Über Bescheidenheit, Business, Innovation & Consciousness …

Man sagt, dass ein Remix einem Song neues Leben einhauchen kann. Einer der Produzenten, die diese Remix-Kunst mehr als verinnerlicht haben, ist Kallsen aus dem hohen Norden Deutschlands. Ein Mann, der genau weiß, was er will und der nicht davor zurückschreckt, sich als überzeugter Traditionalist der Musik zu outen. Wir trafen uns mit Kallsen und ließen ihn seine Sicht der Dinge erläutern.

www.music-news.at: Hallo Kallsen, stell dich bitte unseren Lesern kurz vor.

Kallsen: Hey, vielen Dank für die Anfrage erst mal. Ich bin 32 Jahre alt und Beat bastelnder Möchtegern-DJ aus dem hohen Norden von Deutschland, aus Lübeck, der Stadt des Marzipans.

www.music-news.at: Du untertreibst ein bisschen mit dem Wort „Möchtegern-DJ“ oder? Denkst du Bescheidenheit sollte im Hip Hop mehr im Vordergrund stehen?

Kallsen: Das kommt immer sehr auf die Person an. Und auf die Situation. Ich habe halt erst vor 6 Jahren mir wieder einen Plattenspieler zugelegt und angefangen, mir den Umgang mit Cuts und Scratches beizubringen. Wenn ich mal richtig auflege, dann ausschließlich mit Traktor und Digitalvinyls, wo mir das Programm so schön die bpm Zahl anzeigt. Wenn ich dagegen sehe, was manche DJs leisten, die ihre Platten in und auswendig kennen und in kürzester Zeit Snare auf Snare ineinander mixen, dann habe ich Schwierigkeiten damit, mich auch so richtig als DJ zu sehen. Und ja, ein bisschen Bescheidenheit könnte Leuten gut tun, die laut eigener Aussage mit dem ersten Track schon das gesamte „Game“ auf den Kopf stellen. „Ruhig, Brauner“, kann ich da nur sagen…
Wenn ich mir allerdings ein Battle angucke oder einen richtig knackigen Battletrack ist Bescheidenheit meist fehl am Platze. Da geht’s dann halt auch irgendwie um’s Protzen und Angeben. Aber auch so was kommt natürlich am besten, wenn Skills dahinter stecken.

www.music-news.at: 2012 hast du deine Remix-LP „Tauschobjekt“ herausgebracht, mit Künstlern wie den Antihelden, Blumentopf, Slowy oder Fiva MC. Pflegst du persönlichen Kontakt zu den Künstlern oder wie kam die Track-Auswahl zustande?

Kallsen: Teils teils. Bei Blumentopf und Fiva war es einfach so, dass ich zufällig an die Acapellas gekommen bin und einfach mal gemacht habe. Die sind auch schon aus 2008 bzw. 2009, also ganz schön alt. Die Antihelden und Slowy hingegen habe ich bereits persönlich kennenlernen dürfen. Der Antihelden-Remix kam eher zufällig aus einem Gespräch mit Q zustande, Slowy hat mich von sich aus angehauen, kurz nachdem „Floweffekt“ draußen war. Seitdem habe ich mit allen regelmäßig Kontakt, sehr nette Jungs, die unheimlich viel Liebe für den Kram über haben.

www.music-news.at: Lassen sich allgemein im Hip Hop „Liebe“ und „Geschäft“ verbinden? Wie ist da deine Einschätzung?

Kallsen: Kommt darauf an, welchen Anspruch du an das Geschäft hast. Wenn es nur so viel einbringen soll, dass du einigermaßen über die Runden kommst, klappt das bestimmt. Wenn du allerdings richtig gut verdienen willst, musst du in irgendeiner Weise das tun, was der Masse gefällt oder etwas schaffen, wofür du Liebe hast, von dem die Masse bisher nicht wusste, dass sie es braucht. Klingt komisch, oder? Es gibt ja schon einige Rapper im Moment, die Musik aus Liebe machen und trotzdem viel Aufmerksamkeit bekommen und gut verkaufen. Ob die allerdings gut davon leben können, weiß ich nicht.

www.music-news.at: Ich denke, wenn es um die Masse geht bzw. wie man sie erreicht, muss man anerkennen, dass man oftmals nicht alles direkt „straight from the heart“ umsetzen kann. Hast du auch deshalb 2013 den Track „Live MC“ von Heather B. für einen Remix ausgewählt? In dem Songt sagt sie ja: „Who I got to proof to only me can I loose to / He’s happy to have a bail check like so these A & R is used to / But man I got heart like Rosa Parks / And I stay makin records with true MC’s like Freddie Foxxx.“

Kallsen: Klar, ich denke das zieht sich ein bisschen wie ein roter Faden durch alle meine Veröffentlichungen. Mindestens auf einem Track wird mal die Schelle gegen allzu kommerzielle Vorgehensweise ausgepackt und mal an die Liebe zur Musik appelliert. Für mich ist das natürlich leicht, ich lebe nicht davon, kann mir selber also immer treu bleiben. Ich nehme auch nie Geld für Beats, ich verschenke immer alles. Es ist mir halt wichtig, das Geschäft aus der Musik raus zu halten. Ich will nie die Situation haben, vorm Rechner zu sitzen und irgendwas tun zu müssen, damit Geld rein kommt. Alles passiert nur aus Spaß an der Freude und zur Bewältigung von Krisen. Das tut mir gut.

www.music-news.at: Soweit ich weiß, bist du Lehrer hauptberuflich? Welche Krisen schlagen dir da von Seiten der Schüler entgegen?

