Decapitated, Behemoth, Septicflesh – nein, wir zählen hier nicht das Line-Up eines großen Metal Festivals auf, sondern die Bandbiografie eines österreichischen Musikers. Richtig gehört: Kerim „Krimh“ Lechner aus Wiener Neustadt in Niederösterreich, spielt seit seinem 14. Lebensjahr Schlagzeug und wurde dank Youtube zu einem international bekannten Metal Drummer.

Mit seinen 28 Jahren hat Kerim „Krimh“ Lechner bereits mit Größen des internationalen Metal Business zusammengearbeitet und ist seit sieben Jahren Berufsmusiker. Seit Ende 2014 ist er fixer Bestandteil der griechischen Symphonic Death Metal Band Septicflesh, die gerade mitten in den Vorbereitungen zum Release ihres neuen Albums ist. Hier erfahrt ihr, wie sich sein Zugang zur Musik über die Jahre entwickelt hat und wie viel Zeit dabei noch für weitere Projekte bleibt.

music-news.at: Anfang Jänner warst du in Schweden, um die Drums für das neue Septicflesh Album einzuspielen. Wie war’s?

Kerim Lechner: Der Aufnahmeprozess war sehr professionell und gechillt – also ich mein‘ jetzt von Seiten des Studios. Ich hab’ mir zuerst gedacht, dass es komplizierter wird, weil Jens Bogren, der das ganze Album macht, schon seit 15 Jahren in dem Business ist und die großen Bands wie Opeth oder Amon Amarth mischt. Er ist sehr penibel und ich hab’ mir gedacht, dass er mir sehr genau auf die Finger schauen wird und wir viele Takes machen müssen. Aber es war dann so, dass wir beide einfach sehr fokussiert gearbeitet haben und das hat super funktioniert. Wir haben einen Tag aufgebaut – da ging es eben darum, das Schlagzeug zu stimmen, Felle zu wechseln, zu schauen, welches Tuning und welche Mikrophone geeignet sind und wo sie befestigt werden sollen. Beim Schlagzeug dauert das oft stundenlang, weil es so viele unterschiedliche Dinge sind, die berücksichtigt werden müssen. Wir sind dann aber recht schnell zu einem Ergebnis gekommen und haben mit den Aufnahmen begonnen. Jeden Tag haben wir drei Songs aufgenommen, somit waren wir dann nach vier Tagen mit zehn Songs fertig.
Das Studio selbst ist in Stockholm und hat früher den Hives gehört – die haben es dann verkauft und jetzt kennt man es unter dem Namen Fascination Street Studios. Das Ganze ist in einer Tiefgarage und dort ist auch eine Wohnung, in der ich in dieser Woche gewohnt hab’. Es fehlt wirklich an nichts – vom Equipment her haben sie auch das Beste. Sie schwören noch auf viel alte Ausstattung, die einen ganz eigenen Charakter dazu gibt – alte Verstärker, ein altes Schlagzeug, ein altes Mischpult und so weiter.

Drumrecording @ Fascination Street Studios © Marie Idlin

Drumrecording @ Fascination Street Studios © Marie Idlin

music-news.at: Was kannst du noch über die Arbeit für das Album sagen?

Lechner: Das ist mein erstes Album mit Septicflesh. Es war recht intensiv, das Ganze zu schreiben. Alle Vier von uns waren involviert und es war super, dass sie mir so viel Freiraum für meine eigenen Ideen gegeben haben. Ich war also auch in Bezug auf Aufbau und Gestaltung der Songs voll involviert. Wir haben viel herumgebastelt und von jedem Song zehn Varianten gemacht – im Endeffekt ist dann oft nur ein Riff übrig geblieben, aber es waren alle sehr zufrieden. Im Speziellen die eigentlichen Gründungsmitglieder, die ja doch schon einige Alben am Buckel haben, behaupten, dass dieses Album das Beste ist, das sie bisher gemacht haben.
Für mich war es natürlich auch ein bisschen ungewohnt – wenn man neu zu einer Band dazu kommt, muss man erst mal seinen Weg finden. Es ist schon etwas anderes, vorhandenes Material einfach nachzuspielen. Ich war mit ihnen ein Jahr auf Tour und hab’ die alten Sachen vom alten Schlagzeuger gespielt. Da hab’ ich natürlich mal Zeit gebraucht, das alles zu einzulernen, aber das war eigentlich noch das Einfachste. Wenn man dann wirklich Teil eines neuen Albums wird, dann wird es schwieriger, weil man selber kreativ sein muss und es eine gewisse Erwartungshaltung gibt. Auf der einen Seite hat Septicflesh den Freiraum, dass sie viel Unterschiedliches machen, weil ja auch mit einem Orchester zusammengearbeitet wird und sehr viele unterschiedliche Elemente vorkommen – das geht von groovigen bis zu melodischen und sehr schnellen Parts. Trotzdem haben Septicflesh einen gewissen Stil und einen gewissen Sound, der getroffen werden soll.

