Mit Grazie, gepuderten Wangen und dem nötigen Bass begeistert das Electrococo Trio Johann Sebastian Bass seine Fans. Ist es das Gesamtkonzept, das die Zeitreisenden so begehrt macht?

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Bombastisch und gleichermaßen einladend verlockt einen die Ouvertüre oder Opener „Incantatio“ des Albums „Sugar Suite“ zur genauen Betrachtung dieses Kunsttrios. Auf einmal waren sie da im hier und jetzt, damals im Jahr 2011 im 15. Bezirk unserer Hauptstadt. Beabsichtigt war weder der Unfall am Hof von König Ludwig XV., noch die Tatsache, dass die Zeitmaschine die drei unehelichen Söhne Johann Sebastian Bachs in die Zukunft geschickt hat. Wirklich angekommen sind die drei allerdings nicht im Hier und Jetzt. Es gibt immer noch Dinge, die die Drei wirklich vermissen. Reifröcke. „Wir würden uns schon mehr Damen in großen Reifröcken wünschen bei unseren Konzerten. Aber auch die jetzige Mode hat natürlich ihren Reiz. Wenn nicht sogar zu großen Reiz.“ Die weiblichen Fans der Moderne nehmen kein Blatt mehr vor den Mund, was die drei Herrschaften allerdings auch nicht stört. „Unser Vater hat ja schon damals gesagt, der Bass muss ficken. In welchem genauen Zusammenhang er das gemeint hat, darüber lässt sich streiten. Wer weiß.“

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„Und womit wir uns noch nicht anfreunden können ist, dass die Perückenläden so stark abgenommen haben. Im 18. Jahrhundert gab es da doch mehr Auswahl und Möglichkeiten sich auszustatten. Heutzutage werden wir nur noch im Faschingsfundus fündig und werden dort ausgelacht. Das war früher ein bisschen anders“, gibt Johann Domenicus Bass zum Besten. Allerdings spenden die Worte der Fans und die vielen positiven Reaktionen auf Facebook und Co Trost. Ein wahrlicher Balsam für die Seele, wie Johann Davidus Bass schwärmt. „Wir hätten bei Weitem nicht mit soviel positivem Zuspruch gerechnet. Wir hatten das auch nicht wirklich einschätzen können, in wie weit die Öffentlichkeit heutzutage auf Perücken reagiert und so altmodische Cembalo-Verzierungen in unseren Werken. Aber umso mehr erfreut es uns, dass wir doch nicht so altmodisch sind, wie wir erscheinen mögen.“
Ihre Perfomance auf der Bühne wirkt nicht gekünstelt, aber dennoch bis ins kleinste Detail geplant. Neben kapriziösen Chorälen, Clubbeats, Funk und einer Spur Bass ist es vermutlich die Verschmelzung von Barock und Moderne, die diese Band so einzigartig macht.

„Kein Bier, weil wir doch ein bisschen Anspruch haben an das was wir tun. Der Gerstensaft ist zwar auch vieles wert, aber Milch ist nach wie vor doch das Gold für unser Haar.“

Neben absolutem Hörvergnügen bescheren einem die Elektro-Pop Künstler auch etwas fürs Auge.
Vielleicht liegt’s an der Milch? Anders als bei manch anderer österreichischen Band liegt die Milch im Fokus der drei Jungs aus Wien: „Kein Bier, weil wir doch ein bisschen Anspruch haben an das was wir tun. Der Gerstensaft ist zwar auch vieles wert, aber Milch ist nach wie vor doch das Gold für unser Haar.“ Für jede Band ist der Anfang in Österreich schwer, egal aus welcher Zeit sie kommt. Promotion ist gerade heute wichtig, wie Johann Martinus Bass erklärt: „Ich glaube die Promotion von österreichischen Bands kann wirklich toll sein. Es passiert auch viel. Der Österreicher muss erst wieder lernen, österreichische Musik zu schätzen. Ich glaube das ist der wichtigste Punkt an dem man ansetzen muss. Und ich glaube es passiert auch im Hier und Jetzt etwas. In fünf Jahren steht die österreichische Musikszene im Auge des Sehers, Hörers oder Betrachters ganz woanders. Das ist schön so. Doch momentan ist es noch ein kleiner Kampf. Aber die Lage bessert sich.“ Bilderbuch und Wanda will Johann Domenicus Bass daraufhin ein Danke aussprechen. „Für Bands, die jetzt in ihre Fußstapfen treten können, ist der Weg wirklich schon etwas leichter. Aber es ist nach wie vor noch viel zu tun.“

