Wir fragen zwei Meister an den Reglern im Studio und beim Festival, worauf es bei der Beschallungstechnik wirklich ankommt, was den Tontechniker am meisten ärgert und wovon sie, eine perfekte Welt für Soundkünstler vorausgesetzt, träumen.

Fragt man einen Gitarristen: „Wovon hängt es ab, dass der Ton so klingt, wie er klingt?”, so wird er antworten: „Auf die Fingerkuppen der linken Hand.” Ein Saxofonist wird meinen: „Auf die Lippentechnik kommt es an.” Der Sänger wird auf sein Zwerchfell verweisen, oder ein technophiler Musiker meint vielleicht: „Natürlich macht das Equipment den Sound.” Dies mag alles stimmen, doch auf eines wird in der Berichterstattung über Musiker und Musikevents oft nicht geachtet: Wie kommt der Sound, wenn er aus dem Verstärker auf der Bühne schallt, zum Publikum? Genau, über die PA, auf neudeutsch auch Public Adress genannt. Daher hat PARADOX Andreas Neubauer und Tom Zwanzger zum Interview gebeten, um ein wenig Licht auf ein Kapitel des Musikzirkus zu werfen, das auch für viele langjährige Musiker oft noch ein Buch mit sieben Siegeln ist.

Wer sind Andreas Neubauer und Tom Zwanzger?

In der Szene genießen die beiden Tontechniker einen hohen Bekanntheitsgrad. Da aber gerade die beiden oft nur den Musikern mit denen sie arbeiten bekannt sind und das Publikum eher auf die Protagonisten auf der Bühne fokussiert ist, wollen wir hier Andreas und Tom auch einmal vorstellen.

Andreas Neubauer kam genau wie Tom Zwanzger aus einer anderen Branche zur Tontechnik: „Ich bin Quereinsteiger und komme aus der Gastronomie. Ich hatte eine Softwarefirma und veranstaltete damals schon Events als DJ und Tontechniker. Ich bin seit elf Jahren Cheftechniker im Reigen-Live. Ich habe nebenbei die Schule Ton-Art besucht. Mein Detailwissen ist allerdings autodidaktisch erlernt”, meint Andreas.
Tom ist der Punk unter den Tontechnikern: „Ich habe mir das Meiste selbst beigebracht,” und so hat er schon früh als Musiker in diversen Punkbands angefangen. „Ich war bei Cannon Fodder, Antimaniax, Basilikum, Heroes and Ghosts. Im Moment bin ich bei BARRIER REEF THE GREAT. Alles in allem war ich dieses Jahr vier Monate auf Tour.“
Über die Punk- und Skaterszene kam Tom Zwanzger zur Tontechnik. Mit Glück fand er in einer alten Fassbinderei in Graz-Puntigam schließlich ein Objekt, das den Erwartungen aller Beteiligten entsprach, und der Grundstein für das heute nach wie vor dort residierende S.T.R.E.S.S.-Tonstudio wurde gelegt. Alleine heuer hatte Tom unter anderem Millions of Dreads, EAV, Uptown Monotones und Gnackwatschn bei sich im Studio.
Andreas Neubauer ist hingegen vorwiegend als Livetontechniker tätig und entweder Indoor als Cheftechniker von Reigen und Soulveranda in Wien, oder on Tour mit den Bands Wir4, Lichtwärts und Joni Madden. Zu seinen Festival-Highlights zählen das 1. Jazzfestival Kirchberg am Wechsel im August 2014, im September 2014 das Bayimba International Festival of the Arts in Kampala/Uganda, das Vienna Blues Spring Festival, das Wiener Donauinselfest, die NöM Milchstraße
Baden, und das Hafenopenair 2015. Zusätzlich betreut Andreas über das Jahr hinweg eine Vielzahl von Firmenfeiern, Konferenzen, Galas und ähnlichen Events.

Tontechnik_Fotolia (1)

Der Punk und der Systematiker

PARADOX hat beiden ähnliche Fragen gestellt, um zu sehen, ob diese beiden sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten auch verschiedene Herangehensweisen haben, Prioritäten setzen, aber auch mit verschiedenen Problemen kämpfen. Interessanterweise waren die Antworten stilistisch unterschiedlich, aber inhaltlich nicht so verschieden, wie man glauben könnte.

PARADOX:: Was sind die größten Herausforderungen bei der Live Tontechnik? Wo sind die Unterschiede zwischen Open Air und Indoorevents?

Tom: Also man hat viel zu kämpfen mit schlecht klingenden Räumen – man muss Reflexionen beachten. Das ist bei Indoor sicher ein größeres Problem als bei einem Open Air. Bei einem Open Air kann eine schlecht eingestellte Anlage dafür alles vernichten. Aber das gilt bei Indoor auch.

