Nach mehr als zehn Jahren konsequenter Arbeit sind Krautschädl vorläufig am kommerziellen Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Ein Interview über Musik, das Geschäft hinter ihr und ein bisschen Politik.

PARADOX: Ihr macht seit mittlerweile zwölf Jahren gemeinsam Musik und wart jetzt mit „Feiah Fonga“ das erste Mal an der Spitze der offiziellen Verkaufscharts zu finden. Provokant gefragt: Wolltet ihr bis jetzt nicht oder war es mit eurem bisherigen Stil schlichtweg nicht möglich, ein größeres Publikum zu erreichen?

Krautschädl: Wir hatten ja eigentlich immer schon sehr konsensfähige Songs im Programm. Der Unterschied ist einfach, dass die Radios jetzt aufgesprungen sind. Es hat sich viel weniger die Ausrichtung der Band als der mediale Rahmen verändert, in dem das Ganze stattfindet.

PARADOX: Wie wichtig ist es für euch, dass ihr den „Untergrund“ des Musikgeschäfts jahrelang miterlebt habt, bevor ihr der größeren Masse ein Begriff geworden seid?

Krautschädl: Wir glauben nicht, dass ein schneller Erfolg auf irgendeine Art und Weise ein Nachteil ist. Das ist meistens eher so ein Narrativ der Erfolglosen, um zumindest den ideellen Sieg davonzutragen. Fakt ist: Das Leben im von dir sogenannten Untergrund ist geil! Fakt ist auch: Es besteht da mehr Kontinuität, als man vielleicht annehmen möchte – wir sind halt jetzt einfach ein bisserl größere Fische, aber es ist immer noch derselbe Teich. Es gibt ja in Wirklichkeit auch gar keinen Untergrund im eigentlichen Sinn.

PARADOX: Ihr singt in oberösterreichischem Dialekt – Wieso? Spiegelt der Dialekt die Verbundenheit zu eurer Heimat wider, oder fühlt ihr euch einfach wohler damit als mit Hochdeutsch?

Krautschädl: Ein folkloristischer Zugang von wegen: Dialekt ist Heimat. Oder schlimmer noch: Dialekt ist Authentizität. Das ist uns doch sehr zuwider. Wir singen im Dialekt, weil wir uns da am wohlsten fühlen und am ehesten die Qualität liefern können, die wir uns vorstellen. Wobei es dabei weniger um inhaltliche Aspekte, sondern vielmehr um eine bestimmte Klang-Ästhetik geht.

PARADOX: Glaubt ihr, dass ihr von dem Hype um den ominösen Austropop 2.0 profitiert?

Krautschädl: Indirekt, indem die großen Radios ein bisschen ihre Scheu davor verloren haben, mit heimischen Künstlern zu arbeiten. Ansonsten eher weniger – wir glauben auch nicht, dass wir mit diesem Hype assoziiert werden. Dafür sind wir doch zu wenig in Wien. Und rund um Wien ist, durchaus zum Teil auch auf eine sehr regressive, folkloristische Weise, ja bekanntlich dieser Hype zentriert.

PARADOX: Was ist eurer Meinung nach das größte Problem in der österreichischen Musikszene?

Krautschädl: Dass keine Sau mehr Platten kauft. Das gilt aber global. Und: Dass das neu ist. Wo jetzt viel weniger Geld da ist, kommt es immer wieder zu Umverteilungskämpfen, bei denen dann nicht selten der Musiker der Geschnapste ist. Was am schlimmsten ist: Nicht nur materiell, sondern auch ideell. Das ist sicherlich nicht allein Symptom der Branchenkrise, sondern vielmehr ganz allgemein einer Zeit, die Krisen und Katastrophen zur Norm erhoben hat. Da kommen dann natürlich, wie in der Politik, die Hardliner nach oben. Wenn man sieht, was heute zum Teil für Zwiebackmäßige Rechenmeister Betriebe steuern, kann und darf einem schon schlecht werden. Es geht halt oft nur mehr um Planbarkeit, Funktionalität und darum, den Kommunikations-Flow aufrechtzuerhalten. Also auch darum, den Status quo aufrechtzuerhalten. Für Pop als eine Intervention gegen das Bestehende oder die Wirklichkeit selbst, bleibt da kaum mehr Platz. Die marktmäßige Hinrichtung der Kreativität führt also vor allem zu einem: Langeweile.

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(c) pierer

PARADOX: Ihr wart bei einem Major Label unter Vertrag. Was war damals anders als jetzt?

