In über 15 Jahren, mit zwei Bands und mehreren Soloalben, erlebt man so einiges. Da sollte man mal drüber reden.

Sowohl Interviewer als auch zu Interviewender wirken noch ein wenig müde an diesem Vormittag. Das Wetter unterstützt die Müdigkeit. Da kommt der Kaffee gerade recht. Belebt den Geist – der Körper muss eh nur sitzen – und macht einem klar, dass man die Müdigkeit auf später verschieben sollte. Schließlich gibt es reichlich zu besprechen, wenn man mit Chris Magerl zusammensitzt. Immerhin ist dieser ein Musiker, der in den letzten 15 Jahren mehr Alben aufgenommen hat, als Zuckerwürfel in meinen Kaffee fallen. Seine einst charakteristischen Dreadlocks sind mittlerweile der Schere zum Opfer gefallen, sind Ansätzen von grauen Haaren gewichen.

Wie die Zeit vergeht

Es war 1999 als Chris Magerl begann mit Sick of Silence durch Europa zu touren. Der Höhepunkt der Band war wohl, als man zu einer Tour durch Kanada eingeladen wurde. Doch das Bandgefüge sollte nicht halten, bereits 2002 trennten sich die Wege der Musiker. Magerl gründete Once Tasted Life, mit denen er sich vom Hardcore von Sick of Silence verabschiedete. Auch mit der neuen Formation ging es auf Tour durch Europa, unter anderem spielte man am ungarischen Sziget Fesitval. Doch trotz einiger positiver Resonanz vonseiten der Fans, als auch der nationalen wie der internationalen Presse, sollte die Band nicht von Dauer sein; 2009 lösten sich Once Tastes Life auf. Chris Magerl begab sich anschließend auf Solopfade. Seither hat er die E.P. „A New Season“ und die LP „Places“ veröffentlicht. Kürzlich erschien unter dem Titel „Faces“ eine Akustikversion seiner LP. Nun sitzt er vor mir und nippt an seinem Kaffee.

www.music-news.at: Du hast letztes Jahr dein zweites Soloalbum veröffentlicht und bist im Moment auf Österreich-Tour. Wie läufts bislang?

Chris Magerl: Sehr gut eigentlich. Ich habe letztes Jahr, ziemlich genau zur gleichen Zeit, mein zweites Soloalbum veröffentlicht, der erste Solo-Longplayer war das damals, und hab heuer im Jänner eher durch Zufall einige Konzerte bekommen. Daraus hat sich eine kleine Tour ergeben. Ich war jetzt im Westen, also in Innsbruck, Salzburg, Lienz und das war super.

Aus Places wird Faces

www.music-news.at: Nachdem du „Places“ veröffentlicht hast, hast du das ganze Album unter dem Name „Faces“ nochmal als Akustikalbum aufgenommen. Wie ist es dazu gekommen und was war die Idee dahinter?

Chris Magerl: Die Idee ist ganz einfach. Ich bin ein Soloartist, der gerne mit Band spielt, weil man da als Musiker mehr machen kann. Mit Band gibt es viele Möglichkeiten, wie man eine Nummer arrangieren kann und ich spiele mich sehr gerne mit meinen Songs herum. Gleichzeitig spiele ich live sehr oft akustisch. Beziehungsweise hat das ganze Soloprojekt als Akustikprojekt begonnen. Abgesehen davon haben mich sehr viele Leute darauf angesprochen, dass sie gerne ein reines Akustikalbum von mir hören würden. Jetzt ist „Places“ alles andere als ein Akustikalbum. Im Gegenteil, es ist nicht einmal ein richtiges Singer/Songwriter-Album. Aus meiner Sicht ist es eine Indie/Alternative-Scheibe. Insofern hab ich mir gedacht, ich geh in ein kleines Studio und spiele das ganze, mit dem Gitarristen den man auch auf der anderen CD hört, nochmal als Akustikversion ein. Es klingt sehr „rough“, weil es eine Livevariante ist. Aber so ist die Geschichte dazu. Jetzt gibt’s beides. Auf das richtige Akustikalbum warten die Leute noch, das wird’s vielleicht in Zukunft passieren.

www.music-news.at: Hast du persönliche Präferenzen in welcher Form dir die Songs mehr zusagen?

