Ein unbekannter Musiker meinte vor einigen Jahren: „Die Musik lebt von den Wahnsinnigen, den Wahnsinnigen, die entgegen aller Vernunft all ihr Geld und ihre Zeit für die Musik opfern.“

Man möchte meinen, auch Jonathan Gabler sei einer dieser Wahnsinnigen. Schließlich fasst man auch als Musikliebhaber nicht so einfach den Entschluss, ein professionelles Label aufzubauen, das nationale wie auch internationale Relevanz erreichen soll. Was heute in Form von Panta R&E für Furore in der heimischen Rockszene sorgt, nahm seinen Anfang im Jahr 2012, als Gabler das Bandmanagement von Mother’s Cake übernahm. „Dazu kam es, weil die Jungs bei meinem Vater, Georg Gabler, im Studio waren, um mit ihm ihr Debütalbum „Creation’s Finest” zu produzieren. Sie haben gesucht, ich war verfügbar – so einfach ist es manchmal.“ Gleichzeitig übernahm Gabler „GAB Music“, das Label seines Vaters, das zu dieser Zeit jedoch nur als Grundkonstrukt existierte und inaktiv war. Doch erst als man 2014 Panta R&E als Nischenlabel gründete, fruchtete auch die Arbeit: „Glücklicherweise konnten wir mit unserem Konzept auch einen der weltweit größten Indie-Vertriebe, nämlich Rough Trade Distributions, überzeugen.“ Weiterer wichtiger Partner ist ihr bereits 2009 in Wien gegründetes Studio GAB Music Factory unter der Leitung von Georg Gabler und Oliver Kamaryt, das in den meisten Fällen an der Produktion beteiligt ist. Die GAB Music Factory hält neben dem Studio außerdem Proberäume für Bands parat, die stundenweise vermietet werden. Mittlerweile arbeiten vier Leute bei Panta. Da wären Natascha Veen, die sich um den Verlag und Aufgaben im Bereich Künstlerverträge und Finanzcontrolling kümmert, und Bertram Kolar als Inhouse-Booker. Stephan Reindl kümmert sich um den Bereich der Veranstaltungsorganisation und Buchhaltung. Der vierte im Bunde ist Gabler selbst, der sich neben der Promotion und Kommunikation um alle anderen Tätigkeiten, die jeden Tag so anfallen, kümmert. Zwar kann Gabler einen alltäglichen Arbeitsablauf bislang noch nicht definieren, doch der Job eines Labelmanagers hört sich vielleicht oft glamouröser an, als er es ist: „Also Whiskey und Zigarren kann ich mir von den Labeleinkünften leider – noch – nicht leisten“, schmunzelt er.

Das Verrückte hegen

Der Gedanke, der hinter Panta R&E steckt, ist die Arbeit natürlich dennoch Wert: „Das Label will das abdecken, wofür es bei vielen österreichischen Labels keinen Platz gibt: progressive Gitarrenmusik. Wir versuchen das Verrückte zu hegen und zu pflegen, ja fordern es sogar bis zu einem gewissen Grad ein. Wir finden, dass es an der Zeit ist, den Rock für unsere Generation neu zu definieren.“ Mit eben jenem Hintergedanken hebt sich das junge Wiener Label auch sehr drastisch von den Majors ab, für die Gabler nur wenig erwärmende Worte übrig hat: „Eigentlich gehen mir die Majors ziemlich weit sonst wo vorbei. Sie sind ein Relikt aus einer Zeit, in der man sogar mit nationalen Acts noch massiv Kohle machen konnte. Ihre Arbeit ist geprägt von unfairen Verträgen und undurchsichtigen Abrechnungen. Durch die fortschreitende Digitalisierung wird ihr Einfluss meiner Meinung nach weiter sinken, weil die Majors zu groß sind, um schnell auf die rapiden Veränderungen des Marktes zu reagieren.“

