Eine Betrachtung der musikalischen Retrowelle seit Beginn des 21. Jahrhunderts

Es ist heutzutage kein Novum, dass neu geschaffene Pop- und Rockmusik ständig im Vergleich mit Musik aus längst vergangenen Pop-Epochen steht. Hier wird der Geist von Led Zeppelin heraufbeschworen, dort wird die sphärische Klangwelt von Pink Floyd erahnt und überhaupt lässt sich immer ein Vorbild in der Vergangenheit finden.
Das schicke Wörtchen „Retro“ ist mittlerweile nicht nur in der internationalen, sondern auch in der heimischen Musikszene omnipräsent. Die Anzahl an Musikern, die mit der musikalischen Vergangenheit in Verbindung gebracht werden beziehungsweise sich selbst damit verknüpfen, ist alleine in Österreich schon enorm.

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Sado Maso Guitar Club

Bands wie die Steaming Satellites oder die Grazer Kult-Kombo Sado Maso Guitar Club, die ihren Sound selbst als „sixtiesandhippierock“ bezeichnen, können und wollen auch nicht von den Glanzzeiten des Rock und Pop distanziert werden. Interessant sind auch junge Gruppen, die sich vollends einem vergangenen Genre verschrieben haben und damit höchst erfolgreich auf Kurs sind. Erwähnenswert ist hier beispielsweise die 50er Jahre Rock’n’Roll-Band Oldschool Basterds.

Eine etwas andere Ära

Angesichts der Rückwärtsgewandtheit vieler Musiker/innen stellt sich die Frage, ob die größte Gefahr für die Zukunft unserer Musik ihre eigene Vergangenheit ist. Vermehrt kam es seit den 00er-Jahren nicht nur zum Wiederaufkommen von alten Helden, sondern auch zum musikalischen Recycling, das sich bis heute wenig gelegt hat. Vergangene musikalische Genres wurden wiederbelebt und renoviert, älteres, bereits vorhandenes Material wurde weiterverarbeitet und neu kombiniert. Natürlich ist dieses rückwärtsorientierte Phänomen nicht erst im 21. Jahrhundert entstanden, dennoch gibt es einen grundlegenden Unterschied. Früher wurde die RetroMode von einer bewussten Ablehnung der Gegenwart angetrieben. Seit Beginn des Jahrhunderts wirkt es eher, als ob der Wille zur Distinktion fehlen würde. Vergangenes wird mit dem Blick eines Kenners wahllos aufgegriffen, nicht mehr mit dem Motiv eines Abgrenzers, der sich durch das gezielte Zitieren eines Stiles oder eines Genres bewusst von der Masse abheben will. So kam es auch, dass der Ausdruck „Retro“ in der Musikwelt mittlerweile an beinahe jeder Ecke und Akkordfolge anzutreffen ist. Der Terminus wird sehr vage verwendet und bezieht sich allgemein auf ältere Traditionen oder Merkmale nachahmende Erscheinungen.

