Als H.C. Straches Anwältin den Impuls zu einem Hilfsprojekt für Flüchtlinge gab

„Ein rechtes Schwein darf kein Leitwolf sein.“ Diese Worte als Meme in Verbindung mit einem Bild von Heinz Christian mit Schweinenase haben Christoph Hahn – unter dem Künstlernamen Leitwolf als Musiker, Produzent und Schriftsteller bekannt – 88 Euro gekostet. Im Mai 2016 verurteilte ihn ein Gericht wegen Beleidigung. Seine Schuld bestritt Hahn nie, Strache schickte dennoch zwei Anwälte zur Verhandlung – mit Erfolg. Denn Heinz Christian Strache war um 88 Euro reicher und Hahn wurde zu einem der schönsten Integrationsprojekte des Landes inspiriert. Ausgerechnet Straches Anwältin war es, die sich nach der Verhandlung an den Verurteilten wandte und „Feat. Respect“ verursachte: „Sie sind ja kein dummer Mensch. Kritik anbringen schön und gut, aber das machen sie zukünftig gefälligst anders.“
Hahn überzeugte Zebo Adam, der unter anderem Bilderbuchs Hitalbum „Schick Schock” produzierte, und Alexander Lausch, Mitglied der Bands Lausch und Freischwimma, von seiner Idee eines gemeinsamen Samplers von heimischen und geflüchteten Musikern. Mit Bettina Pammer für PR und Administration und Manuel Scharf für Webauftritt und Design war das Team komplett. Universal Music konnte als Vertriebspartner für das Projekt gewonnen werden.
Das Ergebnis der gemeinsamen Bemühungen ist ein Sampler mit Beteiligungen heimischer Acts wie Steaming Satellites, Bauchklang feat. Yasmo, Mono & Nikitaman, Sofa Surfers, Mother’s Cake und Hahns eigener Band Turm & Strang. Zwei Drittel der Songs kommen von Musikern, die aus ihren Heimatländern nach Österreich flüchteten. Abgesehen vom Mono & Nikitaman Beitrag sind sämtliche Songs exklusiv für den Sampler.

Ein multikulturelles Netzwerk

Am Fest der Begegnung in Stockerau stieß Hahn auf die Band Musafer, eine fünfköpfige, syrisch-afghanische Band, die tanzbare Heimatmusik macht. Über deren Tabla-Spieler Sohail Karimi lernte Hahn wiederum Sobeir Bachtiar, einen aus Afghanistan stammenden und in Wien lebenden Multiinstrumentalisten, kennen. Yasmo arbeitete zu dieser Zeit im Rahmen eines Workshops mit vier Mädchen aus Syrien, die für „Feat. Respect“ einen Hip-Hop Track aufnahmen. Auch der Voices for Refugees Chor und Open Piano for Refugees, die im öffentlichen Raum frei zugängliche Klaviere zur Verfügung stellen, waren wichtige Anlaufstellen für die Umsetzung.
Vor allem eine gute Mischung war wichtig, wie Hahn betont: „Wir wollten zum einen etwas sehr Buntes haben, aber auf der anderen Seite – für den Verkauf sehr wichtig – Namen, die dem ganzen Gewicht geben. Wenn du nur mit Flüchtlingen Musik machst, dann ist das ‚Einzugsgebiet‘ sehr klein. Deshalb haben wir heimische Acts dazu genommen, die zu dem Thema Lieder beisteuern.“

Ohne Grenzen

Grenzen gibt es bei dem Projekt nicht – weder in musikalischer, noch in geografischer Hinsicht. Der Voices for Refugees Chor besteht aus Österreichern wie auch Flüchtlingen aus aller Welt; viele von ihnen leben schon länger hier, andere wiederum sind erst im vergangenen Jahr nach Österreich gekommen, viele von ihnen aus Syrien. Mit dem Tiroler Progressive Rock von Mother’s Cake gibt es einen Beitrag aus der härteren Schiene, während die Sofa Surfers elektronische Sounds liefern, Mono & Nikitaman ihr Dancehall-Reggae-Ding durchziehen und sich ein nigerianischer Reggae-Track an eine instrumentale Nummer aus Gitarre und Piano reiht.
Die musikalische Grenzenlosigkeit relativiert Hahn jedoch ein wenig: Ein Grundsatz steht bei ihm ganz oben, wodurch ihn zum Beispiel eine Beteiligung von Andreas Gabalier wenig reizen würde, auch wenn er sich über derartigen Marketingwert im Klaren ist. „Es soll alles einen künstlerischen Wert haben, und da hört es tatsächlich bei Andreas Gabalier auf bei mir“, betont aber gleichzeitig, dass das nur seine ganz persönliche Meinung sei.

Haus Arjan

Für ein Jahr verzichten alle Beteiligten auf sämtliche Tantiemen, alle Einnahmen gehen an das Haus Arjan in Mistelbach. Nach diesem Jahr sollen alle unverkauften Tonträger ebenfalls der Einrichtung zur Verfügung gestellt werden, um durch den Verkauf bei Veranstaltungen weitere Erlöse erzielen zu können.
Das Haus Arjan der Caritas ist eine Anfang 2016 errichtete Container-Siedlung, in der geflüchtete Familien und unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wohnen – insgesamt 90 Menschen. Das Geld soll in die Gestaltung der Anlage und in Unterrichtsmaterialien für Deutschkurse fließen. Als studierter Germanist auf Lehramt gibt Hahn seit Oktober selbst Sprachunterricht im Haus Arjan.

Konzerte und Vol. 2 in Planung

Für die Zeit nach dem Release gibt es bereits weitere Pläne: „Feat. Respect“ soll auf die Bühne gebracht werden. Außerdem wird dieser Sampler nicht der einzige bleiben. Zwar waren nicht alle Reaktionen positiv und nicht alle kontaktierten Musiker waren für das Projekt zu gewinnen, dennoch zeigten sich so viele Künstler an einer künftigen Beteiligung interessiert, dass Volume 2 bereits in Planung ist. White Miles, Garish und Krautschädl stehen für Vol. 2 bereits fest. Zudem befinden sich Verhandlungen mit einem namhaften deutschen Musiker auf der Zielgeraden. Momentan will man den Ball diesbezüglich noch flach halten. So viel sei verraten: Der Sänger dieser deutschen Rockband würde viele weitere Schlagzeilen bringen und den Nachhaltigkeitsgedanken des Projekts stärken.

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