eine Kurzgeschichte von Karmen Buletinac

Ich drehe den Lautsprecher etwas lauter, lehne mich in meinem Schreibtischsessel zurück und schließe die Augen. Ein Glücksgefühl durchfährt meinen Körper und ich muss unweigerlich lächeln. Das, was hier aus den Boxen kommt, sind mein Werk, mein Text und meine Stimme. Wie könnte ich glücklicher sein? Seitdem ich denken konnte, war Musik ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Nicht so – wie es für die meisten einfach zum Leben dazugehört. Sondern lebensnotwendig. Lieder haben mich aufgefangen, wenn ich am Boden war, sie haben mir Energie und Kraft gegeben, wenn ich demotiviert war und wenn ich glücklich war, machten sie mich immer noch ein wenig glücklicher. Meinen Eltern war meine Vorliebe nie ganz geheuer und so versuchten sie mit allen Mitteln ihre eigenen Hobbys schönzureden. Doch Fußball, Angeln, Eishockey… das war alles Nichts für mich. Je älter ich wurde, desto mehr befasste ich mich mit Musik, desto größer wurde die Leidenschaft und desto größer auch das Unverständnis meiner Familie und meiner Freunde. Meine Noten in der Schule wurden immer schlechter. Nicht weil ich dumm war, sondern weil ich mit meinen Gedanken nie ganz präsent war. Eine gute Ausbildung ist schön und gut, und heutzutage braucht man das vielleicht auch. Aber tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich auf der Bühne stehen möchte. Das ist es was mich erfüllen würde. Musik schafft mir Platz zum Träumen, zum Vergessen und zum Verarbeiten. Warum können meine Mitmenschen das bloß nicht verstehen? Meine Familie ist alles andere als intakt. Seit ich denken kann ist mein Leben geprägt von Streit, Handgreiflichkeiten und immer wiederkehrenden Ein- und Auszügen meines Vaters. Wenn du als Kind so etwas tagtäglich miterlebst, dann verschließt du dich irgendwann, ob du willst oder nicht. Heute bin ich 19 Jahre alt und kann sagen, dass ich in meinem Leben schon Dinge erlebt und gesehen habe, auf die ich mit Sicherheit gerne verzichtet hätte. Dinge, von denen ich mir wünschen würde ich hätte nie die Erfahrung gemacht. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert. Der einzige Mensch, der mich jemals verstanden hat, war meine kleine Schwester Sophie. Sie war zwei Jahre jünger als ich und meine einzige Stütze. Der einzige Mensch, mit dem ich mich austauschen konnte und die einzige Person, die mich und meinen Traum verstand. Sie konnte die Leidenschaft in mir spüren, sie konnte das Feuer sehen, welches in meinen Augen funkelte, wenn ich ihr wieder mal einen neuen Track von mir vorspielte. Ja, sie war mein größter Fan. Dieses zauberhafte Wesen war es auch, welches mich immer angetrieben hat, nicht aufzugeben und immer weiter zu machen. Sie hat mich bestärkt und mir neue Kraft gegeben. Niemals aufgeben, immer an mich selbst zu glauben. Nachdem ich die Pflichtschule abgeschlossen hatte, wusste ich ehrlich nicht mehr weiter. Ich hatte miserable Noten, auf eine weiterführende Schule hatte ich nicht sonderlich viel Lust und mit meinem Endzeugnis hätte mich ohnehin keine Schule aufgenommen. Das Arbeitsleben war von Grund auf auch Nichts für mich. Ich bin nicht faul oder verweigere Arbeit. Aber dieser ewige Kreislauf, aufstehen um sechs, arbeiten von sieben bis vier… ich möchte nicht in einem Hamsterrad gefangen sein. Für meine Eltern war ich die reinste Enttäuschung, was sie mir auch jeden Tag aufs Neue sagten und mein Selbstvertrauen damit jeden Tag mit Füßen traten. Sollten Eltern ihre Kinder nicht bedingungslos lieben? Meine kleine Schwester war der einzige Mensch, der an mich glaubte. Sie drängte mich immer wieder dazu, mich bei Musikwettbewerben zu bewerben und meine Sachen endlich publik zu machen. Ich kellnerte überall wo ich konnte und legte mir jeden Cent auf die Seite. Ich wollte mir eine richtige Anlage kaufen. Was die finanzielle Unterstützung meiner Eltern betraf, die konnte ich vergessen. Denn einerseits ging es uns finanziell nie gut und andererseits hätten sie sich vorher wahrscheinlich eine gesunde Hand abgehackt, bevor sie ihr Geld