Am 5. August werden die deutschen Poprocker von Revolverheld ein MTV Unplugged in drei Akten in Wiesen zum Besten geben. Was man sich darunter vorstellen kann, wieso es gar nicht so schlecht ums Musikgeschäft steht und was Tiroler Wein mit Revolverheld zu tun hat, hat uns Gitarrist Kristoffer Hünecke im Interview erzählt. Das, und wirklich vieles mehr.

MUSIC NEWS: Nach vier Studioalben nun ein MTV Unplugged in drei Akten – was darf man sich darunter vorstellen?

Kristoffer Hünecke: Wie bei jedem MTV Unplugged gibt es keine E-Gitarren und durchwegs neu arrangierte Songs, die aufgrund von sehr vielen Gastmusikern, BackgroundsängerInnen und eines Orchesters wirklich komplett anders klingen als die originalen. Wir bringen also das, was auf der Live DVD drauf ist, sehr ähnlich auf die Bühne, abgesehen von den GastmusikerInnen – die können wir natürlich nicht alle auf Tour mitnehmen. Der einzige Unterschied zu einem traditionellen MTV Unplugged ist, dass wir es in drei Akte unterteilen. Es wird also ein bisschen theatermäßiger: Der erste Teil wird in der Stammbesetzung gespielt und pro Akt kommen dann immer mehr MusikerInnen dazu, bis am Ende knapp 20 KünstlerInnen inklusive Streicher und Bläser ein ziemlich cooles Bühnenbild ergeben.

MUSIC NEWS: Paul McCartney, Elton John, Nirvana, Placebo, Florence and the Machine, 2014 dann sogar Miley Cyrus; die Liste der MTV Unplugged KünstlerInnen ist lang und die Bandbreite schier unendlich. Wie fühlt man sich, wenn man dann auf einmal selbst Teil dieses weltbekannten Formats sein darf?

Hünecke: Konklusion vorweg: Es ist eine riesengroße Ehre. Wir sind alle mit diesem Format aufgewachsen. Es hat uns enorm geprägt, da legendäre Alben dabei entstanden sind, die wir zum Großteil selber alle besitzen. Mein Favourite ist nach wie vor die MTV Unplugged Ausgabe von Nirvana. Einfach, weil sich das auf das Leben damals ausgewirkt hat. Nach dem Konzert sind in der Schule alle entweder mit Nirvana oder Pearl Jam Hoodies herumgelaufen. Das war damals so, als ob Musik darüber entscheidet, wer du bist. In der Schulband hat uns das so beeinflusst, dass wir versucht haben, so ähnlich zu klingen. Ohne diese Erfahrungen würden wir wahrscheinlich nicht Musik machen. Und was das ganze umso schöner macht, ist die Tatsache, dass die MTV Unplugged Serie von Beginn an qualitativ hochwertig war und sie das einzige ist, was MTV selbst etabliert hat, das nach wie vor ein Garant für Qualität ist.

Tim Kramer Photography

(c) Tim Kramer

MUSIC NEWS: Ihr hättet mit weniger Aufwand genauso gut ein fünftes Studioalbum aufnehmen können – wieso die Entscheidung, dieses doch intensive Unterfangen in Angriff zu nehmen?

Hünecke: Da wir uns wirklich geehrt gefühlt haben, als MTV angefragt hat, haben wir sofort ja gesagt und sind erst im Nachhinein draufgekommen, wie aufwendig das von der Logistik her ist. MTV stellt lediglich die Marke zur Verfügung – das ganze Konzept war selbst zu erarbeiten. Wir haben noch nie so viel Arbeit in ein Album gesteckt, haben aber nicht aufgegeben, weil wir uns einfach dieser großen Herausforderung stellen wollten, also dem ganzen Neuarrangieren und –aufnehmen. Im Endeffekt hat es dann wahnsinnig viel Spaß gemacht, obwohl es uns auch an unsere Grenzen gebracht hat. Normal sitzt du mit deiner Stammbesetzung im Proberaum und tüftelst an neuen Sachen, und dann sind da plötzlich acht Streicher – da spielt dann automatisch jeder etwas anderes, als er normalerweise spielen würde. Es war wirklich eine extrem spannende Erfahrung.

MUSIC NEWS: Ihr seid dieses Jahr bereits länger unterwegs. Was war der bisher bewegendste Moment auf der Tour?

