Kurzgeschichte von Miriam Malik

Lena stöhnt und vergräbt den Kopf unter den Kissen. Offenbar hat sie letzte Nacht vergessen, die Vorhänge in ihrem Hotelzimmer zu schließen. Nun brennt die Sonne gnadenlos durch das Fenster herein. Lena verflucht ihre Dummheit. Warum hat sie sich nur so gehen lassen.
In diesem Moment sind die Erinnerung wieder da. Das war aber auch ein Abend gestern. Lena muss trotz ihrer rasenden Kopfschmerzen grinsen. Die ersten drei Konzerte ihrer neuen Tournee – ausverkauft. Die Stimmung in der Halle – unbeschreiblich. Sie hat es geschafft. Sie ist ganz oben. Nur fühlt es sich gerade nicht so an.
Langsam setzt Lena sich auf. Sie schnappt sich das Kästchen auf dem Nachttisch, öffnet es und wirft drei weiße Pillen ein. Einen Moment bleibt sie sitzen und wartet auf die Wirkung. Gott sei Dank dauert es nicht lange. Dann mustert Lena den unverschämt gutaussehenden Kerl neben ihr. Das Laken bedeckt lediglich seine Hüfte, Lena kann ihn also in aller Ruhe betrachten. Braungebrannt ist er. Und ziemlich durchtrainiert. Nicht schlecht. Er murmelt etwas und dreht sich um. „Wie heißt er noch?“, fragt sich Lena flüchtig. „Tom? Oder war das der von der Nacht davor?“ Schade, dass sie sich nicht daran erinnern kann, was nach dem Konzert geschehen ist. Zu viele Pillen, vermutet sie. Und zu viel Wodka.
Lena atmet tief durch, steht auf und torkelt ins Bad. Wenig später positioniert sie sich vor dem Spiegel. Ihr Körper hat sich ganz gut gehalten, trotz der Exzesse der letzten Jahre. Das Problem ist definitiv ihr Gesicht. Gott, sieht sie schrecklich aus. Eher wie 40 als wie 30. Ausgezehrt. Abstoßend. Einen Moment gibt sie sich dem Selbstmitleid hin. Dann wirft sie drei weitere Pillen ein und greift zum Puder. Eine halbe Stunde später sieht sie wieder so aus, wie die Welt sie kennt. Kalkweiß geschminkt, blutrote Lippen, schwarz umrandete Augen. Lena streicht sich ihre einzige lange, hellrot gefärbte Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich deutlich von ihrem übrigen raspelkurzen Haar abhebt. Der Tag kann kommen.
Nun möchte Lena aber sehen, was sie in der Nacht verpasst hat. Sie geht zurück ins Schlafzimmer, wirft sich aufs Bett und streckt ihre Hand nach dem Mann aus. „Tom“, sagt sie. Fordernd. Er murmelt etwas, drehte sich auf die andere Seite.
„Tom?“ Sie pikst ihm in die Rippen.
„Hm? Wasislos?“ Er blickt sie völlig verwirrt an. Dann klärt sich sein Blick.
„Ich heiße Richie“, murmelt er. „Richie?“, denkt Lena. Oh Gott. Ich muss wirklich high gewesen sein.
„Also gut, Richie“, sagt sie. „Dann zeig mir doch nochmal, was wir letzte Nacht so alles miteinander getrieben haben.“
Eine Stunde später sitzt Lena entspannt auf dem Balkon und nippt an ihrem Cappuchino. Richie hat sie schon vor zwanzig Minuten aus ihrem Hotelzimmer geworfen. Was für ein Langweiler. Lena schnaubt abfällig. Dann wenden sich ihre Gedanken wieder dem Abend zuvor zu. Sie hat es geschafft. Es war ein langer, steiniger Weg, aber es hat sich gelohnt. Zu gut erinnert sie sich noch daran, wie alles angefangen hat.
Mitch war stark übergewichtig, der gewaltige Bauch lugte unter seinem zu kurzem Hemd hervor. Lena fand ihn abstoßend und setzte ihn in Gedanken sofort auf die Liste von Leuten, die ein paar in die Fresse verdient hatten. Aber das würde sie später erledigen. Denn zuerst würde sie es ihm so richtig zeigen. Lena stimmte ihre Gitarre.
Währenddessen musterte Mitch angewidert Lenas kahlrasierten Schädel, ihre Springerstiefel, die zerrissenen Jeans und das Spaghetti-Träger-Shirt an mit der Aufschrift: „Fuck you, bitch“.
„Hm“, machte er und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
Lena blickte ihm herausfordernd ins Gesicht.
„Fertig“, sagte sie mit aller Verachtung, die sie aufbringen konnte.
„Na dann“, sagte Mitch gelangweilt. Er schlug ein Musikmagazin auf und blätterte darin.
„Du hörst mir besser zu, du Penner“, fauchte Lena. Mitch blickte überrascht auf. So einen Tonfall kannte er als angesagter Produzent ganz offensichtlich nicht. Nun, besser er gewöhnte sich gleich daran. Sie zupfte die Saiten stärker als sie eigentlich beabsichtigt hatte. Der Klang beruhigte sie. Musik schaffte es immer, sie zu besänftigen. Lena vergaß alles um sich herum und flüsterte dann:
I see you
I hate you

Sie schlug ein paar Akkorde.

