Wer ist die Person, der Mensch, die Frau hinter den vier simplen Buchstaben, die im Französischen für die Präposition „mit“ stehen? Und woher kommt all die Melancholie und Düsternis in ihren Songs?

Die junge Singer/Songwriterin aus dem oberösterreichischen Vöcklabruck, die im vergangenen Jahr scheinbar aus dem Nichts kam und schon mit ihrer ersten Veröffentlichung vier Amadeus Award Nominierungen einfahren konnte, fasst sich gerne kurz, sei es auf der Bühne, in ihren Songtiteln oder in Interviews. Sie beantwortet Fragen geduldig und wohlwollend, aber nicht ausschweifend. Sie ist keine große Rednerin. Was sie sehr wohl ist: eine umso ambitioniertere Schreiberin. „Ich kann nicht sehr gut über meine Gefühle reden, konnte ich noch nie gut. Deswegen schreibe ich“, bringt es AVEC auf den Punkt. Thematisch konzentriert sich ihre Musik auf eben jene Themen, die es in der menschlichen Kommunikation am schwersten haben: Liebe und die eigenen Gefühle.
Ihre Songs wirken zumeist reduziert, oft fragil, beruhen auf ihrem gefühlvollen Gitarrenspiel; ihre Stimme: ein sensibler Hauch im Ohr ihrer Zuhörer. Ihre Texte stecken voller Nachdenklichkeit und Melancholie. Doch woher kommt all diese Melancholie bei einem Menschen Anfang zwanzig? „Ich habe mich einfach mit der Gitarre hingesetzt und das geschrieben, was aus mir herausgekommen ist – das waren melancholische Songs. Privat bin ich wirklich kein Kind von Traurigkeit, sage ich jetzt mal, sondern eher fröhlich. Aber natürlich hat jeder von uns seine melancholische Seite, und die spiegelt sich bei mir in der Musik wider.“ Im Zuge dessen verarbeitet sie auch Persönliches und die eigene Vergangenheit.
Diese melancholische Seite versinnbildlicht sich auch in ihrer Art und Weise, Songs zu schreiben. „Ich schreibe sehr gerne, wenn ich in Bewegung bin, wenn ich spazieren gehe, wenn ich im Auto sitze, und versuche die Stimmungen einzufangen – sei es der Sonnenuntergang, Sonnenaufgang, die Wolkenstimmung oder der Wind, aber auch, wenn ich zu Hause sitze in meinem Zimmer, wenn es dunkel ist und nur ein paar Kerzen leuchten. Ich versuche einfach, in meinen Texten wiederzugeben, was ich einfange“, gewährt sie uns einen Blick hinter die Kulissen ihres kreativen Schaffens.

Die Verkennung um Taylor Swift

AVECs Inspiration ist somit weitläufig, und auf kein spezielles Idol, das sie und ihre Musik beeinflusst hat, zurückzuführen; nicht mal, wie es so oft über sie gesagt wird, auf Taylor Swift: „Das wird oft falsch verstanden. Als ich zum Gitarre spielen angefangen habe mit 14, da habe ich mir ihr erstes Album, „Fearless“ war das, glaube ich, zum Vorbild genommen, weil ich Country-Musik sehr gerne mag und ihre Musikrichtung damals noch Country war. So bin ich eigentlich zum Gitarre spielen gekommen. Jetzt höre ich sie nicht mehr. Es ist kein Country mehr, es ist irgendwas pop-mäßiges – damit kann ich nichts mehr anfangen.“
Heute hört AVEC lieber „Blues und Jazz, B.B. King, Clapton, Hendrix“. Als ihre Lieblingsband nennt sie Kings of Leon.

What If We Never Forget

In ihrem Debütalbum „What If We Never Forget”, das im September auf ihre erfolgreiche EP „Heartbeats“ folgte, konzentriert sie sich auf den Themenkomplex des Vergessens, Verdrängens, Vergebens und des Verlusts – „die Gefühlsebene Liebe, Hass, Verlust, Traurigkeit“. In ihrer Single „NFYT“ – die vier Buchstaben stehen für „Not Forgiving You This“ – geht AVEC besonders intensiv auf diese albumprägende Gefühlslage ein: „Wenn dich irgendetwas sehr schwer getroffen hat, dann kannst du versuchen, es zu vergessen, aber meiner Meinung nach funktioniert das nicht.“
Eine Eigenheit und Auffälligkeit des gesamten Albums, möglicherweise des gesamten bisherigen und zukünftigen Werks der Musikerin, ist die Prägnanz ihrer Songtitel. Lediglich vier der insgesamt zwölf Songtitel ihres Debüts bestehen aus mehr als einem Wort, das Maximum an Worten pro Titel liegt bei zwei. Als Vorbild fungierte auch hier kein äußerer Einfluss, sondern der eigene Künstlername, der nicht nur für eine Wahrung des Privatlebens bei allfälligem ausuferndem Erfolg sorgen soll: „AVEC ist kurz und prägnant, das wollte ich auch mit den Songtiteln durchziehen. Es ist bewusst gewählt und ich schau auch immer darauf, dass ich einen Song mit einem Wort beschreiben kann. Für mich ist ein guter Song, einer zu dem mir ein Wort einfällt, das dann der Songtitel ist.“
Mit „What If We Never Forget“ zeigt sich AVEC durchaus zufrieden: „Ich und meine Band sind schon sehr selbstkritisch, aber wir sind alle sehr zufrieden. Wir hätten es, glaube ich, nicht besser machen können.“ Und auch die Rückmeldungen, die sie bislang erhalten hat, bestätigen ihre Überzeugung, dass der lange und anstrengende Entstehungsprozess sich ausgezahlt hat: „Es war sehr langwierig. Wir waren doch eineinhalb Jahre im Studio für die EP und das Album gemeinsam. Es war aber eine extrem coole Zeit. Sehr intensiv und interessant, weil ich auch zum ersten Mal in einem professionellen Studio war und mit einem Produzenten gearbeitet habe.“