Kallsen: Unglaublich viele, wenn ich bedenke, wie jung die Leute noch sind… von Erkrankungen der Eltern über Stress mit dem Arbeitgeber bis zu Gewaltvergehen ist alles dabei. Ich leiste als Pädagoge natürlich meinen Beitrag, um den Schülern zu helfen und sie bei der Bewältigung der Probleme zu begleiten. Das, was ich davon nach der Arbeit mit nach Hause nehme, landet in den Beats. Danach bin ich wieder aufgeladen und kann weitermachen.

www.music-news.at: Wusstest du, dass Defari Lehrer an einer High School im Fach Geschichte war?

Kallsen: Nein, das ist mir tatsächlich neu! Interessant… die Häufigkeit pädagogischer und sozialer Tätigkeiten im Bereich Hip Hop und Rap ist allerdings signifikant.

www.music-news.at: Das spricht nicht gerade für das Klischee in der Öffentlichkeit, dass Rapper eher ungebildet, oberflächlich und einfältig sind?

Kallsen: Das ist meiner Meinung nach wiederum ein Bild, welches sich die Gesellschaft selbst schafft. Wenn man plumpes und einfaches Zeug zu Tode feiert und tiefgründiges Zeug links liegen lässt, kann sich der Eindruck aufdrängen, dass alle Rapper dämlich sind. Aber nichtssagende Musik hört sich halt auch leichter, da muss man nicht so viel drüber nachdenken.

www.music-news.at: Überfordert der klassische „Conscious Rap“ vielleicht den Otto-Normalverbraucher?

Kallsen: Glaube ich nicht. Aber Zeilen wie „Wär‘ gern ein seltenes Gewächs, das allen Widerständen trotzt. Resistent gegen Trends und die Triebe in meinem Kopf“, grölt sich halt nicht so schön wie „30 Grad – Flamingos und Flipper, Sonnenbrille auf und rein in die Slipper.“ Überspitzt ausgedrückt.

www.music-news.at: Klingt einleuchtend. Trotzdem finde ich es auffällig, dass eine Gruppe wie „Freundeskreis“ 1997 mit ihrer Platte „Quadratur des Kreises“ auf Platz 12 der deutschen Charts einsteigt, und sich u.a. dort im Geiste mit dem linken Wahlbündnis „Unidad Popular“ aus Chile im Jahre 1969 verbrüdert. Heute würde ich einigen chartsrelevanten Hip Hop Künstlern eher eine oberflächliche und oftmals nationalistisch geprägte Einstellung unterstellen. Teilst du diese Meinung?

Kallsen: Interessante Frage. Ich glaube 1997 war der Hunger auf Rap einfach so riesig, dass vieles gekauft und gefeiert wurde, ob man das nun bis ins letzte Detail verstanden hat oder nicht. Auf dem Album war ja zum Beispiel auch A-N-N-A drauf. Da muss man leider auch davon ausgehen, dass die hohe Chartplatzierung zum großen Teil auch dem Track geschuldet war. Klar besitze ich das Album auch, aber nicht jeder steigt hinterher tiefer in die Materie ein und setzt sich damit wirklich auseinander.
Und der Trend zum Nationalismus ist meiner Meinung nach keiner, der explizit mit Rap zu tun hat. Etwas rechts zu sein ist leider heutzutage nicht mehr verpönt, sondern scheint in Ordnung zu sein. Und natürlich finden sich diese Tendenzen auch in der Musik wieder.

www.music-news.at: Wo würdest du dich politisch einordnen?

Kallsen: Leider gibt es keine Partei, die so richtig nach dem handelt, was ich mir vorstelle. Insofern wähle ich frei nach Volker Pispers das kleinere Übel, um den Anteil der braunen Deppen gering zu halten.

www.music-news.at: Das kann ich so unterschreiben.
Kallsen, Ende 2012 hast du deinen Song „It’s called“ veröffentlicht, mit Features von Chezz.One&Damian, SirPreiss, dude26 & Baltimore S.O.N.! Könnte man sagen, dass dieser Song und vor allem das Video deine Liebe zu Hip Hop 1zu1 widerspiegelt? Erzähle uns bitte etwas über die Entstehungsgeschichte.

