Wir sitzen in einem sonnendurchfluteten Zimmer im vierten Stock. Um uns finden sich Instrumente, Equipment, ein Laptop. Erst am Vortag sind Leyya von ihrer Tour zurückgekehrt. Für Ordnung war noch keine Zeit.

Die Wohnung, in der Marco Kleebauer und Sophie Lindinger wohnen, ist überschaubar. Doch welchen besseren Ort könnte es für Musiker in Wien geben als nahe dem Gürtel, wo sich B72, Rhiz und Chelsea aneinanderreihen. Wir sitzen im sozialen und musikalischen Zentrum des Leyya-Hauptquartiers. In Kleebauers Zimmer verbringt das Electro-Pop-Duo die meiste Zeit des Tages, komponiert, tüftelt, musiziert. Nachts zieht es sie zum Gürtel, tagsüber lassen sie ihren Gedanken gelegentlich in einem nahegelegenen Park freien Lauf. Doch hier, hier entsteht die Musik, hier lebt Leyya.

PARADOX: IM MAI HABT IHR DEN FM4 AWARD BEI DEN AMADEUS AWARDS GEWONNEN. WELCHE BEDEUTUNG HAT DER PREIS FÜR EUCH?

Marco Kleebauer: Dass die Musik, die wir produzieren, von den Leuten gehört wird und ein Feedback zurückkommt. Das hat uns am meisten gefreut. Natürlich ist es auch eine Sache des Prestiges. Der Amadeus ist in Österreich ein wichtiger Punkt, den man erreichen will.

Sophie Lindinger: Da wir den FM4 Award bekommen haben, ist das sehr besonders. FM4 sind diejenigen, die uns von Anfang an unterstützt haben, die unseren ersten Song gespielt haben. Darum ist der Award in dieser Kategorie der, den ich eigentlich wollte.

PARADOX: NAZAR MEINTE UNLÄNGST, DASS ER AM ÖSTERREICHISCHEN MUSIKMARKT FALCO, FENDRICH, AMBROS UND DANZER RESPEKTIERE, ALLE ANDEREN SEIEN IHM EGAL. IST ES EUCH WICHTIG, TEIL DER HEIMISCHEN SZENE ZU SEIN UND EUCH MIT ANDEREN KÜNSTLERN AUSZUTAUSCHEN?

Lindinger: Wir machen unser eigenes Ding, arbeiten als Leyya nicht mit anderen Künstlern zusammen. Wir schätzen aber die Freundschaft zwischen den Künstlern. Wir verstehen uns mit einigen sehr gut, treffen in Wien viele regelmäßig. Das ist ein freundschaftliches Ding, weniger ein musikalisches Zusammenarbeiten.

Kleebauer: Es geht aber auch nicht darum, dass das Wiener sind, sondern dass wir die Musik cool finden. Mir ist es egal, woher jemand kommt. Ich finde das irgendwo lächerlich. Dass man sagt, es ist einem alles egal außer Falco, Ambros, Danzer… Dann hat er sich wohl noch nicht wirklich mit österreichischer Musik beschäftigt, zumindest außerhalb des Hip-Hops. In unserem Genre gibt es sehr viele gute Leute.

(c) Björn Franck

PARADOX: GIBT ES MUSIKER ODER MUSIKERINNEN, ZU DENEN IHR AUFSCHAUT UND MIT DENEN IHR GERNE ZUSAMMENARBEITEN WÜRDET?

Kleebauer: Ich schaue zu manchen Künstlern auf, denke mir aber nicht, dass ich mit denen zusammenarbeiten möchte. Ich habe viel zu viel Respekt vor diesen Musikern. Ich arbeite am liebsten mit Leuten zusammen, die nicht bekannt sind. Mit denen kann ich arbeiten, ohne dass ein Hindernis im Weg ist. Da kommt man am schnellsten zu dem, was geht, und muss nicht die ganze Zeit denken: „Oh mein Gott, kann ich das jetzt sagen…“ Das ist eine Barrikade.

