Am Montag nach dem jährlichen Lendwirbel im Mai, einer einwöchigen Kulturveranstaltung beispiellosen Ausmaßes, scheint Graz ein wenig verschlafen bis verkatert zu sein. Hier zeigt sich die tiefe Verwurzelung Granadas mit der Stadt. Am frühen Nachmittag treffen zwei Fünftel der Band zum Interview und Fotoshooting im Bunker ein. Den Beweis, dass Thomas Petritsch und Lukacz Custos auch nach einem strapaziösen Wochenende noch fotogen sind, liefern diese Seiten. Dass Granada eine große Zukunft vor sich hat, ebenfalls.

Noch am Samstag zuvor spielte Petritsch als Effi auf den Tischen im Cafe der Murinsel, um eine Initiative gegen den Bau eines neuen Kraftwerks an der Mur zu unterstützen. Mit dem Soloprojekt Effi wurde er mit englischem Gesang und reichlich Experimentierfreudigkeit zwischen Electro, Swing und Indie bekannt. Mit Granada schlägt er gemeinsam mit seinen vier neugewonnenen Bandmitgliedern Roland Hanslmeier, Jürgen Schmidt, Alexander Christof und Lukacz Custos in eine andere Kerbe. Das Quintett bewegt sich nahe am klassischen Austropop, sprachlich wie musikalisch. Die Texte könnten charmanter nicht sein, wenn Petritsch in das Mikrofon raunt: „In Ottakring ist das Leben dir gutgesinnt, a wennst pinkelst gegen‘ Wind.“ Doch sie ohne jedes Empathievermögen in diese Schublade zu stoßen, wäre zu kurzsichtig. Da mischt sich mal ein Indie-Vibe rein oder ein Hauch Balkan, mal ein verschmitztes Lächeln, dann wieder schizophrener Schwermut. Eine Evolution des Austropop für das 21. Jahrhundert sozusagen. Was von Effi geblieben ist, ist die charmante Stimme des Frontmanns aus der Südsteiermark. Dass die Band ausgerechnet Billy Joel’s „Vienna“ in ihr eigenes „Wien wort auf di“ verwandelt, hat dann wohl weniger mit der besungenen Stadt zu tun, als vielmehr mit der hintergründigen Botschaft des Songs.

PARADOX: Mit „Wien wort auf di“ habt ihr ein äußerst gelungenes Cover von Billy Joels „Vienna“ veröffentlicht.

Thomas Petritsch: Ich hab Billy Joel in der Zeit, in der das Album entstanden ist, sehr häufig gehört. „Vienna“ hat von der Charakteristik her so gut reingepasst, dass ich mich daran versucht habe. Es war eine Herausforderung. Ich wollte schauen, ob das auch im Deutschen funktioniert. Es geht um dieses, zur heutigen Zeit passende Phänomen, dass die Leute zu viel arbeiten und nicht zurückschalten, dass sie immer mehr und immer weiter wollen. Man tut einfach zu viel.Die erste Textzeile ist „slow down you crazy child, you’re so ambitious for a juvenile.” Man strebt nach etwas und vergisst dabei zu leben.

PARADOX: War tatsächlich der Auftrag, das Titellied zu Michael Riebls Film „Planet Ottakring“ zu schreiben, die Geburtsstunde von Granada?

Petritsch: Ja absolut. Ich hab vom Michi Riebl den Auftrag bekommen, bin reingekippt und hab mehrere Nummern eingespielt. Es wäre ewig schade gewesen, die Nummern wegzuschmeißen.

PARADOX: Thomas, als Effi singst du englisch, bei Granada hast du die Sprache gewechselt. Deutschsprachiger Dialektgesang ist spätestens seit Bilderbuch und Wanda wieder angesagt. Ist bei Granada dahingehend ein wenig Berechnung dabei?

Petritsch: Nein, das ist Zufall. Ich hatte großen Respekt davor, deutschsprachige Musik zu machen und ich hab es auch nie probiert. Erst durch die Arbeit am Film bin ich draufgekommen, dass es sehr viel Spaß macht, in der Muttersprache zu schreiben. Ich hab das sehr genossen und einen anderen Ansatz gefunden, Songs zu schreiben.

