Vergangenes Wochenende beehrte uns Blind Guardian mit ihrer Tour in Wien. Was der Gitarrist Marcus Siepen darüber zu sagen hat, gibt’s hier zu lesen.

Wer über Metal aus dem deutschsprachigen Raum spricht, kommt nicht umhin, die Krefelder Band Blind Guardian zu erwähnen.
Gegründet 1984 als Lucifer’s Heritage und danach 1987 umbenannt in Blind Guardian, haben sie bis dato bereits 10 Alben veröffentlicht.
Im Zuge der Tour zum 10. Studio-Album mit dem Namen Beyond the Red Mirror, machten die Barden am 23. Mai auch in Wien halt und brachten die Planet TT Bank Austria Halle im Gasometer zum Beben und das Publikum zum lautstarken Mitsingen.

Marcus Siepen

Marcus Siepen

Kurz vor ihrem Auftritt hab ich mich mit dem Gitarristen der Band, Marcus Siepen, getroffen und konnte ihn über Tour, Bandleben und Inspiration befragen.

Das Interview mit Blind Guardian

www.music-news.at: Hallo Marcus. Erstmal herzlichen Dank, dass du dir heute Zeit für das Interview genommen hast.
Auf die folgende Frage konnte ich durch meine Recherche leider keine befriedigende Antwort finden: Blind Guardian hieß ja zu Beginn noch Lucifer’s Heritage. Wie bist du dazu gestoßen und wurde der Name dann aufgrund eines Besetzungswechsels geändert?

Marcus: Lucifer’s Heritage gab es wie gesagt vor Blind Guardian und ich bin auch schon seit dieser Zeit dabei. Wir haben uns anfangs den Proberaum mit ihnen geteilt und da mein Gitarren-Vorgänger sozusagen seinen Job nicht richtig erfüllen konnte, wurde ich von André gefragt, ob ich nicht Bock hätte mal ’ne Session mitzumachen und eine Probe später war ich Mitglied bei Lucifer’s Heritage.

www.music-news.at: Und wie kam es dann zur Umbenennung?

Marcus: Wir hatten danach nochmal Lineup-Wechsel, als Lucifer’s Heritage, aber die Umbenennung zu Blind Guardian kam eigentlich während den Aufnahmen zu Battalions of Fear.
Wir wurden aufgrund des Namens oft von Leuten, die unsere Musik nicht kannten, in die Black-Metal-Schublade geschoben. Die Leute haben einfach das „Lucifer“ gehört und schon hatten wir den Black-Metal-Stempel drauf und darum war uns klar, dass wir einen anderen Namen brauchen.

www.music-news.at: Interessant, also hatte der neue Namen gar nichts mit der neuen Besetzung zu tun?

Marcus: Nein, gar nichts. Die Musik war ja schon zu Zeiten von Lucifer’s Heritag die Gleiche. Das zweite Demo ist, glaub ich, so ziemlich komplett auf Battalions of Fear drauf.

www.music-news.at: Was ich auch interessant finde, ist, dass ihr seit vielen Jahren nahezu in der selben Besetzung spielt. Wie kommt das?

Marcus: Bis auf den Wechsel am Schlagzeug vor ca. 10 Jahren…

www.music-news.at: Darum „nahezu“.

Marcus: (lacht) Ich wüsste nicht warum wir weitere Wechsel machen sollten. Wir wollen alle das Gleiche, haben die gleichen Ziele, die gleichen Visionen, sind Freunde und mögen es in dieser Band zu spielen. Deshalb gibt es für uns auch keinen Grunde etwas zu ändern.
Natürlich sind wir alles nur Menschen und haben, wie in jeder anderen Band auch, ab und zu mal unsere Reibereien und sind in der Lage, das dann auch alles ohne irgendwelche Wechsel zu lösen. Es gibt da also kein großes Geheimnis.

Wir sind alles nur Menschen.

www.music-news.at: Reibereien sind doch im Zwischenmenschlichen eh ganz normal.

Marcus: Ja genau. Wir kennen uns halt einfach gut und wissen, wann man dem Anderen seinen Freiraum lassen muss. Es ist also mehr gesunder Menschenverstand, als ein Rezept.
Viele Menschen Fragen uns immer wieder „Was ist euer Geheimnis?“…ich seh da keins, für mich ist das relativ normal. Wir gehen normal miteinander um und so funktioniert das wunderbar.

www.music-news.at: Und das ist das Wichtigste.

