In den frühen Morgenstunden, kurz nach Mitternacht, kann man, wenn man aufmerksam auf den Straßen Fürstenfelds unterwegs ist, Fragmente von Lärm durch die Luft ziehen hören. Der Ursprung scheint unter dem eindrucksvoll alten Gebäude in der Mitte der Stadt zu liegen. Mächtig und riesengroß erhebt es sich in die Nacht und in der Mitte ragt ein schwarzer Turm in die Höhe.

Öffnet man die schwere Holztür, um hineinzugelangen, kommt man erst an einer kleinen Bibliothek vorbei und dann in einen Gang, an dessen Ende eine Stiege in den Keller des Gebäudes führt. Spätestens ab hier beginnt man, das Gehörte zu fühlen. Die Wände vibrieren und das alte Lüftungsrohr, das über die Stiege verläuft, knarrt und klirrt. Drückt man nun die letzte Türklinke nach unten, so erschlägt einen nicht nur das grelle Licht, sondern auch penetranter und intensiver Schweißgeruch. Pissgelbe Wände und ausgeblichene rote Vorhänge rahmen den mindestens ebenso scheußlich gelben von leeren Bierflaschen und Essensresten bedeckten Boden ein. An der Decke hängen demolierte Neonröhren, in denen mehrere Generationen von Insekten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben müssen. In der Mitte des Raumes liegt ein alter Perserteppich, darauf steht ein Tisch mit zwei großen Monitoren, Mischpulten und diversen Verstärkern. Boxen, Kabel und Mikrofone sind chaotisch im Raum verteilt. Im Halbkreis um den Tisch im Mittelpunkt des Raumes sitzen fünf Männer. Mit müden Augen starren sie fokussiert auf die Bildschirme vor sich und lauschen. Hier, wo früher die Kohle für die Öfen des K.u.K Staatsrealgymnasiums gelagert wurde, wird heute das Debütalbum von CroworD aufgenommen. „Wir haben 32 Tage in meinem Studio verbracht und konnten uns in dieser Zeit sehr gut auf Phrasing und Ausdruck konzentrieren”, erklärt Bandleader Lukas Rappitsch.

VOM BERGDORF IN DIE GROSSSTADT

Wer die Musik von CroworD verstehen will, muss vor allem die Geschichte hinter Lukas Rappitsch kennen. Ein großer Teil davon spielt im alten Kohlekeller in Fürstenfeld, aber die Geschichte von CroworD beginnt nicht dort, sondern in Judenburg, einer kleinen Stadt im steirischen Murtal. Alle Mitglieder der Band haben dort nämlich ihre Wurzeln. Man kannte sich schon seit Kindertagen und fand sich zufälligerweise als Erwachsene wieder, um gemeinsam Musik zu machen. Als Lukas Rappitsch, der Judenburg in seiner Jugend als erstes verlassen hatte und seitdem in Fürstenfeld lebte, Pläne zur Gründung einer Melodic Death Metal Band schmiedete und erste Songs dafür schrieb, waren es die alten Bekannten aus Judenburg, die sich mittlerweile zu den beeindruckend guten Musikern entwickelt hatten, die er für sein neues Projekt gesucht hatte: Michael Karner und Florian Bogensberger hatten beide Gitarre studiert und waren seitdem in verschiedensten Formationen quer durch alle Musikgenres unterwegs. Auch Gabriel Cresnar, Schlagzeuger der Band, hatte bei PHI und Sound Dealer mehr als genug Erfahrung gesammelt. Einzig Sänger Martin Karner – der gleiche Nachname ist bloß Zufall – fühlt sich selbst im Vergleich zu seinen Bandkollegen noch ein wenig als Anfänger: „Ich habe in der Band zum Glück vier Vorbilder, bei denen ich mir einiges Abschauen kann, was professionelle Arbeitsweise angeht”. Auf der Bühne steht Martin den anderen jedenfalls in nichts nach, denn sein brachiales und tiefes Growling ist längst zum unverwechselbaren Erkennungszeichen der Band geworden. Auch Lukas Rappitsch hatte sich seitdem er Judenburg verlassen hatte zu einem fähigen Musiker entwickelt. Schon in seiner Kindheit war Musik ein großer Teil seines Lebens, besonders in Form von klassischer Musik, denn seine Mutter war und ist professionelle Violinistin. Nach mehreren Instrumenten fand er schließlich zum Bass und verbesserte seine Fähigkeiten erst als Autodidakt, dann am Grazer Konservatorium und momentan an der Universität für Musik und darstellende Kunst, kurz MDW, in Wien. Diese große Spannweite an Erfahrung von Klassik bis hin zum Jazz findet man genauso in der Musik und den Arrangements von CroworD wieder.

