Im achten Jahr ihres Bestehens, kehrt die Tiroler Rockband mit ihrem dritten Studioalbum auf die Bühne zurück. Ein guter Grund, um ein paar Fragen zu stellen.

Nach ihrer Live-EP „Road Worn“ im Jahr 2016 haben die Hard- und Alternative-Rocker Midriff am 20. Oktober 2017 ihr nächstes Studioalbum. Auf „Decisions“ bekommen wir elf neue Songs, von aggressiven Hard Rock Riffs bis ruhigen Country-Vibes.
Wir haben mit Bassist Jeremy Lentner über die Album-Produktion, die Gründung ihres eigenen Labels und ihre Zukunftspläne gesprochen. Außerdem gehen wir der Frage nach, inwieweit sich die politischen Geschehnisse der letzten Monate in ihrer Musik niedergeschlagen haben.

Music News: Seit unserem letzte Interview Anfang 2016, als ihr gerade eure Live-EP „Road Worn“ veröffentlicht hattet, hat sich bei euch offensichtlich einiges getan. Euer neues Album „Decisions“ ist erschienen. Welche Entscheidung hattet ihr zuletzt zu treffen?

Jeremy Lentner: Ja, das kann man wohl so sagen. Nach der „Road Worn“ Tour, die dann im Herbst 2016 ihr Ende fand, starteten wir eigentlich sofort wieder mit dem Songwriting für das neue Album. Mit den ersten fertigen Vorproduktionen gingen wir dann mit einigen Partnern das sogenannte Label Shopping an – doch nach einigen Monaten war für uns klar, dass wir für dieses Album den Schritt zur Selbstvermarktung, sprich ein eigenes Label zu gründen und die Fäden selbst in der Hand zu halten, wagen sollten. Das war wohl eine der großen Entscheidungen, die mit Sicherheit auch dieses Album beeinflussten.

Music News: Euer eigenes Label TwoEleven Records habt ihr erst diesen Sommer gegründet. Ist damit die Suche nach einem Label vorbei? Wäre es nicht trotz allem verlockend ein größeres und etabliertes Label im Rücken zu haben?

Jeremy Lentner: Vorerst ist die Suche mit Sicherheit beendet – aber sag niemals nie! Es geht bei der Labelsuche einfach darum, langfristig einen wirklich potenten und etablierten Partner zu finden, und darauf muss dieser Partner auch richtig Bock haben. Wenn das der Fall ist, sind wir die letzten, die dem abgeneigt sind. Aber es ist nun auch mal so, dass viele kleinere Labels nur mehr für die Musiker „unschöne“ Deals anbieten können, und wenn man als Musiker über ein bereits sehr gutes Netzwerk im Bizz verfügt, selbst schon viel an Promo-, Marketing- und Aufbauarbeit geleistet hat, und vor allem auch Zeit und Lust hat, sich dem Musikbusiness zu widmen, ist es mit Sicherheit eine tolle Sache, da man einfach der eigene Boss ist, Musik machen kann, die einem zu 100 Prozent gefällt, und alle Entscheidungen selbst treffen kann. Natürlich ist sehr viel Schreibtischarbeit damit verbunden, aber in diesem Jahrtausend ausschließlich Musiker zu sein, und alle Belange der Band anderen zu überlassen, ist unserer Meinung nach fast unmöglich. Es heißt ja nicht, dass man alles selber machen muss, auch wir holen uns für viele Bereiche Profis, mit denen wir an unterschiedlichsten Themen arbeiten, sei es Design, Promotion, Marketing, Vertrieb oder Sound.

Music News: Noch einmal zum Thema Entscheidung: Vergangene Woche waren Nationalratswahlen. Ist Politik oder die mit ihr unweigerlich verknüpften Gesellschaftsfragen etwas, das in eurer Musik Platz findet?

Jeremy Lentner: Wir sind alle wählen gegangen, denn wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf! Wählen ist das größte Recht und die wichtigste Pflicht – aber grundsätzlich versuchen wir das Thema Politik als Band nicht auszuschlachten. Natürlich beeinflusst die aktuelle weltpolitische Lage auch das Songwriting und es sind auch immer wieder Texte dabei, die gesellschaftliche Folgen politischen Handelns thematisieren – der Song „Palace of Tears“ auf Decisions etwa, in dem es um einen neuralgischen Verkehrsknotenpunkt in der innerdeutschen Geschichte geht.

Music News: Angenommen es wird eine Schwarz-Blaue Regierung: Denkt ihr, das könnte Auswirkungen auf die Kultur- und Musikförderung in Österreich haben?

Jeremy Lentner: Wir äußern uns ungern politisch – das steht uns als Band nicht zu. Jeder hat eine persönliche politische Meinung, diese wird aber nicht über Midriff nach außen getragen. Wir können nur eins sagen – wir sind nun doch schon ein paar Jahre dabei, eine Förderung haben wir, obwohl wiederholten Ansuchens, als Tiroler Rockband leider noch nie erhalten. Da sind wir wohl nicht vom Fach, haha!

Music News: „Decisions“ ist nun euer drittes Studioalbum. Wie haben sich die Arbeiten daran im Vergleich zu den Vorgängern gestaltet?

