Wer braucht schon Instrumente?

The Glitch Mob klingen für den homo austriacus (dt. die/der gemeine ÖsterreicherIn) nicht nur eigenartig, sondern vertreten ein – für die große Masse – völlig unverständliches Genre. Sie sind nach einem Störeffekt aus der Elektronik benannt und machen diesen nicht nur zum Bandnamen, sondern zum Inbegriff einer Musikrichtung, die gänzlich ohne „klassische“ Instrumente auskommt. Wer The Glitch Mob sind und was das Besondere an ihrer Musik ist, wirst du im folgenden Artikel lesen. Aber vorerst eine kurze Aufklärung.

Glitch?


Herausentwickelt hat sich das Genre des Glitch aus dem Click & Cuts, das in den 1990er-Jahren in Amerika entstand. Es bedient sich zufälliger digitaler Klangereignisse und/oder programmierter Algorithmen, und wenn ich in meiner Annahme diesbezüglich auch falsch liegen kann, so meine ich, man könnte es zeitweise mit einem alten 56k-Modem Einwählton vergleichen:

Alle guten Dinge sind drei


Wie bereits weiter oben erklärt, haben sich The Glitch Mob treffend ihres Genres benannt. Die Gruppierung, bestehend aus dem Trio Ed Ma (edIT), Justin Boreta (Boreta) und Josh Mayer (Ooah), gründete sich 2006 in Los Angeles/Kalifornien. Sie sind allerdings nur der sogenannte „harte Kern“, der nach zahlreichem Kommen und Gehen einiger Mitglieder übrig geblieben ist. Laut diverser Quellen haben sie sich nicht nur durch die Musik, sondern vor allem durch ihre Performances eine schnell anwachsende Fanbase erarbeiten können. Das Schreiten auf die Bühne in Mönchsroben wie auch ausgefallene Lichttechnik und Bühnenaufbau sind nur einige der Mittel, die The Glitch Mob zu einem besonderen Live-Erlebnis machen. Um sich das ein wenig besser vorstellen zu können, hier ein Video:

Wie zahlreiche andere Musiker und Musikerinnen des EDM erarbeiteten sie sich erste Aufmerksamkeit durch Remixes, wie zum Beispiel: Coheed and Cambria („Feathers“), Linkin Park („Waiting for the End“), The White Stripes („Seven Nation Army“) und Daft Punk („Derezzed“). Hinzu kamen eine überschaubare Menge an Mixtapes und EPs sowie Singleauskopplungen, bis 2010 schlussendlich das lang ersehnte erste Album namens Drink the Sea am Markt erschien.

Das Alles war mir bis dato noch völlig unbekannt, obwohl mir The Glitch Mob im Laufe der Zeit immer wieder an der einen oder anderen Stelle untergekommen sind. Das erste Mal so richtig wahrgenommen habe ich ihre Musik erst in einem der Werbevideos der – für SportlerInnen mittlerweile fast schon lebensnotwendigen – Actioncam GoPro. Hierin werden nicht nur die Technik und die atemberaubenden Bilder der damals neuen Mini-Kamera glorifiziert (und natürlich unser berühmter österreichischer Energydrink Red Bull) – das gesamte Video wäre NICHTS ohne den fantastischen Sound von „We can make the world stop“. Aber hört (und seht) selbst:

Ob The Glitch Mob ein besonderes Verhältnis zur Firma GoPro pflegen, kann ich nur vermuten, allerdings sind die beiden Namen des Öfteren in direktem Zusammenhang zu finden. So wurde ein weiteres Lied der Band für das „People are awesome“-Video 2013/14 verwendet. Für all jene, an denen das vergangene Jahr etwas zu schnell vorbeigezogen ist, hier der Link:

Ist Neu immer besser?


Wie uns bereits Barney Stinson im 6. Staffelfinale von How I Met Your Mother versucht hat beizubringen, ist Neu immer besser. Diese Meinung kann ich nun wirklich nicht teilen und schon gar nicht, wenn wir vom aktuellen Album Love Death Immortality (2014) von The Glitch Mob sprechen.

„Drink the Sea“ vs. „Love Death Immortality“


Als das Debütalbum Drink the Sea 2010 released wurde, stürmte es innerhalb kürzester Zeit die iTunes Electronic Charts, in denen es sich noch heute unter den Top 40 befindet. Somit würde ich es als den Meilenstein des Genre Glitch schlechthin bezeichnen. Drink the Sea zeichnet sich durch zehn atemberaubend arrangierte Titel aus, die man nahezu nicht beschreiben kann. Die rein aus Effekten gemischten Nummern erhalten durch akzentuiertes Trommeln und Klatschen eine besondere Aura. In „A Dream Within A Dream“ wurden zum Beispiel Fusion-ähnliche Sounds eingearbeitet, viele andere Klänge erinnern an das Hallen von Blechtonnen und Kochtöpfen. „Between Two Points“ ist der einzige Track des Albums, dem eine Stimme verliehen wurde. Hierbei ist zu erwähnen, dass The Glitch Mob besonderen Wert auf die Auswahl der richtigen Singstimme legen, um sich möglichst fern von den im EDM verwendeten Voices zu halten.