Krautschädl: Wir sind halt jetzt gewissermaßen unsere eigenen Bosse. Das hat bekanntlich gute und schlechte Seiten. Positiv ist, dass wir deutlich mehr Freiheiten haben. Andererseits bleibt jetzt wieder viel mehr Arbeit an uns hängen.

PARADOX: Bilderbuch sind mit ihrem eigenen Label sehr gut unterwegs und ihr habt es mit einem kleineren (DB Music) jetzt bis nach ganz oben geschafft – Sind Labels eurer Meinung nach überholte Institutionen?

Krautschädl: Allgemein kann man sagen, dass wir gerade einen gesellschaftlichen Umbruch erleben, dessen Auswirkungen sich jetzt noch nicht ermessen lassen, der aber zwingend auch das gesamte Musikgeschäft fundamental verändern wird. Erste Möglichkeit: Die neuen Technologien wachsen uns über den Kopf, der Mensch regrediert und wird wieder zum Maschinentier oder zur Tiermaschine, beziehungsweise zur Konsummaschine. Wer braucht jetzt noch eine Musik, wo doch bereits die Motoren oder die Rechner im selben Takt dröhnen wie unsere Herzen und Gehirne? Zweite Möglichkeit: Wir erleben in noch stärkerem Ausmaß eine Renaissance des Nationalismus – Die Rechten übernehmen wieder mal Europa und damit auch den Kulturbetrieb. In dem Fall: Servus, Geschäft. Dritte Möglichkeit: Alles wird gut. Aber wie, bitteschön, soll das gehen?

PARADOX: „Booker sind heutzutage wichtiger als Labels“ – seht ihr das so?

Krautschädl: Natürlich haben die Booker an Bedeutung gewonnen, wo die Labels, die ja den einbrechenden beziehungsweise den bereits eingebrochenen Tonträgermarkt bedienen, an Bedeutung verloren haben. Deswegen liegen die BookingGebühren mittlerweile auch viel höher als noch vor zehn Jahren. Wir haben da allerdings mit unserer Agentur Ink Music richtig Glück gehabt. Die leisten eine Spitzenarbeit. In dem Bereich sind wir glücklich wie nie zuvor.

PARADOX: Nummer eins in den Charts und regelmäßig gut besuchte, teils auch größere Konzerte – ihr lebt für die Musik. Aber könnt ihr von ihr leben?

Krautschädl: Ich [Sonti] bin Germanist und arbeite sehr viel als Texter, unser Drummer ist Tontechniker und betreibt ein Studio und unser Sänger ist Physiotherapeut. Sonst ginge es nicht, das muss man schon sagen.

PARADOX: Die politische Lage in Europa ist dramatisch wie selten zuvor – ist es eurer Meinung nach Aufgabe von KünstlerInnen, zu im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegenden Themen Stellung zu beziehen und diese in der Kunst zu behandeln?

Krautschädl: Wir wollten eigentlich nie eine politische Band sein, sondern immer eher einen apolitischen Raum schaffen, in dem dann alles leiwond und supa ist. Oft ist es auch leichter, die negativen Dinge zu sehen und darüber zu schreiben – schreib einmal einen ironiefreien Lovesong, der nicht peinlich ist, oder einen Song über die Geilheit von Spritzer-Weiß, der nicht super peinlich ist. Da wird es dann schon schwieriger. Aber das ist es halt, was uns bewegt. Als Privatpersonen geht uns zurzeit allerdings so manches auf die Nieren, sodass wir bei den Konzerten jetzt doch immer klar Stellung bezogen haben – ob es um das peinliche Verhalten des Innenministeriums zurzeit geht oder um die grob fahrlässige und kulturgefährdende Politik der FPÖ. Irgendwann hört sich dann schon auch die Gaudi auf. Unsere Songs, unsere Riffs und Melodien wollen wir uns von tagespolitischen Themen aber nicht versauen lassen.

PARADOX: Kommt nach dem Erfolg jetzt eine ruhigere Phase?

Krautschädl: Wir gehen jetzt erstmal auf Sommertour. Mit Folkshilfe, Wanda und Seiler und Speer spielen wir am 16. Juli auf der Burg Clam und vorher am 11. Juni am Nova Rock. Das wird super!

PARADOX: Wenn jemand eines unbedingt von Krautschädl wissen sollte, dann wäre das, dass…?

Krautschädl: … wir wirklich so gut sind!

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