Lindinger: Man hat immer Angst, dass man etwas falsch macht.

Kleebauer: Vielleicht ist das der Grund, warum wir nur zu zweit Musik machen, weil wir da immer wir selbst sein können.

Lindinger: Wir können es ehrlich sagen, wenn wir etwas vom anderen scheiße finden.

PARADOX: IHR HABT FRÜHER GEMEINSAM IN EINER ROCKBAND GESPIELT. WIE KAM DIE ENTWICKLUNG VOM ROCK ZUM EXPERIMENTELLEN ELECTRO-POP?

Lindinger: Wir waren damals 13, 14 Jahre alt. Jeder Mensch macht einen Genre-Wandel durch. Ich habe mich von Rock zu Punk, zu Electronic entwickelt, irgendwann war ich bei Metal. Ich glaube, wenn man in diesem Alter eine Band macht, dann ist Rock naheliegend. Du stellst dich in den Proberaum, spielst gemeinsam und das ist dann eben das Erste, was rauskommt.

Kleebauer: Gewisse Elemente von damals sind noch immer da, nur eben in einer anderen Form. Gerade jetzt geht es vom Ansatz her wieder in diese Richtung zurück. Es ist uns mittlerweile zu eintönig geworden, dass wir uns so viele Gedanken über Musik machen. Wir sind wieder auf den Geschmack gekommen, eine Message textlich einfach zu verpacken. Etwas direkt auf den Punkt zu bringen, hat einen eigenen Reiz und Wirkung. Das haben wir in der Rockband auch gemacht. Man hat eine Gitarre und Gesang gehabt und sich hinter nichts verstecken können.

Lindinger: Den Ansatz haben wir auch behalten. Live haben wir immer mit Band gespielt, weil sich das richtig angefühlt hat.

Kleebauer: Es hat sich eigentlich nur die Sound-Ästhetik drastisch geändert.

Lindinger: Hoffentlich sind wir auch an unseren Instrumenten besser geworden.

PARADOX: BEKOMMEN WIR BALD EIN NEUES LEYYA-ALBUM?

Lindinger: Ja, das wäre der Plan.

PARADOX: WIRD DIE AKTUELLE SINGLE „ZOO“ AM ALBUM SEIN? IST DAS DIE RICHTUNG, IN DIE DER SOUND GEHEN WIRD?

Kleebauer: Genau. Mir ist es unglaublich wichtig, dass man als Künstler nicht steckenbleibt, sondern sich weiterentwickelt. Die neue Single ist komplett anders als das zuvor.

Lindinger: Wenn man uns zwischendurch live gesehen hat, ist der Sprung gar nicht so groß. Wenn man Album für Album hört, ist der Unterschied extrem groß. Es wird konkreter, es wird greifbarer. Das erste Album war sehr gesettled, mit Hallflächen und so weiter. Das zweite wird mehr on point. Es wird eine Weiterentwicklung sein, wie bei einem Pokémon.

PARADOX: KÖNNT IHR UNS ETWAS KONKRETES ZUR VERÖFFENTLICHUNG SAGEN?

Lindinger: Es wird wahrscheinlich im Herbst erscheinen und es gibt eine Tour, mehr dürfen wir noch nicht verraten.

Kleebauer: Das Album ist noch nicht zu hundert Prozent fertig. Wir hatten schon ein komplettes Album, haben die Hälfte aber wieder gelöscht.

Lindinger: Wir waren mitten in einer Weiterentwicklung, irgendwann waren die Songs, die wir schon vorher hatten, einfach nicht mehr passend. Wir wussten von Anfang an, wo wir mit unserem Sound hin wollen, haben aber für diese Entwicklung ein wenig gebraucht. Am Ende waren uns die ersten Songs zu sehr im alten Sound verhaftet.

Kleebauer: Wenn wir ein Album veröffentlichen, wollen wir etwas zu sagen haben. Wenn die Songs das sagen, was schon gesagt wurde, dann will ich meinen Mund nicht aufmachen, sondern spar’s mir. Das bringt keinem etwas – da kann man sich auch unsere alte Musik anhören.

