Über Charles Bukowskis Impulse, Überwachung durch Post Office-Handys und wie durch Freundschaft ein Unternehmen entstehen kann

Post Office Records ist ein Indielabel, das noch am Anfang seiner Entwicklung steht, sich jedoch für immer mehr österreichische Musiker engagiert.
Ich hatte das Vergnügen in einem kleinen Lokal im Lendviertel auf Raffael Jessner und Gabriel VanMojo, einem Teil von Post Office, zu treffen und ein wenig über ihre Plattenfirma zu plaudern. Neben einigen Getränken, unzähligen Zigaretten und musikalischer Untermalung durch Gabriels rhythmisches Klopfen im Takt der Hintergrundmusik, erfuhr ich mehr über die Seele des Unternehmens.

Post_Office_Textbild (2)

Post Office Records © Post Office

Den Kern von Post Office Records bildet, neben Raffael und Gabriel, auch „Paco“ Francisco Diaz Palomeque, der für den multimedialen Bereich verantwortlich ist. „Paco“ ist mit local.media ein wichtiger Bestandteil von Post Office und hat unter anderem schon Akkustiksets für verschiedenste Bands und Videos für beispielsweise Tiny Terrorists oder Red Label Lights produziert.
Eine weitere Bezugsperson ist Johnny Bâtard, der sich um Grafik und Design kümmert und auch hauptsächlich für die Homepage verantwortlich ist.
Somit deckt Post Office alle Voraussetzungen ab, die im Musikbereich wichtig sind, was bedeutet, dass sie unabhängig agieren können und nicht auf die Unterstützung dritter angewiesen sind.

Von „Ryan’s Little Radio Show“ bis zu Post Office Records

Post_Office_Textbild

Hot Road Jam © local.media

Die Idee von Post Office entstand erstmals am 01. Juli 2012 durch Raffael Jessner und durch seinen ehemaligen Mitbewohner Ryan T. Thornton.
Damals war Ryan noch im Stand-up-Comedy Bereich tätig und hatte auch eine eigene Radioshow bei Radio Helsinki: „Ryan’s Little Radio Show“. Dadurch kamen die beiden auch auf die Idee etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.
Raffael und Ryan begannen Veranstaltungen, verbunden mit Musik, zu planen. Beispielsweise organisierten sie eine „Indierock Cabaret Night“, oder einen Konzertlivestream, der via Internet aus London in die La Cuntra übertragen wurde.
Während der Suche nach lokalen Bands, knüpften sie neue Kontakte und stießen so auf Hot Road Jam, die sie auch noch heute unterstützen.

Bukowski als Inspiration für Post Office

Zu den Anfangszeiten von Post Office tauchte Raffael Jessner mit dem Roman „Post Office“ in die Gedankenwelt von Charles Bukowski ein, wodurch die Inspiration zu diesem Namen kam.
„Post“ steht nebenbei auch noch für die Zeit nach dem Einteilungswahnsinn. Gabriel und Raffael sind nämlich der Meinung, dass man Musik heutzutage nicht mehr wirklich in Genres einteilen kann. Alles vermischt sich und verschwimmt immer mehr ineinander. Und Office steht einfach dafür, dass Sie auch arbeiten – Dass Raffaels Mutter als Postlerin tätig ist, hat bei der Namenswahl also weniger eine Rolle gespielt, ist aber ein netter Zufall.

„Wir haben das Potential und die Leute dahinter“

Post_Office_Textbild (5)

Karma Klub © Lisa Monsberger

Momentan fokussiert sich das Plattenlabel auf fünf Bands: Karma Klub, Painted Beehive, Hot Road Jam, Kingsized Bastards und Jigsaw Beggars.
Für 2016 ist es geplant mit all diesen Bands ein Album, oder zumindest eine EP auf Vinyl herauszubringen. Die weitere Zukunft steht noch offen, jedoch will man qualitativ hochwertigen Bands wie den derzeitigen zur Seite stehen und in Zukunft das Reservoir erweitern.
Man merkt, dass das Label hinter den Bands steht und die Bands hinter dem Label. Der große Vorteil, den Post Office bietet ist das freundschaftliche Verhältnis, das zwischen ihnen herrscht. Außerdem teilen sich fast alle der Mitarbeiter eine Wohngemeinschaft, was die Kommunikation untereinander zusätzlich vereinfacht.