Andreas: Das Ziel beim Einsatz einer Großbeschallungsanlage ist üblicherweise eine möglichst gleichmäßige Versorgung des gesamten Publikumsbereiches mit dem Ton über das gewünschte Frequenzspektrum. Daher ergibt sich handwerklich ein kalkulierbarer Planungsaufwand mit dem Ergebnis, dass ein „optimales System” errechnet und geplant wird. Eine Herausforderung ist nun, dieses Optimum an die Wünsche des Veranstalters anzugleichen, was eigentlich immer einen Kompromiss zur Folge hat. Beispielsweise sind Werbeträger, Verkaufsstände, Freiflächen, Distanzen zwischen Bühne, Regie und so weiter selten so durchsetzbar, wie der Toningenieur sich das wünscht. Eine ständige Aufgabe in Zeiten begrenzter Budgets ist es natürlich auch, mit so wenig Material wie möglich auszukommen, und trotzdem ein Maximum an Qualität zu liefern. Neben fachlich ohnehin vorausgesetzter Kompetenz basiert der Erfolg grundsätzlich auf vier Pfeilern:
1. Sehr guter Kommunikation und gegenseitigem Vertrauen zwischen Veranstalter, den unterschiedlichen Beteiligten und allen Lieferanten.
2. Akribischer Planung, die auch halten muss.
3. Die logistisch einwandfreie Abarbeitung der geplanten Tasks, um zum Beispiel ein gegenseitiges Behindern der unterschiedlichen Einrichtungen (Rigging/Ton/Licht/ Video/Catering…) weitestgehend zu vermeiden.
4. Das bestmögliche Fachpersonal, ohne den Punkt 3 nicht funktionieren kann. Die sicherheitsrelevanten Vorgaben sind bei Open Air Veranstaltungen im Vergleich zu Indoorevents grundsätzlich erweitert zu beachten, da zum Beispiel Wettereinflüsse, Untergrund der Bühne, Stromversorgung, Erdung und so weiter zu berücksichtigen sind, was üblicherweise bei ständig betriebenen Indoorlocations ohnehin gewährleistet ist und größenabhängig auch unterschiedlich überprüft wird.

PARADOX: Was ärgert den Tontechniker am meisten? Was sind die Hauptprobleme, die auftreten können?

Tom: Ärgern, das ist so eine Sache. Im Studio gibt’s nichts Schlimmeres, als eine nicht vorbereitete Band. Das nervt, denn man verschwendet sehr viel Zeit, um schlecht gespieltes Zeug zu optimieren. Live nervt natürlich schlechter Strom, wo du überall Einstreuungen hast und undisziplinierte Musiker. Wichtig ist, dass man alles mit Konzept macht und sauber arbeitet, denn wenn irgendwo ein Fehler auftaucht, kann man diesen ausfindig machen.
Andreas: Mich persönlich ärgert es höchstens, wenn vereinbarte Punkte zwischen Veranstalter und Ausführenden nicht oder mangelhaft erfüllt werden, da dann individuelle Flexibilität erzwungenermaßen gefordert ist. Technische Probleme, wie zum Beispiel der sehr seltene Ausfall einer Komponente, können und werden üblicherweise gelöst. Auch hier wiederum: Was in der Planungsphase bekannt war, führt normalerweise nicht zu Problemen. Wenn nun beispielsweise am Zufahrtsweg plötzlich eine Luftburg steht, ist das ein Problem und ärgerlich, ebenso wenn die Veranstaltung um zwei Stunden länger dauert und sich alles nach hinten verschiebt. Für den Tontechniker kann es ärgerlich sein, wenn zum Beispiel Künstler ihr Equipment nicht vorher überprüft haben oder sich damit nicht auskennen. Ein Festivalzeitplan ist häufig in Stein gemeißelt. Daher sind auch missverstandene Soundchecks, die zu Proben umfunktioniert werden, ein weiteres Ärgernis. Was gerne gemacht wird: Anderweitige Probleme, die etwa den Ablauf betreffen, werden auf die Technik geschoben. Wer mag das schon? Für ein Open Air ist es typisch, dass man für eine gleichmäßige Beschallung oft Delay-Lines benötigen würde, der Veranstalter diese aus optischen und/ oder budgetären Gründen nicht will. Das hat dann manchmal zur Folge, dass der vordere Publikumsbereich überversorgt wird, um das Publikum, das zum Beispiel 70 Meter von der Bühne entfernt ist, entsprechend zu beschallen. Das lässt sich mit heutigen hochqualitativen Systemen durchaus etwas ausgleichen, ist aber nicht optimal.

PARADOX: Gibt es noch Ziele für die Zukunft, die du als Tontechniker noch erreichen willst? Gibt es noch Projekte, die dich reizen würden?

Tom: Eines der Ziele ist mit Sicherheit die Energie und den Spaß vom Anfang beizubehalten… Und solange wie möglich daran Gefallen zu finden.

Andreas: Ich bin stolz auf meinen selbst erarbeiteten Ruf als zuverlässiger Partner und baue darauf, dass die Kontinuität der Qualität meiner Arbeit mich weiterbringt – wohin weiß wohl niemand. Ich sehe jedes mir anvertraute Projekt als Aufgabe – manche sind eben größer, manche kleiner. Die Größe ist nicht gleichbedeutend mit Qualität, daher kommt’s schon auf die Musik an, wie reizvoll ein Projekt für mich ist. Natürlich wünscht sich jeder die Möglichkeit, eine Aufgabe ohne jegliche budgetäre Grenzen durchführen zu können, ohne Lottogewinn wird das wohl eher nichts werden.

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