Der Sänger berührt die Menschen auf seine eigene Art

Schön zu sehen, dass es auch noch neue, anspruchsvolle deutschsprachige Künstler gibt. Das Jahr 2015 wurde mit gleichklingenden Elektro Pop Nummern nur so überflutet. Im beliebtesten Musikgenre der Moderne herrscht ein Einheitsbrei aus den gleichen, monotonen Beats, gepaart mit einfachen, extrem billigen Texten. Das liegt im Trend und wird derb abgefeiert. Hohle Phrasendrescherei oder extreme Dreistigkeiten ala Glasperlenspiel oder Gestört aber Geil scheinen vollkommen normal zu sein und niemanden zu stören. Die musikalische Kunst der Kollabo-Künstler mit denen ein Robin Schulz oder ein Felix Jähn zusammen arbeitet, sind völlig irrelevant, das Ding geht auf die Eins und der Durchschnittstrottel freut sich.

Kein Hörsaal, sondern die großen Bühnen

Das Gut, gute qualitative deutsche Musik, ist rar geworden. Zum Glück gibt es ab und an Lichtblicke. Als eine der wenigen Ausnahmen kann der Singer/Songwriter Phillip Dittberner bezeichnet werden. Grönland Records, das Label von Altmeister Herbert Grönemeyer, hat sich das Berliner Nachwuchstalent geschnappt und unter Vertrag genommen. Schauen wir uns mal den Werdegang des Sängers genauer an. Der Sänger verbrachte seine Kind- und Jugendzeit in Berlin-Schöneberg. Bereits mit zwölf Jahren bekam er von seiner Oma die erste Gitarre geschenkt. Die Fähigkeiten und Kenntnisse des Songschreibens lernte er an der deutschen Oper Berlin, als der Künstler bei dem Projekt „Tusch!“ für den dortigen Chor arbeitete. Dittberner absolvierte eine Ausbildung zum Physiotherapeut, bekam jedoch keinen Platz für das Medizinstudium.

Anfangs stellte er seine Lieder noch auf der Musikplattform „Soundcloud“ in die weiten Welten des Netzes. Etwas weniger als zwei Jahre später schrieb er den Song „Wolke 4“. Diesen produzierte er mit dem Elektro-Produzenten Marv aus Hannover. Die Zusammenarbeit fand überwiegend über Telefon und Internet statt, persönliche Treffen waren da eher die kleine Ausnahme. Mit dem besagten Song gewann der Musiker den Berliner Pilsner Music Award, konnte über 350 Konkurrenten hinter sich lassen und somit eine deutschlandweite Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Die Texte handeln immer von persönlichen Erfahrungen. Die Lyrics sind aber eher allgemein gehalten und bieten somit einen großen Diskussionsspielraum. Sein Repertoire sind gewachsene, große Songs, mit tiefen, warmen Bässen, Streichern, Bläsern, Echo und Hall, Klavier, einem einfallsreichen Schlagzeug, Xylophon und symbiotischen Synthesizern. Seine unglaublich intensive und gleichzeitig ruhige Stimme harmoniert passend mit der Gitarre. Auf den Songs des Berliners finden alltägliche Geschichten und extrovertierte Melodien ihren Platz und ihr passendes Gewand. Neben den Geschichten malt der Musiker gut vorstellbare Bilder, in denen sich fast jeder ein Stück von sich wieder finden kann, wenn er möchte. Dabei bleibt der Sänger aber unaufdringlich und schreibt eher allgemein und abstrakt. Nachdem Philipp Dittberner bereits seine einzigartige Stimmfarbe auf vielen Sommer-Festivals buntmischen durfte, spielte er zudem eine Reihe ausverkaufter Akustik-Shows. Zudem präsentierte er sein Können bei mehreren Radio-Konzerten. Zusätzlich konnte man sich im Herbst 2015 von seinen Live-Qualitäten überzeugen, als er eine große Tour in 35 Städten, inklusive Band, spielte.

Philipp Dittberner (c) Christoph Voy

Philipp Dittberner (c) Christoph Voy

Falls es ein Lied gibt, an dem seit über einem Jahr keiner vorbeikommt, dann ist das das lyrische Anti-Liebeslied „Wolke 4“. Das Stück erreichte in kürzester Zeit Platin-Status und Radio-Airplay bei allen bedeutenden Sendern. Über 400.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache. Wer schon mal versucht hat „Wolke 4“ beim Karaoke mit zu trällern, wird feststellen, wie metrisch komplex der Song gestaltet ist und was für ein Taktgefühl man braucht, um so etwas zu formen bzw. nachzusingen. Der lyrische Faktor liegt für aktuelle Deutschpop-Verhältnisse sehr hoch und darf im oberen Tabellendrittel angesiedelt werden. Einen weiteren vielversprechenden Vorgeschmack bietet auch eine andere Single-Auskopplung, „Das ist dein Leben„. Der Song erzählt von Momenten seiner Beziehung, aber auch vom Nebeneinander der widersprüchlichen Gefühle und Wünsche. Ambivalenz heißt das Stichwort. Der Song ist nicht nur eine gut klingende Radio-Single, sondern einfach ein schönes Stück Musik.

Die Lust an einfachen, eingängigen Popsongs, aber auch dem hohen Wert nachhaltiger Musik sind wichtige Eigenschaften und pendeln ab und an hin und her. Hier zeigt sich die Qualität des sympathischen Musikers, Philipp beweist leichtfüßig, dass er lebenshungrige, authentische Weisheiten oder aber auch einfache Dinge gezielt ansprechen kann. Es bleibt abzuwarten, ob sich der junge Künstler profilieren kann und den Sprung vom One-Hit-Wonder zu einem nachhaltigen, ruhmreichen Musiker schaffen kann. Die Zeichen und die Chancen stehen gut, sein Label scheint ihm gewisse Freiheiten zu lassen. Die Entwicklung scheint step by step und gesund voranzugehen. Wenn er noch seine Schüchternheit etwas ablegen kann und auf der Bühne etwas mehr aus sich heraus kommt, steht dem großen Sprung nichts im Wege.

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