Im Jahr 2015 feierten sie ihr 20-jähriges Bestehen und veröffentlichten ihr siebtes Studioalbum. In den Jahren davor erlebten Facelift all das, was man als Band erleben muss, um zu einer festen Größe in der Szene zu werden.

Ihre Geschichte handelt von musikalischer Weiterentwicklung: Ihre Anfangstage lagen in der Zeit, als der Grunge seine letzten Atemzüge machte, gleichzeitig hatten sie eine Affinität zu Gothic und Metal. In ihrem späteren Schaffen entwickelten sie sich zu einem erwachsenen und dennoch verspielt klingenden Altenative-PopTrio. Doch ihre Geschichte ist noch nicht am Ende…

PARADOX: Was haltet ihr von Schönheitsoperationen?

Clemens Berger: Eigentlich nichts, genaugenommen.

PARADOX: Ihr habt kürzlich euer 20-jähriges Bestehen gefeiert. Was ist geblieben?

Clemens Berger: Geblieben sind viele Orte, an die wir sonst nicht gekommen wären. Wir haben Menschen kennengelernt, einige behalten. Erinnerungen an skurrile Erlebnisse. Einerseits das Gefühl, dass man viel gesehen hat und viel Zeit vergangen ist, auf der anderen Seite, dass es Schnipp gegangen ist. Da war man noch 20 und dann ist man nicht mehr 20.

PARADOX: Gibt es Dinge, die ihr heute anders machen würdet?

Clemens Berger: Wir würden nicht alles gleich machen, weil du mit diesem Erfahrungswert sowieso anders handelst. Aber wir haben jeden Schritt so gesetzt, wie es aus dem Empfinden heraus richtig war. Wir waren ganz schnell ganz woanders, als wir uns das in den kühnsten Träumen vorgestellt hatten. Wenn ich sehe, an welchen Dingen heute Bands scheitern, nicht in sich, sondern von außen. Es braucht ein komplett durchgestyltes und schlüssiges Marketingkonzept. Das ist eigentlich nicht die Aufgabe von einem Musiker. Der soll sich mit Musik beschäftigen. Da kommen wir noch aus einer doch relativ glücklichen Umgebung. Du hast geschaut, dass du Freunde und ein paar Veranstalter, die du kennst, animierst und irgendjemanden, der bei einer Zeitung schreibt, dann hat das schon gepasst. Diese Konzepte dahinter waren eher verpönt.

PARADOX: Ihr wart im Frühjahr eine Woche in China auf Tour. Wie lief‘s?

Clemens Berger: Super! Schon im ersten Club war es ab dem Soundcheck voll.

PARADOX: Gab es viel Promotion im Vorfeld?

Clemens Berger: Es gab einige Plakate, jemand vom chinesischen Staatsfernsehen war da, die haben Werbung gemacht, das Kulturamt von Peking hat es promotet. Sie mussten aber aufpassen, dass es nicht zu groß wird, weil dann kommen die staatlichen Sittenwächter, um zu schauen, ob wir nicht doch etwas Böses sagen. Und das will man nicht, haben sie uns gesagt.

PARADOX: Eure Texte sind im Vorfeld geprüft worden?

Clemens Berger: Wir haben sie hingeschickt und sie wurden geprüft. Wobei wir als Touristen eingereist sind, die, so wurde es formuliert, eventuell auch spielen. Das haben sie gewusst. Du forderst es nicht heraus. Es waren so viele offizielle Leute da, vom Kulturamt, vom Kulturaustausch, zwei von der Botschaft, ein chinesischer Brauereivertreter, der uns eine Freude machen wollte, weil er Ottakringer Bier hingebracht hat.

PARADOX: Trinkt ihr gerne Ottakringer?

Clemens Berger: Überhaupt nicht, aber das haben wir nicht gesagt. Die andere sensationelle Sache war: Es war exakt vorgegeben, dass wir eine Stunde spielen. Die Leute haben aber keine Ruhe gegeben und wir haben im Schnitt eindreiviertel Stunden gespielt, das hätte noch zwei Stunden weitergehen können. Das war unfassbar, man ist sich wie ein Superstar vorgekommen. Jeder will sich mit jedem fotografieren lassen. Die haben CDs gekauft, Schallplatten, alles was man haben kann. Ich hab selten so ein enthusiastisches, offenes Publikum gesehen.

PARADOX: Nochmal zu euren Songtexten. Ihr seid inhaltlich keine politische Band. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Clemens Berger: Das war nie ein Thema. Wir diskutieren im Backstage-Raum, da ist es ein wichtiges Thema. Ins Songwriting hat es nie Einzug genommen. Das einzige Lied, das Andrea etwas umadaptiert hat, ist „For the Homeless“. Da geht es um die Heimatlosen, ursprünglich ging es im Song um ein getrenntes Liebespaar. Das haben wir jetzt als einziges Statement im Programm.

PARADOX: Du hast dich mal geäußert, dass du das Asylthema nicht für deine eigenen Zwecke missbrauchen willst.

Clemens Berger: Ich bin nach wie vor der Meinung. Was ich als Privatperson unterstütze, ist das eine. Mich hinzustellen und heilsbringende Botschaften zu verkündigen… Dem einen oder anderen unterstelle ich auch eine marketingstrategische Überlegung dahinter.

PARADOX: Wie zufrieden seid ihr rückblickend mit dem sauberen und poppigen Sound eures letzten Albums „Falling Trees“?

Clemens Berger: Ich finde, dass es ideal für unser 20. Jubiläum war. Es spiegelt viele Facetten wider. Es ist die schönste und glatteste Produktion. Dass wir die Songs live ganz anders spielen, ist ein anderes Thema. Mit dem Album ist diese Ausdrucksform für uns beendet. Nicht, dass es uns nicht gefallen hätte. Was noch reizen würde, wäre ein räudiges, live mitgeschnittenes Album.

PARADOX: Gibt es Pläne für ein Album?

Clemens Berger: Unsere Gespräche im letzten halben Jahr waren zwischen ‚Wir nehmen jetzt auf‘ und ‚Wir lassen es bleiben‘. Was klar ist, wenn was kommt, dann wird es etwas Dreckigeres werden. Aktuell gibt es die Möglichkeit im Iran zu spielen. Wir haben eine Einladung, noch einmal nach China zu kommen. Für Oktober stehen Konzerte in New York im Raum. Das werden wir auf jeden Fall machen und vielleicht irgendwo was aufnehmen. Es kann im Dezember passieren, oder noch lange dauern.

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