PARADOX: Was ist der Hintergrund des neuen Namens? Die neue Gesangssprache, die zusätzlichen Bandmitglieder? Hättest du als Effi auf Deutsch singen können?

Petritsch: Das Projekt hat dadurch, dass ich dabei bin und die Songs geschrieben habe, natürlich mit Effi zu tun. Es war mir wichtig einen Strich zu ziehen, weil die Besetzung auch eine völlig andere ist und es musikalisch in eine andere Richtung geht. Es ist nicht so eklektisch wie Effi, es ist brachialer und erdiger.

PARADOX: Wieso Granada? Gerade hinsichtlich des deutschen Gesangs wirkt der Name irreführend.

Petritsch: Wir haben lange überlegt, haben versucht Austrozismen zu finden, haben in Wörterbüchern nachgeschlagen und sind im Endeffekt doch abgekommen von dem zu Naheliegenden. Als wir Granada gelesen haben, haben wir gedacht, das passt eigentlich perfekt. Es geht aber nicht um den Ort Granada, es geht um das Auto, den Ford Granada aus den 70er-Jahren. Und der Name klingt auch wirklich schön.

PARADOX: Ist Granada wirklich ein Bandprojekt? Man kennt dich ja als Solokünstler.

Petritsch: Absolut ein Bandprojekt. Bei den Songs, die wir aufgenommen haben, bin ich mit den Ideen gekommen. Im Proberaum haben wir die Songs angespielt, gewisse Hebel gedreht, wo es nicht gepasst hat, und die Songs gemeinsam ausgearbeitet.

PARADOX: Bei „Wien wort auf di“ haben die anderen dann aber Sendepause.

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Lukacz Custos (c) Sascha Pseiner

Lukacz Custos: Das ist immer der Bringer, wenn der Alex und der Thomas die Nummer live performen. Emotional geht das super auf. Zum einen forderst du die Leute, aber zum anderen holst du sie ab und bringst sie zurück. Ich würde sagen, es ist ein sehr verantwortungsvoller Umgang mit dem Publikum. Die Songs passen auch zusammen. Die Aussage von „Wien wort auf di“ kann man auch auf „Palmen am Balkon“ umlegen. Es ist ein dramaturgischer Bogen vorhanden, ohne dass es im Zusammenhang steht.

PARADOX: Wie stellt man sich ein typisches Granada Konzert vor?

Petritsch: Es ist hochenergetisch. Ich bin total ausgelaugt nach so einem Konzert, weil es sehr viel abverlangt, aber natürlich sehr viel Spaß macht und einen in die Höhe treibt. Da kann man noch mal zurückkommen auf die Frage, ob es ein reines Bandprojekt ist. Es würde anders gar nicht funktionieren, die Charaktere sind alle so toll, der Jürgen, der Roland, der Alexander, der Lukacz und ich. Das harmoniert einfach.

Custos: Was mich an den Songs so überzeugt hat, ist diese optimistische Tristesse. Es hat alles einen gewissen Charme und gleichzeitig eine gewisse Reife.

PARADOX: Eure Texte muten sehr österreichisch an, etwas Gejammer und diese generelle „eh wurscht“ – Mentalität. Seid das ihr? Würdet ihr euch als typische Österreicher bezeichnen?

Petritsch: Das typisch österreichische Bild gibt’s eigentlich nicht. Das Launische, Zwidere ist ja das Bild des Wiener Grantlers. Da gibt’s natürlich noch ein anderes Bild. Grad in der Steiermark ist die Mentalität wieder eine andere. Ich seh’ mich eher dort verwurzelt, wo ich aufgewachsen bin. Ich komm aus der Südsteiermark – mehr Sonne und weniger Regen als im Rest Österreichs. Natürlich ist da auch ein gewisser Wurschtigkeits-Faktor dabei, aber anders als weiter oben im Norden. Lukacz, du kannst das gut beurteilen als Wiener.

Custos: Ich bin zwar in Wien geboren, aber aufgewachsen in Niederösterreich. Hab aber in meiner Kindheit viel Zeit in Wien verbracht, es war schon interessant. Der Punkt ist der: Mit meinem fortlaufenden Lebensfortschritt hab ich Wien auch von anderen Seiten kennengelernt. Als Lebensmittelpunkt steht es momentan nicht im Raum. Ich glaub, ich brauch eher kleinere Verhältnisse.

