Reciprocity, zu Deutsch die Reziprozität, stellt in der Soziologie ein Grundprinzip menschlichen Handelns dar – nämlich jenes der Gegenseitigkeit. Die Soziologie geht sogar so weit, die Reziprozität als eine der Grundbedingung des Menschwerdens zu stellen. Es geht darum, dass Menschen voneinander abhängig sind, dass zwischen den Menschen eine Wechselwirkung stattfindet. Vereinfacht gesagt: es geht um Geben und Nehmen.

In unserem spezifischen Fall geht es um die Wechselwirkung der beiden dem Stoner zugeneigten Rockbands Ultima Radio und Witchrider. Es ist kein Zufall, dass sie sich die „reciprocity“ zum Titelgeber ihrer gemeinsamen, im Oktober erschienen Split-Single erwählt haben.

Gemeinsam geht’s oft leichter

Das haben Ultima Radio schon vor langer Zeit gelernt. Schon im Juli 2016 veröffentlichten sie mit der Stoner Rock Gruppe Colours of Monochrome die Split-Single „Mapale“. Das hat schon damals gut funktioniert.
Dieses Mal profitierten sie nicht zuletzt von Witchriders Kontakten zum schwedischen Label Fuzzorama Records, das sich des Digitalvertriebs der gemeinsamen Veröffentlichung annahm. Im Gegenzug erhielten Witchrider die A-Seite der Scheibe. „Sie erreichen mehr Menschen und der erste Eindruck ist der wichtigste. Deswegen gebührt ihnen, meiner Meinung nach, die A-Seite“, führt Ultima Radio Sänger Zdravko Konrad seine Überlegungen aus. Witchrider Frontmann Daniel Dorninger erklärt indes seine Gleichgültigkeit gegenüber der Seitenverteilung: „Ich selbst habe auch ein paar Platten daheim, und da schaue ich nicht so genau, welche Seite ich jetzt auflege.“
Bei aller musikalischen und strategischen Gegenseitig- und Gemeinsamkeit der Bands sind die Songs bandinterne Angelegenheiten. Witchrider lehnen sich soundtechnisch weit aus dem Fenster ihres mit dem Debütalbum „Unmountable Stairs“ erbauten Hauses. „A Glow in the Dark“ verabschiedet sich vom Altbekannten und geht in eine stark grunge-lastige Richtung. Textlich geht der Song ins Abstrakte. Es geht darum, „dass man selber durch den Weltraum schwimmt – vom Gefühl her – und dort viel zerstört wird, aber es gibt noch einen Funken Hoffnung – und der glüht. Es ist eine Metapher. Die Interpretation bleibt jedem selbst überlassen. Ich habe meine eigene Sichtweise…“
Zdravko Konrad beschreibt den Ultima Radio Beitrag „Contrast“ als Kampf mit sich selbst: „Es geht um den Kontrast zwischen den Wünschen, die man hat, und den Wünschen, die man zu erreichen versucht. Darum, dass man im Grunde genommen der erste ist, der sich selbst im Weg steht.“
Diese beiden konträren Ansätze werden über den Winter auf mehreren Bühnen im ganzen Land aufeinander treffen, denn nach ihrer Tour mit den Truckfighters werden sich Witchrider gemeinsam mit Ultima Radio auf eine verspätete reciprocity-Release-Tour begeben.

2017 trennen sich die Wege

Wenn diese Schlacht geschlagen ist, wird dennoch Ruhe einkehren. Für 2017 sind bei beiden Bands Studioalben in Vorbereitung, und sie werden Veränderungen mit sich bringen.
Ein kleiner Vorgeschmack auf Kommendes ist die Single „A Glow in the Dark“ wohl schon. „Es geht ein bisschen mehr in den Grunge über und es kommen viele Elemente von der elektronischen Seite dazu, vor allem Synthesizer, und wir werden wahrscheinlich ein bisschen mit übertriebenen Effekten spielen. Es soll dunkler, tragender werden,“ skizziert Dorninger ihre widersprüchliche aber zugleich aufregende Idee für das langersehnte zweite Witchrider Album. Wenn alles nach Plan läuft, soll die bislang namenlose LP in der zweiten Jahreshälfte 2017 erscheinen.
Ultima Radio haben im Wiener Label Panta R&E einen neuen Partner gefunden, mit dessen Hilfe das Grazer Quartett zwischen Frühling und Frühsommer das Debüt abliefern will. Auch sie denken nicht daran, sich auf Alterbrachtem auszuruhen: „Stillstand ist sowieso unmöglich, in irgendeine Richtung verändert man sich immer. Wir wollen natürlich den Stoner Rock behalten, das wird immer unsere Basis sein, aber wir bewegen uns in die Noise-Richtung. Teilweise haben wir Post-Punk Elemente dabei, wobei das nur ein persönlicher Eindruck von mir ist. Wir bewegen uns in eine wesentlich experimentellere und vor allem ‚eigenere‘ Richtung.“
Auf eine unerwartete Offenbarung stößt man über Umwege. Denn wenn es um Vergleiche zu anderen Bands geht, fällt schnell der Name Rage Against The Machine. Doch heißt das, Konrad hat für die neue Scheibe rappen gelernt? „Nein, rappen nicht, aber es werden Sprechgesang-Parts dabei sein, egal, ob man das als Rap bezeichnen will oder nicht.“
Während Witchrider einen weiteren Schritt in ihrer Karriere gehen, wohl oder übel die für sie aufreibend gewordenen Queens of the Stone Age Vergleiche hinter sich lassen werden, stehen Ultima Radio noch am Anfang ihrer Laufbahn. Konrad weiß noch nicht, wohin der Weg sie führen wird: „Wir sind gerade am Abspringen. Wir stehen am Sprungbrett und haben noch nicht einmal Schwung geholt. Wir schauen einfach mal. Mit Witchrider nehmen wir Schwung und mit dem Album springen wir dann hoffentlich hoch.“
Wir fassen zusammen: Die gemeinsame „reciprocity“ Split-Single ist ein erster kleiner Vorgeschmack auf kommende Alben. Man sollte sich jedoch nicht völlig darauf festfahren, denn bei beiden Bands stehen erhebliche musikalische Veränderungen an. Für beide besteht also die Hoffnung, dass dies der letzte Artikel über sie ist, in dem der Verfasser im Titel mit einer platten Stoner Rock Metapher um sich wirft.

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