Schauerliche Stückerl zukünftiger Reisen – Mit ungebrochener Intensität entführen Mile Me Deaf auf eine most unaustrian Austrian Low-Fi-Voyage

Mile Me Deaf sind zurück und haben ein neues Album im Gepäck. „Eerie Bits Of Future Trips“ nennt sich das gute Stück und spielt sich diesmal eher auf der kantigen, düsteren Seite des Mondes ab. Das vorgetäuschte Sommer-Sonne-Kaugummi-Feeling der A-Seite wird beim Umdrehen sofort dem Nichts zugeführt wenn „Off-The-Core“, die ausladende Noise-Eskapade das zweite Zeitalter dieses Tonträgers einläutet. Alles was diesen Ansturm überlebt, wird danach noch von dem wohl finstersten Stück, dem industriell anmutenden, zehnminütigen Epos „Headnote#1“ eingeebnet. Versatil, pragmatisch und kompromißlos gibt sich das Trio rund um den bescheidenen und musikalisch äußerst umtriebigen Ex-Killed-By-Nine-Volt-Batteries-Frontmann Wolfgang Möstl, welcher auf diesem Album seine Eigenart Soundtüftler und Songwriter in einer Person zu sein, entschlossener offenbart als je zuvor.

Möstls Playground

Benannt hat sich das Trio bestehend aus Mario Zangl (Bass), Flo Seyser (Schlagzeug) und bereits genanntem Herren Möstl nach einem wilden Song der Noiserock-Heroen Unwound, deren latente musikalische Verwandtschaft, wenn auch entfernt, doch nicht zu leugnen ist. Möstl ist bisher einziges konstantes Mitglied dieses Projekts, welches mit diesem Namen seit 2004 existiert und ursprünglich als Spielwiese und Rückzugsort für Low-Fi-Experimente des damals Zwanzigjährigen Bandleaders konzipiert war, sich aber – wie es nicht selten passiert – vom Soloprojekt zu einer vollständigen Band ausformuliert hat. Besonders im Vergleich mit den bereits erschienenen Alben, verdeutlicht sich sehr schön die künstlerische und stilistische Entwicklung des ursprünglich aus Weiz stammenden Musikers, der auf diesem Tonträger den Hörer auf herrlich subtile Weise an der Nase herumführt.

Ohne das Wissen, dass „Eerie Bits Of Future Trips“ komplett allein von Möstl eingespielt und aufgenommen wurde, geriert es sich beim ersten Hören als authentisches, handgemachtes Rockalbum; äußerst penibel arrangiert, klanglich im Verhältnis zur Schublade sehr transparent und aufgeräumt und ohne den nötigen, Genre-mäßig signifikanten Nachdruck vermissen zu lassen. Die Rhythmen laufen rund und werden immer wieder durch prominent abgemischte Shaker unterstützt, während die Gitarren brüllen und quietschen um in weiterer Folge von butterweichen Synths konterkariert zu werden. Eine streng formalistisch sehr ausgeglichene Partie. Nirgends zu viel Gewicht, alles hebt sich auf, federt sich ab, wirkt geschlossen. Bemerkenswert wenn man bedenkt, dass doch die meisten der Stücke unterwegs, sprich auf Tour entstanden sind.

Gelebter Pragmatismus

Es wurde nicht davor zurückgeschreckt, alles einzusetzen was zur Verfügung stand – Kassettenrecorder, Handys/ Smartphones und andere portable Geräte eingeschlossen. Gerade diese Elemente des gelebten Pragmatismus sind es, welche es spannend machen, den Hörer einladen seine eigene Wahrnehmung und Hörgewohnheiten zu hinterfragen, denn hier ist nichts so wie es scheint. Vieles was sich als beispielsweise Gitarre ausgibt, ist eigentlich ein Sample, eine verfremdete Stimme, ein Synthesizer etc. Die Herkunft der meisten hier verwendeten Sounds, bleibt völlig unklar und opak. Man weiß einfach nicht mehr welchen Klängen man trauen kann – Ein faszinierendes Erlebnis.

Nix zum Chillen!

Eins bleibt auf jeden Fall festzustellen: egal ob sie ihren musikalischen Output live oder auf Tonträger präsentieren, die Musik ist definitiv nichts zum Abdriften, zu soghaft und mitreißend sind diese Klanglandschaften inszeniert, zu beflügelnd die Attitüde der Darbietung. Das Meditative mündet im Orgiastischen ohne je dem Kitsch zu verfallen, alles hat den Platz den es braucht, den es verdient. So verhält es sich natürlich auch mit der Hörerfahrung, wobei anzubringen ist, dass Mile Me Deaf es mit dem aktuellen Tonträger paradoxerweise – trotz forcierter Düsterness – auch der eher unerfahrenen Hörerschaft leichter machen einen Zugang zu finden. Aber davon überzeugen Sie sich doch bitte selbst! Viel Spaß auf der Reise.

Fotocredit: Mile Me Deaf

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