Einige der weltweiten Stars der Popmusik sind Frauen – „Die Szene scheint tatsächlich ziemlich Männer dominiert zu sein, aber wenn man genau hinschaut, gibt es doch auch viele weibliche Kolleginnen.“

Frauen stehen ihren männlichen Kollegen in nichts nach und erfahren den Erfolg, der ihrem Talent angemessen ist. In kleineren Subgenres oder auch Szenen wie der Elektronischen Musik sind die Verhältnisse allerdings immer noch etwas anders. Dort sind Künstlerinnen schlicht unterrepräsentiert. Das internationale Netzwerk für Frauen in der elektronischen Musik und digitalen Kunst Female:Pressure kommentierte beispielsweise 2013, dass selbst ein Anteil von zehn Prozent weiblichen Künstlerinnen in Chartlisten und auf Festival-Lineups noch eine gute Bilanz sei. Dazu kommen Aussagen wie von DJ Tatiana, die in einem Interview angab, deutlich häufiger gebucht worden zu sein, als sie sich im Rahmen eines Selbstexperiments als Mann verkleidete. In die Top 100 DJs des DJ Magazine haben es 2014 die Zwillingsschwestern
von Nervo auf Platz 21 und Krewella auf Platz 33 geschafft. Die geringe Frauenquote ist nicht darauf zurückzuführen, dass weibliche DJs weniger können. Vielmehr ist es an der Zeit, dass sie sich trauen ihren Platz im Scheinwerferlicht einzufordern, auch, wenn das in einer patriarchal geprägten Gesellschaft nicht immer leicht ist.
Um einen Eindruck davon zu erhalten, wie unterschiedlich junge Künstlerinnen den Einstieg und die Arbeit im Musikbusiness erleben, haben wir zwei von ihnen zum Interview gebeten.

Interview mit Bebetta

Bebetta ist seit 2008 Teil der EDM-Szene. Der Name der Bremerin, abgeleitet vom Englischen “be better”, ist in der Szene bekannt, denn sie hat sich mit ihrer Techno-House Mischung schnell Freunde gemacht. Die Mischung aus treibenden Beats kombiniert mit sanften Melodien kommt gut an.

PARADOX: Du arbeitest in einer vermeintlich von Männern dominierten Szene. Ist das überhaupt noch so?
Bebetta: Die Szene scheint tatsächlich ziemlich Männer dominiert zu sein, aber wenn man genau hinschaut, gibt es doch auch viele weibliche Kolleginnen.

PARADOX: Hast du das Gefühl, dass du andere Erfahrungen im Lauf deiner Karriere machst als männliche Künstler?
Bebetta: Ich glaube, dass ich es als Frau am Anfang etwas leichter hatte. Wäre ich ein Mann gewesen, hätte ich wahrscheinlich nicht so viel Beachtung bekommen und niemals den Weg eines DJ´s eingeschlagen. Es war nämlich gar nicht meine Absicht, als DJ durch die Clubs zu ziehen. 2008 wollte ich in einer kleinen Bremer Bar einfach nur zwei Schallplatten ineinander mischen. In diesem Augenblick entdeckte mich eine Veranstalterin und lud mich direkt zu meinem ersten Gig ein. Das Bild einer Frau hinterm DJ-Pult ist wegen seiner Rarität vielleicht doch etwas auffälliger.

PARADOX: Was und wer inspiriert dich – Künstler, Orte, Menschen, Situationen?
Bebetta: Die Nächte inspirieren mich. Meine besten Ideen kommen zu den unmöglichsten Uhrzeiten. Deshalb arbeite ich liebend gerne nachts.

PARADOX: Was glaubst du sollte passieren, damit Frauen sich in der Kunstindustrie als gleichgestellt repräsentiert fühlen?
Bebetta: Ich glaube, es gibt eigentlich nichts was einer Frau im Wege steht. Jeder hat die selben Chancen. Also einfach loslegen und das tun, was einem Freude macht.

PARADOX: Gibt es irgendwelche anstehenden Projekte, die du mit unseren Lesern teilen möchtest?
Bebetta: Heute habe ich gerade erst einen Remix für Seth Schwarz fertig gebastelt, der bald auf 3000 Grad veröffentlich wird. Außerdem steht eine EP für Monaberry an.

Interview mit Ziemba

Ziemba_by_Ben Grad Photo

© Ben Grad

Ziemba ist gar nicht so sehr Kind der elektronischen Musik. Sie ist das alter Ego von René Kladzyk. Konzeptuelle Performancekünstlerin, Tänzerin und experimentelle Musikerin.