Marcus: Genau!

Nightfall in Middle Earth

„Nightfall in Middle Earth“ (1998)

Sound und Inspiration

www.music-news.at: Euer Sound hat sich über die Alben verteilt geändert. Besonders das orchestralische ist im Vergleich zu den ersten Alben immer mehr geworden… War das von Anfang an Teil des Plans?

Marcus: Nein, das ist einfach eine Entwicklung. Wir haben angefangen, als einfach und Melodic-Speed-Metal Band und haben immer das Ziel gehabt, uns weiterzuentwickeln, ohne jetzt eine bestimmte Richtung im Kopf zu haben.
Wir wollen uns von Platte zu Platte verbessern, weil wir keinen Bock haben uns zu wiederholen. Das Orchestralische war für uns mehr oder weniger eine natürliche Entwicklung… wir haben mit Sachen experimentiert, die uns interessant erschienen und wenn wir der Meinung waren, dass das funktioniert und Spaß macht, wurde das weiterverfolgt.
Mit der, wie ich sie nenne, „Gitarren-Orchestrierung“ ging es schon bei der Tales form the Twilight World los. Später kamen dann noch Chöre dazu und richtig orchestralisch wurde es dann erst bei Nightfall in Middle Earth.
Das ist was, was einfach gut in unser musikalisches Konzept passt. Das einzige Ziel ist einfach, dass wir was anderes machen wie beim letzten Mal.

www.music-news.at: Da du gerade das Album Nightfall in Middle Earth erwähnt hast, möchte ich auch eine Frage stellen, die ihr sicher schon sehr oft gehört habt: Was hat es mit Blind Guardian und dem Thema Der Herr der Ringe auf sich? War das eine Frage der Zeit, dass ihr euch damit befasst?

Marcus: Nein, das hatte ja mit der Zeit nichts zu tun. Wir sind Tolkien-Fans, das war alles, bevor die Filme rauskamen und der eigentliche Hype um Tolkien losging. Wir mögen Tolkien und Hansi hatte halt damals die Idee vielleicht ein Konzept-Album über das Silmarillion zu versuchen.
Die Idee gefiel uns und wir habens dann auch gemacht, aber wir sehen uns selber auch nicht als DIE Tolkien-Band. Es gibt Platten von uns die kein einziges Stück beinhalten, das sich auch nur ansatzweise mit Tolkien beschäftigt. Wenns irgendwann nochmal passiert ist das natürlich in Ordnung, aber es ist nicht so, dass gezwungenermaßen auf jedem Album eine Tolkien-Nummer sein muss.
Das wäre uns schon wieder viel zu einengend, wenn wir da irgendwelchen Vorgaben folgen müssten. Es muss einfach passen und sich ergeben.

Wir sind nicht DIE Tolkien-Band

www.music-news.at: Wie entstand dann die Idee zum Konzept-Album Nightfall… und zu den Hörspiel-artigen Zwischenstücken?

Marcus: Während des Song-Writings haben wir damals schon darüber nachgedacht, ob man das so ergänzen kann. Wir hatten verschiedene Vorstellungen das zu realisieren und unter Anderem eben mit den Sprechern aus England und das hat wunderbar funktioniert.
Wir mochten es, aber es gab erstaunlicherweise auch Leute, die mochten es nicht. Aber die können ja die Zwischenpassagen skippen (lacht).

www.music-news.at: Oder die aus der Special-Editon hören…

Marcus: Ja genau, draum haben wir die Box gemacht (Anm.d.R. „A Traveler’s Guide to Space and Time von 2013).
Aber für mich gehört das eigentlich dazu… das ist für mich Nightfall in Middle Earth, da würde ich jetzt auch nichts streichen wollen.

www.music-news.at: Da bin auch deiner Meinung. Wir sind ja gerade beim Thema Fantasy: Ihr habt vor einigen Jahren für das Videospiel Sacred 2 einen Track beigesteuert. Wie kamt ihr dazu?