in mich investierten. Denn für sie war alles was ich tat und von dem ich träumte nur Schall und Rauch. Als ich endlich genug Geld zusammen hatte, ging ich mit Sophie in ein Musikgeschäft und kaufte mir eine richtige Anlage. Nichts Großes. Es war auch nicht eines der besseren Geräte, aber es war genug um meine Tracks aufzunehmen, um Beats zu produzieren und meinen Gesang hinzuzufügen. Wir verbrachten jede freie Sekunde in meinem Zimmer. Sophie gab immer ihren Senf dazu, was ich noch verbessern konnte, wo noch etwas fehlte und was gut war. Unsere Geschmäcker waren dahingehend ziemlich gleich und ich konnte mich darauf verlassen, dass sie mir immer ihre ehrliche Meinung sagte. Schließlich hatten wir zwei Demos fertig. Ich hätte nicht glücklicher sein können. Und meine kleine Schwester hatte Recht, jemand musste sich die Songs anhören. Es steckte wirklich viel Potential darin – auch wenn das nur meine eigene Meinung ist. Aber ich glaubte an mich! Eines Tages kam Sophie ganz aufgeregt in mein Zimmer und erzählte mir, dass das Musikmagazin „MN“ auf ihrer Homepage “www.music-news.at” Stars von morgen suchte. Es war ein Talentwettbewerb. Man müsste seine Demos einschicken. Eine Jury würde dann die besten drei auswählen und die Ausgewählten hätten dann die Chance vor einem großen Publikum ihren Song vorzutragen. Preisgeld war 1.000 Euro und einen Musikvertrag. Ich war ganz aus dem Häuschen. Wir sprangen in meinem Zimmer auf und ab und freuten uns wie kleine Kinder zu Weihnachten, bis wir schließlich nicht mehr konnten und uns zu Boden fallen ließen. „Lukas, du musst mir versprechen – egal was passiert, du musst dein Ding durchziehen. Mach mich stolz Bruderherz“. Dass dies die letzen Worte sein würden, die ich von Sophie hören würde, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Noch am selben Abend fuhr sie mit ihrem Moped ins Kino, doch dort kam sie leider nie an. Ein alkoholisierter Autofahrer hatte sie bei einer Kreuzung übersehen. Dies ist nun zwei Monate her und ich kann euch nicht sagen, wie ich mich fühle. Außer Leere ist nicht viel übrig. Nun fühle ich mich tatsächlich allein gelassen. Wie der letzte Mensch auf Gottes Erden. Ich fühle mich als hätte man mir Arme und Beine abgetrennt und mein Herz rausgerissen. Ich bin unfähig irgendetwas zu sagen oder zu tun. Meine Eltern geben sich gegenseitig Halt und verkriechen sich auch in ihrem Schneckenhaus. Ich gehe mit meiner Trauer alleine um. Das Verhältnis, das Sophie und ich hatten, das wird nie einer nachvollziehen können. Denn sie war mehr als eine Schwester. Sie war meine Stütze, meine Seelenverwandte, mein Antrieb und mein Leben! Zwei Monate habe ich mich in meinem Zimmer verkrochen. Ich ging weder aus, noch hatte ich Kontakt zu irgendjemandem. Auch der Musik hatte ich in dieser Zeit abgeschworen, denn alles erinnerte mich an sie. Sie fehlte mir so unglaublich. Ich lag auf meinem Bett und starrte gedankenverloren an die Decke als plötzlich mein Telefon klingelte. Ich nahm das Gespräch zuerst gar nicht wahr. Die nette Dame am Apparat redet irgendwas von einem Talentwettbewerb daher…. Erst als sie mir mitteilt, ich wäre unter den letzten drei Teilnehmern, schießt es mir wie ein Geistesblitz wieder ein. Der Talentwettbewerb von Music News, den Sophie für mich rausgesucht hat. Auf einmal bin ich putzmunter, ich richte mich auf und reibe mir kurz die Augen. Doch, ich führe dieses Telefonat tatsächlich. Das erste Mal seit zwei Monaten durchfährt so etwas wie Leben meinen Körper, ich bin ganz hellhörig. Die weibliche Stimme klärt mich über den nächsten Schritt auf. Ich wäre unter den besten Dreien. Diesen Samstag findet das große Vorspielen statt, wo dann der Sieger gekürt wird. Diesen Samstag? Das war in zwei Tagen. Ich bedanke mich und lege auf. Regungslos sitze ich auf meiner Bettkante, wie gelähmt. Ich habe alles gerade wahrgenommen und das war alles was ich mir jemals gewünscht habe. Doch nun frage ich mich, ob ich dieser Herausforderung tatsächlich gewachsen bin. Wie soll ich das denn nur ohne Sophie schaffen? Sie war doch