Turbobier Frontsänger Doktor Marco Pogo über Alkoholismus, die Bierpartei und die Vorbildwirkung des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl

Am Donnerstag, den 29. Oktober 2015, beehrte die Wiener Punkkapelle Turbobier im Zuge ihrer Irokesentango Album Release Tour auch das PUNK EM ALL in Graz. Das gesamte Event wurde von wakmusic ausgetragen und insgesamt spielten sechs Bands auf zwei verschiedenen Floors: Neben Turbobier auch Franz Fuexe, Psychos On The Run, Stroppy Kitten, Julia G. und Gebakkene Pony.

Noch vor dem Konzert hatte ich die Ehre Doktor Marco Pogo, dem gutaussehenden jungen Mann, der niemand geringerer als der Frontsänger von Turbobier ist, einige Fragen zu stellen.

MUSIC-NEWS.AT: Wie seid ihr eigentlich auf die Idee gekommen euch Turbobier zu nennen?
Doktor Marco Pogo: Wir sind alle leidenschaftliche Trinker und aufgrund dieses massiven Überhangs an Bier in unserem Dasein, und da wir schon immer gerne ein Turbobier getrunken haben, haben wir uns gedacht, unsere Band hat nur diesen einen Namen verdient und das ist einfach Turbobier. Außerdem strahlt er eine gewisse Stärke aus. Das ist auch etwas Schönes.

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Franz Fuexe © club wakUum

MUSIC-NEWS.AT: Und euch gibt es ja noch gar nicht so lange, also die Gründung war ja 2014. Habt ihr euch 2014 auch kennengelernt?
Doktor Marco Pogo: Nein, wir kennen uns schon länger vom Schnellimbiss Helga in Wien, das ist in Simmering und sicher der schönste Bezirk auf der Welt. Und nachdem wir, ich will fast sagen, unsere halbe Kindheit beim Schnellimbiss Helga verbracht haben, haben wir uns dann irgendwie dort auch kennengelernt. Weißt eh wie das ist: Man sieht sich halt jeden Tag dort, und dann kommt irgendwann die Idee auf, naja, du kannst geradeaus schauen und eine Bassgitarre wirst auch noch halten können. Ja, so haben wir uns da zusammengewürfelt, und dann haben wir uns im Proberaum getroffen, und die ersten Proben sind eigentlich alle in die Hosen gegangen, weil wir eigentlich nur „biaschtlt“ haben. Und irgendwann ist dann wirklich ein Song herausgekommen und so hat es begonnen.

MUSIC-NEWS.AT: Bekannt geworden seid ihr ja durch die Parodie von Helene Fischers Lied „Atemlos durch die Nacht“, also „Arbeitslos durch den Tag“. Das war ja dann sozusagen ein Youtube Hit…
Doktor Marco Pogo: Ja, das war insofern ganz lustig, weil wenn ich gewusst hätte, dass das ins ZDF kommt und in der Bild und ich weiß nicht, wo das noch überall war, dann hätte ich mir vielleicht ein bisschen mehr Mühe gegeben. Andererseits: Mehr Mühe hätte auch gleichzeitig mehr Arbeit bedeutet und das will ich wirklich nicht unterstützen.

MUSIC-NEWS.AT: Aber es hat ja so auch funktioniert!
Doktor Marco Pogo: Ja, sensationeller Weise, frag mich nicht warum!

MUSIC-NEWS.AT: Habt ihr auch musikalische Vorbilder?
Doktor Marco Pogo: Ja, also als Vorbilder muss man immer den alten 77er Punk aus England nennen, den wir irgendwie alle gehört haben. Oder ich zumindest, als ich noch ein Kind war. – Das ist kein Scherz! Und ansonsten sind wir auch große WIZO Fans, das geben wir auch offen zu. Und das sind so die musikalischen Heimathäfen.

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Turbobier © club wakUum

MUSIC-NEWS.AT: Genau, ihr seid ja auch politisch aktiv: Die Bierpartei Österreich (BPÖ). Für was steht denn eigentlich die Bierpartei?
Doktor Marco Pogo: Ich kann kurz die Wahlforderungen der Bierpartei aufzählen. An vorderster Stelle: Mut zur Dichtheit! Es fehlt diesem Lande eindeutig die offene Zurschaustellung des Alkoholismus. Jeder weiß, dass im Keller jeder sauft, aber reden tut keiner darüber. Und die Bierpartei thematisiert das, und das ist natürlich auch unser Instrument: Der Alkoholismus! Also, Mut zur Dichtheit. Nichts tun, muss wieder etwas wert sein, weil wer nichts tut, muss auch dementsprechend entlohnt werden. Außerdem fordern wir eine sofortige Abschaffung der Überstunden und eine Einführung der Unterstunde. Außerdem, wenn man nicht in die Arbeit geht, ist man auch niemandem im Weg. Das klingt total logisch und das sind unsere politischen Ziele, die wir verfolgen und hoffentlich auch durchsetzen werden. Nebenbei erwähnt: Sofortige Abschaffung der Alkoholsteuer, aber ich glaube, das ist eh klar.

