Die Salzburger Extreme-MetalFormation Belphegor zählt zum Besten, was die österreichische Metalszene zu bieten hat und ist national wie international sehr erfolgreich. Heuer feiern sie ihr 25-jähriges Bestehen, waren im letzten Jahr in Übersee auf Headliner-Tour und haben Dinge erreicht, von denen viele Kollegen noch träumen müssen. Gibt es da überhaupt noch Wünsche, Sehnsüchte, die bis dato unerfüllt blieben? Bandchef Helmuth Lehner verrät es im Interview…

[Ein Interview von Angelika Oberhofer]

PARADOX: LETZTES JAHR HABT IHR EUER INOFFIZIELLES 25-JÄHRIGES JUBILÄUM GEFEIERT. HÄTTET IHR ZU ANFANGSZEITEN MIT BETRAYER GEDACHT, DASS IHR 2017 NOCH ZUSAMMEN MUSIK MACHT?

Helmuth Lehner: Offiziell ist 2018 unser 25-jähriges Jubiläum. Wenn ich zurückblicke, kann ich noch immer nicht glauben, was wir erreicht haben, und darauf bin ich auch sehr stolz. Unser Ziel war immer, musikalisch alles auf den nächsten Level zu hieven, speziell seit Anfang 2000, wo alles ernster wurde. Wir haben uns nie dreinreden lassen, hermetisch abgeriegelt und distanziert von der dahinsiechenden Bandschwemme, Opportunisten und anderen Lakaien. Streng fokussiert auf das Wesentliche. Du musst an dich selber glauben, hart proben, Schwachstellen ausmustern. Wille, Selbstmotivation, Disziplin und Verzicht in Form von Opfern haben es ermöglicht, dass wir auf Maximalkraft weltweit einfallen.

PARADOX: IN EUREN TEXTEN NEHMT IHR FRAUEN GEGENÜBER EINE DOMINANTE STELLUNG EIN – AUCH BEI EUREN ANLEHNUNGEN AN DE SADE STEHEN FRAUEN HAUPTSÄCHLICH ALS SCHWACHE OBJEKTE DA, ZUM BEISPIEL DIE VERARBEITUNG VON „JUSTINE“ ANSTATT VON „JULIETTE“. BEABSICHTIGTE POLARISIERUNG? IN EINEM INTERVIEW SPRECHT IHR DAVON, DASS EURE TEXTE DAHINGEHEND MEHR ALS MACHOMÄSSIG UND WENIGER ALS SEXISTISCH ZU VERSTEHEN SIND.

Helmuth Lehner: Ich bezeichne mich nicht als Sexist, ich liebe Frauen. Man wird heutzutage sehr schnell in Schubladen gepresst, da passiert einiges, was uns so nicht gefällt, oder geplant war, darum bin ich auch vorsichtig geworden mit Statements zu einigen Themen, weil es mittlerweile nervt, falsch interpretiert zu werden. Man sollte Marquis De Sade kennen und auch lesen, auch seine Biografie ist äußerst interessant, wie er sich immer wieder retten konnte vor Verurteilungen. Sein Adelstitel erleichterte es ihm natürlich, sich immer wieder davonzustehlen. Zumal er nicht nur darüber geschrieben hat, sondern vieles auch leibhaftig zelebrierte und deswegen jahrelang auf der Flucht war. Keiner war offensiver, extremer und wütender als seine Bücher, aber auch legte er sehr viel Wert auf Wortwahl und Ästhetik. „120 Tage von Sodom“ ist zum Beispiel in Gefangenschaft geschrieben und ein Meilenstein. Das Wort Sadismus wurde nach De Sade benannt. Ich finde auch Persönlichkeiten wie zum Beispiel Crowley oder Nietzsche interessant, was aber nicht heißt, dass ich alle Ansichten bedingungslos teile. So ist es auch mit De Sade. „Juliette“ und „Justine“ sind Klassiker, aber „Justine“ ist ganz klar interessanter. Alles, was früher irgendwem heilig war, wird völlig enttabuisiert, umgekehrt auf radikalste Art und Weise.