Midriff – Decisions [(c) TwoEleven Records]

Jeremy Lentner:Wir haben uns sicher mal etwas mehr Zeit gelassen, das gesamte Album zu schreiben. Obwohl wir gleich nach den letzten Liveterminen in unseren Homestudios an Riffs und Songs gefeilt haben, ließen wir uns einfach mal ein bisschen mehr Zeit in der sogenannten Vorproduktion. Dabei war dann auch bald klar, wie das Album klingen soll – so wie wir eben klingen, live – nicht ganz perfekt, tight, fett aber auch handgemacht – wir sind alle drei keine großen Fans des zur Zeit angesagten „überproduzierten“ Sound, wir sind ein Trio, und wollen die Songs auch Live stark präsentieren. Die Texte entstanden oft zeitlich parallel, waren schon vorher fertig und wurden dann adaptiert oder wurden erst auf die Musik passend geschrieben. Wir sind keine Jam-Band die sich trifft, um im Proberaum neue Songs zu kreieren, wir schreiben viel zuhause, alleine oder in der Gruppe, spielen uns die Ideen gegenseitig vor und entscheiden dann, welche Songkonstrukte weiter bearbeitet werden. Somit filtern wir die für uns besten Ideen raus.

Music News: Der Album-Opener hört auf den Namen „Burn the Bridges“. Den Text würde ich als das vom Protagonisten verursachte Ende einer Beziehung deuten. Die meisten kennen wohl das Gefühl, dem anderen könnte es ohne einen besser gehen. Ist der Song mit einer bestimmten Erfahrung oder Person verbunden?

Jeremy Lentner: Naja – wir sind eigentlich alle drei privat seit längerem in fixen Händen, und schreiben eigentlich nicht sehr oft über privaten Herzschmerz, vor allem nicht bei diesem Album – die Idee kam eher so aus dem Bauch heraus, da das Gefühl eigentlich (fast) jeder kennt. Man würde gerne mit jemandem oder mit einer Sache Schluss machen, bringt es aber nicht wirklich übers Herz und hofft, dass es von der anderen Person beendet wird. Aus diesem Grund sind im Video zum Song auch so viele Protagonisten aus unterschiedlichsten Bereichen zu sehen – es ist einfach ein Thema, das jeder kennt, und zu dem fast jeder was zu sagen hat – deshalb singen auch gut 20 Personen die Lyric-Zeilen im Video zu „Burn the Bridges“.

Music News: Ihr schließt das neue Album mit der äußerst stimmungsvollen Ballade „Sixtythree“. Könnt ihr uns bitte aufklären, was der angesprochene „63“ ist?

Jeremy Lentner: Vor einiger Zeit bin ich auf ein tolles Projekt des US-amerikanischen Konzertfotografen Rob Fenn gestoßen, dessen Arbeit ich schon seit längerer Zeit verfolge. Rob hat zusammen mit Lamb of God Fronter Randy Blythe und Hollywood Haudegen Billy Bob Thornton an einem Film über die Route 66 gearbeitet. Dabei wird diese oftmals in der Popkultur zitierte Straße mit einem Auto aus dem Jahr 1963 abgefahren und Geschichten rund um das Land und die Leute entlang der Route 66 erzählt. Dieses Projekt inspirierte mich, den Liedtext zu schreiben – und was passt besser drauf, als eine akustische Gitarre und ein paar Blues-Licks? Grundsätzlich handelt der Song vom Gefühl, für einen Moment frei zu sein, alles hinter sich zu lassen und einfach mal für eine kurze Zeit das Leben zu genießen. Es gibt sie also manchmal doch, die lyrisch hellen und positiven Momentaufnahmen in den Texten von Midriff.

Music News: Ihr tourt diesen Winter noch fleißig durch Österreich, Deutschland und was sonst noch am Weg liegt. Habt ihr besondere Erwartungen an die Konzerte?

Jeremy Lentner: Wir sind gespannt was der Herbst und Winter so bringt. Zu Beginn einer Tour ist man ja immer aufgeregt! Da quälen einen so einige Fragen. Wie wird das neue Album angenommen? Wie sind die ersten Live-Rückmeldungen? Der direkte Kontakt mit den Fans nach den Shows ist einfach was ganz Besonderes und auch etwas sehr Ehrliches – auf das freuen uns wir natürlich sehr! Besonders freut es uns, dass wir einige Shows in Österreich und Deutschland mit unseren Kumpels von „The New Roses“ absolvieren werden, die ersten Shows werden schon in größere Venues verlegt. Die Jungs aus Wiesbaden sind eine absolut geile Liveband und ein sehr stimmiges Paket für die Fans härterer Rockmusik.

Music News: Abgesehen von der Tour, was sind eure Pläne für 2018 mit „Decisions“ im Rücken?

Jeremy Lentner: Im Frühjahr kommen einige Konzerte, auch wieder in Deutschland und Österreich, der Schweiz und Italien – so viel dürfen wir schon verraten und natürlich dann der Festivalsommer, der gerade in der Mache ist… Wichtig ist einfach, das neue Album unter die Leute zu bringen, coole Shows zu spielen, das ein oder andere weitere Video zu drehen und vor allem sehr viel Spaß an der Musik zu haben. Denn der Spaß ist das wohl wichtigste am Musikmachen – der Motor für Kreativität und Energie einer Band.

Music News: Und zum Schluss: Was wird im Tourbus laufen?

Jeremy Lentner: Das ist eine echt gute Frage – ich denke mal mit Sicherheit nicht unser neues Album und auch keines der anderen… Im Tourbus hört fast jeder immer für sich Musik. Doch in den Disco-Momenten im Partybus laufen dann mit Sicherheit Alben von Alter Bridge, Black Stone Cherry, die neue Black Country Communion, aber auch mal Songs von heimischen Kollegen wie Mother’s Cake oder das ein oder andere Tour-Mitbringsel einer Band, die wir bei einer der Shows kennen lernen. Pink Floyd ist sicher auch dabei und natürlich David Hasselhoff, der darf auf Tour NIEMALS fehlen, haha!

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