Kallsen: Das war ’ne schwere Geburt, vor allem das Video. Aber zur Frage: Ich hatte damals mit dem S.O.N. aus Baltimore eine kleine Gruppe, mit der Künstler aus allen Teilen der Welt für gemeinsame Releases zusammenbringen wollte. Da hab ich den Beat damals reingepostet und er fand ihn direkt dick und hat drauf geschrieben… SirPreiss genauso. dude26 hat den Beat dann bei Soundcloud gefunden und hatte auch direkt Bock drauf… Chezz&DAM hat er dann auch noch beschnackt und schon war’s passiert. Irgendwie alles viel mehr Zufall als Absicht. Aber dafür ist es echt dope geworden. Der Vinz von Hip Hop Repair hat sich dann bereit erklärt, das ganze noch mit einem Video zu versehen, für das er Videoschnippsel mit den 4 Elementen verwendet hat, was natürlich der Thematik des Tracks total entgegenkommt. Auch weil die Videoschnippsel ja wieder was von Sampling haben. War auch krass überrascht von der ganzen Liebe, die ich für das Ding bekommen habe, auch wenn oft angemerkt wurde, dass die MCs zu sehr der guten alten Zeit hinterher heulen. Aber damit kann ich leben.

www.music-news.at: Inwiefern heulen sie denn der „guten alten Zeit“ hinterher ?

Kallsen: Na ja, gibt Leute, die der Meinung sind, dass man innovationsfreudiger sein könnte, als wir es mit diesem Track waren. Aber für manche Leute sind halt die Zustände von damals das Optimum und alles, was daran verändert wird, entfernt sich davon. Ich nenne das wehmütig, andere nennen es hängengeblieben.

www.music-news.at: Sozusagen die „Salafisten des Hip Hops“. [lach]

Kallsen: Was Hip Hop angeht, bin ich definitiv konservativ. Ich mag halt beim Rap den alten Sound, richtige Snares und Samples statt Claps über Synthies. Damit will ich mich gar nicht vor Neuerungen verschließen, aber ich mag es halt nicht anders. Da kann ich einfach nicht aus meiner Haut.

www.music-news.at: Spiegelbild dafür ist auch dein Album „Über Umwege“ aus 2014. Hast du einen Lieblingstrack auf der Platte?

Kallsen: Nicht wirklich ehrlich gesagt… das ist bei mir immer stark stimmungsabhängig. Ich bin für jeden einzigen Beitrag dankbar, weil sie ein Gesamtkonstrukt ergeben, auf das ich sehr stolz bin.

www.music-news.at: Bist du als Künstler in der Szene „angekommen“?

Kallsen: Wenn ich bedenke, wie sehr ich mich koordinieren muss, um alle Gesuche und Projekte zu erfüllen, die ich auf dem Zettel habe und an denen ich bitte bitte bitte mitwirken soll, kann ich das wohl nicht leugnen. Aber genau das ist es ja, was ich gerne wollte, insofern darf ich jetzt auch nicht jammern. Klar habe ich nicht genug Zeit, um alles zu tun, was ich gerne würde und muss daher auch manchmal Sachen absagen. Aber ich erreiche mit meiner Musik Menschen, die Freude daran haben und manchmal sogar in schweren Zeiten Kraft schöpfen. Das ist unbezahlbar.

www.music-news.at: Wie sieht die Zukunftsplanung aus? Was steht als nächstes im „Hause Kallsen“ an?

Kallsen: Ich kriege ja immer auf die Finger, wenn ich Infos raus gebe, aber da er das auf der Tapefabrik offiziell ins Mic gegrölt hat, darf ich ja wohl verraten, dass ich mit SirPreiss an einem gemeinsamen Album sitze, das dieses Jahr raus kommen soll… Im November stünde dann traditionell das nächste Tauschobjekt an. Und nebenbei geht auch noch so einiges, ich schicke hier und da Beats raus an verschiedenste Leute. Es passiert unheimlich viel im Moment.

www.music-news.at: Hast du ein Traum-Feature?

Kallsen: Ein bisschen. Aphroe wäre schon ein Traum von mir. Am liebsten wäre mir das zusammen mit Galla gewesen…

www.music-news.at: In diesem Sinne R.I.P Galla! Kallsen, ich bedanke mich für dieses interessante Gespräch. Die letzten Worte gehören dir.

Kallsen: Ich danke dir für die Einladung und das gute Gespräch. Hip Hop hat zwar einen gemeinsamen Ausgangspunkt, aber es haben sich mittlerweile meiner Meinung nach so viele Richtungen entwickelt, dass man nicht mehr alles geil finden kann. Muss man auch nicht. Allerdings sollte man sein Geld nicht denen hinterherwerfen, die für Verbrechen begehen und dann einen auf Opfer machen, weil man sie einbuchtet. Dann gebt das Geld doch lieber für wohltätige Zwecke aus. Viele Menschen auf der Welt hungern, viele Tiere haben kein Zuhause. Jeder kann was tun… ich lande am Schluss immer auf der Moralschiene, sorry. Peace!

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Bildquelle: facebook.com/Eyecident

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