Helmuth Lehner – (c) Belphegor Music

PARADOX: IHR BEDIENT EUCH EINER STARKEN SATANISCHEN UND TEILS AUCH OKKULTEN SYMBOLIK – FINDET IHR AUCH AUF PHILOSOPHISCHER EBENE ZUGANG ZUM MODERNEN SATANISMUS, ZUM BEISPIEL AUF DIE THEORIEN VON LAVEY?

Helmuth Lehner: Wir haben klare Ansichten, die Okkult und, wenn du es so willst, in den satanischen Bereich gehen, aber im Endeffekt ist unsere Message Freiheit, das höchste Gut. Wir haben uns immer als Atheisten, Antigod gesehen, mit Tendenzen zum Nihilismus. Blasphemie gepaart mit schwarzer Romantik und den Dämonen in Form von Besessenheit, Magick, Leidenschaft schweben über uns. Meine Philosophie über Satan/Luzifer – dem Lichtbringer in unseren Versen – ist eher als stolze, mächtige majestätische Figur zu sehen, widerständig, verführend, spottend, stark, erhaben und nicht kriechend oder kniend nach Reue flehend, wie es das Christentum zu lehren versucht. Ich meine, war immer diese schwarze okkulte Besessenheit, die uns begleitete, wenn es um Belphegor ging und das wird sich auch nicht ändern.

PARADOX: ROTTING CHRIST MUSSTEN IHRE SÜDAFRIKA-KONZERTE IM LETZTEN JAHR AUFGRUND VON PROTESTEN UNTER ANDEREM NAMEN BESTREITEN. HATTET IHR SCHON MIT SOLCHEN ANFEINDUNGEN VON RELIGIÖSEN GRUPPEN ZU KÄMPFEN? BEI EURER GEPLANTEN RUSSLANDTOUR IM LETZTEN JAHR KAM ES ZU ZWISCHENFÄLLEN MIT FUNDAMENTALISTEN. SEHT IHR EURE MUSIK DA AUCH ALS WIDERSTANDSFORM GEGEN ERSTARRTE SYSTEME BEZIEHUNGSWEISE ALS INSTRUMENT DER AUFKLÄRUNG?

Helmuth Lehner: Wir haben Russland fünf oder gar sechs Mal getourt, letztes Mal davor wurden wir mit Pfefferspray empfangen. Das Ding ist, niemand will dort Probleme mit der Exekutive bekommen – wirklich niemand, oder gar im Gefängnis landen, was diese Typen provozieren wollten. Aber es war immer wieder etwas Besonderes, zurückzukehren und mit den Leuten extreme Musick zu glorifizieren. Diesmal geriet das Ganze etwas außer Kontrolle. Ein Gerangel auf einem internationalen Flughafen hätte mit schlimmen Konsequenzen geendet, für mich und mein Lebenswerk. Wie auch immer, viel Feind – viel Ehr. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Auch sehe ich uns nicht als Opfer, im Gegenteil, man hat gesehen, was passiert, wenn Geistesgestörte wie diese Leute an die Macht kommen, dann werden Bücher, Platten, Filme, Bilder „wieder“ brennen. Meinungsfreiheit in der Kunst muss gegeben sein und ist ein wichtiger Bestandteil. An unserer Mission hat sich dadurch rein gar
nichts geändert.

PARADOX: IM LETZTEN SOMMER WART IHR AUF HEADLINER-TOUR IN NORDAMERIKA, IM WINTER FÜR DREI WOCHEN IN LATEINAMERIKA. MAN SOLLTE MEINEN, IN DEN TEILS PRÜDEN USA SIND EURE AUFTRITTE EBENFALLS PROBLEMATISCH. KAM ES DA ZU VORFÄLLEN?

