Mother’s Cake, derzeit eine der aufregendsten Rockbands Österreichs, hat mit ihrem neuen Album „Love the Filth“ zu einem weitreichenden Überholmanöver angesetzt. Schlagzeuger Jan Haußels gibt Einblicke in die Arbeitsweise, Ziele und Absichten der Band. Eines kann vorab gesagt werden: Diese Band kennt kein Limit.

Nur Connaisseuren der alten japanischen Filme über die Riesenechse Godzilla wird bekannt sein, dass es sich beim „König aller Monster“ nicht nur um ein Städte zerstörendes Untier handelt, sondern um einen Beschützer der Menschheit. Den Filmtrash-Liebhabern der Tiroler Progressive Rock-Band Mother’s Cake ist diese Tatsache sehr wohl bewusst und so widmeten sie die Single „Gojira“ vom neuen Album „Love the Filth“ dem missverstandenen Freund. Dabei handelt es sich aber nicht nur um eine reine Huldigung des Filmmonsters, sondern vielmehr um eine Erläuterung der Verbindung zwischen Godzilla und der Band.

„Anfangs war uns immer noch recht egal, was wie gesungen wird. Davon haben wir uns weit weg entwickelt.“

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Jan Haußels (c) Andreas Fleckl

Mit der rotzig gesungenen Zeile „I’m just a lonely monster“ und dem finalen Schrei, der sich an Godzillas markantes Gebrüll annähert, macht Gitarrist und Sänger Yves Krismer den Hörern klar, dass die drei Mitglieder von Mother’s Cake sich zum Missverstandenen, Abscheulichen und Unperfekten bekennen. Schlagzeuger Jan Haußels korrigiert leicht: „Es ist mehr als ein Bekenntnis – eine Liebeserklärung. Ich würde eher sagen, unsere Musik ist der Soundtrack zum Unperfekten.“

Liebe den Dreck

Dass das Trio mit dem eigenwilligen Namen ein Faible für das Unvollkommene hat, ist bereits durch den Namen des neuen Albums ersichtlich. Die klare Aufforderung, die der Titel beinhaltet, stellt einen Abgesang auf die perfekte, scheinheilige Gesellschaft dar. Diese Botschaft verdeutlicht Haußels noch einmal im Interview: „Bekenn’ dich zu den schmutzigen Seiten im Leben. Lerne sie zu lieben. Die Welt ist nicht glatt, sauber und perfekt – Gott sei Dank!“ Folgerichtig hört sich auch der Sound auf „Love the Filth“ genau danach an – nach Schmutz. Er ist roh, ungekünstelt und ehrlich. Die natürliche Produktion verstärkt die Ausrichtung noch zusätzlich. Auch hier liebt man den Dreck.
Die vom klassischen Songwriting losgelösten Lieder wurden gemeinsam live eingespielt, was sich in dem gewaltigen Groove, der jedem der Songs des zweiten Albums innewohnt, bemerkbar macht. Rein musikalisch betrachtet, bewegt sich die Band allerdings nahe an der Perfektion, auch wenn sie das nicht hören wollen und sich selbst lieber als „filthy“ betrachten. Allerdings kann sich der Drummer mit diesem Gedanken anfreunden, indem er wieder die Verknüpfung zur Kernaussage des Albums herstellt: „Wenn die Leute das als perfekt empfinden, haben sie etwas Wichtiges im Leben begriffen: don’t fight the filth – love it!“ Mother’s Cake lieben ihren Schmutz. Nicht umsonst wurden sie von einer großen österreichischen Tageszeitung liebevoll als „Österreichs dreckigste Rockband“ bezeichnet.

Wer sagt, Virtuosität ist langweilig?