MUSIC-NEWS.AT: Wenn man sich ein wenig mit euch auseinandersetzt, fällt sofort auf, dass Politik eine wichtige Rolle für euch spielt: Am meisten dadurch, dass der Wiener Bürgermeister Michael Häupl immer wieder auf verschiedenste Arten und Weisen von euch thematisiert wird. Wie kommt das: Ist er so etwas wie ein Vorbild für euch?
Doktor Marco Pogo: Ah, also, da muss ich jetzt ein bisschen ausholen: Der Michl Häupl passt einfach zur Wiener Mentalität wie die Faust aufs Auge. Es gibt einige politische Übereinstimmungen mit ihm, sozialpolitische Übereinstimmungen, aber es gibt auch sehr viele Dinge, wo wir nicht einer Meinung sind. Trotzdem ist er für uns das Sinnbild des gemeinen, Wiener „Tschecheranten“ und ein Bürgermeister, der offen im Fernsehen sagt, dass er pro Tag mindestens eineinhalb Flaschen Wein trinkt, den muss man verherrlichen. Da führt kein Weg daran vorbei. Wir sehen ihn nicht in einem politischen Kontext, sondern als Testimonial für unser „Tachinierer“ und „Tschecheranten“ – Dasein. So gesehen natürlich auch eine Vorbildwirkung. Aber eher weinbezogen, denn politbezogen. Weil politbezogen sind wir unsere eigenen Ideale. Da brauchen wir keine Vorbilder!

MUSIC-NEWS.AT: Was würdest du bis jetzt als euer bestes Konzert bezeichnen?
Doktor Marco Pogo: Naja, also das am Nova Rock war schon eine lustige Geschichte. Ich kann mich leider nicht mehr erinnern, aber die Fotos zeigen mir, dass da viel los war, und dass die Leute auch mitgesungen haben. Aber wie gesagt, an mehr kann ich mich nicht mehr erinnern, gerade noch wie ich aus dem Bus ausgestiegen bin, aber dann ist eigentlich alles weg. Schade.

MUSIC-NEWS.AT: An der Art und Weise wie du redest merkt man ganz klar, dass um einiges mehr in dir steckt als du in deinen Songs singst. Auf die Gefahr jetzt unhöflich zu klingen: Du wirkst um einiges gebildeter als du dich gibst. So komm ich zur Frage: Was hast du denn für eine Ausbildung?
Doktor Marco Pogo: Also, danke. Aber ich habe keine Ausbildung gemacht. Ich war mein Leben lang beim Schnellimbiss oder am Gerüst, aber das habe ich dann aufgrund vermehrter Schwankungen aufgrund des hohen Bierkonsums bleiben lassen, weil das ist ziemlich gefährlich, wenn man da so am Gerüst steht und eh nicht mehr gescheit schauen kann. Also so gesehen gebe ich mich seit AMS Bezug möglich ist, das ist, ich will jetzt keinen Blödsinn sagen, aber ich glaube ab 16 lebe ich von der Stütze, und das ist eigentlich ganz gut. Außerdem habe ich jetzt begonnen, dass ich mir selbst mein Geld drucke, so gesehen ist finanziell überhaupt kein Engpass mehr gegeben. Ich habe jetzt ungefähr, lass mich nachrechnen, 19,5 Millionen Dranglaschilling daheim und die versuche ich halt jeder Zeit irgendwo auszugeben. Und die meisten nehmen sie auch schon an, weil sie wissen, dass sich die Bierpartei durchsetzen wird.

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Turbobier © club wakUum

MUSIC-NEWS.AT: Und wenn das mit der Musik nicht hinhauen würde, würdest du dann einfach vom AMS Geld leben oder hast du einen Plan B?
Doktor Marco Pogo: Haut das denn hin mit der Musik?

MUSIC-NEWS.AT: Ich weiß nicht, schlecht läuft es nicht oder?
Doktor Marco Pogo: Ja, würde es nicht hinhauen… Naja, es hat jetzt seit ich 16 bin auch funktioniert mit der Notstandshilfe. Außerdem bin ich leidenschaftlicher Flaschenpfandsammler. Und das mache ich jetzt eigentlich auch schon seit zehn Jahren nebenbei und seit sieben Jahren gewerblich. Da kommt man dann ziemlich gut durch: Also mit der Notstandshilfe und 300€ bis 400€ in der Woche durch Flaschenpfand und wenn die Leute dann noch brav im Turboshop die Leiberl kaufen, dann hilft das auch. Um einfach meine Dichtheit auch langfristig zu sichern!

MUSIC-NEWS.AT: Und gibt es sonst in deinem Leben noch Träume?
Doktor Marco Pogo: Träume? Also ich würde sagen, dass ich ein rundum glücklicher Mensch bin. Ich bin ein sehr genügsamer Mensch, vielleicht muss man das so sagen. Und aufgrund dessen, weil ich so genügsam bin, brauche ich auch nicht viel. Wenn ich auf Urlaub fahren will, dann setzte ich mich in die 6er Bim und fahre nach Favoriten, und geh einfach über den Reumannplatz spazieren, und das ist so wie halt andere Leute auf die Malediven fahren. Nur wo ich nicht gerne hinfahre, das ist der 19. Bezirk, weil da gibt es die Heurigen und da gibt es halt nur Aperol Spritz und Bacardi, und ich hab da so eine Allergie, da bekomme ich gleich einen Ausschlag. Deshalb bewege ich mich in Wien, innenstädtisch gesehen, nur zwischen 11., 10., und 12. Bezirk. Viele Leute, die nicht aus Wien kommen, glauben ja dass der 10. neben dem 11. und dem 12. ist, aber das stimmt nicht, weil da hat sich Favoriten rein geschummelt. Das war noch kurz so ein geographisches Highlight, das ich anbringen wollte.

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