Chris Magerl: Es ist unterschiedlich. Es gibt aus meiner Sicht Nummer, die akustisch eigentlich nicht funktionieren und die hätte ich, wenn ich nicht das gesamte Album nochmal aufnehmen hätte wollen, nie als Akustikversion aufgenommen. Aber ich hab mir gedacht, ich nehme alle nochmal auf, dann kann man sich die Nummern so anhören, wie ich sie geschrieben habe. Es gibt Nummern, die mir in der Bandversion definitiv besser gefallen. Zum Beispiel ist Papercuts für mich eine Bandnummer und keine Akustiknummer. Es gibt Nummern, die für mich gerade in der Akustikversion sehr gut funktionieren. Ich unterscheide aber bei den beiden Alben nicht nur im Bezug auf akustisch und mit Band, sondern auch im Bezug auf die Entstehung. Das eine ist eine wirklich ausgefeilte Geschichte, die anderthalb Jahre Studio im Hintergrund hat, und das andere ist eine Live-Akustik-Version, die in zwei Tagen entstanden ist. Wenn ich mir anderthalb Jahre Zeit genommen hätte, für die Akustikversion, dann würde die wahrscheinlich ganz anders klingen und dann würde es vielleicht Nummern geben, wo ich sag die sind akustisch total super. So gibt’s ein paar die mir sehr gut gefallen und ein paar andere, die einfach spannend finde als Akustikversion.

www.music-news.at: Du hast mit Sick of Silence zwei Tonträger rausgebracht, mit Once Tasted Life auch zwei und jetzt mit Places deinen zweiten Solotonträger. Hat das zu bedeuten, dass man sich in Zukunft wieder ein neues Projekt erwarten kann?

Chris Magerl: Ich würde es nicht ausschließen, ich glaube es aber eher nicht. Die Geschichte mit dem Soloprojekt ist ja so entstanden, dass ich mir gedacht habe ich möchte total unabhängig und völlig flexibel Musik machen. Ich hab die Bands unglaublich genossen – Sick of Silence nicht immer, weil das eine relativ komplizierte Band war – aber es ist einfach so, wie ich es vorhin bei den Alben schon gesagt habe. Grundsätzlich taugt mir das Spielen mit den Bands, weil man einfach viel mehr ausprobieren kann, weil es vielseitiger ist und weil grad in einer Rockband das ganze eben mehr rockt – der Aspekt taugt mir ja grundsätzlich sehr. Gleichzeitig ist es so, dass du halt ein paar Leute zusammenbringen musst zum Proben, du kannst gewisse Konzerte manchmal nicht spielen, weil einer keine Zeit hat oder sagt er möchte das nicht machen. Und meine Idee war dann ein Soloding zu machen, weil ich da total flexibel Konzerte spielen kann. So wie jetzt, wenn Konzert reinkommen und ich kann sagen: „Passt, ich fahr“. Das wäre mit einer Band so wahrscheinlich nicht gegangen. Ich bin ja nicht hauptberuflich Musiker, ich hab einen 40-Stunden-Job, ich hab meine Familie, also auch nur sehr begrenzte zeitliche Ressourcen, da ist es so eben einfacher. Vielleicht gibt es irgendwann wieder Bandprojekte, und Ideen hätte ich ja doch, aber ich glaube es wird schlussendlich an der Zeit scheitern.

www.music-news.at: Welche Ideen gäbe es da grundsätzlich?

Chris Magerl: Was mir manchmal abgeht sind diese Hardcore-Shows, wo man anders Energie ablassen kann, als bei dem Soloprojekt. Es kommt halt immer auf den Rahmen an. Manche Akustikshows sind auch sehr punkig, wobei das nicht immer der Fall ist. Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob ich mit einer Hardcoreband auf der Bühne stehe oder alleine mit einer Gitarre.

Hat die Vergangenheit eine Zukunft?

www.music-news.at: Nachdem du 2013 mit Sick of Silence eine einmalige Reunion-Show gespielt hast: Gibt es da irgendwelche Pläne für die Zukunft?

