„Sind vierte Alben wie ein Debüt?“, fragen sich die Indie-Folker A Life, A Song, A Cigarette. Ein Neuanfang ist ihr Viertlingswerk dann doch nicht ganz geworden, dennoch zeigt sich die Wiener Band deutlich gereifter und wirkt befreit.

Zehn Jahre im Musikbusiness sind eine lange Zeit, nicht nur für eine österreichische Band. Wenn man dabei noch so eine bewegte Karriere hinter sich hat wie A Life, A Song, A Cigarette, wirkt diese Zahl umso erstaunlicher. 2004 gegründet, eroberten die Wiener mit ihrem grandiosen Debüt „Fresh Kills Landfill“ nicht nur die rot-weiß-roten Kritiker- und Fan-Herzen, sondern sorgten auch bei der internationalen Musikpresse für Jubelstürme. Heutige Indie-Pop/Rock Größen wie Arcade Fire, Beirut und Bright Eyes führten die Charts an und mit A Life, A Song, A Cigarette wähnte man eine qualitativ ähnlich starke Band in seinen eigenen Reihen. Doch war der Ritt auf der Erfolgswelle nicht von Dauer. 2012 erschien das dritte Album „Tideland“ und stellte einen Wendepunkt dar, wie die Band heute weiß. Der Hype war verflogen, die Aufmerksamkeit schwand und die Verkaufszahlen waren weit unter den Erwartungen. Umso ernüchternder, da das Quintett das Album selbst im eigenen Studio namens „Tonkombüse“ aufnahm. Die Band war infolge kaum auf Festivals zu sehen, die Konzerte wurden kleiner. Es wurde immer ruhiger um die Gruppe. Kein Wunder also, dass sich Gerüchte über eine mögliche Auflösung hartnäckig hielten. Trotz aller Hoch- und Tiefflüge feierten ALASAC 2014 ihr zehnjähriges Jubiläum. Zwei Jahre später veröffentlicht die Band mit dem beneidenswerten Namen nun mit „All That Glitters Is Not Gold“ ein intimes und entschleunigtes Werk, das voller lebensbejahender Melancholie und opulenter Klanglandschaften nur so strotzt. Ursprünglich eine EP planend, trafen sich Stephan Stanzel (Gesang und Gitarre), Hannes Wirth (Gitarre), Martin Knobloch (Bass), Lukas Lauermann (Cello und Keyboard) und Daniel Grailach (Schlagzeug) nach ihrem Bandjubiläum in unregelmäßigen Abständen, um an neuen Songs zu arbeiten. Dabei trennten sich die Musiker nach fast zehn Jahren vom Label Siluh Records und wechselten zu Wohnzimmer Records, wo nun auch ihr vierter Longplayer erschienen ist.
Im Interview zeigt sich die Band mit dem Labelwechsel glücklich: „Siluh Records wollte weniger Releases machen und als wir eine Unterschrift für eine etwaige Förderung brauchten, wandten wir uns an Wohnzimmer Records. Alles ohne böses Blut und manchmal bringt ein neues Zuhause frischen Elan mit. Wir fühlen uns sehr wohl.“

Was lange währt…

Die neue Plattenfirma war es dann auch, die dem Quintett den nötigen Freiraum für die Aufnahmen ließ. Und Zeit nahm sich die Band durchaus. Über eine Spanne von zweieinhalb Jahren kamen die fünf Musiker zu acht Sessions, welche jeweils von Donnerstagmittag bis Sonntagabend andauerten, zusammen, um am neuen Material zu feilen. „Wir hatten bei den Aufnahmen keinen Druck, weder durch unsere eigenen Erwartungen, noch durch unser Label und auch finanziell waren wir relativ unabhängig“, erklärt das Fünfergespann. Diese entspannte und stressfreie Atmosphäre, aus der „All That Glitters Is Not Gold“ hervorging, ist dem Album deutlich anzuhören. Zumindest auf den ersten Blick, denn unter der scheinbaren Ruhe brodelt es, was das zunächst sehr gelassen wirkende Werk zu einem eigenartig aufwühlenden macht. Großen Anteil daran hatte Produzent Stefan Deisenberger. Der Musiker und Produzent, der für sein Engagement bei den übergroßen Naked Lunch und dem Musikerkollektiv Nowhere Train bekannt ist, begleitete die Band zwei Jahre lang bei dem Entstehungsprozess des neuen Albums. Auch ALASAC-Sänger Stanzel ist bei dem Countryprojekt Nowhere Train involviert.