PARADOX: SOMIT SEID IHR DAS GEGENKONSTRUKT ZU AC/DC…

Lindinger: Genau, das ist etwas, was ich niemals tun würde.

Kleebauer: Diese Band ist dazu prädestiniert, das immer so zu
machen, und die Fans sind froh, wenn es so bleibt. Aber mir würde dabei fad werden. Meine Eltern haben AC/DC gehört; als Kind habe ich mich gefragt, ob der Sänger denn nie traurig ist und traurige Songs schreiben will. Das war alles immer so gefühlsneutral.

Lindinger: Ich muss meine Emotionen loswerden und die Musik ist mein Ventil.

PARADOX: WIE SEHEN DIE KONZERTPLÄNE FÜR DEN SOMMER AUS?

Lindinger: Der Sommer ist heuer nicht so voll wie im letzten Jahr, weil wir im Herbst auf Tour gehen wollen und unser Album noch fertig machen müssen.

Kleebauer: Wir machen alles selbst – das Grafische, Mischen, Produzieren. Natürlich haben wir einen Kreis aus Musikern, die uns immer wieder helfen, wenn wir ganz bestimmte Qualitäten braucht. Aber grundsätzlich beansprucht unser DIY-Ansatz sehr viel Zeit.

PARADOX: IHR TREFFT MIT EUREM ELECTRO-POP ABSOLUT DEN NERV DER ZEIT DER ALTERNATIVEN MUSIKSZENE. SPIELEN KOMMERZIELLE ÜBERLEGUNGEN BEI DER PRODUKTION EURER SONGS EINE ROLLE?

Kleebauer: Auf jeden Fall, und jeder der sagt, „ich steh auf und dann habe ich so ein Gefühl in mir und dann mach ich Musik und das ist ein Hit“, der lügt. Das ist Bullshit. Musik machen ist zu neunzig Prozent intuitiv, aber dann überlegt man…

Lindinger: … sollte ich die Melodie anders machen, damit sie zugänglicher ist? Soll ich diesen Satz umändern, damit man ihn sich eher merkt?

Kleebauer: Man muss sich dessen bewusst sein, dass es Elemente gibt, die beim Zuhörer etwas antriggern. Man kann auch auf alles scheißen, aber dann wird es schwieriger, die Zuhörer zu erreichen. Ich sehe es in der Popmusik als Challenge, dass man alle Parameter erfüllt. Dass es mir selbst gefällt, dass eine Single tanzbar ist…

Lindinger: Ein guter Popsong ist alles andere als einfach. Teilweise wird das runtergemacht: „Ist ja nur ein Popsong.“ Aber das ist mega schwer. Ich finde einen Popsong geil, wenn er wirklich gut gemacht ist, wenn es eine Melodie ist, die man sich merkt, und ein Text, der gut ist… Genau das will ich auch mit meiner Musik machen – einen Song, den ich selber hören würde. Das funktioniert, indem man sich hinsetzt und sagt: „Okay, die Melodie gehört anders.“

Kleebauer: Je einfacher, desto besser. Am besten, wenn man mit drei Tönen auskommt…

Lindinger: … und es trotzdem funktioniert.

Kleebauer: Wir kennen uns musiktheoretisch aus, trotzdem sind die einfachsten Sachen, das, was wir einfangen wollen.

Lindinger: Etwas Einfaches so auf unseren Sound ummünzen, dass es den Leuten gar nicht auffällt, dass es eigentlich total cheesy ist – gleichzeitig muss der Song langlebig sein: Das ist der Anspruch, den wir haben.

Kleebauer: Und dieser Ansatz ist sehr langwierig. Ich will nicht in zwei Jahren auf der Bühne sein und nicht mehr hinter den Songs stehen. Wir machen Momentaufnahmen, hinter denen wir stehen können. Das ist wie bei einem Foto, auf dem ich zwölf Jahre alt bin. Natürlich bin ich schirch, weil ich in der Pubertät bin, aber das bin ich.