DIE STARKEN MÄNNER UND DER WELTSCHMERZ

Franz Kafka, Aldous Huxley, Michael Ende, Antoine de SaintExupéry: alle Autoren von Werken, die in den Texten von CroworD verarbeitet, zitiert und neu entdeckt werden. Das mag im ersten Moment etwas überzogen, ja fast arrogant wirken, aber die Musik der Band schreit und verlangt förmlich nach Texten und Motiven „alter Meister”. Die Songs selbst strahlen eine unstillbare Sehnsucht aus, die sich mit einer romantisch eingefärbten Tragik verbindet. Es ist beinahe schon Weltschmerz, der instrumental umgesetzt wird, wobei der Schmerz in diesem Fall aufgebrochen wird, um dann in einer positiven Art und Weise neu verarbeitet und verpackt zu werden. Es scheint, als bewege man sich gleichzeitig auf Trauer und Freude zu, ohne eine endgültige Entscheidung treffen zu wollen oder zu können. Vor allem die Suche nach einem größeren Sinn und nach dem Jenseits spiegelt sich in den anspruchsvollen Texten der Band sehr stark wider. Bei der musikalischen Umsetzung dieser Gefühle und Bilder spielen die technischen Fähigkeiten der Musiker an ihren Instrumenten eine starke Rolle und man hört sehr deutlich, dass bei CroworD sehr professionell gearbeitet wird. Auch ihr Image wollen die Judenburger offensichtlich nicht dem Zufall überlassen: Bei jeder Gelegenheit präsentieren sie sich als starke und grimmige Männer. Härte zeigen, wo es nur geht, und einen bleibenden Eindruck hinterlassen, scheint für sie eine vorrangige Bedeutung zu haben. Wer CroworD live erlebt hat, weiß ganz besonders, was hier gemeint ist, aber auch der Online-Auftritt orientiert sich sehr stark an diesen Richtlinien. Es wird also nicht nur im musikalischen Sinn der Melodic Death Metal aus Skandinavien als Vorbild genommen und kreativ, aber doch „traditionsbewusst” weiterentwickelt, sondern auch das genretypische Auftreten und die Kommunikation.

QUER DURCH EUROPA

Mit ihrem Debütalbum „The Great Beyond”, das im Sommer 2017 veröffentlicht wird, konnten CroworD nicht nur einen Labeldeal mit Fastball Music abschließen, sondern auch eine weitläufige Tour durch Europa planen. Im Herbst machen sie sich erst zusammen mit Red Swamp auf den Weg durch Osteuropa und danach mit Dark Millenium und Frantic Amber durch Skandinavien und Mitteleuropa. Mix und Mastering für „The Great Beyond” kommen ebenfalls aus dem hohen Norden Europas, und zwar vom Fascination Street Studio. Jens Bogren und André Alvinzi, die ihre Hände bei Alben von At The Gates, Insomnium, Paradise Lost und Arch Enemy im Spiel hatten, haben den Sound des ersten CroworD Albums zu verantworten. „Jeder noch so kleine Wunsch wurde uns von ihnen im Mix erfüllt”. Hinter der ersten Live-Show von CroworD steckt übrigens eine interessante Geschichte. Diese fand nämlich im Rahmen einer Vorlesungsreihe an der MDW in Wien statt. Nachdem den ganzen Tag über Metal referiert wurde, spielten CroworD ihre erste Show vor den Besuchern der Vorlesung. Es kommt sicherlich nicht jeden Tag vor, dass auf einer Universität Headbangen und Death Metal Einzug halten, aber an diesem Abend verwandelte sich der Hörsaal in eine dunstige Konzerthalle und die Professoren in grölende Metalheads.

[Ein Text von Philipp Annerer]

[Dieser Artikel erschien im Sommer 2017 in PARADOX #05]

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