PARADOX: Wo und wann hast du deine Musikkarriere begonnen?
Ziembar: Musik war immer wichtig in meinem Leben – ich habe immer gesungen, bin mit dem Klavierspielen groß geworden und habe früh Songs geschrieben. Ich würde nicht sagen, dass ich eine “Karriere” in der Musik angestrebt habe, bis vor kurzem. Ich habe über die Jahre in vielen Projekten von Freunden mitgemacht, in Chören gesungen und Songs geschrieben – alles ganz privat. Erst in den letzten ein, zwei Jahren habe ich angefangen mit meinen eigenen Sachen solo zu performen und habe so erstmals die Mechanismen der Musikindustrie erlebt.

PARADOX: Du arbeitest in einer Männerdomäne, oder nicht?
Ziembar: Ich schätze schon, ja und nein. Ich bin zu verschiedenen Graden in unterschiedlichen Szenen unterwegs. Ich würde sagen, dass meine momentane Szene, die Künstler um mich herum in NYC und speziell in Bushwick & Bed Stuy, Brooklyn, zum größten Teil genderqueer sind und sensitiviert für die weitreichenden patriarchalen Strukturen und Machtdynamiken unserer Gesellschaft. Ich bin umgeben von so vielen starken weiblichen Künstlern und von Frauen betriebenen Spielorten. Aber als weibliche Solo-Musikerin würde ich sicher sagen, dass ich mir darüber bewusst bin, dass der größere Teil der Musikszene von Männern dominiert ist. Ich meine es gibt offensichtlich überall inspirierte Menschen diverser Backgrounds, die tolle Musik machen, aber es ist frustrierend, wenn man das Gefühl hat, dass der Diskurs um Rock & Roll, Folk, Country oder Elektronische Musik von weißen cis-Männern diktiert wird.

PARADOX: Hast du das Gefühl, dass die Erfahrungen, die du in deiner Karriere machst, sich von denen eines männlichen Künstlers unterscheiden?
Ziembar: Das Gefühl habe ich, aber die Unterschiede, die ich erlebe sind nicht unbedingt auf die Musik beschränkt. Ehrlich, in den meisten Industrien ist es doch so, wenn du eine Frau in einer Führungsposition- oder Verhandlungsposition bist, kommen Machthierarchien ins Spiel und dein Geschlecht wird zu einem entscheidenden Faktor. Es ist nur besonders tragisch, finde ich, dass das Patriarchat so ein sichtbares Regime über den Mainstream der Kunst führt, egal ob über Klang, Bewegung oder das Visuelle.

Identifikation ist ja ein wirklich interessanter Prozess und als Künstlerin bin ich ständig dabei Dinge zu benennen und kategorisieren.

PARADOX: Beeinflusst oder inspiriert dich die Tatsache, dass du eine Frau bist, bei deiner Arbeit?
Ziembar: Ich würde sagen, dass mein Verständnis von Gender und wie ich mir das zu eigen mache einen signifikanten Einfluss auf meine Arbeit hat. Identifikation ist ja ein wirklich interessanter Prozess und als Künstlerin bin ich ständig dabei Dinge zu benennen und kategorisieren. Ich werde von den meisten Menschen als Frau verstanden und bin zufrieden mit dieser Zuweisung. Aber ich habe ein fließendes Verständnis von Identität und das kann zu einer sehr weiten und holistischen Weltanschauung führen und ich denke, dass diese Offenheit meine Kunst grundlegend prägt.

PARADOX: Was und wer inspiriert dich – Künstler, Orte, Menschen, Situationen?
Ziembar: Ja und ja. Ich denke nicht, dass es etwas gibt, dass Futter für Inspiration sein kann. Einer der erfreulichsten Teile am Leben ist doch von den Dingen überrascht zu werden, die dich faszinieren. Ich finde mich ständig in Situationen wieder, in denen ich unerwartet von etwas oder jemandem bewegt werde. Für mich ist, inspiriert sein, ein Zustand, eine Art von Wahrnehmung. Wenn man sich in der Welt als neugieriger lernender Mensch orientiert, sind die Wunder grenzenlos.

PARADOX: Was denkst du sollte passieren, damit Frauen sich in der Kunstindustrie gleichwertig repräsentiert fühlen?
Ziembar: Genau wie in der Politik, oder sonst wo, geht es bei der Repräsentation darum Zugang auf alle Positionen innerhalb der hierarchischen Strukturen zu erhalten. Es müssen mehr Menschen mit marginalisiertem Status in Führungspositionen in der Kunstwelt gelangen können und praktisch weiß ich nicht genau, wie das funktionieren kann. Ich glaube es benötigt einen totalen Wechsel im Diskurs über Gender, Identität und Machtbeziehungen.
Es involviert ein Umschreiben aller dominanten Narrative, die menschliche Ideen von Erfolg, Gemeinschaft und Selbstwert formen. Also, was eintreten muss, damit sich Frauen gleichwertig repräsentiert fühlen und das auch werden, ist ein ideologischer Umbruch, der sich in praktischer und konzeptueller Reorganisation von allem, was Menschen berührt oder beschäftigt, äußert.

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