Die dunklere, kältere Zeit des Jahres hat uns längst eingeholt. Der Sommer mit seinen Rekordtemperaturen und Festivalhighlights ist bereits eine ferne Erinnerung, und vor uns liegt noch ein langer, langer Winter. Wie schafft man es unter diesen Umständen, sich nicht ganz der Trostlosigkeit der kalten Jahreszeit hinzugeben?

Eine richtig gute Möglichkeit wäre es, wieder mal Farewell Dear Ghost aufzulegen. Mit ihrem vor zwei Jahren erschienenen
Album „We Colour The Night“ sorgten die vier Grazer in der heimischen Musiklandschaft für ordentliches Aufsehen. Darauf finden sich zehn Indie Rock Songs mit Hang zum Bombast, denen trotz der vorherrschenden Melancholie die Hoffnung nie verloren geht. Ein perfektes Herbstalbum also, das Hoffnung auf den nächsten Frühling weckt. Wir baten Mastermind Philipp Szalay und Bassist Philipp Prückl zum Interview über Zukunftspläne, chinesische Fans und den Zusammenhang von Songwriting und Lego.

PARADOX: Wie würdet ihr eure Musik über das Etikett des Indie Rocks hinaus genauer beschreiben?

Philipp Prückl: Die große Geste von Queen im Stadion gepaart mit der intimen Stimme eines Sängers, der sich vor dem Publikum verletzlich macht, indem er sein Innerstes nach außen kehrt.
Philipp Szalay: Ich halte es breit und sage, es ist melancholischer Indie Rock mit Stadiongeste.

PARADOX: Euer Name „Farewell Dear Ghost“ ist einem Song von Monta entnommen. Wie kam es dazu?

Philipp Szalay: Ich habe Monta irgendwann mal zufällig entdeckt und bin ziemlich auf sein erstes Album „Where Circles Begin“ abgestürzt. Der Song „Farewell Dear Ghost“ ist dann mein Lieblingssong davon geworden. Ich finde die Zerbrechlichkeit des Songs und der Lyrics reflektierte einfach gut das, was ich selbst mit meiner Musik ausdrücken wollte. Außerdem ist es phonetisch ein sehr schöner Name.

PARADOX: In eurem Debütalbum „We Colour The Night“ schwingt immer ein gewisser Unterton der Hoffnung mit. Gilt euch das Prinzip Hoffnung als Grundeinstellung?

Philipp Prückl: Hoffnung und das Credo, niemals aufzugeben und stets weiterzugehen haben uns dorthin gebracht, wo wir jetzt sind und werden uns noch viel weiterbringen.
Philipp Szalay: In gewisser Weise schon, ja. Ich finde, es ist beruhigend, daran zu glauben, dass Geschichten, egal wie dunkel es manchmal ausschaut, am Ende gut ausgehen werden.

FAREWELL_DEAR_GHOST_lena_prehal_05

(c) Lena Prehal

PARADOX: Wie gut eignet sich Graz als Ausgangspunkt für eine Bandkarriere?

Philipp Prückl: Graz hat den großen Vorteil, sehr überschaubar zu sein. Die Szene, die es durchaus gibt, ist relativ klein. Die Bands treiben sich gegenseitig an und beflügeln einander, wodurch ein guter Drive entstanden ist. Mir kommt auch vor, in Graz bist du einfach weniger abgelenkt als in Wien und es lässt sich fokussierter arbeiten.

PARADOX: Wie läuft das Songwriting bei euch grundsätzlich ab?

Philipp Szalay: Ich komme meist mit Grundskizzen oder auch fast fertigen Demos an, die dann gemeinsam als Band weiterentwickelt werden. Das ist dann ein Mix aus klassischem Jammen im Proberaum und daheim im Schlafzimmer am Computer produzieren. Ich vergleiche es immer gerne mit Lego bauen: Man schaut welche Teile zusammenpassen, baut wieder auseinander, wenn es nicht passt, und am Ende schaut dann doch immer was Gutes dabei raus.

