Das ehemalige Grazer Duo Viech lehrte uns in ihren Kleinoden des selbstbetitelten Debütalbums bereits einiges über Hirnwichserei, Kirchentechno und sonstige Eigenheiten. Mit ihrem neuen Album „Yeah“, das im Februar 2016 erschien, ist die Band nicht nur nominell angewachsen, sondern hat auch einiges an Dynamik und Lautstärke dazugewonnen.

Höchst eigenwillig waren sie immer schon, die Viecher. Doch genau das machte sie auch stets so aufregend. Mit dem neuen Longplayer „Yeah“ ist die Band zwar zu einem Quintett geworden, hat sich ihre Eigenarten glücklicherweise dennoch bewahrt. Ursprünglich 2011 als Duo von den alten Freunden Paul Plut und Andreas Klinger-Krenn gegründet, schufen die beiden Musiker auf ihrem Debütalbum etwas, das sie selbst als „Piratenpop“ bezeichneten. Mit dem Einstieg von David Reiterer (Keyboards), Stephan Paulitsch (Bass) und Christoph Lederhilger (Schlagzeug) ist der Piratenappeal allerdings deutlich zurückgeschraubt worden. Was dafür deutlich in die Höhe getrieben wurde, sind das Tempo und die Dynamik. 20 bpm sollen pro Person hinzugekommen sein, so die bandeigene Aussage. „Mehr Viecher machen einfach mehr Lärm“, grinst Paulitsch im Interview. Zwar haben Viech nach Veröffentlichung ihres neuen Albums wieder ein Mitglied abgeben müssen, dass sie sich aber das Tempo trotzdem erhalten haben, beweisen die energiegeladenen Live-Auftritte des nunmehrigen Quartetts.

„Wir werden auf jeden Fall an unseren Argumentationsfähigkeiten arbeiten müssen.“

Gründungsmitglied Klinger-Krenn, der mit seinem Soloprojekt KLINGER ebenso in den FM4-Charts stand wie Viech, hat seinen Wohnort nach Leipzig verlegt. „Wir haben nach dieser Offenbarung natürlich mal geschluckt, dann aber gemeinsam beschlossen, dass es für alle am besten ist, das Album von Beginn an zu viert auf die Bühne zu bringen. Das Ganze ist ziemlich harmonisch abgelaufen“,
stellt Reiterer fest. Was sich mit der neuen Bandkonstellation geändert hat, erklärt Drummer Lederhilger mit einem Augenzwinkern: „Wir werden auf jeden Fall an unseren Argumentationsfähigkeiten arbeiten müssen. Denn zu viert führen Abstimmungen nicht automatisch zu einer Entscheidung. Das Rhetorikseminar ist bereits gebucht!“

Texte als Prunkstück

Der Abgang von Klinger-Krenn ist also kein leichter für Viech, auch wenn sich die Musiker ohnehin eher als ein Kollektiv verstehen, als eine von einem Frontmann geleitete Band. Das kann sehr gut am neuen Longplayer nachgehört werden und noch besser bei den Konzerten nachgesehen werden. Schon beim Schreiben des neuen Albums war klar, dass die beiden Viech-Gründer Klinger-Krenn und Plut die Verantwortung gleichwertig auf die neuen Mitglieder aufteilen werden. Die Lyrics zu den Songs entstanden in der Gruppe, „meist in Form von lyrischer Basisdemokratie, niemals aber nüchtern“, wie die Band betont. Was sich aus dieser schon ungewöhnlichen Herangehensweise ergibt, klingt dann noch mal eigenwilliger, als man es ohnehin schon vermuten möchte. Thematisch reicht das von der Alpenbraut, über Geburtstagsclowns und Fleischkrapfen bis hin zum berühmt-berüchtigten magischen Dreieck von Sturm Graz aus der Osim-Ära. Aufgearbeitet wird diese farbenreiche Thematik durch Viech-typische Phrasen, die sich durch kunstvolle Sprachakrobatik auszeichnen. Die deutschsprachigen Texte muten häufig skurril und trashig an, schlagen unvorhersehbare Kapriolen und bieten dadurch einen großen Interpretationsspielraum. Die irrwitzige Textgestaltung wirkt dabei zuerst oft kryptisch, stellt allerdings zumeist alltägliche Feinheiten wie auch ernsthafte Motive in den Mittelpunkt, die von Viech so clever und rhetorisch wunderbar aufbereitet sind, dass der Hipster von heute sie sich sofort auf seinen Jutebeutel sticken lassen würde. Von Gabalier-Beschimpfungen („Oh Elise“) über Kritik am eigenen Land („Hudini“) bis hin zu ironischen Sätzen wie „Stell dich bitte neben mich / Sonst sieht es aus als liebt ich dich“ („Halsabschneider“) ist alles dabei. Die Band selbst trägt ihre immer geschickt formulierten und teils gesellschaftskritischen Wortmeldungen aber nicht angeberisch vor sich her. Mit großem Herz ausgestattet, lieben Viech die Kleinigkeiten, nicht die große Geste.

Live eine Urgewalt

Musikalisch hat sich bei Viech allerdings doch einiges getan. Das Songwriting und das Arrangement wurden deutlich mehr auf Livetauglichkeit getrimmt. Stampfende Drums treffen auf eingängige Riffs und mitgrölbare, repetitive Refrains. Alles in allem hat sich der Sound vom Schwelgerischen und Schwärmerischen des Vorgängeralbums abgewandt und zieht einen nun stattdessen in freundschaftlicher Umarmung und mit Glitzern in den Augen in die Disco.

„Sobald ich bei Viech nicht mehr vor Freude grinsen muss, wenn ich auf die Bühne gehe, hör ich auf damit.“

Das Erfreulichste an dem neuen Werk ist allerdings, dass es der neuformierten Band gelungen ist, die kindlich naive Herangehensweise ans Musizieren, die das Projekt Viech immer schon auszeichnete, zu bewahren. Gründungsmitglied Plut dazu: „Sobald ich bei Viech nicht mehr vor Freude grinsen muss, wenn ich auf die Bühne gehe, hör ich auf damit. Bis jetzt ist das Grinsen aber immer nur größer geworden.“ So schön kann Demokratie sein. So schön kann Musik sein.

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