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Yves Krismer (c) Andreas Fleckl

Mother’s Cake nur auf ihren dreckigen Sound zu reduzieren wäre allerdings verheerend. Krismer, Haußels und Bassist Benedikt Trenkwalder haben um einiges mehr zu bieten als Schmutz. Die Musik des charismatischen Trios lässt sich nur schwer kategorisieren. Es ist Progressive Rock, der nicht wirklich wie Progressive Rock klingt. Viel organischer, lebendiger und weniger mathematisch ist der Sound von Mother’s Cake. Sie selbst beschreiben ihre Musik als „Space“, was einiges an Interpretationsspielraum offen lässt. Rhythmuswunder Haußels bringt etwas Licht in die Dunkelheit des Universums: „Ein Bekenntnis zum Nerd-Sein – Detailverliebtheit – die Faszination, immer etwas unentdeckt zu wissen.“ Dass die Jungs „arge Fanboys“ sind, wie Haußels weiter berichtet, ist dem Nachfolger zu dem 2012 erschienenen Debütalbum „Creations’s Finest“ deutlich anzuhören.
Die Band vereint auf „Love the Filth“ so viele Ideen, mit denen andere Künstler zwei Alben füllen könnten.
Diese sind derart virtuos vorgetragen, dass man sich vor der internationalen Konkurrenz keineswegs verstecken muss. Schlagzeuger Haußels wirbelt 35 Minuten lang mit absoluter Präzision über sein Drumkit, dass es eine wahre Freude ist und häufig staunende Ohren hinterlässt, während sein Rhythmus-Partner Trenkwalder den Bass so funkig und zugleich hart wie melodiös spielt, dass wohl auch Chilischote Flea anerkennende Worte finden würde. Sänger und Gitarrist Krismer sorgt mit Stratocaster und einer fabelhaften Rockstimme bewaffnet für die Glanzmomente. Seien es flotte Funk-Passagen, Rage against the Machine-artige-Riffs oder kunstfertige, häufig mit Wah Wah garnierte Sololäufe. Dabei springen die drei Musiker, denen man ihre tirolerische Herkunft nur beim Sprechen anhört, fröhlich zwischen unterschiedlichen Taktarten hin und her, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Dass pro Song mehrmals die Richtung grundlegend verändert wird, sorgt für Spannungsmomente und verschafft ihnen eine sehr lange Halbwertszeit. Der Hörer wird auf wilde Irrfahrten mitgenommen und hat dabei absolut keine Ahnung, wo die Reise hinführt. Beeindruckend, wie hier mit Hirn, Herz und Gefühl gerockt wird, ohne dass etwas davon auf der Strecke bleibt.

Selbstreflexion auf dem Weg nach oben

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Benedikt Trenkwalder (c) Andreas Fleckl

Die Intensität und die Virtuosität, die sich auf „Love the Filth“ zu gleichen Teilen vereinen, sind ebenso bei den Konzerten von Mother’s Cake präsent. On Stage geben sich die Musiker, die ihr Hobby mittlerweile zu ihrem Beruf gemacht haben, eher wortkarg, aber die Energie, die von dem Trio ausgeht, spricht ohnehin für sich selbst. Live werden die Songs ausgeweitet, da die Bandmitglieder einen ausgeprägten Hang zum Jammen besitzen. Ihre furiosen Auftritte brachten Mother’s Cake nicht nur auf diverse Bühnen Europas, sondern auch nach Australien, wo sie 2014 zwölf Shows als Headliner absolvierten. Auch hochkarätige internationale Bands wurden schon vor einigen Jahren auf die Tiroler aufmerksam und so konnten SupportSlots für Iggy and the Stooges, die Deftones oder die Omar Rodriguez Lopez Group ergattert werden.
Den neuesten Coup, den die Band landen konnte, waren vier Shows im Vorprogramm der Nu-Metal-Heroen Limp Bizkit, unter anderem eine in London. Die Jungs um Sänger Krismer sind also in den letzten Jahren viel herumgekommen, der ganz große Durchbruch steht aber noch aus, was die Band selbst etwas zum Grübeln bringt: „Natürlich fragen wir uns permanent selber, warum es noch nie richtig geknallt hat und hinterfragen auch unsere Musik.“ Die Antwort auf die Frage gibt sich Haußels aber gleich selbst: „Unsere Idee von ‚einfach‘ und ‚simpel‘ scheint immer noch so weit weg vom Branchenstandard zu sein, dass wir wohl nie Gefahr laufen werden, eine richtig solide Radionummer zu komponieren.“ Eine gewisse Radiounverträglichkeit, zumindest für das Formatradio, lässt sich der Band tatsächlich nicht absprechen – zu aufregend, erfrischend und fordernd ist ihre Musik. Nichtsdestotrotz hat die Band in den letzten Jahren enorme Schritte gemacht. Krismer, Haußels und Trenkwalder vertrauen auf ihre Fähigkeiten und lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen.
Begonnen hat der Erfolgslauf der Drei in der nicht gerade für ihre Rockszene bekannten Gemeinde Arzl im Pitztal. In dem 3000-Seelen-Ort, den auch SkiAss Benjamin Raich als seine Heimat angibt, fanden 2008 die ersten Proben der drei ambitionierten Musiker statt. Krismer und Trenkwalder konnten ab dem Jahr 2005 Erfolge mit der Band Brainwashed verbuchen. Verbunden durch eine Vorliebe für diverse Suchtmittel und The Mars Volta, stieß Drummer Haußels hinzu.