„Die Texte stellen, wie die Musik an sich, Momentaufnahmen dar. Manchmal kann Druck hilfreich sein, wichtiger war uns aber Aktualität.“

Zu Beginn standen zwei kurze Sessions in der Tonkombüse unter Deisenbergers Beobachtung an, aus denen schließlich 2016 „All That Glitters Is Not Gold“ hervorging. Im Gegensatz zum Vorgängeralbum „Tideland“, das noch unter mühevoller Eigenregie aufgenommen wurde, ließ sich die Band nun bewusst auf einen Produzenten ein. Dem Naked Lunch-Keyboarder ist es zu verdanken, dass die Band sich zu einer neuen Entspanntheit hinreißen ließ. „Spielt alles einmal halb so schnell“, hieß es da beispielsweise von Produzentenseite. Diese Gelassenheit übertrug das Quintett schließlich auch auf das Songwriting. Bis zu diesem Zeitpunkt in ihrer Karriere betraten ALASAC ein Studio noch nie ohne fertige Kompositionen. Doch dieses Mal vertrauten sie auf ihr Bandgefüge und schufen ihre Lieder erst vor Ort. Selbst die Texte, für die seit jeher Sänger Stanzel verantwortlich zeichnet, entstanden teilweise erst wenige Stunden vor der Aufnahme. „Die Texte stellen, wie die Musik an sich, Momentaufnahmen dar. Manchmal kann Druck hilfreich sein, wichtiger war uns aber Aktualität“, ist sich die Band einig. Das Experiment ging auf, die Songs zeigen sich nicht nur vom Songwriting her sehr ausgeklügelt, auch das Arrangement zeugt von Opulenz und epischer Breite. Die Lieder auf „All That Glitters Is Not Gold“ wirken zu keinem Zeitpunkt überladen, sie strahlen dank großer Melodiebögen, welche von dezent eingesetzten Gitarren, flirrenden Keyboards und zarten Cello- und Glockenspielklängen umwoben werden, eine Atmosphäre aus, die gedanklich abschweifen lässt. Sehr aktuell zeigen sich die Texte, welche zwischen tiefsinnigen Lebensbetrachtungen („Snow“) und feinen gesellschaftlichen Beobachtungen („Simmering Part II“) pendeln und mitunter auch kritische Töne anschlagen („Poisoned By The News“).

Ein Interessenverband von Freunden

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(c) Andreas Jakwerth

Mit getrübter Sicht, die Schwere des Lebens schleppend, auf einem Weg dahin trottend, ohne zu wissen, wohin dieser führt, und dennoch stets einen kleinen Sonnenstrahl am Horizont erahnend, der sowohl die rundum zufriedenstellende Entspanntheit verheißen könnte, sich aber auch nur als eine verzweifelte Wunschvorstellung, die man sich auf dem beschwerlichen Pfad sehnlichst herbeigewünscht hat, entpuppen kann – so in etwa empfindet man beim Hören von „All That Glitters Is Not Gold“.
Verständlich, dass dem nur schwer eine passende Genre-Bezeichnung aufzudrücken ist. Seit dem Durchbruch mit „Fresh Kills Landfill“ hat sich die nationale und internationale Presse mit Bezeichnungen wie „Indie-Folk“, „Alternative Country“ und „Singer/ Songwriter-Pop“ abgemüht. Die Musiker selbst zeigten sich damit nie wirklich zufrieden, sehen sich eigentlich als Pop-Band mit den unterschiedlichsten Einflüssen: „Unsere musikalischen Vorbilder sind bunt gemischt. Von Dylan bis Metal. Einigen können wir uns auf jeden Fall immer auf Beatles und Springsteen.“ Wobei sich das Quintett nach den vielen Jahren eigentlich überhaupt nicht mehr als Band verstanden wissen will. Das Rock-Business ist nicht mehr das, was es war. Anstatt großer Tourneen, ausschweifender Partys und dem sonstigen Rock’n’Roll Business wartet auf die Musiker von ALASAC eher der Büroalltag. Cellist Lukas Lauermann ist das einzige Bandmitglied, das durch unterschiedliche Engagements zwischen Pop, Performance und Theater von der Musik leben kann, während Bassist Martin Knobloch als Hauptverdienst dem Beruf des Juristen nachgeht. Dass dadurch weniger Zeit für die Musik bleibt, liegt auf der Hand. Deswegen sehen sich ALASAC nach über zehn Jahren gemeinsamen Musizierens als „personell konsolidierter, künstlerischer Interessenverband von fünf Freunden, die auch andere (kreative) Dinge zu tun haben“. Umso beeindruckender, dass sich zwischen dem stressigen Alltag aus Familie, Job und Zeitmanagement ein so rundum gereiftes Album wie „All That Glitters Is Not Gold“ erheben konnte. Vielleicht liegt es aber auch genau daran. Die Musiker stehen mit beiden Beinen fest am Boden, wirken gelassener. Die Sturm und Drang Zeit scheint vorbei. An dieser Stelle ist die Frage durchaus angebracht, wohin die Reise noch gehen soll. Auf alle Fälle hat es sich die Band fest vorgenommen, wieder präsenter zu sein: „Wir wollen möglichst viele Konzerte spielen und möglichst bald an neuem Material im Studio arbeiten“. ALASAC haben also wieder vollends in die Spur gefunden und erleben gerade ihren zweiten Frühling. Der Bandname ist Programm. Im Leben geht es auf und ab. Auf den letzten Höhenflug folgt die nächste Bruchlandung, dann heißt es aufstehen, erstmal eine rauchen und dann ein Lied singend seinen Weg fortführen. Wohin der Weg führt? Die Antwort gibt die Band selbst in ihrem Pop-Hit „Blindhearted“ vom neuen Album:„Where are we going to? Darling I have no clue“.

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