PARADOX: Ist das Cover-Artwork zu „Ottakring“ und „Eh Ok“ eine Anspielung auf Bruce Springsteen? Die Ähnlichkeit zu „The Essential Bruce Springsteen“ ist ziemlich groß.

Petritsch: Es war eine Wertschätzung an einen großartigen Künstler. Ich schätze ihn als großen amerikanischen Songwriter. Er steht für das ganze Songwritertum Amerikas.

Custos: Da muss ich dir widersprechen. Ich bin da eher beim Dylan. Natürlich ist Springsteen auch nicht irrelevant.

Petritsch: Dylan, klar. Dann müssten wir Tom Waits auch erwähnen.

PARADOX: Granada trifft stark den klassischen Austropop der 70er und 80er Jahre. Wo findet man die größten musikalischen Einflüsse der Gruppe?

Custos: Tom Waits ist vom Songwriting her auf alle Fälle mein stärkster Einfluss gewesen. Im Deutschsprachigen Roland Neuwirth, so alte Wienerlieder. Aber hauptsächlich Blues und Waits.

Petritsch: Bei mir hat’s auch nicht viel mit dem eigentlichen Austropop zu tun, sondern kommt mehr aus dem Amerikanischen. Aus dem Motown, Soul und dem Funk, die Musik der 60er und 70er eigentlich. In letzter Zeit hab ich häufig STS gehört. Gefällt mir sehr gut, speziell das Arrangement und Songwriting. Es ist poppiger als das Wienerlied, hat auch sehr starke Anleihen bei den Beatles.

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Thomas Petritsch (c) Sascha Pseiner

PARADOX: Was dürfen wir uns 2016 noch von Granada erwarten?

Petritsch: Das Album wird wahrscheinlich im Herbst erscheinen. Vorher veröffentlichen wir einen Teil der Lieder als EP.

PARADOX: Gibt es langfristige Pläne mit Granada oder möchtest du dich in Zukunft wieder auf Effi konzentrieren?

Petritsch: Zurzeit ist das Herzensding Granada. Wir waren jetzt im Studio und sind dadurch zusammengewachsen, natürlich auch durch die ganzen Konzerte, die wir gespielt haben. Das Hauptaugenmerk liegt auf Granada, womit ich aber nicht sagen will, dass Effi gestorben ist. Ich glaube, als Künstler ist es wichtig, mehrere Projekte zu machen. Man kann durch neue Projekte lernen und geht Dinge wieder anders an. Wenn man ständig bei einem Projekt bleibt, dann kommt irgendwann ein Alltagstrott rein. Man braucht die Abwechslung. Projektbezogen zu arbeiten ist für mich persönlich das Schönste.

PARADOX: Ihr spielt im September am Nuke Festival in Graz. Gibt es jemanden oder etwas, worauf ihr euch besonders freut?

Petritsch: Ich freu mich besonders auf die 5/8erl in Ehr’n.

Custos: Ich weiß noch gar nicht, wer spielt, außer Granada und 5/8erl. Aber das hört sich schon gut an.

Petritsch: Die 5/8erl haben wir auf der Tour mit Fiva kennengelernt. Irrsinnig sympathische Zeitgenossen, wir haben uns sehr gut verstanden. Ich freu mich schon drauf, in Graz alle wiederzusehen.

„Wandern ist auch schön.“

PARADOX: Zum Thema „Palmen am Balkon“, wo wird 2016 der Urlaub verbracht?

Petritsch: Ich werd wahrscheinlich zuhause bleiben, nicht gerade am Balkon, aber in Graz ist es im Sommer auch schön. Außerdem ist heuer die EM und ich bin ein leidenschaftlicher Fußballschauer. Wenn die EM ist, ist Urlaub.

Custos: Ich werde wahrscheinlich zwei Wochen einfach mit dem Rucksack wandern, vielleicht an‘s Meer gehen, statt zu fahren.

Petritsch: Es müssen nicht immer die Malediven sein, Wandern ist auch schön.

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