Graz und Stoner Rock – eine unvereinbare Kombination?

Keineswegs! PARADOX besuchte die Mitglieder von Witchrider in ihrer Wohngemeinschaft und plauderte mit ihnen über ihr Debütalbum, ihre Einflüsse und die österreichische Musikszene. Die Steiermark ist als das grüne Herz Österreichs bekannt. Nur dürfte Witchrider darüber niemand informiert haben. Oder es ist ihnen einfach egal, denn so selbstverständlich wie die vier Grazer das grüne Herz in eine staubige und mystische Landschaft verwandeln, ist keine Liebe zu saftig grünen Wiesen erkennbar. Die Grazer Wüste lebt und die Sonne darüber brennt unbarmherzig. Und wenn es Nacht wird in der Wüste schlurfen düstere Gestalten umher und praktizieren okkulte Riten an jeder zweiten Ecke.
Schwer zu glauben, dass die Band erst im September 2012 begann, ihren dreckigen Wüstensand in Graz zu verbreiten, so abgebrüht klingt das Debütalbum „Unmountable Stairs“, das im November 2014 erschien. Als sich Michael Hirschmugl, Daniel Dorninger und Hans-Peter Leitner entschlossen gemeinsame Sache zu machen, geschah das zuerst noch unter dem Namen Desert Mountain (benannt nach dem legendären „Desert Sessions“ Projekt von Josh Homme und Brant Bjork, aus dem auch Queens of the Stone Age hervorgingen). Hirschmugl und Dorninger waren zu dieser Zeit schon ein eingespieltes Team, fühlten sie sich doch bereits mit der Band Supercruel dem Stoner Rock verpflichtet und bildeten darüber hinaus noch zusammen das Elektro-Duo Trauma. Dass mit HansPeter Leitner, einem vormaligen Mitglied der Band Phi, ein perfekter Partner zu den beiden stieß, ist dem Album in jeder Minute anzuhören. Nach langer Suche entschlossen die Drei sich schließlich, dass der Name Witchrider sich besser zu ihrer Musik fügt. Interessant an dieser Wahl ist, dass der Name bereits beschlossene Sache war und sich erst anschließend der Sinn herauskristallisiert hat. Der Ausdruck „riding the witch“ steht für eine Schlafparalyse, mit der Gitarrist Leitner selbst bereits zu kämpfen hatte, und ist tatsächlich sehr treffend für den oft hypnotisierenden Sound der Band, der hin und wieder doomig und zäh anmutet. Der häufig pumpende Bass und das okkulte Feeling verleihen den Grazern eine unnachahmliche Atmosphäre und versetzen den Hörer nicht selten in eine andere Sphäre.

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© Philipp Seidnitzer

Fans von Fans

Dass diese Formation von Anfang an sehr vielversprechend war, bewiesen sich die Musiker bereits einige Wochen nach ihrer Gründung mit ihrer selbstbenannten und – aufgenommenen EP. Der Song „Black“, der sich ebenfalls auf ihrem Album in einer neu aufgenommenen Version befindet, schaffte sogar den Sprung in das Airplay von Radio Soundportal.

„Wir waren schon jahrelang Fans der Truckfighters, besuchten erst wenige Monate zuvor ein Konzert von ihnen und plötzlich melden sie sich bei uns und gestehen, wie angetan sie von unserer Musik sind“

Obwohl die drei Studenten alle Instrumente auf ihrer EP selbst einspielten, unterstützt sie seither Bernhard Weigl bei Live-Auftritten am Bass. Ambitioniert und motiviert absolvierte das Quartett viele Gigs in und um Österreich, drehte in Eigenregie ein Video zu ihrem Song „Shedevil“ und ergatterte schließlich einen Vertrag bei der bekannten schwedischen Plattenfirma Fuzzorama Records. Darauf folgte eine ausgedehnte Europatournee mit den befreundeten White Miles und den Stoner RockGrößen Truckfighters, von denen selbst Josh Homme ein großer Anhänger ist. „Wir waren schon jahrelang Fans der Truckfighters, besuchten erst wenige Monate zuvor ein Konzert von ihnen und plötzlich melden sie sich bei uns und gestehen, wie angetan sie von unserer Musik sind“, kommentiert Hirschmugl den ersten Kontakt. Mit den Truckfighters sehen sich die vier Grazer im Geiste verbunden.

