Rap als zu seichtes Entertainment? In dieses Gefahrengebiet begibt man sich bei Prezident eher nicht.

Wuppertal, wenn man den Namen dieser Stadt in Nordrhein-Westfalen hört, denkt man neben der berühmten Schwebebahn, auch an die diversen „San Francisco Deutschlands“-Klischees und vielleicht eher weniger an eine lokale HipHop-Szene. Aber aufgrund der Nähe zum, immer schon szenisch wichtigen, Ruhrgebiet, verwundert es dann doch nicht so sehr, dass hier eine ziemlich progressive, wenn auch kleine Rapszene Ihre Heimstatt hat.

Um einen, vielleicht sogar den Wichtigsten, dieser lokalen Sprachkünstler, geht es auch in dem folgenden Artikel: Prezident. Klingt dann auch schon wieder stark nach San Francisco dieser Name und weniger nach Bergischem Land. Wobei man mit dem Wunsch nach Klischeerap und Ghettoattitüde bei dem jungen Mann definitiv an den Falschen geraten ist.

Erstkontakt mit Prezident

„…es ist mir schier unmöglich, was ich denk´, auf einen Punkt zu bringen / genau aus diesem Grund krieg ich so selten gute Hooklines hin / guck mein Kind, selbst marode Menschenkenntnis / entlarvt barockes Rapverständnis letzten Endes als null authentisch…“

Persönlich stolperte ich über Prezident in der Mitte der 2000er Jahre. Zu einer Zeit in der er, so ließen seine damaligen Texte zumindest schließen, mit der unter deutschen Rappern stark verbreiteten „Immer am strugglen aber nie genug Respekt“-Depression zu kämpfen hatte. Das kann bei vielen Künstlern unendlich nerven, dieses fast schon an chronisches Gejammer grenzende Getue. Es ermüdet den Hörer schnell und das aus gutem Grund, wer will schon auf Albumlänge mit Wehklagen konfrontiert werden. Prezident wirkte da aber auch deshalb anders, weil ein großer Teil seiner Inspiration auf Weltliteratur, im speziellen auf Hemmingway, Kafka und vor allem Charles Bukowski basierte und er bis heute genau aus diesem Stoff seine Energie bezieht. Wer Bukowski kennt, der weiß, dass dieser Mann es verstanden hat den Weltschmerz und die dauerhafte, ja lebenslange, Midlifecrisis eines Alkoholikers, gekonnt zu mischen mit Gesellschaftskritik, Philosophie und einer Prise Misanthropie.

Das von Prezident aus diesen Impressionen gezauberte Gemisch, bekam dann auch einen passenden eigenen Genrenamen verpasst: „Whiskeyrap“. Treffend, denn das Resultat hangelte sich von versoffen – depressiv zu lyrisch – genial und bot den perfekten Soundtrack, um auf der Couch zu einer Runde Whiskey zu versacken und über die Schlechtigkeit der Welt zu sinnieren. Eine gefährliche Mischung mit Suchtpotenzial.

Prezident

Digital-Release Nummer 1, welches damals seinen Weg an mein Ohr fand, war nicht das chronologisch erste Release von Prezident, sondern das kurze Mixtape „Der Mann aus Reno“ von 2006. Davor veröffentlichte er neben diversen Free-Tracks noch das Minitape „Musik zum aus dem Fenster spring´“ und einige ominöse, in späteren Texten auch angesprochene Werke, die laut ihm selbst wohl besser vergessen bleiben sollten. Für ein augenscheinlich mit beschränkten Mitteln und in der eigenen Bude abgemischtes Werk, klang das Ganze dann auch schon erstaunlich rund. Hier und da vielleicht nicht ganz so wuchtig, aber textlich kam Bukowski Jr. schon vor fast 10 Jahren, so souverän um die Ecke, wie es sich viele etablierte Rapper wohl dauerhaft wünschen.

Aber nicht nur Sprachwahl und Image betreffend, versuchte da jemand seine eigene Note aufs Papier zu zeichnen, auch der Flow war rotzig und frech, wirkte einfach unverkrampft und frisch. Alles immer ein bisschen negativ, aber im nächsten Moment dann doch wieder mit augenzwinkerndem Sarkasmus und einer gesunden Dosis Ironie. Thematisch blieb alles simpel gehalten. Battlerap und Representer ohne große Schörkel. Lediglich „Paranoia“, mit dem Wuppertaler Kollegen Fella One als Featuregast, war dann thematisch fixierter, auf eben die titelgebende alkohol- und drogeninduzierte Wahnvorstellung. Nichts neues dieses Thema, aber zusammen mit dem wunderbar düsteren Beat, ein stimmungsvoller Song. Auch die restlichen, simpleren Tracks, boten die oben schon erwähnte Mixtur aus leichter Depression und lyrischen Kniffen. Alles in allem war das schon ausgesprochen gut, was da in Wuppertaler Hinterzimmern zusammengeschustert wurde.