Dead ist die Grenze

Der Schwere ihrer Songs zum Trotz zeigt sich AVEC optimistisch, was ihre eigene Zukunft betrifft. Dass Österreich nicht alle Tage Künstler auf die internationale Bühne bringt, muss nicht bedeuten, dass ihr das nicht gelingen kann: „Es wäre wirklich ein Traum auch aus Österreich rauszukommen – nicht nur nach Deutschland, sondern nach Amerika oder England. Aber man kann es nie sagen, die Musik ist ein unberechenbares Business.“

Die ersten Schritte sind mit der Veröffentlichung von „What If We Never Forget“ und der anschließenden Tour durch Österreich, Deutschland, Ungarn und die Schweiz auf jeden Fall getan. Wenn auch sie gerne im Studio arbeitet und eine derartige Tour an den Kräften zehrt, sieht AVEC sich ohnehin mehr als Live-Musikerin: „Gerade mit meiner Band ist es sehr cool, weil wir uns alle sehr gut verstehen, es ist eine zweite family, kann man sagen. Es ist anstrengend aber auch lustig. Man lernt nie aus, man spielt von Mal zu Mal besser zusammen.“ Dass ihr Leben dadurch zu dem eines Vagabunden wird, nimmt sie gerne in Kauf: „Wir sind da alle nicht sehr zimperlich. Man muss es nehmen, wie es kommt. Ob man in einem Hotel schläft oder einem Hostel, wo Bad und WC am Gang sind. Das ist halt das Tourleben.“
Viel mehr genießt sie das direkte Feedback, das man bekommt, wenn man vor seinem Publikum auf der Bühne steht, und ist zugleich von der Herausforderung fasziniert: „Wenn du live einen Fehler machst, dann machst du einen Fehler, das ist dann einfach so, es ist egal. Im Studio kannst du es immer neu einspielen, bis es perfekt ist. Live gibt es das Perfekte nicht.“
Zu verbissen wollen sie und ihre Band an die Sache nicht herangehen, viel mehr versucht man, sich einen Spaß aus den eigenen Fehlgriffen zu machen, erklärt AVEC: „Wir können da darüberstehen und sagen ‚Okay, das passiert‘. Entweder wir lachen auf der Bühne darüber oder schauen, dass es keiner merkt.“
Nach Abschluss der Tour will AVEC Ende 2016 wieder ein wenig runterkommen. Im nächsten Schritt soll es dann an das Songwriting für Album Nummer 2 gehen. In welche Richtung sich dieses entwickeln wird, lässt sich erahnen. In welche Richtung es nicht gehen wird, ist klar: „Als wir im Studio waren, habe ich gesagt, „Dead“ oder „Heartbeats“ ist die Grenze des Elektronischen. Ich will nicht zu sehr in diese Schiene, weil ich persönlich nicht der Typ für elektronische Musik bin, sondern eher der Akustische. Elektronische Musik wird es sicher nicht werden, wenn dann eher in die andere Richtung.“ Doch kann sie sich vorstellen, zukünftig einen fröhlicheren Ton anzuschlagen? Schließlich boomt der Markt in Sachen heiteren Singer/Songwriter-Nummern. „Kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, nein“, kontert AVEC gewohnt prägnant.
Doch bevor es soweit ist und der Nachfolger erscheint, wird „What If We Never Forget“ noch auf Vinyl erscheinen, und 2017 wird es mit Sicherheit wieder einige Konzerte geben.

Von wegen Starallüren

Und was ist mit Starallüren? Konnte man bei diesem plötzlichen und intensiven Erfolgslauf ein solches Aufkommen beobachten? „Ich bin am Land aufgewachsen und liebe es dort zu sein. Ich bin überhaupt kein Stadtmensch, ich bin so, wie ich bin. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann überheblich oder arrogant werden sollte.“
Wir werden es früher oder später herausfinden, bei all dem Potenzial, das in AVECs kreativem Schaffen und in ihrer Musik steckt. In ihrer Musik zum Vergessen, Vergeben, Verdrängen und Verlieren.

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