plus umfangreiche Zukäufe weiteren flüssigen Brotes in einem Geschäft des nahegelegenen Gasometers, hatte unsere Kräfte aufgebraucht. Wir waren froh, den pünktlich wartenden Bus wieder besteigen zu können, lehnten die Köpfe an die gemütlich gepolsterte Rücklehne und schlossen die müden Augen.

Irgendwann während der Heimfahrt erwachte bei einigen der illuminierten Passagiere wieder ihre jugendliche, etwas unhöfliche Ausgelassenheit, als plötzlich der Busfahrer eine Durchsage über das Bordmikrophon machte. „Ab sofort ist das WC im Bus verschlossen, weil bei der Herfahrt, obwohl ich es ausdrücklich untersagt hatte, dort jemand geraucht hat! Ich finde das sehr unhöflich und ungezogen, ich habe euch extra auf das Verbot hingewiesen! Wenn jemand aufs Klo muss, dann meldet euch und ich bleibe beim nächsten Parkplatz stehen zum Austreten! Und dass mir die angetrunkenen Burschen ja nicht das Bier auf die Sitze speiben, ich mach euch aufmerksam, dass die Reinigung eines einzigen Sitzes einhundert Euro kosten würde!“

Ob einer der wieder munter gewordenen Businsassen wirklich auf die Worte des Fahrers gehört haben mochte, ist ungewiss, jedoch meldete sich aus dem hintersten Teil des Busses wie aus der Pistole geschossen, der athletische Dodo und rief nach vorn: „Passt’s auf Burschen, wenn des so teuer is‘, dann müss ma uns olle auf aan Sitz einigen!“

Die Fahrt verlief aber reibungslos und wieder einmal konstatierte ich mit Erstaunen, wie es möglich ist, die Antwort auf den Inhalt einer langen Rede philosophisch auf einen winzigen Punkt zu bringen.
(Ende)

Über den Autor Bernd Valta

Geboren 1957 in Graz
Lebt in Vasoldsberg, als selbstständiger Antiquitätentischler und Schreiber.
Interesse an Kultur, Philosophie, Musik, Natur und Handwerk.
War bis Mitte der 1980er Jahre Gitarrist in Rockbands mit Radioerfolgen.
Schreibt gerne Lyrik, Mundart, satirisch wohlwollende Kurzgeschichten.
2008: Buchveröffentlichung: „Das 1×1 der Möbelantiquitäten“; Novum-Verlag.
Beiträge in Anthologien, Magazine. 2010: Schölnast – Literaturpreis – 2. Platz
Ist aktiv bei der Kulturinitiative K 24. Buchprojekt 2013: „Als ich den Waldbauernbub suchen ging“.
Teilnehmer bei: Literatur Flohmarkt 2.0.; Lesungen von Graz bis Seebenstein.
Lyrikband: „Ein ganzes Jahr lang Frühling“. (mit Spuren von Latvija / Lettland)
– Eigene Edition: Bibliothek derer im Schatten.

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