Jede von den zuvor genannten Post Office Bands hat ihre eigene Schiene, aber mit Sicherheit auch gemeinsame Nenner. Gabriel und Raffael erklären, dass sich der Musikgeschmack der Künstler untereinander auch sehr ähnelt. Hierbei findet es vor allem Raffael, der „Nicht-Musiker“ der beiden, interessant wie unterschiedlich die Bands die Musik, die sie lieben, umsetzen.
Grundsätzlich ist in Zukunft jedes Genre bei Post Office willkommen. Für das Unternehmen ist es jedoch essentiell, dass die Künstler hinter dem stehen, das sie tun. Besonders in der heutigen Zeit, wo man von allen Seiten von verschiedensten Einflüssen bombardiert wird, muss Authentizität auch im Musikbusiness groß geschrieben werden.
Post Office setzt sich für künstlerische Freiheit ein und beeinflusst aus diesem Grund auch die Musik ihrer Künstler im beruflichen Sinne nicht. Aufgrund der freundschaftlichen Ebene herrscht untereinander selbstverständlich ein reger Austausch durch Feedback während der Arbeitsprozesse.

„Im Grunde steht Post Office für die Vernetzung von Menschen, die Spaß haben, an dem, was sie tun.“

Post_Office_Textbild (6)

Kingsized Bastards © local.media

Ihr Ziel ist es, als österreichisches Label auch europaweit durchzustarten.
Zu ihren Langzeitplänen zählt auch, ein eigenes Tonstudio zu haben, um den Bands nach und nach mehr zu bieten. Es ist ihnen wichtig, das Potential der Künstler zu nützen und auch zu fördern.
Laut Gabriel und Raffael ist für österreichische Musiker nach Bilderbuch und Wanda sehr schwer überhaupt ins Musikgeschäft einzusteigen. Alle haben diesen Traum, aber an einen Hype wie jene österreichischen Berühmtheiten kommen die meisten eben nicht heran.
Auch Post Office hält für seine Bands an diesem Traum fest und arbeiten Schritt für Schritt daran, denn die wichtigsten drei Dinge besitzen die fünf Bands schon mal: Potential, Wille und Leidenschaft.

Und weil Musik nicht die einzige Sparte der Kunst ist, die Post Office am Herzen liegt, wollen sie diese in Zukunft auch mit anderen Bereichen verbinden: Eine ihrer Ideen wäre es, Lesungen, verbunden mit Konzerten auf die Beine zu stellen, oder das Ganze auch mit den bildnerischen Künsten zu verknüpfen.

Die sonnendurchfluteten Schattenseiten

Post_Office_Textbild (3)

Jigsaw Beggars © Jigsaw Beggars

Nachdem Gabriel und Raffael selbstverständlich nur ihr positives Wirken auf die Bands ansprachen, stellte ich die heikle Frage, ob es auch negative Seiten gäbe.
Die gibt es natürlich: „Derzeit planen wir unsere Bands rund um die Uhr zu überwachen. Wir wollen eigene „Post Office-Handys“ entwickeln, um immer genau Bescheid zu wissen, wo sich unsere Künstler befinden und zu wem sie Kontakt halten.“, meint Raffael und lacht, „Nein, Spaß beiseite.“
Eine wirkliche Kehrseite gibt es bei der Zusammenarbeit nicht.
Momentan könnte höchstens eine zu hohe Erwartungshaltung für Probleme sorgen, da das Label in einem Findungsprozess ist. Leider fehlt noch das Budget, um das volle Potential der Künstler zu nützen, aber durch Vertrauen und Engagement zwischen dem Unternehmen und der Bands wird es auch hier steil bergauf gehen.
Post Office weist ein hohes Level an Professionalität auf und alle Mitarbeiter sind der Meinung, dass immer beide Seiten gleich von der Kooperation profitieren sollen.
Eine solide Basis, gestärkt von Vertrauen, ist ein essentieller Bestandteil einer guten Zusammenarbeit. Persönliche Differenzen und Konflikte sind immer möglich, aber das Label setzt sich stets dafür ein, die beste Lösung für alle Beteiligten zu finden.

Von griechischen Inseln und dem Club 27

Post_Office_Textbild (7)

Painted Beehive © Painted Beehive

Seit gestern, dem 26.11.2015, findet im PPC in Graz das Styrian Sounds Festival statt. Mit dabei sind gleich zwei Post Office Bands: Gestern spielten Painted Beehive und am Samstag werden Jigsaw Beggars die Bühne eröffnen.
Außerdem steht im Jänner voraussichtlich die Veröffentlichung einer Dokumentation an: Hot Road Jam wurde während ihrer Tour durch Kalifornien von „Paco“ hinter der Kamera begleitet.

In den nächsten fünf Jahren will sich Post Office einen Namen in der Szene machen. Der Traum ist nicht das große Geld, sondern österreichische Bands so gut wie möglich zu unterstützen.
Auf die Frage, wo sie sich in zehn Jahren sehen, reagiert Gabriel nachdenklich mit den Worten, „Zehn Jahre ist eine ganz schön lange Zeit.“
Während Raffael schmunzelnd meint, „Ich hoffe, dass alle anderen mit 27 Jahren sterben und ich ein schönes Leben auf einer griechischen Insel haben werde.“

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.