The good old days

Doch was sind die Gründe dafür, dass sich dieser Begriff in unser kulturelles Verständnis dermaßen eingebrannt hat? Einen der bedeutsamsten Aspekte stellen die technischen Errungenschaften ab der Jahrtausendwende dar. Die größten Innovationen in der Musikwelt zu dieser Zeit waren wohl technischer Natur. Erfindungen wie der iPod oder YouTube haben massive Veränderungen in der Musikkonsumption bewirkt. Durch sie wurde es möglich, jegliche Art von Musik überall und zu jeder Zeit zu genießen.
Das wirkt sich auch frappierend auf die Beziehung zur Musik aus. Die romantische Vorstellung, sein hart erarbeitetes Einkommen über Wochen hinweg zu sparen, nur um in die nächstgrößere Stadt zu reisen und die neuesten Platten der Lieblingskünstler zu erwerben, ist längst Geschichte. Diese entfernte Träumerei ist bis dato jedoch so oft in Erinnerung gerufen worden, dass sie beinahe zu einem kitschigen Klischee verkommen ist. Heute befindet sich alles nur wenige Mausklicks entfernt. Die Grenzen zwischen den Genres begannen sich aufzulösen und somit auch etwaige Berührungsängste.
Durch diesen Fakt wird die Musik zum Teil stark entmystifiziert. Noch dazu kommt die überwältigende Menge von Bandrevivals alter Rock-Heroen, Reunion-Touren, Tributalben und so weiter Somit wuchsen die jungen Musiker in den letzten Dekaden in einem Umfeld auf, in dem die musikalische Vergangenheit allgegenwärtig und leicht verfügbar war. Was vergangen zu sein schien, ist zum Bestandteil der Gegenwart geworden. Das Resultat ist ein wiederverwertender Ansatz des Musikmachens, der zu einer sorgfältig organisierten Anordnung von Referenzpunkten und Anspielungen führt.
Die eigentliche Essenz der Popmusik ist der Moment. Die großen geschichtsträchtigen und epochendefinierenden Ereignisse geschahen alle innerhalb weniger Minuten. Die Medien ermöglichen es nun aber, auf diese legendären Begebenheiten nach Belieben zuzugreifen. Dadurch werden sie permanent und endlos. Der Moment wird zum Monument. Der Wunsch, vergangene Mythen wieder auferstehen zu lassen, wird so bei den Nachwuchsmusikern geweckt. Ein weiterer Grund für diese Entwicklung könnte die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit sein. Unser Leben ist geprägt von einem Geflecht aus unendlichen Möglichkeiten, Auswahl und Verworrenheit, gepaart mit einer gehörigen Portion Geschwindigkeit. Durch die ständige Präsenz des Internets vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart auf eine Art, die die Zeit selbst schwammig erscheinen lässt. So wirkt der Rückgriff auf Vergangenes wie ein Akt der Entschleunigung in unserer schnelllebigen Zeit. Retro verspricht das Gefühl, dass sich nicht alles ändert. Retro, das steht für Haptik, Optik, Selbstvergewisserung, Vertrautheit und Zeit.

(K)ein Stillstand?

Wenn Begriffe wie Recycling, Rückgriff und Wiederbelebung fallen, deutet dies nicht darauf hin, dass ein Stillstand vorherrscht? Nein. Es ist eher das Gefühl, zurück zu etwas zu wollen – sich etwas herbeizusehnen, das lange vorüber ist, doch trotzdem in greifbarer Nähe zu sein scheint. Musik kann auch gefallen und von guter Qualität sein, ohne das Rad neu erfinden zu müssen. Es wäre vermessen zu behaupten, dass etwas grundsätzlich schlecht ist, nur weil es sich auf bereits Vorhandenes stützt. Zumeist beschränken sich die Rückgriffe auch nicht nur auf einen spezifischen Künstler oder ein Genre aus der Vergangenheit. Kann nicht alleine an dieser neuartigen Kombination eine gewisse Innovation erkannt werden? Selbst das simple Zusammenfügen von diversen alten Elementen ergibt etwas Neues. Vielleicht liegt der Fortschritt der Musik dieser und der nächsten Dekaden genau darin? Möglicherweise handelt es sich dabei um eine eigenständige Entwicklungsstufe in der Popgeschichte. Es findet somit jedenfalls eine Art Weiterentwicklung statt. Von einem Stillstand kann nicht gesprochen werden.

Vom Romantischen in der Musik

Kunst ist immer von einem subjektiven Urteil, einem subjektiven Bemessungsstab abhängig. Es gibt und gilt folglich keine einzig wahre Tatsachenentscheidung darüber, ob etwas gut oder schlecht ist. Musik muss nicht immer innovativ und völlig neuartig sein. Sie soll berühren. Sie muss persönlich gefallen. Es zeigt sich also, dass der Rückgriff auf Traditionelles und Vergangenes nichts Schlechtes bedeuten muss. Viele Elemente, die in der Vergangenheit geliebt wurden, werden frisch aufgearbeitet und in ein neues Zeitalter transportiert. Dies war in der popgeschichtlichen Vergangenheit der Fall und es trifft auch noch in der Gegenwart zu. Und wie Gustav Mahler schon sagte: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.“

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