music-news.at: Im Symphonic Death Metal spielt die Klassik ja eine wichtige Rolle. Hörst du selbst auch klassische Musik und hast du bestimmte Favoriten?
Lechner: Ja, jetzt immer mehr. Wenn ich ehrlich bin, dann kann ich eigentlich nichts anderes hören außer klassischer Musik. Ich hör’ zu Hause keinen Metal mehr – ich schaff’s gerade mal Ö1 aufzudrehen und das war’s. Irgendwie ist man dann schon so überlastet, wenn man andauernd Metal macht beziehungsweise so harte Musik spielt. Seitdem ich bei Septicflesh zu spielen begonnen hab’, hab’ ich auch angefangen mich in Klassik reinzuhören und bin auch in Wien zu klassischen Konzerten gegangen um live mitzuerleben, welche Power so ein Orchester hat – es spielen 60 bis 70 Leute ohne Verstärker und Mikros und der ganze Saal bebt. Meine Favoriten sind meist russische Komponisten, aber ich bin noch immer ein Neuling auf dem Gebiet.

music-news.at: Wo siehst du die Zusammenhänge zwischen klassischer Musik und Heavy Metal?
Lechner: Heavy Metal kommt ja, wie die meiste Popularmusik aus dem Blues. Aber Metal hat auch die Wurzeln in der klassischen Musik. Viele Gitarristen zum Beispiel spielen ja Bach Soli nach. Ich finde Metalsongs auch durchkomponierter, sie haben nicht diese klassische Popsong-Struktur mit Chorus, Vers und Wiederholungen. Sie haben ein Intro, einen Höhepunkt und weniger Wiederholungen. Ich sehe immer mehr Parallelen von Heavy Metal zur Klassik – es haben auch schon viele Bands klassische Instrumente, wie Streicher dabei. Es geht auch ein Trend in Richtung Saxophon oder Trompeten Soli.

music-news.at: Wenn du Heavy Metal und Rock Bands mit klassischen Werken oder Komponisten vergleichst. Welche wären das?
Lechner: Bands, wie Black Sabbath oder auch Jimi Hendrix haben den Tritonus Intervall verwendet, der ja ursprünglich aus der Klassik kommt. Ich glaub’, diese düstere Tonfolge hat wahrscheinlich eh schon fast jede Metal Band dabei, aber so ganz konkret Bands mit Komponisten oder Stücken vergleichen könnt‘ ich jetzt nicht.

music-news.at: Wie sieht’s mit deinem Solo-Projekt KRIMH aus? Die Aufnahmen zu deinem neuen Album „Gedankenkarussel“ sind bereits abgeschlossen, wann wird es veröffentlicht?
Lechner: Also jetzt wird es gemixt und gemastert, dann kommt die ganze Prozedur mit der Pressung – es dauert noch seine Zeit. Aber ich denk’, in einem Monat sollte es draußen sein. Ich hab’ 2015 mit den Aufnahmen begonnen, 2016 hatte ich kaum Zeit dafür, weil es ja meine Sideproject und nicht mein Hauptprojekt ist.

© Written In Black

© Written In Black

music-news.at: Welche musikalischen Projekte stehen sonst so an? Sind auch heimische Projekte dabei? Welche Musikrichtungen?
Lechner: Im Moment hab’ ich keine Zeit für etwas anderes – ich mach’ aber hin und wieder Sessionjobs. 2016 hab’ ich zum Beispiel mit einer Wiener Band aufgenommen, die It’s The Lipstick On Your Teeth heißt. Das war das Untyptischste, das ich aufgenommen hab’: Es war eher elektronische Musik mit Hip Hop aber auch Hardcore Einflüssen. Ich hab’ auch viel dafür arbeiten müssen, weil ich so etwas noch nie gemacht hab’, auch wenn es gar nicht so schwer klingt. Es ist ziemlich cool geworden.
Sonst hab’ ich noch ein Projekt mit Ola Englund, dem Gitarissten von The Haunted namens Eldvåg. Das liegt aber im Moment auf Eis, weil wir beide keine Zeit haben. Für die Zukunft hab’ ich schon vor, dass ich wieder mehr Sessionjobs mach’- was österreichische Produktionen angeht: Da kommt eventuell eine Aufnahme von mir für Harakiri For The Sky dazu, aber sonst ist noch nichts geplant.

