Wenn du planlos bist, beginnt ein Märchen und du fliegst

Selbst die besten Hellseher der Welt haben versagt. Wirklich niemand hat das kommen sehen, keiner hatte sie vorher auf dem Schirm. Einen Wimpernschlag später sind sie da und einfach nicht mehr wegzukriegen. Ihre Art Musik zu kreieren, ist so besonders und eigen, dass man eigentlich ein neues Wort erfinden müsste. 2012 – Ende des Jahres schleicht sich ein Song durch die Weiten des Internets, der alles verändern sollte. Ein Startschuss in eine komplett neue Welt.

Anfänge

Ihr Schaffen ist eine Mixtur aus Singer-/Songwriter, Reggae, Folklore und fließenden, elektronischen Elementen. Philipp Dausch und Clemens Rehbein aka Milky Chance aus Kassel, die von Null auf Hundert und in vorbildlicher Do-it-yourself-Manier ihr Debütalbum „Sadnecessary“ auf den Markt geworfen haben. Das Land der Dichter und Denker wurde in kurzer Zeit erobert, vielleicht weil sie so erfrischend und einmalig „undeutsch“ wirken und auch so untypisch klingen. Schnell machte dies weit über die Landesgrenzen die Runde. Nach vielen europäischen Ländern schwappte der Sound auch nach Übersee. Australien, die USA oder Neuseeland wurden förmlich bekehrt und konnten sich dem speziellen Sound nicht entziehen. Dass eine junge, deutsche Band im Ausland solche Erfolge feiern durfte, liegt schon lange zurück.

Milky Chance Promo, (c) David Ulrich

Milky Chance Promo, (c) David Ulrich

Die Stimme von Clemens wirkt so druckvoll und abgeklärt, als wäre er von Stevie Wonder und Whitney Houston gezeugt worden und besäße jahrzehntelange Bühnenerfahrung. Dabei liegt das Abitur der beiden erst ein paar Jahre zurück. Konkrete Pläne waren nicht wirklich vorhanden, sie wollten sich einfach leiten lassen und fragten sich was nun folgen sollte. Doch dann kam mit voller Breitseite die Musik und parallel zog der Erfolg wie von Zauberhand mit. Im elterlichen Haus in Kassel, wo sie ein Studio errichteten, nahm das Duo ihre ersten Lieder auf. Clemens werkelte bereits seit Jahren selbständig an manchen Instrumentals. Diese wären nur Skizzen, „mehr Entwürfe als Songs“ gewesen. Zugute kam ihm dabei bestimmt, dass er einige Jahre bei den „Flown Tones“, einem Jazz-Quartett mitwirkte. Außerdem spielt er schon seit seinem zwölften Lebensjahr Gitarre. Der junge Mann habe einfach gemacht und nie analysiert was er da mache. Ob es jemandem gefällt oder wie man es nennen sollte, war ihm die meiste Zeit gleichgültig. Es war nicht geplant, dass dabei etwas so Signifikantes und Spezielles wachsen würde.

Es handelt sich quasi um Musik, die aus seinem Bauch entsteht. Unterstützung kam lediglich von seinem guten Kumpel Philipp, der schließlich die andere Hälfte der „Band“ wurde. Durch das Hören von unterschiedlichen Genres und Künstlern formten sie so ihre eigenen Werke. Das spiegelt sich natürlich wieder. Als die Beiden die Produktion der ersten Lieder beendet hatten, wurden diese auf ihrem YouTube-Channel hochgeladen. In kurzer Zeit knackte der Song „Stolen Dance“ die Marke von einer halben Million Klicks, enterte ohne jegliche Promotion die offiziellen deutschen Charts und rotierte dort über ein Jahr. Mittlerweile stehen dem Zugpferd unglaubliche 230 Millionen Klicks auf Youtube gegenüber. Das schaffen viele Big Player nicht.

Stichwort – internationaler Flair. Ein weltoffener Klang und diese spezielle Wortaussprache sind selten. Diese Eigenschaft besitzen die wenigsten deutschen Musiker. Die Individualität der Band machte schnell die Runde, es entwickelte sich ein waschechter Internet-Hype. Allein die Erfolgssingle „Stolen Dance“ hat sich weltweit mehr als zweieinhalb Millionen Mal verkauft. Eine Menge Major-Labels meldeten sich umgehend und wollten ihre Zusammenarbeit anbieten. Wo andere sofort ihre Hand hingestreckt hätten, lehnten die zwei Freunde dankend ab. Beide riefen mit ein paar Leuten aus ihrem Freundeskreis das Label „Lichtdicht Records“ ins Leben. Sie möchten ihre eigenen Erfahrungen sammeln und finden es spannend „learning-by-doing“ die komplette Musik-Landschaft kennen zu lernen. Das erste Release war natürlich „Sadnecessary“, ihr vielgefeiertes Debütalbum, welches im Oktober 2013 veröffentlicht wurde.