Eines war in den kommenden Jahren, in denen ich Prezident recht aufmerksam verfolgte, schnell offensichtlich. Er hatte scheinbar nicht die geringste Lust am Rap Kasperletheater teilzunehmen. Gigs in Wuppertal und Umgebung gab es durchaus öfter, die Releases blieben aber kostenfrei (Immer über seine spartanisch designte Homepage als Download zu ergattern) und auch die Präsentation, inklusive handgezeichneter, skurriler Cover, blieb absichtlich anarchisch. Einige werden nun vielleicht stöhnen, denn man kennt das ja von Rappern, dass Sie sich den Stempel „Untergrund“ aufdrücken, um sich ein bisschen abzuheben vom Einheitsbrei. Aber im Gegensatz zu diesen Typen, die beim ersten Anzeichen von Erfolg Ihre Einstellung über Bord werfen wie einen Rettungsring und bei denen diese Statements nur kaltes Kalkül sind, wirkte das bei Mr. Whiskeyrap tatsächlich authentisch und man hatte wenig Mühe ihm abzunehmen wirklich genervt zu sein von Showdramen und Szenebussiness. Aber nichts währt ewig und irgendwann will auch der hartnäckigste Bedroomartist, vielleicht doch sein Zielpublik erweitern.

Fast Forward in die Gegenwart

Irgendwann um 2013 hat Prezident auch tatsächlich mit einigen seiner bereits erwähnten Konzepte gebrochen. Die Website ist ein bisschen aufgemöbelt, es kümmert sich jemand um die Cover, wobei auch hier der augenscheinlich dichte Bekanntenkreis Support liefert und man glaubt es kaum, er hat sich eine Facebook Präsenz zugelegt. Das gerade dieses digitalen Medium, so einige lyrische Hiebe in den Jahren davor abbekommen hat, kann einen als Hörer dann vielleicht zum Schmunzeln bringen. Aber selbst der hartnäckigste Verweigerer der digitalen Vernetzung kann in den 2010ern die Wirksamkeit der sozialen Netzwerke eben nicht mehr verleugnen.

Das wirklich guten „Querschläger“ Mixtape ist zum Release 2011, auch wesentlich präsenter als alle vorherigen Werke von Prezident. Absolut verdientermaßen, denn nicht nur der erstklassige Song „Bärentöter“, zählt zu den besseren Rapsongs die 2011 in Deutschland veröffentlicht wurden, auch die restliche Scheibe ist voll mit kleinen und großen Perlen gepaart mit tollen Remixen alter Songs.

2013 gibt es dann gleich mehrere Lebenszeichen in EP-Form und im September 2013 dann auch das erste, käuflich erwerbbare Album, mit dem Titel „Kunst ist eine besitzergreifende Geliebte“. Fast 10 Releases nach den ersten Lebenszeichen in Trackform schafft Prezident es mit dem Quasi-Debüt die bisher gewohnte Form locker zu halten. Wo alle Mixtapes vorher vielleicht ein wenig konzeptlos wirkten, öffnet sich mit der aktuellsten LP ein schön geschriebenes Buch und lädt zum Schmökern ein. Tracks wie „Menschenpyramide“ bestätigen den, an sich selbst in den Texten gestellten Anspruch ganz vorne mitzuspielen. Der unglaublich atmosphärische Beat von Epic Infantry, harmoniert wunderbar mit dem kritischen Song, der die Tristheit urbaner Häuserschluchten und die Monotonie der modernen Welt thematisiert.

Auch die langjährigen Wuppertaler Kollegen und Wegbegleiter Kamikaze Brothers sind wie gewohnt mit von der Partie und liefern hohe Qualität. Alles in allem garantiert das erste käufliche Werk genau das, was der eingeschworene Fan schon kennt, nur eben ein klein wenig runder, ein klein wenig stimmiger und in sich geschlossener. Manchem Artist geht nach einer Handvoll Releases die Puste aus, Prezident beweist mit dem Quasi-Debüt, das da noch viel Power in den „morschen Knochen“ steckt und sicher noch einiges von ihm zu erwarten ist.

Was man als Resumé mitnehmen kann…

Prezident als „neuen Oldskooler“ zu definieren, ist eher unfair. Auch wenn man ihm die Nähe zu alten Helden wie RAG absolut anhört, auch wenn die Beats klassisch daherkommen, ist er eben doch eine ganz eigene Mischung. Jeder, der mal gerne intensiv in sich geht, sich in dieser Leistungsgesellschaft und nach einem langen Arbeitstag, deplatziert vorkommt und sich müde fühlt, vielleicht auch mal intensiver das um sich Geschehende reflektiert, dem sei Prezidents Musik ans Herz gelegt. Auch wer einfach Lust auf bildhafte Sprache, auf atmosphärisch dichten Rap und auf ebenso dichte Beats hat, sollte unbedingt einmal reinhören in die manisch-depressive Welt des Mr. Whiskeyrap. Eben genau der richtige Sound um den Kragen hochzuziehen und bei leichtem Regen oder Nebel durch die urbanen Häuserschluchten zu stapfen, ihr kennt das.

Eine neue EP mit dem Titel „Handfeste EP“ ist übrigens auch schon angekündigt. Wem das alles jetzt Hunger auf mehr gemacht hat, der kann bis zum Release am 20.03.15 ja in aller Ruhe die Mediathek auf Prezidents Seite durchstöbern. Viel Spass dabei!

Weitere Infos zu President unter: whiskeyrap.de
Bilder by Katharina Hertle / k.pictures

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