Chris Magerl: Es hat 2014 tatsächlich Pläne gegeben wieder mehr Shows zu spielen, weil es uns allen 2013 viel Spaß gemacht hat. Sick of Silence war eine wirklich wunderbare Band, aber eine Band, die nicht unkompliziert war. Da hat es sehr viele Konflikte innerhalb der Band gegeben, weil das halt alles sehr starke Persönlichkeiten waren mit ihren Überzeugungen und das hat man erst unter einen Hut bringen müssen. Bei unserer Reunion-Show war das zum ersten Mal überhaupt nicht der Fall. Wir sind ganz entspannt an die Sache herangegangen und haben wirklich viel Spaß gehabt. Deshalb haben wir uns überlegt noch ein paar Konzerte zu machen, doch dazu ist es aus verschiedenen Gründen nicht gekommen. Was viel damit zu tun hat ist sicher, dass die Situation rund ums Booking heute eine ganz andere ist, als es damals vor 15 Jahren der Fall war. Es gibt heute ein riesen Angebot an Bands und du musst eben schauen in welcher Form sich Konzerte umsetzen lassen. Wir haben auch nicht alles drangesetzt nochmal zu spielen, sondern haben gesagt, wenn es passt dann machen wir es, allerdings auch beschränkt auf ein paar wenige Konzerte. Dann haben die Rahmenbedingungen, in der Form wie wir uns das vorgestellt haben, für uns nicht gepasst.

www.music-news.at: Also sollte man sich dahingehend auch für die Zukunft keine zu großen Hoffnungen machen?

Chris Magerl: Nein, weil wir uns einfach diesen Stress nicht machen wollen. Damals haben wir diesen Anspruch gehabt, dass wir mit der Band ganz viel machen und immer größer werden. Es war klar das Ziel: „Lebensinhalt Musik“ Sick of Silence betreffend gibt’s das nicht mehr. Wir sind Leute, die in verschiedenen Projekten tätig sind. Wir haben also unsere Musik aber wir haben auch andere Sachen. Jeder hat irgendeinen Job oder andere Sachen, die sehr viel Platz im Leben einnehmen. Da ist es dann so, dass die Motivation eben eine andere ist.

Chris Magerl

Chris Magerl – mit oder ohne Strom…

www.music-news.at: Du hast eben gesagt, dass es mit Sick of Silence der Plan war immer größer und erfolgreicher zu werden. Bislang ist es sich bei dir nicht ausgegangen, dass du von der Musik leben kannst. Ist das immer noch der Plan im Hinterkopf?

Chris Magerl: Das würde nur dann funktionieren – das sag ich jetzt etwas zynisch – wenn irgendein sehr bekannter Act anfangen würde meine Nummern zu spielen.
Ich persönlich hab diese Motivation heute absolut nicht mehr, weil ich Erfahrungen gemacht habe und weiß was dahinter steckt. Aus meiner Sicht gibt es weniger Gründe, die dafür sprechen so ein Leben zu führen, als es Gründe gibt, die dagegen sprechen. Es fängt an beim Business selber. Grundsätzlich ist es so: Wenn eine Band größer wird, lebt ja nicht nur die Band selber davon, sondern auch ganz viele andere Leute. Somit ist viel Geld involviert und die Leute reden mit. Für mich war es immer wichtig, dass ich Musik so machen kann wie sich’s für mich richtig anfühlt. Ich würde nie auf die Idee kommen einen Text oder die Musik anders zu schreiben, nur weil dir irgendein Label sagt wie du es machen sollst. Das hab ich bis jetzt noch nie gemacht und das wird auch in Zukunft nicht passieren, weil mir das einfach viel zu wichtig ist.
Die zweite Geschichte ist, dass es ja nicht nur ums Songwiritng geht, sonder auch um Marketing, du musst Kompromisse eingehen und du musst permanent auf Tour gehen. Das konnte ich mir früher vorstellen aber mittlerweile ist es so, dass ich in Graz meine Freundin habe, generell ist alles woran sich mein Leben orientiert hier. Deshalb möchte ich jetzt nicht sieben oder acht Monate auf Tour sein. Wenn man keine Kompromisse eingehen möchte, seine Musik nicht auf den Markt ausrichten und nicht ständig auf Tour gehen will, dann glaube ich wird das nichts damit von der Musik zu leben. Das passt für mich aber auch. Ich kann machen was ich will, und das ist für mich das Wichtigste.

www.music-news.at: Das heißt du sehnst dich nicht nach den Zeiten, als mit Sick of Silence oder Once Tasted Life auf chaotischen Tourneen unterwegs warst?