Marcus: Es ist bekannt gewesen, das André und ich sehr große Videospiel-Fans sind und die Leute von Ascaron waren Blind Guardian Fans. Darum haben sie uns angesprochen, ob wir nicht Bock hätten und ja das hatte wir.
Es war eine ziemlich geile Erfahrung, da wir vorher so etwas noch nie gemacht haben. Wir bekamen Hintergrundinfos und Screenshots zum Spiel und zur Story.
Aufgrund dessen haben wir dann dieses Stück komponiert, was dann als Highlight für mich im Spiel vorkommt.
Wir mussten Motion-Capturing-Aufnahmen machen und tauchen dann auch selbst im Spiel auf. Man kann dann die Szene freischalten, indem man eine bestimme Quest erledigt und sieht uns dann vor einer Schar Orks und anderen Kreaturen.

www.music-news.at: Also habt ihr in die Richtung zukünftig nichts mehr geplant?

Marcus: Also wenn sich wieder die Gelegenheit ergibt, hätten wir sicher wieder Spaß dran, aber es ist jetzt nicht so, dass wir da jetzt konkret an was arbeiten. Zur Zeit sind war ja noch auf Tour.

Tourerfahrungen und Schaffensprozesse

www.music-news.at: Tour-Erfahrung habt ihr ja genug gesammelt in den letzten Jahren. Da gab es sicher viele lustige oder in Erinnerung bleibende Momente… Hast du da für unsere Leser eine Geschichte zum Teilen?

Marcus: Es sind so viele Sachen, dass macht es schwer einzelne Moment herauszupicken. Teilweise ist es Situationskomik: Hansi kommt zum Beispiel mit irgendwelchen Ansagen und erzählt dann irgendwelche Sachen, wo er sich verheddert und wir uns auf der Bühne totlachen.
Auf der anderen Seite können Sachen passieren, wie, dass sich einer verspielt und dadurch irgendwas auslöst, was dann in kleinen ungewollten Jazz-Einlagen endet.
Ich bin irgendwann mal in den Anfangstagen von der Bühne gefallen, weil zwischen PA-Turm und Bühne eine Spalte war… Ich habe aber nicht aufgehört zu spielen muss ich betonen.

www.music-news.at: Hoffentlich unverletzt?

Marcus: Natürlich unverletzt, ich habe den Song dann im Foto-Graben fertig gespielt und bin dann wieder auf die Bühne geklettert.
Oder was auch schön war, war, als wir von einer Tour nach Hause kamen und der Nightliner in der Autobahn-Ausfahrt von Krefeld, unserer Heimat-Stadt, einen geplatzten Reifen hatte und wir dann da standen und mit dem Taxi fahren konnten.

www.music-news.at: Ihr wart ja weltweit schon auf Tour. Gibt es da Unterschiede im Publikum zum Beispiel Amerika und Japan?

Marcus: Ja, die Mentalität der Leute ist anders. Wenn du zum Beispiel das europäische mit dem amerikanischen Publikum vergleichst. Die Amerikaner sind wesentlich aggressiver… selbst beim Bard’s Song hab ich schon Circle Pits gesehen, was in Europa noch nicht unbedingt vorgekommen ist. Überhaupt hast du da viele Pits und Wall of Deaths. Die Europäer toben natürlich auch, singen dafür mehr würd ich sagen.
Die Japaner sind wieder eine ganz andere Mentalität. Zwischen den Stücken kann dann schon mal Totenstille herrschen und sobald du anfängst zu spielen drehen die durch. Es gibt regional also große Unterschiede.

www.music-news.at: Ok das ist sehr interessant. Habt ihr lange gebraucht um eich eine Fanbase in Asien zu erspielen?

Marcus: Nein, wir sind in Japan mit der „Tales…“ schon groß durchgestartet. 1992 waren wir da auch zum ersten Mal auf Tour, das ging relativ früh. Das war für uns eine Mega-Erfahrung, weil wir gerade mal im europäischen Ausland gespielt haben und auf einmal fliegst du zum anderen Ende der Welt und bist dort Rockstar. War schon abenteurlich.

www.music-news.at: Gibt es da ein Rezept, dass Blind Guardian zu dem gemacht hat, was es ist?

Wenn du nicht 100% hinter dem stehst das du machst, wirst du nie überzeigend sein!