You hurt me so much – It will never heal
pain is the only thing that’s real

Sie hörte auf zu spielen und sagte in die Stille hinein:

you know it’s time to kill

Wieder schlug sie die Saiten an, diesmal bildete sich eine eingängige Melodie heraus.

I see you
I hate you
You cannot hide from me
your face is all i see
so clear in front of me!

Lena steigerte sie die Lautstärke, spielte intensiver und sang mit klarer, kraftvoller Stimme den Refrain:

you know it’s time to kill
you know it’s time to kill

Lena begann ein kompliziertes Zwischenspiel, dann wechselte sie wieder zum Anfang und begann erneut zu singen, diesmal allerdings mit wesentlich mehr Druck:

I see you
I hate you

You see my knife? I’ll take your life!

Lena sang nun nicht mehr, sondern brüllte aus Leibeskräften:

you know it’s time to kill
you know it’s time to kill

Sie stoppte abrupt.

„Myself“, fügte sie noch leise hinzu. Dann durchbohrte sie Mitch mit Blicken. Er starrte sie völlig fassungslos an und brauchte eine ganze Weile, bis er Worte fand.
„Der Text ist – gewöhnungsbedürftig“, meint er endlich. „Die Musik – puh.“
Lena ballte ihre Hände zu Fäusten. Was verstand dieser Typ schon von ihrer Musik und ihren Gefühlen? Sie würde…
Da erschien etwas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht. „Aber nicht schlecht“, murmelte er. Und dann grinste er breit. „Das war wirklich nicht schlecht! Hast du noch mehr davon?“
Damit hatte es angefangen.