immer mein Antrieb! Am Freitagabend habe ich beschlossen, es wäre besser nicht aufzutreten. Ich könnte es nicht! Die letzten acht Wochen waren die reinste Hölle für mich voller Trauer und Schmerz. Wie könnte ich jetzt auf einer Bühne stehen und mich mit anderen messen? Am Samstagnachmittag ließen mich die Gedanken daran noch immer nicht los. In zwei Stunden wäre es soweit. Meinen Eltern habe ich auch davon erzählt, aber außer strengen Blicken erntete ich Nichts. Ich hörte mir das Demo in meinem Zimmer an – immer und immer wieder. Und Sophies Gesicht erscheint vor meinem geistigen Auge. Ihre Fröhlichkeit, ihre kindliche Art und ihr ansteckendes Lächeln. Und ihre sanfte Stimme. Plötzlich rufe ich mir ihre letzten Worte in Erinnerung: „Lukas, du musst mir versprechen – egal was passiert, du musst dein Ding durchziehen. Mach mich stolz Bruderherz.“ Meine Augen füllen sich mit Tränen und meine Hände beginnen zu zittern. Auch wenn ich Angst habe, auch wenn ich mich ganz alleine und verloren fühle, ich muss zu diesem Auftritt. Ich muss es für Sophie tun. Ich habe so lang um Annerkennung gekämpft für das was ich tue und nun bietet sich mir die Chance es allen Kritikern zu zeigen, allen voran meinen Eltern. In Windeseile packe ich meine Sachen zusammen und trete ins Wohnzimmer. Ich stehe meinem Vater gegenüber, unsere Blicke treffen sich. „Ich werde es durchziehen – mit oder ohne eure Unterstützung.“ Mit diesen Worten verlasse ich die Wohnung. Es ist kurz vor zehn Uhr abends als ich angekündigt werde und die Bühne betrete. Die anderen beiden vor mir waren richtig gut, sodass ich kurz Zweifel hatte, ob ich es mit ihnen aufnehmen konnte. Doch nun war ich schon so weit gekommen, also würde ich den Weg auch bis zum Schluss gehen. Das Licht geht an und ich sehe in hunderte Gesichter. Ich kenne keinen Einzigen von ihnen. Ich bereite mein Equipment vor und lege Sophies Bild rechts neben die Bühne. Du bist bei mir kleine Schwester. Die ersten Beats meines Songs hallen aus dem Lautsprecher und da sehe ich sie und mir bleibt das Herz nahezu stehen. Ganz hinten im Saal, abseits von allen Anderen, stehen sie neben der Tür. Die Hände verschränkt, die Augen auf mich gerichtet. Zwei Augenpaare die mich mustern.. kritisch und doch nehme ich Stolz in ihrem Ausdruck wahr. Als ich den letzten Ton meines Liedes singe, kann ich meine Emotionen nicht zurückhalten und Tränen rollen mir über meine Wange. Der ganze Saal tobt, Applaus von allen Seiten und doch berührt mich nur das Klatschen der beiden Menschen hinten an der Ausgangstür. Meine Mutter winkt mir fröhlich zu und ich winke zurück. Mein Vater drückt sie an sich und sie wischen sich Tränen aus den Augen. Auf diesen Moment habe ich mein Leben lang gewartet. Dass es sich so gut anfühlen würde, zu wissen dass man geliebt wird – egal was man tut, das hätte ich mir nicht gedacht. Die Dämonen der Vergangenheit sind besiegt. Und es ist egal ob ich an diesem Abend als Sieger von dieser Bühne gehe oder nicht. Denn ich habe ohnehin gewonnen. Ich habe meine Eltern gewonnen, ihren Stolz und ihre Anerkennung. Und du Sophie, wirst immer mein Anker bleiben!

Über die Autorin:
Karmen ist ein lebensfroher und lustiger Mensch. Sie schafft es die Menschen in ihrer Umgebung mit guter Laune anzustecken und verbreitet Lebensfreude. Neben ihrem Hund „Coco“ gehört das Schreiben zu ihrer Leidenschaft. Diese entdeckte sie nach einem Schreibwettbewerb der Grazer Zeitung, wo sie unter die besten Zehn kam. Danach schrieb sie freiberuflich für die Grazetta – bis sie vor zwei Jahren ihren eigenen Kurzgeschichten Blog gründete. Ihre Liebe zur Musik hat sie auch nie aus den Augen verloren. Deshalb macht sie sich auch als Songwriterin einen Namen und schrieb bereits z.B. für die österreichische Sängerin Vera Luttenberger, Grazer DJ Chris Eco (Dubtalent), Bad Booty Brothers, Stardome United usw. Wenn Karmen nicht gerade in Graz ist, dann findet man sie bestimmt in ihrer Lieblingsstadt Berlin oder in ihrem Lieblingsrestaurant Vapiano.

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