Hünecke: Der bewegendste Moment war mit Sicherheit die Aufzeichnung an sich. So ein besonderes Erlebnis vereint die Band ungemein, da wir alle damit (*MTV Unplugged Konzerten) groß geworden sind – von der emotionalen Intensität her auf einer Stufe mit unserem ersten Rock am Ring Auftritt.

Tim Kramer Photography

(c) Tim Kramer

MUSIC NEWS: MTV ist längst nicht mehr das, was es einmal war und ist lediglich ein Beispiel für den stetigen Verfall der Musikindustrie. Was läuft eurer Meinung nach falsch in der Musikwelt?

Hünecke: Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich kein Fan vom Schwarzmalen bin. Ich sehe Dinge wie Digitalisierung und Globalisierung nicht negativ. Vernetzung und Vereinfachung der ganzen Welt sind grundsätzlich positiv, und speziell positiv bezüglich Musik. Klar, Musik ist für die heutige Generation fast schon ein Allgemeingut. Menschen geben im Allgemeinen nicht mehr 20 Euro für eine Platte aus. Aber Spotify ist meiner Meinung nach eine sehr gute Alternative – wenn man es richtig nützt, also sich zum Beispiel von Spotify vorgeschlagene KünstlerInnen anhört, hört man nach kürzester Zeit viel mehr und vor allem mehr unterschiedliche Musik als es früher je möglich gewesen wäre. Bezüglich junger Bands sehe ich vor allem Youtube als riesen Chance. Natürlich ist die Konkurrenz nicht kleiner, aber früher war es nicht möglich, deine Ideen mithilfe ein paar weniger Mausklicks mit der ganzen Welt zu teilen. Das klingt jetzt alles wie durch eine rosa Brille, aber ich lasse die typischen Kritiken an diesen Plattformen absichtlich außen vor, da ich denke, dass neue Systeme sowohl für Musik- als auch für Plattformenschaffende immer Zeit brauchen. Selbstverständlich ist es glasklar, dass etwas nicht stimmen kann, wenn man als Band für eine Million Aufrufe gerademal drei Euro bekommt. Aber wir sehen ja, dass die traditionellen Wege des Musikverkaufens nicht mehr funktionieren. Deshalb bin ich grundsätzlich der Meinung, dass man Spotify, Youtube und Co eher als Chance sehen sollte, als immer den 70ern und 80ern nachzujammern. Abgesehen davon ist doch ein wesentlicher Teil heute genau gleich wie damals: Es kommt nach wie vor darauf an, dass du es draufhast, in der Fußgängerpassage Leute für deine Musik zu begeistern und dass du das, vor allem als unbekanntere Band, auch wirklich versuchst.

MUSIC NEWS: Was ratet ihr jungen Bands, die von einer Musikkarriere träumen?

Hünecke: Das Wichtigste ist, denk ich, dass man aus den richtigen Gründen Musik macht. Ich habe das Gefühl, dass durch alle Formate im Fernsehen der Antrieb bei vielen aufstrebenden KünstlerInnen ein falscher ist. Richtige Gründe um Musik zu machen sind für mich zum Beispiel die Motivation, gerne Musik zu machen und/oder weil du Gefühle nach außen tragen willst. Der meiner Meinung nach falsche Antrieb ist die Motivation, im Rampenlicht stehen zu wollen. Wenn man sich wirklich dahinterklemmt, kommt alles andere dann ein Stück weit von selbst.

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(c) Tim Kramer

MUSIC NEWS: Dürfen wir bald mit einem fünften Studioalbum rechnen?

Hünecke: Auf jeden Fall haben wir richtig Bock, wir sind aber noch das ganze Jahr mit der Unplugged Show unterwegs, auf die wir uns jetzt mal richtig freuen, da wir wirklich besondere Locations bespielen werden. Im November steht dann noch eine größere Hallentour in Deutschland an und Anfang 2017 wird es für uns dann in eine Live Pause gehen, um nach ein paar Wochen Erholung mit neuer Kreativität in den Songwriting Prozess zurückzukehren. Das Wichtigste ist für uns allerdings das Weiterentwickeln von Platte zu Platte; wir wollen auf keinen Fall ein neues Album aufnehmen, das für uns kein deutlicher Schritt nach vorne ist. Vor Ende 2017 wird es also sicher keinen neuen Longplayer geben.

MUSIC NEWS: Wenn man eines von Revolverheld wissen sollte, dann…

Hünecke: … dass der Lieblingswein von Johannes und mir der Riesling aus Tirol ist! Der ist aus einer Rebsorte, die nur in Tirol wächst. Das ist der beste Weißwein auf der ganzen Welt!

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