Lena lächelt in sich hinein, während die Sonne auf ihren Bauch scheint. Doch lange kann sie ihre Ruhe nicht genießen. Denn die Balkontür wird aufgeschoben und Sarah und Casey treten heraus. Sarah. Managerin, Mentorin, Chefin. Lena weiß nicht viel von ihr. Nur, dass sie Kontakte hat und reich sein muss. Ihr gehört das Black Widow Label, auf dem Lena als No Savior erscheint. Sarah hat vor Ewigkeiten den Kontakt zu Mitch hergestellt, um die einzige Bedingung zu erfüllen, die Lena gestellt hat – im Tausch für ihren Körper und ihren Gehorsam.
Sarah mustert Lena mit dem leicht spöttischen Lächeln, das sie ständig trägt wie andere Frauen Lippenstift oder Make-Up. Wie immer hat sie ihre feuerroten Haare zu einer Hochsteckfrisur aufgetürmt. Casey, Lenas Leibwächter, hält sich im Hintergrund.
„Wie geht es dir?“ fragt Sarah mit ihrer volltönenden Stimme.
„Es war echt saugeil gestern Nacht“, grinst Lena.
„Danach war es dann weniger geil“, entgegnet Sarah kalt.
Lena zuckt die Achseln. „Ist mir eigentlich völlig egal.“
„Aber mir nicht. Du kannst dich an nichts erinnern?“ Lena zuckt erneut mit den Achseln.
„Du hast dich gestern nach dem Konzert besoffen und keine Ahnung was für Pillen genommen“, erklärt Sarah schonungslos. „Dann hast du dich an einen Redakteur herangemacht. Ein gewisser Michael von www.music-news.at. Kannst dir ja vorstellen, was das für einen Artikel über dich geben wird.“
Lena schnaubt aggressiv. „Ja. Na und? Ich…“
„Du warst völlig hinüber, Lena. Wer weiß, was du mit ihm gemacht hättest.“
Lena starrt trotzig vom Balkon.
„Casey hat ihn entfernt, um Schlimmeres zu verhindern“, fährt Sarah fort. „Dann standen wir vor der Frage, was wir mit dir machen. Schließlich hat sich Richie um dich gekümmert. Aber keine Sorge – es ist nichts passiert. Du hast wohl erst die Suite vollgekotzt und bist dann bewusstlos auf dem Bett zusammengebrochen.“
„Oh.“ Das ist Lena neu, erklärt aber den mangelnden Enthusiasmus von Richie in den Morgenstunden.
„Mit solchen Eskapaden ist nun jedenfalls Schluss. Hol ihn her, Casey“, befielt Sarah.
Casey öffnet die Balkontür. Ein schwarzgekleideter und ziemlich muskulöser Mann tritt heraus. Er hat langes, schwarz gefärbtes Haar und diverse Piercings im Gesicht.
„Das ist Josh“, stellt Sarah vor.
Lena betrachtet ihn aufmerksam. „Woher kenne ich den?“ fragt sie.
„Er ist Leadgitarrist bei The Assassinator“, erklärt Sarah.
„Ah!“ Eine Retorten-Metal-Boyband. Von denen hat Lena tatsächlich schon einmal gehört und sie offensichtlich auch schon einmal gesehen. Geringschätzig mustert sie den Mann namens Josh. „Gefällt mir nicht“, verkündet sie. „Kommerzieller Scheiß.“
Josh zeigt große weiße Zähne. Das soll wohl ein Lächeln sein. „Wir schreiben unsere Lieder leider nicht selbst“, meint er. Es klingt fast entschuldigend. Sarah und Lena ignorieren ihn.
„Und?“ fragt Lena.
„Ihr seid ab sofort zusammen“, erklärt Sarah.
„Was?“ Einen Moment ist Lena sprachlos. „Soll das ein Witz sein?“
„Durchaus nicht. Josh wird sicherstellen, dass so etwas wie letzte Nacht nicht noch einmal passiert.“
„Ich soll mit dem ins Bett steigen?“ Lena begutachtet den Neuankömmling, als wäre er ein Pferd auf dem Viehmarkt. Josh lächelt etwas verkrampft. „Schlecht sieht er ja nicht aus“, verkündet sie schließlich ihr Urteil. „Für eine Nacht ok. Vielleicht für zwei. Aber nicht für mehr.“
„Ist mir egal, was du mit ihm treibst, solange die Presse euch die Liebesgeschichte abkauft“, sagt Sarah kalt.
Das wird ja immer schöner, denkt Lena säuerlich. Josh hat sich in der Zwischenzeit etwas gefangen und nun ist er es, der Lena intensiv mustert und seine Blicke über ihren Körper gleiten lässt.
„Wir können schon gerne in die Kiste springen, Süße“, meint er großspurig. „Wenn du es verträgst. Ich mag es gerne ein bisschen härter.“
Lena zieht die Augenbrauen hoch und wendet sich dann wieder an Sarah.
„Kann er was?“
„Er hat ’nen knackigen Hintern“, erwidert diese.
Josh schaut erneut leicht pikiert und will etwas sagen, aber Sarah fährt ihm über den Mund. „Du kannst gehen, Josh.“ Josh wirft erst Sarah und dann Lena einen unsicheren Blick zu und verschwindet wortlos.
„Lena, ich habe noch etwas mit dir zu besprechen.“ Sarah klingt sehr ernst. „Wir haben ein paar neue Stücke für dich geschrieben. Du wirst sie in den nächsten Tagen einstudieren und auf der Tournee performen. Dafür sind Spy Game und Assassin gestrichen. Vergiss am besten, dass du diese Lieder je gespielt hast.“
Lena starrt Sarah an. Sie kann nicht glauben, was sie da gerade gehört hat. „Was?“ bringt sie mühsam heraus.
„Ich habe dir nicht erlaubt, diese Songs zu spielen. Hast du nach dem Desaster in Berlin nicht versprochen, dass du von jetzt an meinen Anweisungen folgen wirst?“
