„Welche Musik soll man auf diesem Planeten denn sonst machen?” Madame Baheux: Balkanquintett, Frauenpower, Worldmusic.

Mit diesen Worten wird die mit dem Austrian World Music Award ausgezeichnete Band Madame Baheux gerne bezeichnet. Allerdings greift jeder dieser Begriffe einzeln viel zu kurz für das, was Jelena Popržan, Ljubinka Jokić, Maria Petrova, DeeLinde und Lina Neuner auf die Bühne bringen und auf ihrem ersten Album festgehalten haben. Darauf finden sich Bearbeitungen von südosteuropäischen Folk-Songs, Eigenkompositionen sowie Lieder von Ewan MacColl, Bertolt Brecht und Georg Kreisler. Die Instrumentierung mit Viola, (E-)Gitarre, Cello, Kontrabass und Drums ist bei Konzerten auf verschiedensten Ebenen mitreißend. Madame Baheux live zu erleben heißt, zu genießen, zu lachen, zu tanzen und nachzudenken – am besten auch noch alles gleichzeitig. Dabei sind es immer wieder ernsthafte Themen wie Migration und Integration, die von dem Quintett mit einem humorvollen Zugang aufgegriffen werden. Die Musikerinnen entstammen dabei den unterschiedlichsten Genres, die sie in ihrer Musik zu einer energiegeladenen Einheit zusammenbauen. Da finden sich neben den Einflüssen verschiedener Folkmusiken auch mal rockige Gitarren, durchaus jazzige Passagen oder Anleihen am Wienerlied. Die Wurzeln der Band liegen im Jahr 2010, als sich Jelena, die für Gesang und Viola zuständig ist, und Ljubinka, die ebenfalls singt und Gitarre spielt, für dieses Projekt zusammengetan haben. Seither kamen die restlichen Mitglieder nach und nach hinzu. Seit 2014 ist DeeLinde mit an Bord und Madame Baheux hat für sich die perfekte Bandbesetzung gefunden. Wir baten das Quintett zum Interview über das nächste Album, Feminismus und die Wichtigkeit von Humor in ihrem musikalischen Schaffen.

PARADOX: Wer oder was hat euren sehr speziellen Stil beeinflusst beziehungsweise beeinflusst ihn immer noch?

Madame Baheux: Die Tatsache, dass jede von uns musikalisch ganz anders sozialisiert wurde. Da treffen klassisch Ausgebildete mit Jazz/Rock/Folk-Interesse auf Jazzer, auf Rocker und „Volksmusiker“ und umgekehrt – und es geht sich wunderbar aus.

PARADOX: Gibt es für euch so etwas wie Vorbilder?

Madame Baheux: Jede von uns hat sicher ihre eigenen Vorbilder, und manche decken sich sicher. Für die Band selbst fallen uns jetzt keine konkreten ein. Wir kopieren sicher nicht den Stil von irgendwem. Madame Baheux ist vorbildlos, aber hoffentlich vorbildlich.

PARADOX: Was bedeutet euch der Austrian World Music Award, den ihr 2014 gewonnen habt? Hat sich seitdem für euch etwas verändert?

Madame Baheux: Das öffnet sicher Türen. Man erreicht die Wahrnehmungsschwelle vieler Leute überhaupt erst, wenn man eine Auszeichnung bekommt. Für uns persönlich ist das eine sehr schöne Bestätigung unserer bisherigen Arbeit, die uns zusätzlich Energie gibt, weiter zu machen.

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Madame Baheux (c) Igor Ripak

PARADOX: Gibt es bereits Pläne für euer nächstes Album? Was wird uns erwarten?

Madame Baheux: Das nächste Album wird das erste sein, bei dem alle von Beginn an am Schaffensprozess beteiligt sein werden. Wahrscheinlich wird es mehr Eigenkompositionen geben. Aber auch ein paar Bearbeitungen von Traditionals und aussagekräftige Lieder sind wieder im Entstehen.