Helmuth Lehner: Prüde USA? Wär mir nichts aufgefallen, im Gegenteil. Wir haben zehn Nordamerika-Touren gefahren und es war jedes Mal ein Erlebnis, dasselbe gilt auch für Lateinamerika, auch bereits sieben Touren. Ich kann nur das Beste berichten, und wir werden auch für die neue LP dahin zurückkehren. Was ich an den Staaten mag, ist ihre Einstellung, Mentalität zu vielen Dingen, ein „geht nicht“ hört man selten. Es wird erst mal alles versucht, bevor man kapituliert. Seit meiner lebensbedrohlichen Operation im Oktober 2011 und meinem harten Kampf zurück auf die Bühne bin ich wesentlich fokussierter, Musick und visuelle Zauberei in Einklang zu bringen. Das Ganze war auch eine Art Reinigungsprozess, da ich meine Alkohol-/ Exzess-Sucht überwinden und hinter mir lassen musste. Ein Belphegor Konzert ist heutzutage ein Brachial-Ritual, eine teuflische Toten-Zeremonie.

PARADOX: HAND AUFS HERZ: GEHT IHR EUCH ZWISCHENDURCH AUF DIE NERVEN, WENN IHR AUF TOUR SEID UND 24 STUNDEN AM TAG, SIEBEN TAGE DIE WOCHE AUFEINANDER HOCKT?

Helmuth Lehner: Eine Band ist wie eine Beziehung und bei uns sind es vier Leute ohne Crew, natürlich fliegen da ab und zu die Fetzen und es gibt Konflikte. Wenn es gar nicht mehr geht – was selten der Fall ist -, habe ich das Kommando und treffe Entscheidungen.

PARADOX: 25 JAHRE IM GESCHÄFT, AUSHÄNGESCHILD DER HEIMISCHEN METALSZENE, ÜBER ZEHN VERÖFFENTLICHTE ALBEN, UNZÄHLIGE KONZERTE UND HEADLINER-SHOWS RUND UM DEN GLOBUS. GIBT ES NOCH UNERFÜLLTE KARRIERE-WÜNSCHE?

Helmuth Lehner: Ganz klar haben wir Ziele, die es noch zu erreichen gilt und die werden auch ohne Kompromiss verfolgt. Ob wir es schaffen, ist ein anderes Kapitel. Generell wichtig ist es, Träume/Visionen zu haben und zu versuchen, diese zu verwirklichen. Oft scheitert man – kein Problem, wieder aufstehen, weitermarschieren. Wir haben einen „Pactum In Aeternum“, das Feuer brennt stärker und höher als jemals zuvor. Wir können es nicht mehr erwarten, das neue Machtwerk „Totenritual“ am 15. September zu veröffentlichen und anschließend auf Welttournee zu gehen.

PARADOX: IN WELCHE RICHTUNG WIRD EUER NEUES ALBUM „TOTENRITUAL” GEHEN?

Helmuth Lehner: Wir haben für „Totenritual“ das wahrscheinlich stärkste Line-Up in der Truppe. Unser Drummer Bloodhammer aus Deutschland, der seit Ende 2014 bei uns spielt, hievt unsere Arrangements auf die nächste Stufe. Noch nie hatten wir so viele Breaks, Fills und Details im DrumBereich. Außerdem haben wir die Gitarren tiefer gestimmt und mit zwei verschiedenen neuen Stimmungen komponiert. Die Dynamik, der Ton ist dadurch massiver, obskurer und brutaler als je zuvor. Was eine zusätzliche Herausforderung für mich und den Bassisten Serpenth war, und eine neue Welt in Sachen Gitarren eröffnet hat. Fast alles ist vollbracht. Jason Suecof mischt das Album und Mark Lewis ist für das Mastering verantwortlich. Die beiden Amerikaner sind Profis und werden uns eine brillante Soundwall schmieden. Ein paar Titel kann ich hier bereits verraten: „Baphomet“, „Spell of Reflection“, „Totenkult – Exegesis of Deterioration“, „The Devil’s Son“, eine Geschichte über den Teufelsgeiger Nicolo Paganini, dem man einen Pakt mit dem Teufel nachsagte, weil er virtuoser als andere spielte. Die limitierte Digipack Version kommt mit drei Livetracks.

PARADOX: LETZTE WORTE

Helmuth Lehner: Grüße an alle, die sich unser Merchandise, unsere Alben zulegen und unsere Rituale besuchen und Belphegor unterstützen. Eine Ehre – dieser Horror!

[Dieser Artikel erschien im Sommer 2017 in PARADOX #05]

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