music-news.at: Was bekommst du von der österreichischen Musikszene mit?
Lechner: Ich muss gestehen, ich hab’ die österreichische Musikszene nicht wirklich verfolgt, weil ich auch nicht so oft da bin. Ich kenn’ nur ein paar Namen, aber es ist zur Zeit nicht wirklich etwas dabei, das mich persönlich anspricht, was nicht heißen soll, dass es schlecht ist – absolut nicht. Ich weiß, dass es viele Bands gibt und die sollten alle mehr in den Vordergrund gerückt werden. Aber ich weiß, dass Seiler und Speer mittlerweile ziemlich groß sind, das spricht mich musikalisch zwar nicht an, aber ich find’s schön, dass eine Band solche Massen anziehen kann – auch außerhalb von Österreich.

music-news.at: In welchem Land hast du bisher am öftesten live gespielt?
Lechner: Also wenn ich die USA als ein Land zähl’, dann hab’ ich dort am öftesten gespielt. Großteils war das zu der Zeit, in der ich bei Decapitated war. Insgesamt bin ich vier Mal in die Staaten geflogen, um dort zu touren.

music-news.at: In welchem Land hast du bisher die größte Bühne bespielt?
Lechner: Die größte Bühne war wahrscheinlich in Japan am Loud Park Festival mit Behemoth gemeinsam. Da waren um die 20 000 Leute dort. Es sind generell Festivals, die die größten Bühnen haben und auch die meisten Leute bringen. Die einzelnen Shows sind nicht so groß, aber ich hab’ auch schon mal in einem alten Amphitheater gespielt.

„Jetzt gehst du auf Welt-Tournee und das Ganze wird zu deinem Job. Das ist auf jeden Fall ein Erlebnis, wo du weißt: Das ist etwas Besonderes.“

music-news.at: Was ist für dich das bisher bedeutendste, lehrreichste Ereignis deiner Karriere?
Lechner: Ich könnt’ es wahrscheinlich nicht auf ein Ereignis beschränken – aber wenn ich so drüber nachdenk’, dann ist es wahrscheinlich das Ereignis, dass man überhaupt mal die Chance bekommt in das ganze Business hineinzukommen. Du bist Teil der Band und du weißt: Jetzt gehst du auf Welt-Tournee und das Ganze wird zu deinem Job. Das ist auf jeden Fall ein Erlebnis, wo du weißt: Das ist etwas Besonderes. Es fängt gerade das siebente Jahr an, in dem ich das jetzt professionell mach’ und da gibt es einen großen Unterschied zum Hobbybereich. Es fließt viel Zeit und Geld hinein, aber man bekommt auch viel zurück, man sieht die Welt, man trifft auf unterschiedliche Kulturen und Leute, man verändert einfach sein Denken und sein Handeln. Auch musikalisch gesehen, treff’ ich so viele Schlagzeuger und Bands mit unterschiedlichen Stilen, von denen ich beim Zuschauen und Zuhören viel lernen kann.

music-news.at: Hast du bestimmte Wünsche oder Ziele?
Lechner: Der Wunsch ist eigentlich schon, dass ich das so lange wie möglich machen kann. Das ist aber nicht so einfach und dafür gibt’s verschiedene Gründe. Das Business an sich ist relativ klein – es wird immer schwieriger: Die Leute haben kein Geld und gehen weniger auf Konzerte – und die Konzerte und der T-Shirt Verkauf sind das, womit die meisten Bands Geld verdienen.
Und das andere ist das Körperliche: Ich würd’ meinen Schlagzeugstil schon mit Leistungssport vergleichen. Irgendwann wird das mein Körper in dieser Intensität auch nicht mehr machen können. Man muss immer fit bleiben, aber irgendwann kann ich nur noch ruhigere Sachen spielen – wie bei einem Leistungssportler ist dann auch meine Karriere irgendwann mal zu Ende.
Mein Hauptziel ist jedenfalls, dass ich weiter Spaß an der Sache hab’ und dass es für mich Sinn macht.

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.