Chris Magerl: Nein ich sehne mich absolut nicht nach diesen Zeiten. Ich habe viele coole Leute getroffen, viele Orte gesehen und viele witzige Sachen erlebt, manchmal auch sehr schräge Dinge. Ich möchte das nicht missen aber ich hab das schon gehabt und lebe jetzt eigentlich ganz gut damit. Ich sitze jetzt gerne da, trinke einen Kaffee und erzähl dir drüber aber ich muss nicht unbedingt wieder irgendwo wochenlang im Bus schlafen und chaotische Shows spielen.

www.music-news.at: Beeinflusst das ruhigere und geregelte Leben deine Kreativität? Deine Texte zum Beispiel waren früher ja doch noch sehr politisch, zu Zeiten von Sick of Silence.

…es ist weniger plakativ, als es bei Sick of Silence war.

Chris Magerl: Ich denke, ich mache mir heute mehr Gedanken darüber, wie ich bestimmte Dinge formuliere. Ich scheue auch nicht davor zurück, sehr persönliche Sachen mit rein zu nehmen. Wenn man sich „Places“ anhört, gibt es immer noch sehr gesellschaftspolitische Themen. Es gibt lokalpolitische Referenzen, wo es um das Murkraftwerk geht, es gibt Sachen wo es um Menschen geht, die hier in Graz ums Überleben kämpfen. Diese Themen bekomme ich ja nicht nur in meiner Freizeit mit, sondern auch über meinen Beruf. Diese Sachen verarbeite ich nachwievor aber es ist weniger plakativ, als es bei Sick of Silence war. Es ist weniger diese Sprache die gerade in diesem Genre, in dem wir damals unterwegs waren, üblich ist, sondern ist mehr aus einem persönlichen Blickwinkeln heraus beschrieben.
Die Kreativität gibt es nachwievor aber die Sprache ist eine andere.

www.music-news.at: Wird man fauler wenn man einen gewissen Alltag lebt?

Chris Magerl: Ja, glaube ich schon. Ob es am Alltag liegt, weiß ich nicht. Bei mir persönlich sind es zwei Faktoren. Zum einen bin ich nach acht oder neun Stunden Arbeit einfach müde. Zu Zeiten von Sick of Silence hab ich studiert, da war ich ganz selten acht oder neun Stunden auf der Uni. Ich weiß, dass es Leute gibt die das machen aber ich war definitiv keiner von ihnen. Insofern verbrauche ich viel Energie für das Leben abseits der Musik. Die zweite Geschichte ist, dass meine Motivation eine andere ist. Mir geht es heute einfach darum Musik zu machen, mich auszudrücken so wie ich das möchte. Ich freue mich wenn Leuten das gefällt was ich mache aber ich muss es nicht der ganzen Welt präsentieren. Wenn also jemand zuhört gefällts mir. Aber wenn niemand zuhört mach ich es trotzdem, weil ich es doch sehr stark für mich selber mache. Ich würde also auch Musik machen wenn sie sonst niemand hören würde.

Große Bühne vs. kleines Pub

www.music-news.at: Du hast im November im Molly Malone, in Graz gespielt. Wo liegt bei deiner Herangehensweise der Unterschied zwischen einem Konzert in einer größeren Location und einem kleinen Pub-Gig?
[Hier gehts zum Artikel über das Konzert im Molly Malone]

Chris Magerl: In einem Club mit Bühne und gutem Sound überlege ich mir vorher eine Seltist und ob ich alleine oder mit Begleitung auftrete. Wenn ich zum Bespiel jemand dabei habe der Klavier spielt, finden die Arrangements die wir uns überlegen über eine gute Anlage sehr gut den Weg zum Publikum. Die Show ist einfach durchdachter. Bei einer reinen Pub-Show gibt es große Herausforderungen. Die größte ist, dass dort Leute sind, die gar nicht wegen dem Konzert dort sind. Viele dieser Leute interessieren sich gar nicht für die Musik, das heißt es ist sehr laut. Mit ruhigen Nummern ist es dann schwierig sich gegen diese Wand an Geräuschen durchzusetzen. Es ist auch schwieriger Geschichten zu erzählen, was aber ein wichtiger Bestandteil meiner Musik ist. Bei solchen Konzerten ist die Setlist dementsprechend eine sehr spontane Angelegenheit, ich versuche, dass ich irgendwie auf das Publikum reagiere.

