Obwohl sie immer schon mit Musik zu tun hatte, ehrenamtlich für den Kulturverein Zeiger und beim Springfestival in Graz arbeitete, ist Daniela Andersen eine Spätberufene hinsichtlich ihrer DJ-Tätigkeit.

Durch die Betreuung bei Konzerten und Tourneen chauffierte Frau Andersen die Künstler im Auto durch die Stadt zu ihren Auftrittsorten. Die im Auto gespielten, selbst aufgenommenen Mixtapes kamen bei den Deejays und Bands sehr gut an und bald wurde sie nicht mehr mit ihrem Vornamen gerufen, sondern es hieß: “You are our Mama Feelgood, warum legst du denn eigentlich nicht selbst auf?”
Vor drei Jahren war es so weit und sie stand das erste Mal an den Turntables. Am Tag ist Daniela im Office Management der CIS (Creative Industries Styria) tätig und am Abend verwandelt sie sich in Mama Feelgood. Ihr Lebensgefährte Colin Farmer wurde in Lewistown, South Wales geboren. Bis Ende der Neunziger war er Einkäufer bei HMV Records in London und hatte unter anderem Suzi Quatro, Henry Rollins, Mick Jones von The Clash und die Super Furry Animals als Kunden. Danach arbeite Colin als Supervisor im National Museum of Science and Industry. Außerdem war er über zehn Jahre lang für eine Anwaltskanzlei in Wales tätig. Die Liebe führte Colin 2014 endgültig nach Graz und als Mr. Farmer legt er mit Mama Feelgood musikalische Leckerbissen, die jede Tanzfläche zum Brodeln bringen, auf.

PARADOX: Bei welchem Konzert habt ihr euch das erste Mal getroffen?

Daniela: Mal überlegen… Da war ich 19 und es war Ende 1985, Anfang 1986 bei einem Konzert von King Kurt in der Stadtwerkstatt Linz. Ich ging also zu dem Merchandising Stand, um mir die feilgebotenen Sachen anzusehen, und da erblickte ich Colin. Er war damals 21 und mit der Band dort. Seine pinke Haartolle faszinierte mich. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Colin: Yes, it was. And still it is.

PARADOX: Was ist dann passiert?

Daniela: Wir haben unsere Adressen und Telefonnummern ausgetauscht, nachdem wir eine Nacht miteinander verbracht hatten. Colin ist wenige Wochen später nach Graz gekommen und hat mich von der Schule abgeholt. Wir waren drei Wochen zusammen. Colin musste wieder nach Wales, nach etlichen Briefen, selbst aufgenommen Mixtapes und Telefonaten verlief es sich.

PARADOX: Aus den Augen aus dem Sinn?

Daniela: Aus den Augen ja, aus dem Sinn nie wirklich. Als ich dann im Frühling 2011 von Colin eine Nachricht in meinem Facebook Posteingang vorfand, konnte ich es nicht fassen. Danach folgten unzählige Mails, deren Inhalt Hochzeiten, Scheidungen, Konzerte und Musik beinhalteten, was in den letzten 25 Jahren halt alles passiert ist. An meinem Geburtstag im November 2012 bekam ich von Colin ein wunderschönes Billett mit den Covers der Platten unserer damaligen Lieblingsbands. Wir begannen uns erneut ineinander zu verlieben, nachdem unzählige Telefonate und Mails – es sind exakt 5.400 – folgten. Anfang 2014 ist Colin dann zu mir nach Graz gezogen.

Colin: Mit 5000 Schallplatten und 1000 Büchern.

Mama Feelgood Face (Credits Jasmin Schuller)

Mama Feelgood – (c) Jasmin Schuller

PARADOX: Wie fühlst du dich in Graz, Colin und wie gefällt dir die Szene?

