Nur zwei Jahre nach ihrem Debütalbum „Erntezeit“ sind Drescher aus der österreichischen Metalszene genauso wenig wegzudenken wie ein Sofa aus einem Wohnzimmer.

Die härteste Volksmusik, die die Welt je gehört hat, ist fixer Inventarbestandteil unseres Landes geworden und nach anfänglichen Schwierigkeiten darf getrost behauptet werden, dass sie nicht nur unweigerlich dazugehören, sondern die hierzulande vorherrschende Mentalität auch wunderbar in ihren Sound übersetzen. Das beweisen sie dieses Jahr aufs Neue mit ihrem zweiten Album namens „Steinfeld“.

Konzept ist alles

Die fünf Mitglieder der in Niederösterreich ansässigen Band haben einen langen und steinigen Weg in der Musikbranche hinter sich. Rund drei Jahrzehnte voller weniger erfolgreichen Projekten tragen die Gründungsmitglieder Bernd Wograndl und Gernot Engel auf ihren Schultern. Mit Drescher sind sie nun endlich dabei, das zu erreichen, wovon sie schon seit den 90er-Jahren träumen – auch wenn sie noch immer für die Band und nicht davon leben können. Wegweisend für den Aufstieg war ihr erstes Album „Erntezeit“, das zunächst in Deutschland, wenig später aber auch in Österreich viele Fans um sich scharte. Seit kurzer Zeit gehören sie zu der großen Familie des steirischen Labels Napalm Records und der Weg für ihren Quetschn-Thrash-Metal scheint geebnet zu sein.
Das Erfolgsrezept von Drescher heißt: komplettes Konzept. Toni Meloni, der Produzent ihres ersten Albums, war der erste, der auf die Idee aufgesprungen ist und meinte, er könne Drescher bei der Umsetzung ihres Vorhabens professionell unterstützen. Das Endergebnis ihrer Zusammenarbeit, „Erntezeit“, ist von vorne bis hinten durchdacht und mit dem Gesamtkonzept von Drescher abgestimmt – denn die Musik alleine sei heute zu wenig. So greifen Drescher passend zu ihrer musikalischen Mischung aus österreichischem Dialekt, Quetschn-Klängen und Thrash Metal optisch zu Lederhose und Karohemd. Wograndl betrachtet dieses Anders- und zugleich Authentisch-Sein als ausschlaggebend für den Erfolgskurs der Band: „Wir sind keine Ritter, wir haben mit Kelten ganz wenig am Hut. Österreichische Musik war der einzig logische Weg, sonst wären wir weiter im Keller geblieben.“

Zurück zu den Wurzeln

Ihr neues Album führt Drescher zurück zu ihren Wurzeln. Betitelt ist der zehn Nummern starke Longplayer nach der Herkunftsregion der Band, dem Steinfeld in Niederösterreich. Die „Trockene Ebene“, wie diese Region auch genannt wird, sei eine düstere Umgebung, so Engel und Wograndl. „Wir sehen uns hier in einer Reihe mit Slipknots ‚Iowa‘ oder Judas Priest’s ‚British Steel‘. Iowa ist für Slipknot die Quelle ihrer Energie und hilft ihnen, ihre kreative Orientierung nicht zu verlieren. Wir können für das Steinfeld nur das gleiche sagen“, bestimmen Drescher die Rolle ihrer Heimatregion. Um das zum Ausdruck zu bringen, ist „Steinfeld“ prall gefüllt mit diversen Gefühlen rund um diesen Ort, ums Erwachsenwerden, Hoffnung und Trauer, Hass und Sehnsucht.
Als Produzenten erwählten Drescher dieses Mal Sky van Hoff von den Baracks Studios. Mit ihm gemeinsam arrangierten die Mitglieder alte Riffs und Songideen und formten das Ganze zu einer einheitlichen Geschichte. „Das Album ist kompakter, die Nummern sind auf den Punkt gebracht. Wir wollten etwas aus einem Guss“, so Wograndl. Dieses Ziel erreichen sie nicht nur aufgrund der flüssigen Übergänge zwischen den Songs, sondern auch wegen der allseits mitschwingenden düsteren, hinterfragenden und leicht melancholischen Stimmung. Abgerundet wird dieses Gesamtpaket mit dem kräftigen Drescher-Sound, der diesmal sowohl seine ruhigen als auch angriffslustigen Grenzen austestet.

Drescher überraschen nicht nur mit nachdenklichen Passagen, sondern haben auch einige andere Besonderheiten auf ihr Album gepackt. Ein Highlight ist mit Sicherheit der Auftritt des Mädchenchors aus dem Bundesgymnasium Zehnergasse unter der Leitung von Frau Schneider. „Wir wollten unbedingt einen Kinderchor haben“, erzählen Wograndl und Engel. „Vom anfänglichen Kinderchor kamen wir dann zum Mädchenchor. Die Mädels haben ihre Sache ausgezeichnet gemacht.“ Um den Jugendchor passend in Szene zu setzen, betonen Drescher in den jeweiligen Songs auch textlich die Ambivalenz zwischen erwachsener und kindlicher Stimme. Wem ein Kinderchor nicht genug Abwechslung ist, der darf sich zusätzlich auf den Bonustrack „Die Marie“ freuen: Hier baute die Band auch noch Opernsänger Angelo Melzani ein.

Die jüngste Single-Auskoppelung, „A bissl Glick“, verschafft Fans und jenen, die es noch werden wollen, bereits einen guten Vorgeschmack auf das Album. „Wir haben nach einem geeigneten Intro gesucht, dass die Grundstimmung des Albums einfängt. Im Laufe der Produktion hat sich dann das Intro zu einer ganzen Nummer ausgewachsen“, so Wograndl. „A bissl Glick“ symbolisiert Abschluss und Neubeginn; zwei Aspekte, die auch das Musikvideo, das diesmal als Animation daherkommt, einfängt. Typisch Drescher ist dieser Song zwar nicht – noch nicht –, aber typisch wollen Drescher vermutlich auch nicht sein. Typisch wäre ja nicht einzigartig, nicht neu und schon gar nicht purster Thrash – all das, was Drescher eben sind.

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