Das Ergebnis dieser Philosophie lässt sich am besten an den Bands des Labels ablesen, und diese Liste zergeht einem auf der Zunge. Die Speerspitze im Roster sind derzeit unumstößlich Mother’s Cake, die für Gabler auch als Eisbrecher des Labels fungieren, „da hier schon die größten Erfolge verbucht wurden und laufend neue hinzukommen. Bei ihnen geht es derzeit darum, internationale Märkte zu erschließen.“ So erschien das aktuelle Album „Love The Filth“ im Oktober auch in Großbritannien. Doch vielleicht machen erst die anderen Bands Panta R&E zu einem so interessanten Label. Im Oktober erschien „Glass Bones“ von Lausch, bei dem Gabler als einer der Produzenten agierte. Parasol Caravan, die auf den ganz trockenen Wüstenrock setzen, haben im Herbst mit „Para Solem“ ihr Debüt veröffentlicht. Für zukünftige Releases ist indes bereits gesorgt. Solar Blaze, laut Gabler eine „extrem junge und großartige Jamband“, produzieren ihr Debüt mit dem Frontmann von Milk+. Diese wiederum „produzieren unwiderstehlich guten Space Rock und werden ebenfalls mit ihrer nächsten Scheibe bei uns erscheinen.“ Auch zum Wiener Sextett Palindrome hat Jonathan Gabler Vielversprechendes zu vermelden: „Sie haben ein Genre für sich selbst geschaffen: Ich würde sie unter Avantgarde Progressive Rock einordnen. Ihre LP erscheint Anfang 2016.“ So stellt sich Panta R&E als durch und durch rockorientiertes Label dar, das man auch in Zukunft nicht verwässern will. Für Musik anderer Art hat man jedoch ein Ass im Ärmel: „Für diesen Fall haben wir mit GAB Music ein zweites Label unter demselben Dach. Die perfekte Möglichkeit, mit Künstlern anderer Genres zu arbeiten. Zum Beispiel arbeiten wir mit der großartigen Alternative Pop Band Klay aus Graz zusammen.“

Zurück in die Zukunft

Bei einem Label, das „weg vom eingestaubten Lederjacken- und Bikerimage, hin zu etwas Modernem“ will stellt sich zwangsläufig die Frage, auf welchen Kanälen man seine Musik vertreibt. Angesprochen auf das Thema Streaming, zeigt sich Gabler zwiegespalten: „Als User darf man natürlich zurecht begeistert sein. Für die Künstler und letztendlich auch für die Labels wird es allerdings nicht unbedingt leichter. Man kann das Streaming aber auch als Chance erkennen, von Usern entdeckt zu werden. Es ist sicherlich ein heißes Eisen. Wir experimentieren selbst ein wenig damit. So haben wir das neue Mother’s Cake Album nicht zum Streaming auf Spotify und Co. freigegeben. Wir haben dafür einen gratis Stream auf einer BandcampSeite eingerichtet, die komplett in der Kontrolle der Musiker ist und auch transparent abrechnet. Mal schauen, ob ein Unterschied zu spüren ist.“ Doch privat legt Gabler ganz andere Kaufgewohnheiten an den Tag: „Wenn ich Musik kaufe – und sie nicht geschenkt bekomme – dann auf Vinyl“, grinst er. „Am liebsten in geilen Verpackungen und schön schwer, wenn geht mit Download-Code, damit ich mir das auch unterwegs geben kann.“

Die Gegenwart gestaltet sich für Panta R&E, seine Bands und deren Fans also als höchst spannende Epoche in der Geschichte des Labels, die lange in Erinnerung bleiben wird. Stellt sich noch die Frage nach der Zukunft. Wo wird es hingehen für Jonathan Gabler und seine Kollegen? „Wir möchten uns zunächst auf dem deutschsprachigen Markt etablieren und langsam weitere Kreise ziehen. Internationale Bands sind definitiv ein Thema in der Zukunft. Wir möchten außerdem unser Angebot für die Bands stetig festigen und erweitern, wie zum Beispiel mit Booking, Verlag, Veranstaltungen, et cetera.“
So wahnsinnig mag das alles nun nicht mehr klingen, sondern vor allem professionell, zukunftsträchtig und ambitioniert, ein gemäßigter Wahnsinn eben. Die Wurzel allen Wahnsinns liegt in einer Vision oder einem Traum. Und wenn man Jonathan nach seiner Traumband für sein Label fragt? „Persönlich gibt es für mich nur eine Antwort auf diese Frage: Mastodon. Kurz hätte ich auch an Red Fang gedacht, aber Mastodon ist einfach in allen Belangen atemberaubend. Und geile Typen sind das noch dazu.“

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