Marcus: Ich glaube es ist, dass wir nie versucht haben auf irgendeinen Trend aufzuspringen. Wir haben immer das gemacht, was wir für richtig gehalten haben und was wir in dem Moment machen wollten. Ich glaube, dass du als Band nur dann erfolgreich sein kannst, wenn du genau das machst und nicht auf 1.000 andere Leute hörst, die dir vielleicht sagen „Versuch mal…“ oder was auch immer, weils gerade trendy ist.
Wenn du nicht 100% hinter dem stehst was du machst, wirst du nie überzeugend sein und das war immer unsere oberste Devise… Ich vermute mal, dass das eine Rolle spielt, weil wir dadurch überzeugend waren.

www.music-news.at: Ihr wart, ausgenommen der Auftritt beim Seerock-Festival im letzten Jahr, seit 2010 nicht mehr in Österreich. Geht ihr generell nur auf Tour, wenn ihr ein neues Album veröffentlicht?

Marcus: Wir trennen eigentlich immer strikt die Song-Writing- und Tour-Phase. Das heißt, weil das Album im Jänner auf den Markt gekommen ist, sind wir jetzt auf Tour bis Ende nächsten Jahres.
In der Phase schreiben wir auch keine neuen Stücke, wenn die Tour dann beendet ist, bleiben wir zu Hause und spielen dann keine Konzerte, sondern konzentrieren uns wirklich darauf ein neues Album zu komponieren. Erst wenn das dann so wieder halbwegs in trockenen Tüchern ist, spielen wir ein paar Shows um langsam wieder Live-Luft zu schnuppern, aber die eigentliche Tour startet dann erst wenn das Album veröffentlicht ist.

www.music-news.at: Also dadurch auch die relative regelmäßigen Zyklen eurer Releases?

Marcus: Ja, der Zyklus ist bei uns ungefähr 4 Jahre. Wir sind dann 2 Jahre auf Tour und man braucht dann so 1,5 Jahre um ein Album zu komponieren und noch mal ein halbes Jahr zum Aufnehmen.
Das hat sich über die Zeit so herauskristallisiert, weil das die Zeit ist, die wir brauchen um das so fertig zu machen, wie wir das haben wollen.

www.music-news.at: Und der Songwriting-Prozess? Ist das ein gemeinsamer Schaffens-Prozess bei euch?

Marcus: Wir sind meist Einzelkämpfer. Jeder arbeitet für sich alleine… der einzige gemeinsame Nenner, der ab einem gewissen Punkt dazukommen muss, ist Hansi, weil er halt singen muss. Egal was wir uns da musikalisch zurechtkomponieren würden, wenn der Gesang dazu nicht funktioniert bringt das nichts und landet in der Tonne oder muss so umarrangiert werden bis es dann passt.
Es ist also nicht so, dass wir im Proberaum sitzen und sagen „Jetzt jammen wir mal und gucken was passiert!“. Das würde bei unserer Musik auch nicht funktionieren, weil es doch zu komplex ist.

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Beyond the Red Mirror (2015)

www.music-news.at: Ok, zum Abschluss würde ich gern die, wie ich sie nenne, „Österreich-Frage“ stellen.

Marcus: Was ist denn die Österreich-Frage?

www.music-news.at: Vermutlich die selbe Frage, die ihr in jedem Land und in jeder Location bekommt: Wie gefällt es euch hier zu spielen und was mögt ihr hier?

Marcus: Gut, wir haben schon sehr sehr oft in Österreich gespielt und wissen, dass wir hier sehr loyale und treue Fans haben. Wir freuen uns jedes Mal wiederzukommen. Gerade im Gasometer, ist eine supergeile Halle… nur das Wetter ist scheisse heute (lacht)

www.music-news.at: Gibt’s was Spezielles, dass ihr an Österreich mögt?

Marcus: Alles was für mich ein Konzert besonders macht, ist für mich die Interaktion zwischen dem Publikum und Band. Das heißt, wenn wir einfach gut spielen und das Publikum OK ist, wird’s ein gutes Konzert… ein richtig spezielles Konzert wird’s nur dann, wenn dieses spezielle Feedback zwischen Publikum und Band da ist und das haben wir hier… von daher freuen wir uns auf heute Abend!

www.music-news.at: Dann darf man Chöre wie auf den Live-DVDs erwarten?

Marcus: Wir werden sehen wie lange und ausdauernd sie heute singen.

www.music-news.at: Gut dann möchte ich nochmal herzlich für das Interview bedanken und ich freue mich schon auf euren Gig!

Marcus: Gern geschehen und ich mich auch!

Fotos © Blind Guardian

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