Ende 2014, nach intensiver Zusammenarbeit mit dem Produzent Zebo Adam, war es dann endlich soweit, das Debütalbum „Sugar Suite“ wurde präsentiert. Vorboten dieser nicht nur musikalisch, sondern auch grafisch, besonders ansprechenden Platte waren die beiden Singles „Heart Of Stone“ und „Voodoo“, sowie die fünfTrack-EP „Cantata Per Una Macchina, Opus 1“ und die Single „Computer Lovin“ aus dem Jahr 2012. Im Rahmen des Begräbnisses eines bekannten Komponisten lernten sich die drei in Leipzig 1757 kennen. Die drei Brüder Johann Davidus Bass (Basspauke), Johann Martinus Bass (Sprechkasten) und Johann Domenicus Bass (Cembalo) verstehen es opulente Bässe und barocke Klänge so verschmelzen zu lassen, dass aus ihren Melodeyen nicht nur Funk fürs Schlafzimmer wird, sondern viel mehr tanzbeinschwingendes Neodisco Repertoire und genau dieser Musikmischung bleiben sie auch nach wie vor treu, wie die Songs „Absolutio“ und „Monsters“, die im Rahmen des Songcontests 2015 geschrieben wurden, beweisen. Ihr Erfindungsreichtum und Hang zum Drama, was ihre Performance angeht, ergänzen ihre spätbarocken Intermezzi. Ihr Sound wird durch das vielseitig eingesetzte Cembalo, aber auch durch die sogenannte Talkbox geprägt, mit deren Hilfe Johann Martinus Bass seine Stimme gelegentlich verzerrt.
Festgefahren ist ihr Set allerdings nicht. Erst kürzlich offenbarten sie im Radio Kulturhaus eine ruhige, fast schon atmosphärische Seite und tauschten ihre Clubsounds gegen ein Kammerorchester ein.

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In ihren Werken besingen sie nicht nur die Liebe, sondern auch Sehnsucht, den Teufel und die Leidenschaft, was Johann Martinus Bass wie folgt erklärt: „Man besingt natürlich Situationen, die man erlebt und auch Menschen, die man getroffen hat. Ob es immer die große Liebe ist, über die man singt, oder einer heimlichen Liebe gewidmet ist, das lassen wir offen. Der Teufel ist immer dieselbe Person. Da haben wir damals, wie auch jetzt über denselben gesungen. Die Leidenschaft ist auch immer die Selbe. Wir werden älter. Das Testosteron wird weniger – so auch die Leidenschaft. In unseren Texten ist das Thema nicht immer gleich Inhalt. Oft werden Dinge thematisiert, für die gewisse Dinge nur als Metapher stehen. Wenn’s um eine Beziehung geht, muss es nicht sofort eine Liebesbeziehung sein. Es könnte auch eine Beziehung zwischen einem Börsenmakler und der Natur sein. Und so hat jeder Song seine eigene Interpretation von unserer Seite und ich hoffe auch vom Publikum.“

Der Börsenmakler also – vielleicht ist er der jemand, der sich hinter dem Song „Heart of Stone“ versteckt. Besagter Song hat nicht nur viele Fans, was die Social Media Kanäle angeht, sondern auch ein Video, das für Gänsehaut sorgt. Im Video selbst verliert Johann Martinus Bass sein Herz an eine entzückende, halb verweste Zombiedame, die zwar eine Beziehung mit ihm eingeht, ihm aber längst nicht die Liebe entgegen bringt, die er ihr schenkt. Zum Schluss erwischt er sie in flagranti. „Es war nicht unsere Idee. Es war die Idee unseres mittlerweile besten Freundes Silvan Huber, der an uns herangetreten ist und gesagt hat, dass er unsere Konzerte schon seit eineinhalb Jahren verfolgt. Wir sind ihm sehr dankbar. Zusammen mit Michael Eisinger ist Silvan auf die Idee gekommen. Es hat uns irrsinnig Spaß gemacht. Es war eine sehr schöne Zusammenarbeit.“

Johann Sebastian Bass, eine postmoderne Band mit barockem Hintergrund. Die Zukunft bringt neben zahlreichen Konzerten und Festivalauftritten noch mehr. Ob es jedoch eine EP, ein Album, ein Oratorium oder eine Messe wird, ist noch unklar. Doch was auch immer bei ihrer Kreativarbeit herauskommt und mit Federkiel auf Notenpapier gedeiht, wird sicherlich nicht spurlos an uns vorbeigehen.

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