“Using real guitars, pianos, and horns humanizes things a bit.” Ed Ma

Nahezu alle Tracks beginnen sanft und steigern sich langsam zum Hauptthema des jeweiligen Lieds, oft wird dieses auch durch ein abruptes Einsetzen des Schlagwerks (oder wie auch immer man das bezeichnen kann) gekennzeichnet. Die Melodien entstehen meist durch das Pitchen einzelner Effekte. Nachdem ich mir Drink The Sea nun zum bereits gefühlten 100.000dsten Mal durchgehört habe, kann ich noch immer nicht genug davon bekommen. Die zahlreichen Effekte und Strukturen, die abwechslungsreichen Arrangements wie auch die vielfältige Themenwahl lassen jederzeit neue Interpretations- und Hörmöglichkeiten zu. Mitunter wahrscheinlich einer der Hauptgründe, warum sich dieses Album noch immer in den iTunes Electronic Charts befindet. Und auch wenn ich diesen Begriff in eine Schublade ganz weit hinten in meinem Gehirn gepackt habe, so muss ich ihn ausnahmsweise verwenden, denn dieses Album ist EPISCH!

Während „Drink the Sea“ als Hörerlebnis für die Headphones erzeugt wurde versuchte man mit „Love Death Immortality“ mehr in Richtung Live-Erlebnis zu gehen. Warum dieser Schritt getätigt wurde, obwohl bereits das erste Album ein voller Erfolg im Verkauf wie auch auf Tour war, bleibt mir persönlich ein Rätsel. Laut The Glitch Mob wurde das Publikum bei Live-Shows (der ersten Tour) besonders unter die Lupe genommen, um für die Produktion des neuen Albums die bestmöglichen musikalischen Essenzen herauszufiltern und zu produzieren. Zu schwierig? Ok, ich versuch’s erneut:

Als die drei Musiker mit Drink the Sea auf Tour gingen, steckte viel Arbeit in der Beobachtung der Crowd. Man könnte es fast als Marketingstrategie sehen: welcher Drop ging am besten? Welche Melodie wurde am ehesten mitgesungen? Welcher Sound brachte die meiste Bewegung in die Menge? Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen ging man folglich ins Studio und produzierte „Love Death Immortality„. „This one {album} is more inclusive and universal, telling the story of the collective Glitch Mob experience“, meint Justin Boreta.

„This one is more inclusive and universal, telling the story of the collective Glitch Mob experience.“ Justin Boreta

Love Death Immortality ist also ein Fan-optimiertes Album, das live den größtmöglichen Fun bereiten soll. Es verarbeitet viele verschiedene Tempi und Stileinflüsse wie etwa Breakbeat, House, D’n’B und typische Electro-Parts. Die teils in der Tonhöhe sehr hochfrequent gepitchten Synthies erinnern oft an klassische Klänge aus dem Techno. Außerdem wurden beim aktuellen Longplayer „richtige“ Instrumente eingespielt wie etwa Harfe, Gitarre, Klavier und Horn. Sie würden den Klang „etwas menschlicher machen“, so Ma. Die ausschließlich von Frauen eingesungenen Lyrics sorgen für Ausgewogenheit bei den aggressiveren Nummern. „Becoming Harmonious“ ist einer der Tracks, der durch den gesanglichen Part besonders heraussticht. Die goth-industrial Stimme von Metal Mother verleiht nicht nur eine besondere Atmosphäre, sondern lässt einen gleichzeitig zwischen Gut und Böse schwanken.

Auch wenn The Glitch Mob „Can’t Kill Us“ als perfekten Übergang vom alten zum neuen Album handeln, finde ich die Parallelen zu „Carry The Sun“ wesentlichen greifbarer und bezeichnender bezüglich des originalen Glitch Mob Sounds.


Fazit

Love Death Immortality ist ein nettes Experiment, das dem einen oder anderen Fan wahrscheinlich ein Schaudern über den Rücken laufen lässt, so zumindest mir. Was die BefürworterInnen davon halten, dürfen sie gerne kommentieren. Auch wenn das Album ein Herantreten an die treuen Anhänger hätte werden sollen, so würde ich mir persönlich ein back to the roots wünschen. Trotz allem ist zu sagen, dass es für jeden Künstler/jede Künstlerin ein schwerer Schritt ist, mit neuen Ideen nach außen zu treten und schließlich kann man es nie jedem/jeder recht machen.

Ich freue mich trotzdem auf den nächsten Live-Gig in Österreich, den ich mit Sicherheit genießen werde, und ergötze mich bis dahin an „Drink The Sea“.

Fotocredit: deviantart

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