PARADOX: Auf Facebook erblickt man erste Fotos von euch im Studio. Wann ist mit dem nächsten Album konkret zu rechnen und was wird uns erwarten?

Philipp Prückl: Momentan arbeiten wir an einer EP mit vier Songs, die im Frühjahr 2016 erscheint. Erwarten darf man einiges, immerhin sind seit dem Debütalbum zwei Jahre vergangen. Wir haben in dieser Zeit sehr viel erlebt, viele tausende Kilometer im Tourbus verbracht, das schweißt einfach zusammen. Diese Dynamik und die Energie, die in den letzten zwei Jahren auf Tour entstanden ist, wird man bei den neuen Songs auf jeden Fall hören.

PARADOX: Sind die chinesischen KonzertbesucherInnen tatsächlich so euphorisch und verrückt, wie es euer Schlagzeuger Andreas Födinger in seinem Tourtagebuch beschreibt? Und wie äußert sich das genau?

Philipp Prückl: Ja, genau wie er es beschrieben hat. Mir ist vorgekommen, die Fans in China lassen sich viel mehr fallen und zucken richtig aus. In Österreich erlebst du das nur um 2 Uhr in der Früh, wenn alle schon angesoffen sind. Die Fans sind auch direkter. In Europa herrscht eine gewisse höfliche Distanz im direkten Kontakt, vor allem in Deutschland war das gut zu beobachten. In China kamen die Fans nach dem Konzert sofort hergestürmt und wollten Bussis und Fotos.

Philipp Szalay: Auf jeden Fall. Bei zwei der vier Shows war das Publikum unglaublich euphorisch. Wir sind noch nie so gefeiert worden, und das von Menschen, die noch nie einen Song von uns gehört haben. In dem Club in Shanghai haben zum Beispiel einfach alle vom ersten Song an mitgetanzt.

PARADOX: Was sind für euch die Highlights des Tourlebens?

Philipp Prückl: Die Backstage-Partys nach einer gelungenen Show. Philipp Szalay: Die Möglichkeit zu haben, mit deinen Freunden in neue Städte zu reisen, um das zu tun, was du am liebsten machst, und wenn du siehst wie Menschen, die deine Musik das erste Mal hören, mit einem Lächeln im Gesicht zu tanzen anfangen. Dann natürlich auch das Feiern.

PARADOX: Ihr seid häufig auf Festivals zu Gast, im vergangenen Sommer wart ihr auch am Frequency. Was sind für euch die Vor- und Nachteile von Fesivalgigs?

Philipp Prückl: Ein Vorteil ist sicher das viel größere Publikum, die Stimmung auf einem Festival ist einfach viel ausgelassener. Das ist als Musiker natürlich sehr angenehm.
Philipp Szalay: Ein Nachteil ist eventuell, dass du eine Band von vielen bist und leicht im Überangebot untergehen kannst. Ich hab mir zum Beispiel nach unserer Show am Frequency am Abend Major Lazer angeschaut und war dermaßen überwältigt vom Bombast der Show. Da kannst du als kleine Band wirklich nicht mithalten.

PARADOX: Welche Zukunftspläne verfolgt ihr als Band kurz- und langfristig?

Philipp Szalay: Das kurzfristige Ziel ist die Fertigstellung der EP und dann das zweite Album. Auf lange Sicht wollen wir international touren und einfach weiter gute Songs schreiben.

FAREWELL_DEAR_GHOST_lena_prehal_01

(c) Lena Prehal

Die vier weitgereisten Musiker wollen also auch in Zukunft von Graz aus in die Welt touren, wobei Ziele wie die USA, Südamerika oder Island ganz oben auf ihrer Wunschliste stehen. Dabei werden sie auch neue Songs im Gepäck haben. Nach dem vielgelobten ersten Album stellt sich da naturgemäß ein wenig Druck ein, doch Farewell Dear Ghost sind optimistisch, das alte Material nochmals toppen zu können.

PARADOX002_Sujet

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.