PARADOX: Als ich euch bei einem Auftritt gesehen habe, hat Jelena hinsichtlich des Austrian World Music Awards gescherzt: „Die Ausländer sind so frech, dass sie euch nicht nur die Jobs, sondern auch schon die Preise wegnehmen.“ Wie reagieren die Leute auf diesen speziellen Humor?

Madame Baheux: Ganz unterschiedlich. Man findet es meistens frech, aber man sagt dazu „gut so!“. Das ist natürlich eine Übertreibung angesichts der vielen Ressentiments gegenüber den „Zuagrasten“ und falschen Deutungen über die österreichische Einwanderungsgesellschaft, die sich als solche noch nicht wahrnehmen will. Der Schmäh mit der Wiener Gastarbeiterin aus Klosterneuburg kommt bei den Leuten besonders gut an – Lina wird nach Konzerten immer wieder darauf angesprochen.

PARADOX: Eure Auftritte haben durchaus auch komödiantische Aspekte. Wie wichtig ist euch Humor in eurem musikalischen Schaffen?

Madame Baheux: Die kritischen Inhalte mit einer Dosis Humor zu transportieren, ist eine der schönsten Arten. Es ist die Kunst daran, die Absurdität der Missstände ins Lächerliche zu ziehen. Der Träger dieser Kunst ist nicht nur die witzige Interpretation, sondern vor allem die Sprache der Lieder. Und wenn man Humor nicht zulässt, wird man unfreiwillig komisch.

PARADOX: Was war für euch das Highlight eures bisherigen gemeinsamen musikalischen Schaffens?

Madame Baheux: Das Zusammenwachsen – zu merken, wie man mit der Zeit immer besser eingespielt ist. Man kann nie voraussagen wann, aber immer wieder entsteht bei einem Konzert plötzlich eine besonders gute Resonanz zwischen den Musikerinnen.

PARADOX: Welche kurz- und langfristigen Pläne habt ihr als Band?

Madame Baheux: Neue CD und die Welteroberung.

PARADOX: Fast alle von euch haben ihre Wurzeln in Südosteuropa, was auch in eurer Musik deutlich zum Ausdruck kommt. Seid ihr hinsichtlich eurer Herkunft schon mit negativen Reaktionen konfrontiert worden?

Madame Baheux: Im Gegenteil. Es zeigt sich immer wieder, wie viele Leute aus dem Publikum selbst Migrationshintergrund haben. Und erst recht das Personal bei vielen Veranstaltungen… Aber vielleicht sollten wir auch bissl mehr jodeln und einmal etwas „Österreichisches“ spielen – das eröffnet sicher eine fesche Diskussion darüber, welche Musik in diese Kategorie überhaupt passt.

PARADOX: Ihr werdet gerne mit Worten wie „Frauenpower“, „Frauencombo“ und ähnlichem in Verbindung gebracht. Seht ihr euch selbst als Feministinnen?

Madame Baheux: Wenn du als Frau nicht die gängigen Bühnenrollen einnimmst, musst du sowieso immer erst erklären, was du tust. Du kannst auch mit lauter Jungs spielen – dann erklärst du eben, dass du nicht wegen der Quote dabei bist und auch nicht zur Deko gehörst. Wir spielen nun in dieser Formation, und das sind ja bitte sehr nicht irgendwelche Frauen, sondern Expertinnen in ihrem jeweiligen Gebiet. Noch immer stehen übrigens 95 Prozent Männer auf der Bühne, und keiner nennt die dann „MännerCombo“. Solange es solche Schieflagen gibt, soll man uns ruhig Feministinnen nennen.

PARADOX: Wie leicht beziehungsweise schwer hat man es in Österreich, wenn man World Music macht?

Madame Baheux: Im Vergleich mit anderen Genres scheint es um Infrastruktur und Publikum recht gut zu stehen. World Music wird jetzt schon so lange totgesagt und lebt dabei so gut weiter… Welche Musik soll man auf diesem Planeten denn sonst machen?

Madame Baheux hat also in Zukunft mit neuem Album und Welteroberung eine ganze Menge vor. Dringende Empfehlung: Die Wartezeit bis zum nächsten Album mit einem der energiegeladenen und humorvollen Live-Auftritte überbrücken.

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