Für viele bleibt es ein Traum, für Gerri Jäger wurde es zur Wirklichkeit

Er lebt schon seit über 10 Jahren als Musiker in Amsterdam, und zwar in einem Genre, in dem die meisten froh sind, überhaupt als Musiker leben zu können.

Gerri Jäger ist in der zeitgenössischen, exprerimentellen Szene unterwegs und immer auf der Suche nach ansprechenden neuen Rhythmen und Klängen. Wie ist es dazu gekommen? „Es war ein schöner Zufall: Als ich noch in Tirol studierte, besuchte ich zwei Freunde, die schon dort studierten, und weil zu dieser Zeit gerade Aufnahmeprüfungen am Amsterdamer Conservatorium stattfanden, überredeten mich die beiden, mitzumachen. Zum Glück war mein Erwartungsdruck ziemlich klein, da ich große Ehrfurcht vor dem sehr guten Ruf dieser Schule hatte, und konnte somit sehr gut performen und die schwierige Prüfung bestehen. Innerhalb von zwei Wochen musste ich mich dann entscheiden und mein Leben ziemlich umkrempeln“, erzählt Gerri. 2005 konnte ich Gerri zum ersten Mal live erleben. Mit seiner damaligen Free Jazz/Rockband „Brown vs. Brown“ spielte er im Wiener Rhiz und beeindruckte schon damals durch seine extreme Spielfreude, seine innovativen Ideen und seine abgefahrenen Grooves.

Mittlerweile ist er Drummer in zahlreichen Bands, die auf experimentelle Weise Jazz, Klassik, Pop, Rock, Dance und elektronische Musik verbinden. Er verwendet neben den verschiedensten Schlaginstrumenten auch alle möglichen Computer. Effektgeräte, Synthesizer und ein Casio Keyboad, welche er auch gezielt und effektiv einsetzen kann. „Sehr interessant war bisher die Zusammenarbeit mit Raphael Vanoli, meinem Duokollegen bei Knalpot. Er erschien bei unseren Konzerten jedes Mal mit über 50 Effektgeräten, während ich mich mit meinen Drums und ein paar Percussioninstrumenten begnügte. Und um diese große Lücke zu schließen, lernte ich, mich mit den verschiedensten Instrumenten anzufreunden und erweiterte mein Gear um zahlreiche Effektboards, Loopgeräte, Synthesizer und sogar eine Casio Keyboard.“ Mittlerweile kommt es zu einem richtigen Aha-Erlebnis, wenn man bei einem Knalpot LiveAuftritt die Augen aufmacht und statt dem erwarteten Orchester nur zwei Musiker erkennen kann. Nachdem sie zuvor zwei EPs aufgenommen haben, erschien dann 2014 ihr erstes Album. Im Frühjahr sind Konzerte in Österreich beziehungsweise Deutschland geplant, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Die beiden grooven ohne Ende, man tanzt zu Klängen, die man noch nie gehört hat.

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Gerri Jäger – (c) Sarah Van Sonsbeeck

2014 stand auch im Zeichen von Naked Wolf, einer wilden Experimental Jazz/Fusion Band mit Mitgliedern (und daher auch Einflüssen) aus Brasilien, Frankreich, Holland, Australien und Österreich. Nachdem das Album „Naked Wolf“ herauskam, wurde in verschiedenen Städten in Europa konzertiert. Das Album ist ein Muss für jeden Jazzfan, der nicht in den 60ern stehengeblieben ist. 2015 gibt es gleich drei neue Projekte für Gerri Jäger: Mit Sgt.Fuzzy entstand Anfang September ein neues Album. Kontrabass, zwei E-Gitarren, Synthie, Midi-Saxofon (Ewi) und Drums lautet die ungewöhnliche Besetzung der Band aus Antwerpen, und obwohl Jazzsound und freie Improvisation einen großen Stellenwert haben, wurde ein sehr zugänglicher Pop/Rockstil kreiert mit Einflüssen von Radiohead, Björk, Alasnoaxis und Weather Report.

Ziemlich schräg wurden die Aufnahmen für Bandwidth, einem Electronics Duo aus Paris, welches durch Gerri Jäger als Special Guest verstärkt wurde. David Vilayleck aka Ayankoko und Mathieu Garrouste arbeiten mit Laptop, Turntables, Effekten und E-Gitarre und manipulieren die Sounds sehr drastisch, während auch Gerri Jäger seine Drumloops mit allen Mitteln bearbeitet. Das Ergebnis kann man als Post-Industrial Ambient-Noise Music bezeichnen, wurde für das Wiener Label Moozak produziert und ist als Soundfile im Internet zu haben oder auf lustigen blauen oder gelben Tapes. Im Oktober soll das dritte Album von Rooie Waas herauskommen, eine popartige Band mit kritischen niederländischen Texten mit Hang zum Dadaismus. Der niederländische Vokalist Gijs Borstlap und der Finne Mikael Szafirowski gründeten dieses Trio 2011 und schon 2012 erschien das Debütalbum. Bei Rooie Waas wird nicht nur soundmäßig viel experimentiert (vor allem mit E-Drums und Synths), sondern auch textlich. Aber wie ist es nun eigentlich, als Musiker in Amsterdam zu leben? „Sehr inspirierend ist das internationale Flair“, berichtet Gerri euphorisch, „die Musiker kommen von überall her, man kann gegenseitig neue Entdeckungen austauschen, das musikalische und technische Niveau ist extrem hoch und viele Improvisationspioniere wie Han Benning oder Misha Mengelberg kann man live erleben.

Um als Musiker in Amsterdam überleben zu können, darf man sich allerdings nicht ausruhen, die Konkurrenz ist groß und die Mieten ziemlich hoch. Sehr viel Spaß macht natürlich auch das Radfahren sowie ein paar coole Underground Clubs. Angenehm ist auch, dass die meisten größeren Städte sehr nahe sind und man deshalb zu den Auftritten nicht so weit reisen muss. Einige Strände wie Zandvoort oder Scheveningen sind nicht weit entfernt und es gibt auch großartige Parks in und um Amsterdam.“ Und wie sieht Gerri seiner musikalischen Zukunft entgegen? „Ich hatte das Glück, die „Werkbeurs Compositie“ gewinnen zu können, eine Stiftung, die eigene Kompositionen fördert. Daraufhin schloss ich mich drei Wochen lang in einem Studio in Polen ein und lies neue Eigenkompositionen entstehen, entdeckte neue Sounds und frische Beats. In der nächsten Zeit werde ich alles dransetzen, diese Ideen umzusetzen.“ Hast du auch Ratschläge für unsere angehenden Nachwuchsstars? „Am wichtigsten ist es, mutig zu sein, Risiken einzugehen und sich selbst und das Publikum öfter mal zu überraschen. Als Musiker ist es auch notwendig, Menschen zu inspirieren und die interessanten Ideen mit anderen zu teilen.“

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