Härte bedeutet auch Zerbrechlichkeit – Lauschs neues Album „Glass Bones“ baut auf dem Widerspruch zwischen Starre und Fragilität auf und destilliert die prächtige Rauheit, die auf „Canada is Falling“ so begeistert hat.

Diese Seiten reichen kaum aus, um alles, was diese Band zu erzählen hat, zusammenzufassen. Denn Lausch – das Alternative Rock Trio bestehend aus Alexander Lausch (Gesang, Gitarre), Arnold Zanon (Bass) und Matthias Ledwinka (Drums) – sind nicht nur erfahrene Musiker, sondern auch interessante Menschen mit einem wirklich beachtlichen künstlerischen Output. Was ist neu oder anders an „Glass Bones“. Da gibt’s einiges: zunächst einmal ist es das erste Album, das Lausch in enger Zusammenarbeit mit ihren Produzenten Jonathan und Georg Gabler (Label Panta R&E) kreiert haben. Diese Kooperation, wie sie mir erzählen – und wie auch deutlich zu spüren ist – ist aus einem engen Vertrauensverhältnis und einer gemeinsamen musikalischen Vision gewachsen und hat sich als außerordentlich produktiv und bereichernd erwiesen. Seit über einem Jahr feilte das Team im Rahmen einer intensiven und ausgedehnten Preproduction an den Songs, von denen jeder einzelne durchdacht und sowohl musikalisch als auch textlich ausgereift und einzigartig ist. Das Ergebnis: ein Album, bei dem „jede Note und jeder Schlag dort sind, wo sie hingehören“. Wie wichtig es ist, dass ein Produktionsteam auf einer Wellenlänge ist, wird in dem Gespräch sehr deutlich. Denn Lausch ist eine Band mit Tiefgang, die Musik nicht nur als Unterhaltung sieht, sondern als Ausdruck genuiner Emotionen – und das ist wohl das „Intimste überhaupt“. Dass das Team rund um Alex Lausch weit mehr verbindet als ein bloßes Arbeitsverhältnis, ist mitunter der Grund, warum die Band und ihre Musik in Zeiten von Musikmassenkonsum so erfrischend authentisch und ‚unverbogen‘ ist. Mit Bones, also Rückgrat, eben. Da wundert es nicht weiter, dass das Crowdfunding, das die Band zur Unterstützung der Produktion – deren Konzept auch den Österreichischen Musikfonds überzeugen konnte – erfolgreich war.

Die Beständigkeit der Erinnerung

Wie der Albumtitel „Glass Bones“ bereits vermuten lässt und auch das Albumcover – auf dem ein weißes Keramikherz, eine echte, eigens angefertigte Plastik, zu sehen ist – perfekt zum Ausdruck bringt, gibt es einen thematischen roten Faden in Lauschs neuem Album: „Glass Bones“ drückt die Zerbrechlichkeit von Härte – die das Leben einem immer mehr abverlangt – und Fragilität aus. Denn genauso wie eine Keramikplastik erst dann brechen kann, wenn sie ausgehärtet ist, bringt Härte auch immer eine größere Zerbrechlichkeit mit sich. „Glass Bones“ könnte, um bei der Metapher zu bleiben, also als ausgereifteres, ‚geschliffeneres‘ Album gesehen werden, das aber gerade auch deshalb persönlicher denn je ist und wirklich unter die Haut geht, weil es genau diese Zerbrechlichkeit ausdrückt. Im Interview wird schnell klar, dass der Tiefgang des Albums ernst gemeint ist und keine Imagepflege: Wenn man Alex zuhört, wie er über seine Musik spricht, merkt man, dass das wirklich seine Erfahrungen sind, die da zum Ausdruck gebracht werden. Inspiration für das Hauptthema des Albums holte sich die Band unter anderem von Salvador Dalí, dessen berühmtes Gemälde „Die Beständigkeit der Erinnerung“ gewissermaßen die Lösung für die Härte/Weichheit-Problematik bietet: „time is a fiction“ und durch die Auflösung der Beständigkeit von Erinnerungen in dieser Zeitfiktion kann trotz Abhärtung Zufriedenheit erreicht werden. „Natürlich zucken wir manchmal aus.“ Bei einer Band, die wie Lausch intellektuell anspruchsvoll ist und deren (wie sie ihn selbst bezeichnen) „College Rock“ bedeutungsschwer ist, fragt sich das interessierte Fangirl, wie sie sich eine Tour mit Lausch vorstellen kann. Da schmunzeln die Herren: „andächtig.“ Ein gutes Buch oder auch ein paar Mails checken werden da dem Sex, Drugs & Rock’n’Roll-Klischee vorgezogen. Angesichts der vielen erfolgreichen Projekte, die die Bandmitglieder betreiben – alle davon mit 100 Prozent, wie sie betonen – ist das auch wenig verwunderlich. Schließlich hat beispielsweise Schlagzeuger Matthias auch ein Soloprojekt, die Rockband Sergeant Pluck himself, und Alex Lausch ist außer bei Freischwimma auch noch Gitarrist bei Prototyper. Die Band ist auch sehr engagiert in der Kunst-und Kulturszene allgemein. So haben sie unlängst zusammen mit den aufstrebenden Bands Mother’s Cake und MILK+ einen Verein namens „Der Laute Punkt“ gegründet, und einen Beitrag für die ORF 3-Reihe „Artists in Residence“ gestaltet. Diese Mockumentary, die am 8. Oktober ausgestrahlt werden wurde, klingt vielversprechend: der fiktive Charakter Johnny Bulb, gesandt aus den 80ern, reist nach Österreich, um dort das, was er sich unter ‚Rockmusik‘ vorstellt, zu finden – und stoßt auf die drei Bands, die so gar nicht in Johnnys Bild von Rockkultur passen. Humor haben Lausch jedenfalls, und mit etwas Glück lässt sich auch ein Bier mit ihnen trinken – sie sind auf wie hinter der Bühne grandios.

PARADOX002_Sujet

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.