Ich versuche wirklich kein Arschloch zu sein aber ich komm da manchmal an meine Grenzen.

Im Molly Malone hat mir das Konzert grundsätzlich sehr gefallen, doch es war auch dort sehr laut. Es war schwierig mit den Leuten Blickkontakt zu halten. Und es hat – daran kannst du dich bestimmt auch noch erinnern – diese betrunkene Frau gegeben, die sich gedacht hat sie muss mit mir singen. Das ist eine schwierige Geschichte. Ich versuche wirklich kein Arschloch zu sein aber ich komm da manchmal an meine Grenzen. Grad betrunkene Leute gehen nicht mehr weg, die singen furchtbar, haben irgendwelche Wünsche was als nächstes passieren soll, wollen sich selbst ins Rampenlicht stellen – diese Frau ist ja gar nicht mehr weggegangen – und machen mir eigentlich relativ viel kaputt, in einer Situation die eh schon relativ schwer ist.
Wie gesagt, die Rahmenbedingungen bei so einem Pub-Konzert sind relativ schwer. Aber ich denke das gehört dazu, wahrscheinlich werde ich auch in Zukunft Konzerte spielen, wo Betrunkene auf die Bühne kommen, die mir das Mikro wegnehmen, die ein Glas auf die Bühne werfen, die mir vor die Füße speiben – das habe ich alles schon gehabt.
Bei so einem Konzert ist es halt auch als Publikum wichtig zu wissen auf was man sich einlässt. Wenn man zu einem Konzert von mir kommt und ruhige, intime Momente erleben möchte, die es durchaus gibt, dann ist wahrscheinlich eine Pub-Show der falsche Ort. Da ist das ppc oder ähnliches vielleicht der bessere Ort.

Chris Magerl

Chris Magerl – Alleine mit Gitarre

www.music-news.at: Sind Genredefinitionen nicht mehr zeitgemäß?

Chris Magerl: So weit würde ich nicht gehen. Wenn dich jemand nicht kennt, muss er dich ja mit irgendwas vergleichen um ein Bild zu bekommen. Da sind Genredefinitionen natürlich naheliegend. Gleichzeitig ist es schwierig, weil ich als Soloartist oft das Genre Singer/Songwirter herziehe, das eigentlich passt. Gleichzeitig passr es aber oft auch nicht, weil ich diesen Punkrock und Hardcore Hintergrund hab, den man bei vielen Nummern auch hört. Wenn man sich das neue Album anhört, merkt man, dass es kein Punkalbum ist. Es klingt weder wie Green Day, noch wie Blink und schon gar nicht wie das was ich früher mit Sick of Silence gemacht habe. Es ist eigentlich eine Indie-Platte. Das heißt diese Definitionen kommen dann irgendwann an ihre Grenzen. Ich persönlich sage, ich bin Singer/Songwriter mit Punk-Hintergrund.

www.music-news.at: In meinem Artikel über deinen Auftritt im Molly Malone ist im Bezug auf deine Musik das Genre Poppunk gefallen. Was vor allem auf die Live-Versionen deiner Songs bezogen war.

Chris Magerl: Laut meiner Definition sind Poppunk-Bands Bands wie Blink oder 3 Feet Smaller aber da bin ich, meiner Meinung nach, sowohl inhaltlich als auch musikalisch weit davon weg. Aber es haben über mich auch schon Leute geschrieben, dass die Musik klingt wie Bush. Irgendwer hat geschrieben, es ist eine Dashboard Confessional Kopie. Das hat mich wirklich geärgert, weil ich von denen nicht mal eine CD oder sonst irgendwas habe.
Das sehen Leute eben unterschiedlich, aber ich sehe mich nicht als Poppunk, will damit aber nicht die Musik schlecht machen.

Die Grazer Musikszene…

www.music-news.at: Du bist seit sehr langer Zeit in der Grazer Musikszene unterwegs. Was denkst du über diese Szene bezüglich ihrer Entwicklung und dem aktuellen Stand der Dinge?