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(c) Andreas Fleckl

Als bei den ersten Jams klar wurde, welche Chemie zwischen den Dreien schlummerte, wurde die einzig richtige Entscheidung getroffen und eine Band gegründet. Bereits 2010 konnten die Tiroler den Local Heroes Band Contest für sich entscheiden und jedes Bandmitglied unabhängig davon den Preis als bester Sänger, bester Bassist und bester Schlagzeuger des Wettbewerbs abstauben. Zwar stehen die Jungs Bandwettkämpfen noch immer skeptisch gegenüber, doch war der Sieg für sie ein Türöffner. Nach einer EP im selben Jahr wurde zielstrebig auf das erste Album hingearbeitet, das sehr gute Kritiken erhielt. Nichtsdestotrotz wollten sich die passionierten Rocker auch zukünftig weiterentwickeln. Dass dies durchaus gelang, ist daran erkennbar, wenn das Songwriting ihrer beiden Alben genauer beleuchtet wird. War die Gruppe laut eigenen Aussagen beim Debütalbum „Creation’s Finest“ noch nicht so weit, dass sie ein Konzept für das ganze Album anwenden konnte, durchzieht „Love the Filth“ nun ein roter Faden. Während bei ihrem Erstling noch versucht wurde, mittels der Musik einen dynamischen Bogen zu spannen, lag der Fokus nun auf einem thematischen Rahmen, dem die Auswahl der Sounds und Songs stärker angepasst wurde. Eine interessante Tatsache: Mother’s Cake pflegen es stets zuerst die Musik zu komponieren und erst, wenn das musikalische Grundgerüst erbaut ist, entsteht der Text. Die Lyrics nehmen mittlerweile eine größere Rolle ein als beim Debütalbum, wie der am Songwriting beteiligte Haußels ausführt: „Anfangs war uns immer noch recht egal, was wie gesungen wird. Davon haben wir uns weit weg entwickelt.“
Was sich allerdings nicht geändert hat, ist, dass der befreundete Austin Settle der Band beim Schreiben der Texte unter die Arme gegriffen hat. Der US-Amerikaner ist ein Multitalent und eine wichtige Stütze für die Tiroler. Auf dem aktuellen Album bekam er sogar noch mehr Platz eingeräumt. Mit den Lyrics zum Sechsminutenwahnsinn „Void“ konnte er seinen ersten eigenen Text verfassen.

Endstation Olymp

Stillstand ist ein Wort, das im Mother’s Cake Universum keinen Platz findet. Die Band blickt stets mit einem Auge in die Zukunft und beantwortet damit auch gleich Fragen zum zweiten Album.
Haußels ist sich außerdem bereits jetzt völlig sicher, dass uns mit dem nächsten Werk der Band etwas komplett Neues geboten wird. Trotzdem soll es die Arbeitsweisen der ersten beiden Platten vereinen. Es erwartet uns also eine LP, die einem klaren Thema folgt, zugleich aber Spannung und Dynamik in der Musik trägt.
Allerdings ist dies noch entfernte Zukunftsmusik und wer Mother’s Cake kennt, weiß, dass sie wahre Meister im Hakenschlagen sind. Wo genau sie also mit dem nächsten Album ankommen werden, können sie wahrscheinlich selbst noch gar nicht wirklich erahnen. Wo sie früher oder später hinwollen, wissen sie aber präzise und nennen dabei eine der derzeit größten österreichischen Bands als Vorbild: „Der Traum ist wohl den Mittelweg aus eigenem Style und Eingängigkeit zu entdecken, um damit den Olymp zu erklimmen: Hut ab vor Bilderbuch an dieser Stelle!“

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