Beschäftigt man sich mit österreichischem Hip-Hop, so führt seit einigen Jahren kein Weg an Nazar vorbei. Vor kurzem veröffentlichte er sein achtes Studioalbum, das den Titel „Irreversibel“ trägt. Wir haben uns mit Nazar in den Räumlichkeiten von Universal Austria getroffen und mit ihm über seine Musik, seine Vorbildfunktion und über Filme diskutiert.

PARADOX: Als du vor zwei Jahren den Amadeus Award bekommen hast, hast du in deiner Dankesrede bereits angedeutet, dass du dir ein Jahr Zeit nehmen wirst, um mit einem noch größeren Album zurückzukommen. Ist dir das gelungen?

Nazar: Produktionsaufwandstechnisch ist es definitiv das größte Album. Wir waren über eineinhalb Monate in den MG Studios im ersten Bezirk. Das ist ein legendäres Studio in Wien, wo auch schon Madonna, Prince und Bono von U2 waren, und dort haben wir unter ganz besonderen Voraussetzungen das Album produziert. Ich war in Amerika, wir haben sechs Videos produziert, ein siebtes kommt noch. Bei „Camouflage“ war es anders, da haben wir natürlich auch hart am Album gearbeitet, aber mit viel weniger Budget und haben dann sehr viel Geld in Werbung gesteckt.

PARADOX: Wie bist du auf den Titel „Irreversibel” gekommen? Hat es vielleicht mit dem gleichnamigen französischen Film zu tun?

Nazar: Nein, gar nicht. Ich habe einfach nur einen Titel gesucht, der interessant klingt, weil ich oft nicht kreativ war, was meine Albumtitel betrifft. „Irreversibel” ist auch einer meiner Lieblingsfilme. Obwohl ich mir beim Namen jetzt nicht viel gedacht hab, trifft der Titel trotzdem perfekt auf das Album zu, obwohl da jetzt keine tiefgründigere Bedeutung dahintersteckt.

PARADOX: Du hast 16 Produzenten am Album. Das ist sehr gewagt, man will ja doch ein rundes Produkt haben. Wie hast du es trotzdem geschafft, einen roten Faden durchzuziehen?

Nazar: Indem ich kein Rapper bin, der sich Beats nimmt, die er zugeschickt bekommt, und dann einfach darauf schreibt und seine Sachen abgibt. Ich bekomme meistens grobe Basisstrukturen eines Instrumentals, schreibe dann darauf, nimm darauf auf, lass mir die Spuren zuschicken und wir produzieren das hier dann fertig, damit’s dann auch einen roten Faden kriegt. Man darf natürlich nicht vergessen, dass ich für dieses Album bestimmt grob 60 Songs geschrieben habe und 18 haben’s dann auf die Premium Edition geschafft. Das heißt, da waren auch viele Songs, die vielleicht besser wären für das ein oder andere, aber einfach nicht zu dem Album gepasst hätten.

PARADOX: Du hast am Album mit “Mein Viertel” einen Song mit Sido zusammen, in dem ihr eure “Hood” beschreibt, die nicht sehr rosig ist. Wie ist es dazu gekommen?

Nazar: In „Mein Viertel“ geht’s darum: Sido und ich sind ja ähnlich aufgewachsen. Er ist in Berlin im märkischen Viertel aufgewachsen, in einer Plattensiedlung, ich in Wien in den Senfbauten. Nur der Unterschied ist der, dass er nach einer Zeit da rausgezogen ist und jetzt ein Haus hat und dort in seiner gutbürgerlichen Villengegend wohnt und ich halt immer noch im Zehnten.

PARADOX: Aber dir gefällt der zehnte Bezirk schon?

Nazar: Klar, sonst würde ich nicht dort leben.

PARADOX: „La Haine Kids“ thematisiert das von Hass geprägte Leben auf der Straße. Wie weit hat dich der Film „La Haine“ dazu inspiriert?

Nazar: Das Video hat mit dem Song eigentlich nichts zu tun und irgendwo aber doch wieder, weil der Song soll ja von einer Generation handeln, „La Haine“, die sehr vom Hass geprägt ist. Das Video soll aber sehr mit Vorurteilen spielen. Genauso wie es dann auch passiert ist, dass viele Leute das Video nicht zu Ende geguckt haben und sofort Vorurteile hatten. In Wahrheit ging es mir nur darum: Dieser Hass in unserer Generation, in unserer Jugend, der hat kein Gesicht, keine Farbe und keine Religion. Das kann jeder sein, es geht nur um die Lebensumstände, die ihn dazu gebracht haben, so zu denken und so zu handeln.

PARADOX: Gibt es in Wien, deiner Meinung nach, auch so eine Generation von „La Haine Kids“?