Chris Magerl: Ich denke, dass sie, im Vergleich zu der Zeit als ich begonnen habe, sehr viel umfangreicher geworden ist und es ist schwierig ist einen Überblick zu bekommen. Es gibt aber sehr viel gute Musik, mit vielen Bands habe ich auch ja schon gespielt. Zum Beispiel Assaia, eine sehr junge Band, total motiviert. Ich denke in der Szene gibt’s Potential. Was jeder daraus macht ist eine andere Sache.

www.music-news.at: Es gibt also sehr talentierte Österreichische Musiker, trotzdem schafft es kaum jemand so erfolgreich zu werden um von der Musik leben zu können. Was läuft da schief?

Chris Magerl: Ich glaube es hat nur teilweise damit zu tun wie gut jemand ist. Du musst das Glück haben zur richtigen Zeit die richtige Musik zu machen und dann musst du wissen wie du deine Musik vermarktest. Ich glaube, dass es oft an diesen beiden Dingen scheitert. Ich glaube es gibt Bands die super sind, die aber ein Genre bedienen, das im Moment für die Musikindustrie nicht interessant ist. Dann gibt es vielleicht Bands, die zur richtigen Zeit alles genau richtig machen aber nicht wissen wie sie ihre Musik zu den richtigen Leuten bringen. Österreich ist ein kleiner Markt. Du müsstest eigentlich schauen, dass du in Österreich einen Bekanntheitsgrad erreichst, der dir als Sprungbrett ins Ausland dient. Alleine in Österreich wird man einfach nicht genug Tonträger verkaufen, um davon leben zu können.

www.music-news.at: Inwieweit liegt es an der Musikförderung durch große Institutionen, wie ORF bzw. Ö3?

Dass das funktionieren kann hab ich selbst erlebt.

Chris Magerl: Ich glaub schon, dass das ein Thema ist. Ich hab das selbst erlebt. Es gab in Graz eine Phase in der im Bereich Punk sehr viel passiert ist. Einige kleine Bands haben angefangen im Ausland auf Tour zu gehen und haben diesen Erfolg mit Heim genommen. Auf einmal waren nicht mehr nur 100 Leute beim Konzert, sondern 200. Und zwar nicht nur bei diesen Bands, sondern bei allen anderen Bands aus ihrem Umfeld auch. Da gab es eine Aufbruchsstimmung, wo sich die Leute gedacht haben, dass sie das auch schaffen können. Da sind Bands auf Tour gegangen die sich das ein halbes Jahr davor noch nicht vorstellen konnten. Die Leute bei den Konzerten haben sich gedacht, wenn die in England Erfolg hatten, dann können die so schlecht nicht sein. Dieses Bewusstsein, dass wir was Gutes haben ist wichtig, auch bei den Bands selber. Dass niemand mehr sagt: „Das ist gut für Österreich“, sondern: „Das ist gut!“. Dass das funktionieren kann hab ich selbst erlebt.

www.music-news.at: Heißt das, es gibt Hoffnung für Österreich?

Chris Magerl: Es gibt auf jeden Fall das Potential, es gibt die Möglichkeiten. Die Zeichen stehen im Moment nicht so sehr in diese Richtung, dass sich da bei uns was ändert aber ich denke mir, die Chance ist da.

www.music-news.at: Willst du zum Abschluss noch was loswerden?

Ich bin da wirklich sehr dankbar dafür.

Chris Magerl: Ich denk mir, ich könnte das jetzt einfach mal nutzen. Ich finde das schon cool, dass es Leute gibt die auf Konzerte kommen und es Promoter gibt die Konzerte veranstalten, nämlich eben auch mit Bands von denen sie noch nichts gehört haben.
Ich bin immer ganz gerührt, wenn jemand zehn Euro Eintritt zahlt um mich zu sehen. Nicht weil ich glaube, dass meine Musik schlecht ist, sondern weil ich weiß wie lahmarschig ich selber bin, wenn ich abends zuhause bin und mir überlege, ob ich zu einem Konzert gehe oder nicht. Dann spiele ich irgendwo, wo ich noch nie war, und Leute kommen, zahlen Eintritt und es herrscht ein super Stimmung. Ich bin da wirklich sehr dankbar dafür.

Fotocredit: Chris Magerl

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