Keith Richards schloss in der Schweiz einen Pakt mit dem Teufel und lies sein Blut austauschen. David Bowie und Mick Jagger hatten in den 70er-Jahren eine Affäre. Neil Young zerschoss 200.000 Exemplare seines Albums „Comes A Time“ mit einem Gewehr und Paul McCartney ist seit 1966 tot. Kein anderes Genre ist so stark von Mythen geprägt wie die Rockmusik. Sie umgeben ihre größten Bands wie ein diffuser Nebel. Es scheint Gesetz zu sein, dass jede Band von Mythen und irren Geschichten umrankt sein muss, um als eine der großen Rockbands zu gelten.

Verbringt man ein paar Stunden mit Mother’s Cake merkt man bald: Die Band ist auf einem guten Weg, sie könnte die vielleicht letzte große Rockband der Zukunft zu werden. Der Nebel auf und hinter der Bühne, begeisterte Fans und das Mysterium des Progressive Rock umgeben sie wie kaum eine andere junge Rockband unserer Zeit. Dem Alkohol sind sie keineswegs abgeneigt, sie scheinen den Rock’n’Roll-Lifestyle zu leben wie ihre Vorfahren der 60er und 70er. Wurde Bassist Benjamin Trenkwalder vor zwei Jahren in Paris von der Polizei verhaftet oder von den Illuminaten entführt? Man weiß es nicht. Trenkwalder ist jedenfalls wieder aufgetaucht.

Im Frühjahr 2017 erschien Mother’s Cakes drittes Studioalbum „No Rhyme No Reason“. Es knüpft an seine beiden Vorgänger an, traut sich zugleich einen Hauch poppiger und songorientierter zu sein. Auf einen musikalischen Fehltritt im Hause Mother’s Cake wartet man weiterhin vergeblich. Ihre Tonträger zeigen bislang fast keine Schwächen, auf der Bühne überzeugt die Band ohne Wenn und Aber. Seit fünf Jahren treiben sich Mother’s Cake in der nationalen wie internationalen Rockszene umher. Der große Hype-Moment blieb bislang aus, und das ist gut. Denn hinter dem sukzessive wachsenden Namen und Erfolg des Trios verbirgt sich die Konstanz ihrer musikalischen Qualität. Die Tiroler sind bislang nie Gefahr gelaufen, in kurzer Zeit verheizt zu werden, sondern sind permanent gewachsen, bis sie es geschafft haben, zur wahrscheinlich größten, aber mit Sicherheit spannendsten und zukunftsträchtigsten, Rockband des Landes zu werden. Ohnehin ist ihre Musik zu schwer zugänglich, zu wenig kommerziell, um einem kurzlebigen Pop-Hype zum Opfer zu fallen. Auf Mother’s Cakes Musik muss man sich einlassen. Man muss sich ihr mit allen Sinnen hingeben. „Man muss schon in einem gewissen Zustand sein… Vielleicht ein Achterl Wein. Keine Ahnung… Ganz ehrlich, ich kann auch nüchtern zu solcher Musik normal sein“, lautet Sänger Yves Krischmers kryptisch anmutende Erklärung, kurze Zeit nachdem die Band die Bühne im Grazer ppc verlassen hat. Ohne ein alkoholgeschwängertes Schmunzeln kommen ihm diese Worte nicht über die Lippen. Schlagzeuger Jan Haußels bringt es indes nüchtern auf den Punkt: „Ich glaube, das einzig Wichtige bei unserer Musik – mit welchen Substanzen auch immer – ist, dass man begreift, dass es etwas ist, wo man auch zuhört. Es ist kein Radiosound beiläufig im Hintergrund. Für die Leute, die die Platte durchlaufen lassen, gibt es die Momente, wo sie begreifen, wieso wir sie so gemacht haben.“

Ja, der Titel „Die letzte große Rockband der Zukunft“ mag übereifrig und naiv klingen. Doch nur bis man sich vor Augen führt, dass Mother’s Cake spätestens mit Songs wie „The Killer“, „No Rhyme No Reason“, „Black Roses“ und „H8“ Stücke geschrieben haben, die sowohl technisch auf einem
überaus hohen Niveau spielen als auch den Sound, die Power und das Feeling haben, um große Massen an Rockfans anzusprechen. Instrumental sind alle drei Musiker für sich besser als das Gros der Bands auf nationalen und internationalen Rockfestivals. Yves Krismer erinnert stimmlich an Michael Jackson, wenn er will. Als hätte Michael Jackson gute Rockmusik gemacht. Probleme, eine Bühne überzeugend in Besitz zu nehmen, ohne verloren zu wirken, haben Mother’s Cake nicht – wenn sie auf der Bühne sind, dann sind sie definitiv auf der Bühne. Ihr Sound ist gewaltig, ihre Songs füllen immer größere Hallen und ihre Wucht reißt die Zuschauer mit. Dass sie auf den ganz großen Bühnen Schwächen haben würde, scheint unwahrscheinlich. Als Vorband für Limp Bizkit und Wolfmother haben sie Erfahrung gesammelt.
Die Vorstellung, Mother’s Cake zu nächtlicher Stunde als Headliner auf einem Nova Rock mit großer Musik und großer Show vor Zehntausenden, klingt mehr als verlockend. Doch der Weg dorthin ist steinig und weit. Bitte nur nicht stolpern.

[Dieser Artikel erschien im Sommer 2017 in PARADOX #05]

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