Nazar: Ich glaube es nicht, ich weiß es zu hundert Prozent. Der Punkt ist einfach, wenn ich jetzt sehe wie die nächste Generation im Zehnten, Elften, Sechzehnten, Fünfzehnten oder Floridsdorf aufwächst, da sind einfach starke Tendenzen der Außenweltabschottung. Die einen driften in eine extrem rechte Richtung ab und die anderen driften in eine extrem religiöse ISIS-fanatische Richtung ab. Diese Parallelgesellschaft ist einfach gefährlich, man muss vorsichtig sein, wohin sich das entwickelt.

PARADOX: In deiner Rolle als bekanntester Rapper Österreichs hast du auch eine Vorbildfunktion für einige deiner Hörer. Wie wichtig findest du es in dieser Rolle deine Meinung zu äußern?

Nazar: Warum denkst du, dass es wichtig ist, eine Vorbildfunktion zu haben? Was ist mit den ganzen Fußballern, die wir in Österreich haben? Ich denke, dass die Fußballer, anders als ich, in einem ganz anderen Licht in den Medien präsentiert werden. Das sind immer die Saubermänner. Die haben außerdem noch ein viel breiteres Publikum als ich. Wir haben auch ein Nationalteam, das sehr viel mit Österreichern mit Migrationshintergrund bestückt ist. Ich hör da aus der Ecke komischer Weise niemanden. Aber ja, es stimmt, ich setze mich gerne dafür ein, habe auch schon viele Strafen dafür bezahlen müssen. Das nehme ich aber auch gerne in Kauf, weil die Jugendlichen haben nicht die Möglichkeit, gehört zu werden und Dinge anzusprechen, die ihnen nicht gefallen oder passen. Ich habe einfach diese Möglichkeiten, also möchte ich auch diese Jugendlichen vertreten.

PARADOX: Das ist bestimmt nicht leicht, aber es ist gut, wenn man Menschen wie dich hat, die ihre Meinung zeigen. Das sollten viel mehr Menschen tun. Aber um das Image nicht zu schädigen, sind sie lieber Saubermänner.

Nazar: Ja voll, ist so. Wir haben leider in Österreich eine ganz brutale Schleimgesellschaft. Man sieht das ja auch. Ich glaube Falco war einer der ganz wenigen, die angeeckt haben und cool waren. Aber ansonsten, wenn ich mir alle anderen Musiker anschaue, ich pack diese ganze österreichische Musiklandschaft nicht. Da sind irgendwelche Wappler dann beim Amadeus Award, 90 Prozent der Leute kennst du nicht mal, hast noch nie was von denen gehört. Dann dürfen die sich einmal in einen Anzug stecken, gehen auf die große Bühne und haben nix anderes zu tun, als eine halbe Stunde rumzuheulen, wie unwichtig der Amadeus nicht ist und wie scheiße das Radio nicht ist.

PARADOX: Deine Musikvideos zeichnen sich immer durch eine hohe Qualität aus. Wann wird es einen Film geben, der komplett von Nazar Films, deiner eigenen Filmfirma, produziert wird?

Nazar: Ich würde sehr gerne einen Film produzieren, nur ist ein Film halt noch ein anderes Kaliber als ein Musikvideo. Du musst dir vorstellen, dass meine Musikvideos auch irgendwo bei 20.000 – 30.000 Euro anfangen. Da reden wir von drei bis vier Minuten, die wir dafür produzieren. Auf Spielfilmlänge kannst du dir ungefähr vorstellen, was man dafür bräuchte. Leider Gottes habe ich bis jetzt noch keine Förderung bekommen. Es gibt Filmförderungen und die werden bei uns noch an Leute verteilt, die man halt kennt und die immer den gleichen Scheiß produzieren.

PARADOX: Über was würdest du einen Film machen, wenn du die Möglichkeit dazu hättest?

Nazar: Ich habe zwei Drehbücher, wo ich fest davon überzeugt wäre, dass sie sehr gut ankommen würden und dass sie auch große Erfolge wären. Eins ist ein Thriller und eins ist ein Drama.

PARADOX: Wem drückst du bei der Europameisterschaft die Daumen, abgesehen von Österreich vielleicht?

Nazar: Das ist schwer, weil wir zu 99,9 Prozent Österreich die Daumen drücken. Neben Österreich freue ich mich ehrlich gesagt, dass auch Länder wie Albanien zum ersten Mal dabei sind. So kleinere Länder, dass die auch wirklich eine Chance haben. Ich glaube, die Albaner sind auch viele Jahre von Leid getragen und jetzt sind sie endlich auch mal auf der Bühne. Ich kann das gut nachvollziehen, seit ich das mit dem Iran 1998 das erste Mal mitbekommen habe. Auf die Türkei freue ich mich auch, wir haben es bei der Euro mitbekommen, wie wichtig es ist, dass die Türkei dabei ist.

paradox_003_werbung_mm

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.