Colin: Die Stadt ist großartig und sicher. Es stehen nicht überall Polizisten in Krankenhäusern oder Supermärkten herum. Die Szene ist es leider nicht. Kommerzielle große Clubs dominieren, die kleinen haben es sehr schwer. Small Town Mentality sagt man bei uns in Wales dazu. Das ist sehr schade, denn wenn alle an einem Strang ziehen würden, wäre das viel besser. Die Scheuklappen gehören einfach weg.

PARADOX: „Adventures in Graz“ nennt sich dein Blog, Colin, und es finden sich darin einige interessante Sachen. Der letzte Eintrag ist von Ende Mai. Keine Abenteuer mehr erlebt?

Colin: Doch doch, es sind auch einige gespeichert, die bald online gehen werden. Aber nachdem ich bei In and Out Records arbeite und fast jede Woche auflege, und seit zwei Wochen mit einer lädierter Hand herumlaufe, ist das Bloggen etwas in den Hintergrund getreten.

PARADOX: Zurück zum Vinyl. Um das schwarze Gold zu finden, seid ihr auf Flohmärkten unterwegs. Wie oft eigentlich?

Daniela: Das kommt ganz darauf an. Wenn wir an einem neuen Ort auflegen, sind wir vorher auf den Flohmärkten, um Neues zu finden. Meist jede Woche, aber sicher drei Mal pro Monat.

Colin: Ich würde jeden Tag gehen.

PARADOX: Wenn Mama Feelgood & Mr. Farmer auflegen, geschieht das immer im Ping Pong Prinzip. Hat jemals einer von euch gewonnen oder geht das meist unentschieden aus?

Colin: Es ist kein Wettbewerb, sondern eher eine Herausforderung.

Daniela: Manchmal läuft es in eine komplett andere Richtung, als es ausgemacht war und gibt dem Ganzen einen völlig neuen Kick.

PARADOX: Was spielt ihr am liebsten?

Daniela: Die besten Partys sind die, bei denen wir alles spielen können und die Genres ineinandergreifen. Aber meist Soul und Funk und Early Hip-Hop. Es kommt aber auch darauf an, wo wir gebucht werden. Beim Multikulti Ball beispielsweise ist es toll, da wir alles spielen können, weil auch unterschiedliche Menschen anwesend sind und den Ball besuchen. Auch im b.eat ist es toll, weil es die besten Burger der Stadt gibt und es eher Lounge Charakter hat. Die Leute dort sind immer lässig. In der Kombüse gibt es die Reggae Nights oder Record Riots. Da sind Colin und ich natürlich auch dabei, die Record Riots sind ja unser Club.

Colin: Du musst dich aber auch deiner Umgebung, in der du spielst, anpassen. Am Citybeach Graz kann ich nicht malaysische Versionen eines Led Zeppelin Songs spielen, weil dann die Leute eher erstaunt sein würden. Daniela: Oder „The Cramps“ im Promenade.

PARADOX: Welches Genre würde nie auf euren Plattentellern landen?

Colin und Daniela: Goa und Trance…

Daniela: … und Weichspülerhouse.

PARADOX: Was nervt beim Auflegen am meisten?

Daniela: Wenn das technische Equipment nicht funktioniert, die Turntables von Red Bull verklebt sind, das DJ Booth an einer schlechten Stelle aufgestellt ist und man die Leute nicht sehen kann und keine Interaktion mit dem Publikum möglich ist. Wenn die Lautsprecher falsch stehen und wenn bei einer Veranstaltung alles viel Geld gekostet hat, aber bei der Technik gespart wird. Außerdem mag ich es nicht, wenn die Plattenspieler auf einer Bühne stehen, die wackelt.

PARADOX: Ist es euch ein Anliegen dem Publikum zu zeigen, woher eigentlich die ganzen Original Samples kommen?

Daniela: Ja, da die Mehrheit der HipHop Songs Samples beinhalten, ist der Aha-Effekt beim Publikum zu spüren. Zum Beispiel bei „Just a Friend“ von Biz Markie.

Colin: Das Original stammt von Freddie Scott und heißt „(You) got what i need“ und ist komplett gerippd, Biz Markie hat einfach den Text neu geschrieben, das Instrumental so belassen und mehr Bass hinzugefügt.