PARADOX: WER SIND DIE MENSCHEN HINTER LEYYA? WER SIND SOPHIA LINDINGER UND MARCO KLEEBAUER? KÖNNT IHR EUCH IN DREI ADJEKTIVEN GEGENSEITIG BESCHREIBEN?

Lindinger: Pessimistisch – aber ein gesunder Pessimismus. Oder realistisch, aber in eine pessimistische Richtung. Er ist sehr fokussiert, er weiß genau, was er machen will. Außerdem ist er der kreativste Mensch, den ich kenne.

Kleebauer: Danke! Sophie ist ein geduldiger Mensch, was ich überhaupt nicht bin. Sie ist ein extrem guter Mensch, sie kann keinem etwas Böses tun – was für sie eine Charakterschwäche ist, weil sie für jeden alles tut. Ein guter Mensch im Musikbusiness zu sein, kann ziemlich scheiße sein. Und sie ist sehr selbstkritisch, wovon die Musik profitiert.

PARADOX: RADIOHEAD ODER PAROV STELAR?

Lindinger & Kleebauer: Radiohead.

PARADOX: WO SEHT IHR DIE GRÖSSTEN PROBLEME UND DIE GRÖSSTEN CHANCEN AM ÖSTERREICHISCHEN MUSIKMARKT?

Lindinger: Die größte Schwierigkeit ist das Publikum beziehungsweise Österreich selbst. Mit Bilderbuch ist es besser geworden, der österreichische Musikkopf ist erweitert worden. Früher hatten die Leute den Fokus gar nicht auf Österreich. Jetzt öffnen sich die Österreicher stärker für die eigene Musik. Die Musikförderungen sind in Österreich sehr gut. Das merkt man, wenn man mit Musikern aus anderen Ländern spricht. Österreich ist sehr dahinter, Musiker zu fördern. Es gibt immer irgendwelche Töpfe, wo man ansuchen kann.

PARADOX: IHR HABT FÜR EUER LETZTES ALBUM EINE FÖRDERUNG VOM ÖSTERREICHISCHEN MUSIKFONDS ERHALTEN…

Kleebauer: Genau. Wir sind auch sehr dahinter, dass wir das nutzen.

Lindinger: Wenn wir gewisse Förderungen nicht bekommen hätten, wäre sich das nie ausgegangen.

Kleebauer: So sehr wir sagen, Österreich ist für uns irrelevant, weil wir mehr wollen und es keine sprachliche Barriere gibt. Man muss sagen, dass wir ohne dieses Land nichts erreicht
hätten. Wenn man zum Beispiel nach Deutschland fährt, da gibt es keinen coolen, flächendeckenden Alternative-Sender – deswegen hören die Bayern auch FM4. Geld sollte außerdem kein Grund sein, etwas nicht machen zu können, das aus meinem Hirn rauskommt.

Lindinger: Ironischerweise hilft uns der Name Österreich international wieder weniger. Dann heißt es: „Was, ihr seid eine österreichische Band?“ Das ist dasselbe Denken, das die Österreicher selbst auch gehabt haben.

Kleebauer: Es ist eine Frage der Zeit. Wenn man heute aus Island kommt, dann ist man cool wie nie. Wenn man vor fünfzig Jahren aus Island war, dann war man ein Höhlenmensch – überspitzt gesagt. In zwanzig Jahren jodelt jeder, weil es supercool ist. Es scheint so wichtig zu sein, woher eine Band kommt. Mich interessiert die Sozialversicherungsnummer der Sängerin auch nicht, warum sollte mich das Land interessieren. Australien – da sind wenige Leute, ein paar Kängurus: Das hilft offenbar, die Musik in eine Kategorie zu stecken. Darum geht’s dem Menschen, dass er in Schubladen steckt.

[Dieser Artikel erschien im Sommer 2017 in PARADOX 05]

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