„Ich glaube nicht wirklich, dass es klassischer Stoner Rock ist.“

Beim erstmaligen Vernehmen der Klänge von Witchrider kommt es einem auch in den Sinn, dass hier Stoner Rock nach offensichtlichen Vorbildern vorliegt. Witchrider also eine klassische Stoner Rock-Band? Dorninger widerspricht: „Ich glaube nicht wirklich, dass es klassischer Stoner Rock ist. Es ist eher eine Mischung aus dem Stoner Rock wie in Kyuss gemacht hat mit unterschiedlichen Einflüssen wie Queens of the Stone Age, englischen New Wave wie The Cure, aber auch Nirvana, Joy Division, The Doors und Jimi Hendrix.“ Genau hier liegt ein großes Geheimnis ihrer Wirkung begraben. Hört der geschulte Fan zum ersten Mal ihr Debütalbum, tauchen ihm/ihr wohl unweigerlich Queens of the Stone Age vor dem inneren Auge beziehungsweise Ohr auf. Die Musik mutet im ersten Moment vertraut an und berührt sofort, ist aber zugleich nicht von Beginn an voll zugänglich. Dadurch wird eine intensivere Auseinandersetzung mit der Musik heraufbeschworen, in welcher erst die unterschiedlichen Einflüsse wirklich realisiert werden können und die wahren Perlen sich einem erst jetzt offenbaren. Ähnlich verhält es sich mit Dorningers teils sogar fast lieblicher Stimme, die zu Beginn gar nicht so recht ins Klangbild passen möchte. Doch diese ist ebenso ein großer Teil von Witchriders Erfolgsformel, bei der sich die Annahme aufdrängt, dass sie in einem großen Hexenkessel auf einer nebligen Waldlichtung bei Nacht von dunklen Gestalten zubereitet wird. Seine Stimme ist so variabel wie geschickt eingesetzt, dass sie die atmosphärische Dichte der Songs perfekt unterstreicht und ihnen nicht selten den nötigen Punch verleiht. Allgemein variieren die Lieder doch von Zeit zu Zeit merkbar und trotzdem ergibt sich insgesamt ein homogenes Gesamtbild. Das ist der Band hoch anzurechnen. In einem so überladenen wie auch traditionellen Feld wie dem Stoner Rock spannend zu sein und auch zu bleiben, gelingt nur den Wenigsten.

Eine Sache unter Freunden

Was desweiteren für Witchrider spricht, ist der unbestreitbare Tatendrang noch weiter kommen zu wollen. Die großen Bühnen dieser Welt sind das ausgeschriebene Ziel der vier Musiker. Dass die Band eine äußerst ambitionierte ist, zeigt schon ihre Geschichte. Und dass für die Bandmitglieder eigentlich kein Tag ohne Auseinandersetzung mit Witchrider vergeht oder eigentlich vergehen kann, beweist ein Besuch in der WG von Hirschmugl, Dorninger und Leitner. Witchrider ist allgegenwärtig. Tourposter, mit Gitarren bestückte Wände, selbstgebastelte Figuren aus dem „The Fog“-Musikvideo. Ja selbst die WG-To-Do-Liste trägt den Namen „Witchrider“. Dass das Tonstudio in der gesamten Wohnung verteilt ist, kann in dem Fall auch als kein Nachteil gesehen werden. Allzeit bereit neue Ideen sofort in die Tat umzusetzen. „Unmountable Stairs“ entstand zur Gänze in der erstaunlich hellen Wohnung der drei Stoner-Rocker. „Der Vorteil ist, dass man im Studio schläft und der Nachteil ist, dass man im Studio schläft“, fasst Schlagzeuger Hirschmugl ironisch zusammen. Dass sich mit dieser Konstellation einiges voranbringen lässt, haben Witchrider bewiesen. Dennoch warnt Sänger Dorninger vor den „Unmountable Stairs“, die sich durch die permanente Beschäftigung und die immer vorhandene Möglichkeit, in die aufgenommene Musik eingreifen zu können, ergeben. Derzeit geht das Rezept allerdings vollends auf. Von den „Unmountable Stairs“ selbst ist auf dem Debütalbum keine Spur. Trotz aller Souveränität strotzt es förmlich nur so vor Spielfreude und vermittelt dem Hörer das wundervolle Gefühl, dass es sich hierbei um eine Herzensangelegenheit handelt. Der Eindruck, dass die junge Band genau weiß wohin sie will, und dass sie dabei auch noch großen Spaß am Musikmachen hat, wie sie erzählen. So ist die WG auch mehr als eine reine Zweckgemeinschaft, die aus praktischen Gründen eingerichtet wurde.

„Wir können ja auch die Stadt Graz unterstützen wie sie uns unterstützt hat.“

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© Philipp Seidnitzer

Es fällt trotz der doch sehr düsteren und unheimlichen Klängen auf, dass sich die Band wohlfühlt mit dem was sie tut und auch in der Stadt, in der ihre Musik entsteht. Witchrider wollen Graz etwas zurückgeben, wie sie im Interview erläutern. Der Stadt, in der sie ihre ersten Schritte gemacht haben und die sie stark beeinflusst hat. Dem aufmerksamen Fan mag nicht entgangen sein, dass sich der Uhrturm auf dem Cover von „Unmountable Stairs“ befindet. Eine kleine Hommage an die Heimat. „Wir können ja auch die Stadt Graz unterstützen wie sie uns unterstützt hat“, findet Hirschmugl anerkennende Worte.
Trotz der live immer bewiesenen Coolness handelt es sich bei Witchrider um eine äußerst sympathische und fokussierte Band, die Musik macht, die ihnen selbst gefällt, die ihnen wichtig ist. Zu wünschen bleibt, dass die Band sich diesen Gedanken weiterhin beibehält, soviel Spaß macht „Unmountable Stairs“. Die Hoffnung lebt stark, dass sie ihren Weg weiterhin so engagiert verfolgen und sich ihre erfrischende, unverkrampfte Spielfreude erhalten. Wenn dem künftig so ist, rücken die großen Bühnen tatsächlich in greifbare Nähe.

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