Lena merkt, dass es Sarah ernst ist. Am liebsten würde sie ihr den arrogante Gesichtsausdruck aus der Visage prügeln. Aber sie beherrscht sich, atmet tief durch und versucht es zur Abwechslung mit Argumenten.
„Spy Game ist eines der besten Lieder, die ich je geschrieben habe. Und es ist gestern so gut angekommen. Das Publikum hat getobt…“
„Wenn du willst, kannst du ja die Musik für ein anderes Stück verwenden“, unterbrach Sarah mit kühlem Lächeln. „Den Text hat man bei deinen Live-Auftritten sowieso nicht verstanden. Aber du kannst keine Lieder schreiben mit Zeilen wie – habe ich das richtig verstanden:
i will find you i will get you
you can’t hide
give me a pill so i can kill
i’m an assassin
so you better run
Das geht einfach nicht, Lena. Das erregt zu viel Aufmerksamkeit. Wir haben den asiatischen Markt analysiert und Lieder geschrieben, die dort mit Sicherheit ankommen werden. Wir planen ein paar langfristige Operationen in Japan und China – deswegen ist es zwingend notwendig, dass du dort erfolgreich bist.“
Lena merkt, dass es Sarah ernst ist. Es fühlt sich an, als hätte sie gerade eine eiskalte Dusche abbekommen. „Sarah, tu das nicht“, sagt sie leise. „Du bestimmst meine Bandkollegen. Du bestimmst, mit welchen Musikern ich zusammenarbeite. Mein Bodyguard ist einer von deinen Leuten. Ihr habt meine Wohnung eingerichtet. Ich lerne nur die Leute kennen, von denen ihr wollt, dass ich sie kennenlerne. Ihr sucht sogar für mich aus, mit wem ich ins Bett steigen soll. Das ist ok. Aber nimm mir nicht meine Musik.“
„Du weißt, auf was du dich eingelassen hast, Lena. Und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst.“
„Das ist mir alles scheißegal, Sarah!“ Lena beugt sich erregt vor. Casey macht einen Schritt auf sie zu, doch Sarah macht eine abwehrende Handbewegung. Casey bleibt stehen. Lena ignoriert das völlig und fügt mit lauter Stimme hinzu: „Meine Musik ist das einzige, was für mich zählt. Das einzige, was ich überhaupt habe. Und das lasse ich mir nicht von dir kaputtmachen!“ Ihr Ton wird beschwörend. „Es tut mir leid, dass ich den Job in Berlin versaut habe. Ich weiß, ich hätte ihn töten sollen, statt mit ihm ins Bett zu steigen. Ich werde es wieder gut machen! Ich schwöre es dir. Aber rede mir nicht in meine Musik hinein, Sarah.“
„Da gibt es nichts wieder gutzumachen“, entgegnet Sarah kalt. “Ich kann dir keine Aufträge mehr geben. Du bist mittlerweile einfach zu bekannt.“
„Nein. Sarah. Es war nie mein Ziel, reich und berühmt zu werden. Ich spiele lieber mit meiner Gitarre vor hundert Zuhörern als euren Scheiß vor 10.000 Leuten. Wenn du willst, werde ich die Tournee absagen. Ich…“
Sarah beugt sich vor. Ihre Augen glitzern gefährlich. „Ich habe eine psychopathische kleine Nutte für Aufträge angeheuert, für die mir meine Top-Leute mir zu schade sind. Du kannst froh sein, dass ich deine Bedingung erfüllt und dich mit Mitch zusammengebracht habe. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass es so viele kaputte Leute gibt, denen der Krach gefällt, den du fabrizierst. Aber gut. Als Killer taugst du nichts, das hast du bewiesen. Bleibt noch deine Rolle als Ablenkungsmanöver und als Tarnung für unsere Operationen. Also geh auf die Bühne. Spiel deine Rolle. Und halt die Klappe.“
„Aber… Sarah…“
„Du willst doch nicht so enden wie Amy Winehouse. Oder?“
Das ist genug. Lena springt auf und greift nach Sarahs Hals. Sarah zuckt zusammen, ihre Augen weiten sich vor Schreck und Angst. Doch Casey ist sofort da. Er packt Lenas Hände und zwingt sie in den Sessel zurück. Lena kämpft einen Moment gegen Casey, doch er ist zu stark. Sie gibt auf.
„Komisch“, sagt Sarah. Sie wirkt etwas außer Atem, hat aber schon wieder ihr arrogantes Lächeln im Gesicht „Ich habe Casey mitgebracht, weil ich Widerstand wegen Josh erwartet habe. Dass du dich wegen deiner beschissenen Musik so aufregen würdest, wäre mir nicht im Traum eingefallen.“ Geschmeidig erhebt sie sich aus ihrem Sessel. „Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe, kleine Lena. Wenn du deine Rolle spielst, hast du nichts zu befürchten. Wenn du dich gegen mich stellst, mache ich dich fertig.“
Sarah geht. Casey folgt ihr. Aber Lena weiß, dass er in der Nähe bleiben wird. Sie starrt blicklos in die Ferne. Sarah hat gerade alles zerstört, was Lena je wichtig gewesen ist. Dafür wird sie bezahlen. Lena lässt sich von niemandem so behandeln. Time to kill.

Über die Autorin Miriam Malik

Miriam Malik, geboren am 31. März 1984, schreibt Thriller und Kurzgeschichten aus Leidenschaft. Besonderes Merkmal ist der leicht ironische Unterton, mit der sie ihre Charaktere schildert. Malik hat schon mit 6 Jahren damit angefangen, sich Geschichten auszudenken. Diese veröffentlicht sie bislang hauptsächlich im Internet. Die Autorin hat Islamwissenschaften studiert und schreibt am liebsten Krimis und Thriller.

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