Daniela: Oder von den Jackson Sisters „I believe in Miracles“ aus 1973, da haben sich viele bedient und die Platte ist irrsinnig schwer zu bekommen. Als ich sie letztes Mal gespielt habe, sind Mr. Dero und Afrika Baby Bam von den Jungle Brothers zu mir gestürmt und waren hin und weg, weil ich die Scheibe habe.

Mr. Farmer front (Credits Jasmin Schuller)

Mr. Farmer – (c) Jasmin Schuller

PARADOX:Was haltet ihr von der endlosen Diskussion Analog versus Digital?

Daniela: Wenn man beginnt, ist Digital sicher besser, es hängt aber auch mit dem Alter zusammen. Viele Platten sind einfach nicht mehr, oder nur schwer aufzutreiben. Für mich persönlich ist Analog einfach geeigneter, da kommen auch weniger Leute, um dir ihren Wunsch aufzuzwingen. Wenn du Digital auflegst, ist es schwieriger nein zu sagen. Und bei Analog gibt es einfach keine Playlists, die du vorher zusammenbasteln kannst.

Colin: For me is analog the best.

PARADOX: Du hast griechische Wurzeln, der griechische Einfluss ist in deiner Musik bis dato aber ausgeblieben, liebe Elli.

Daniela: Nachdem meine Mutter 1994 verstorben ist, fällt es mir schwer, etwas aus Griechenland zu hören oder zu spielen. Aber da das 21 Jahre her ist, geht es schön langsam. Ich habe zwar eine stattliche Sammlung, um die mich auch Shantel beneidet, aber es werden in spätestens zehn Jahren sicher auch Tunes aus Griechenland von mir zu hören sein.

PARADOX: Ist die Interaktion zwischen dem Publikum und den EDM Deejays überhaupt noch möglich, wenn man sich die Bühnen und den Abstand ansieht?

Daniela: Es geht doch dabei überhaupt nicht um die Interaktion zwischen dem Publikum und den Deejays. Wenn du einen Affen zum Pult hinstellen würdest, wäre es den Leuten auch egal, sie würden es nicht mal merken. Es geht bei EDM nur um Effekthascherei, Feuerwerk, Tam Tam und große Bühnen. Wenn „If you are happy then clap your hands“ schon ein Song ist, na dann gute Nacht.

Colin: It´s more about junk for your ears.

PARADOX: Etwas, was dich wirklich aufregt, Daniela, ist die Bezeichnung DJane. Korrekt müsste es ja Jockette heißen. Ist es auch das Bild der wenig bekleideten auflegenden Frau, das durch die Medien transportiert wird?

Daniela: DJane ist ein deutschsprachiges Phänomen. Es ist abwertend und reduziert dich rein auf das Äußere. Es geht um das Auflegen der Musik und nicht um das Geschlecht. Ein Label, das ich als Frau umgehängt bekomme, und das will ich nicht. Ich bin die Mama Feelgood und nicht die DJane Mama Feelgood.

PARADOX: Da wir beide ja große Fans der legendären „Lila Eule“ waren: Geht so ein Club in Graz ab? Und wie sollte der aussehen?

Daniela: Es gibt eigentlich nur mehr die Kombüse, die aber zu klein ist. Es fehlt ein Club, der ohne viel Tam Tam aufsperrt. Ein guter Mix aus verschiedenen Genres wäre wichtig. Man sollte Leute Musik machen lassen,
die sonst wenige Chancen bekommen. Es sollten nicht immer die gleichen Leute spielen. Musik ist vielfältig, so sollten auch die Clubs und die Auflegenden sein. Wo du hingehen kannst, dich gar nicht verabreden musst, weil du weißt, da sind immer ein paar Freunde, so wie es halt bei der Lila Eule war und der Kombüse ist.

Colin: A nice cool Club is missing.

PARADOX002_Sujet

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.