Die vergangenen Jahre und die allgemeine Entwicklung ist für die beiden Musiker nach wie vor nicht komplett zu verstehen. Sie sind immer noch überrascht, geflasht und suhlen sich in Demut. Ihre Hoffnung war damals, dass die Songs ihrem Umfeld zusagen. An eine professionelle Karriere hatte das Duo keine Gedanken verschwendet. Doch dann stiegen die Klickzahlen, Labels stellten Anfragen und immer mehr Konzerte wurden gespielt. Aber damit war kein Ende zu sehen, die ganze Welt wollte Milky Chance hören beziehungsweise sehen. Das Ergebnis – ausverkaufte Shows. Selbst in der renommierten New Yorker Webster Hall war kein Platz mehr frei. Der größte Nachtclub der Stadt diente als grandiose Location, der Abend hat bei vielen Menschen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Auch bei Jimmy Kimmel war das Duo zu Gast, in der Late-Night-Show geben sich die ganz Großen die Ehre. Sie durften sogar Hit- und Platin-Produzent Rick Rubin (Adele, Ed Sheeran) die Hände schütteln. Dieser wollte sofort mit den Deutschen zusammen arbeiten. Typsich Milky Chance – sie lehnten dankend ab und ließen die Möglichkeit für zukünftige Projekte offen.

szeneuntypisch

Die Fanbase wurde vergrößert und gefestigt, die Netzwerke und Beziehungen wurden ausgebaut. Diese irreale Erfolgsgeschichte scheint nicht aufzuhören. Wie konnte das so geschehen? Die einfache Antwort kann man hören. Es ist einzig die Musik. Hier steht kein Management- oder Songschreiber-Team hinten dran. Dieser Sound ist echt und kommt direkt aus dem Herzen. Die melancholisch angehauchten Songs scheinen Clemens zu liegen. In dieser speziellen Stimmung werden die besten Lieder geschrieben. Trotz des jungen Alters wird der individuelle Weg gegangen. Die Identitätsfindung der Künstler ging rasend schnell in Fleisch und Blut über. Andere hochklassige Bands suchen ihren Stil ganze Jahrzehnte und das Ergebnis ist sagen wir mal „bescheidener“. Der stetige Kampf mit dem eigenen Ich und Songs über die Selbstreflexion sind typische Themen der beiden Kasseler. Die spezielle, rhythmische Aussprache der Wörter verstärkt zusätzlich das unbeschreibliche Gefühl des Klangs. Sie verpacken ihre Einflüsse in einen fliegenden, groovigen Sound-Teppich und formen somit das Gesamtpaket Milky Chance.

In der heutigen Zeit kann man das musikalische Schaffen mit keinem anderen Künstler vergleichen. Tallest Man On Earth oder Bob Marley darf man natürlich als Inspirationsquelle angeben, kopieren oder klauen steht hier aber außer Frage. Sie formen etwas völlig Eigenständiges. Die Band lässt sich nicht in ein Genre einsperren. Vielleicht deswegen kommt dabei so wundervolle und tolle Musik zum Vorschein. Die rauchige, leicht gepresste Stimmlage kann als das Sahnehäubchen und ultimative Erkennungsmerkmal bezeichnet werden. Das Wort Reibeisenstimme bekommt eine völlig neue Bedeutung. Die Liebe und Freude an der Musik wird dem Duo wohl nicht abhanden kommen. Wenn sie da weitermachen wo sie aufgehört haben und sich selbst weiter treu bleiben, haben wir noch lange Spaß an unserem deutschen Vorzeige-Act.

Kreative Pause

Ihr letztes Konzert im Jahr 2015 spielten sie in Südafrika, danach gönnten Sie sich eine Kreativpause, um mal wieder runter zu kommen. Gerade in der schnelllebigen Musikwelt ist das mehr als eine Ausnahme, die meisten würden dies sich wohl einfach nicht trauen. Auch für Interviews steht das Duo im Moment nicht zur Verfügung, mal schauen wann ich die beiden vor das Mikrofon bekomme. Allzu lange wird die Auszeit wohl nicht dauern. Seit ein paar Wochen werden wieder fleißig Songs geschrieben. Einzelne Passagen und Refrains seien schon fertig. Der Grundaufbau steht also schon, ein konkretes Datum wollten Milky Chance aber nicht nennen. So kann Druck vermieden werden und die beiden können sich auf das Wesentliche konzentrieren. Sie haben das Ziel, soviel wie möglich in Eigenregie zu machen. Clemens und Philipp sind zwei außergewöhnliche Typen, die die Bodenhaftung nicht verloren haben und sich immer noch wie die Zwei aus der Nachbarschaft verhalten. Anstatt Ansprüche oder Forderungen zu stellen, reißen sie Witze über Starallüren und die Abgehoben sein von manchen Kollegen. Sie haben Millionen von Platten verkauft, wohnen beide noch in Kasseler WGs. In ihrer Freizeit spielen sie gerne Basketball, das hört sich sehr sympathisch an. Sie betrachten ihre Welt mit Humor und sind stolz beziehungsweise wissen es zu schätzen über welches Privileg beide verfügen. Wahrscheinlich winkt ihnen irgendwann noch der Grammy. Es wäre ihnen zu wünschen, schauen wir was die Zeit bringt – the Sky is the Limit.

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