Über Meinungsverschiedenheiten, Farid Bang, Trends & Religion

Oliver Marquart ist kein Mann der großen Worte. Vielmehr steht das bekannteste Gesicht von Rap.de für qualitativ hochwertigen Journalismus, der objektiv und kritisch hinterfragt. Dass nicht jeder Interview-Gast damit umzugehen weiß, zeigte jüngst das Interview mit Farid Bang, welches teils grobe Beleidigungen gegen den Rap.de Journalisten nach sich zog.
Wir trafen uns mit Oliver Marquart und ließen ihn seine Sicht der Dinge darlegen.

www.music-news.at: Hallo Oliver, erstmal vorab, wie geht es dir und was steht gerade bei dir an?

Oliver Marquart: Hallo, danke, gut. Ich komme gerade aus der Redaktion. Heute Mittag haben wir ein Interview mit Ali gemacht. Wir haben mit ihm einen Spaziergang durch seine Hood gemacht: Die Highdecksiedlung in Neukölln.

www.music-news.at: Das Alltagsgeschäft also. Rap 2015, wie ist der erste Eindruck für dich als Rap Journalist. Kannst du kurz beschreiben, welchen Eindruck die deutsche Rap Szene in diesem noch jungen Jahr auf dich macht?

Oliver Marquart: Die Rapszene – die Frage ist ja, welche?
Es gibt viele Amazonboxen. Xatar trägt Mantel.
Es wird ziemlich viel sinnlos gedisst, offenbar nur zu Promozwecken.
Und Tuas Ausraster sind Gold wert.
Das fällt mir so spontan ein.

www.music-news.at: Ich denke man kann durchaus sagen, dass Rap in Deutschland zur Zeit seine wirtschaftlich stärkste Phase seit den Anfängen in den frühen 1990er Jahren durchlebt, was sich sowohl in Verkaufszahlen, Merchandise-Produkten, aber auch in allgemeinen Trends widerspiegelt. Spiegelt sich das auch in der Qualität der Musik und Lyrik für dich wieder?

Oliver Marquart: Leider nur teilweise. Es gibt viel mehr Rap als je zuvor und leider auch viel mehr Schrott. Lieblosen Schrott. Auf der anderen Seite gibt es aber auch so viele Facetten wie nie zuvor – und viele sehr gute Sachen.

www.music-news.at: Wie steht es um politischen Rap in der deutschen Hip Hop Szene, besonders wenn man sich die Chart-relevanten Künstler anschaut? In welche Richtung geht man dort? Kann man da einen Trend beobachten?

Oliver Marquart: Der Trend geht weiter in Richtung Verschwörungstheorien, was aber allerdings meiner Meinung nach etwas abgeflacht ist. Einige Rapper checken inzwischen, dass es vielleicht doch nicht alles so einfach ist, wie „alternative Medien“ es behaupten. Aber die Tendenz, vermeintlich subversive Ansichten nicht hinterfragt zu übernehmen, ist weiterhin ausgeprägt.

www.music-news.at: Rapper sind dahingehend auch immer nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, denn Verschwörungstheorien und andere Erklärungsversuche für eine komplexe Welt, fallen ja nicht aus den Bäumen.

Oliver Marquart: Absolut richtig. Trotzdem scheint es mir, als wären sie überdurchschnittlich anfällig für so etwas.
Vielleicht hat das damit zu tun, dass HipHop schon immer das Selbstverständnis einer Gegenkultur hatte. Mehr Anti als Verschwörungstheorie geht ja kaum. Frei nach dem Motto: Alles fake.

www.music-news.at: Kann man aber nicht den Eindruck gewinnen, wenn man sich mit Aussagen von Rappern wie Bushido, Farid Bang oder einem Massiv beschäftigt, dass ein bisschen mehr dahinter steckt, als nur eine Art jugendliche Rebellion?

Oliver Marquart: Es fällt mir schwer, die drei genannten über einen Kamm zu scheren. Farid Bang macht weder in seiner Musik noch auf seinem Facebook-Account politische Aussagen. Bushido hält sich diesbezüglich auch sehr zurück. Und Massiv nehme ich es ab, dass ihm der Nahostkonflikt nahe geht, da seine Familie direkt davon betroffen ist.

www.music-news.at: Wenn ein Farid Bang im Interview mit dir einfordert, dass man sich nicht öffentlich und kritisch über eine Religion zu äußern habe, und dabei dann teilweise die Fassung verliert, ist das für dich nicht auch ein politisches Zeichen? Gerade in Anbetracht der hunderttausenden Fans, steht doch hier die Frage im Raum, inwiefern Stars in der Öffentlichkeit die Werte einer freien, demokratischen Gesellschaft in Frage stellen?

Oliver Marquart: Ich hatte den Eindruck, dass an der von dir erwähnten Stelle im Interview teilweise ein Missverständnis vorlag. Allerdings steht es durchaus in einem gewissen Widerspruch zueinander, dass er bei diesem Thema zur vornehmen Zurückhaltung aufruft, die er selbst ja bei seinen Disses auch nicht walten lässt.

www.music-news.at: Welches Missverständnis meinst du genau?

Oliver Marquart: Er ist ja von diesem konkreten Thema, Nazars Aussagen, weggegangen auf eine allgemeine Ebene – Sachen aus Höflichkeit für sich zu behalten.
Da hätte ich nicht drauf eingehen sollen.

www.music-news.at: Mir ist klar, dass es wichtig ist für einen Qualitäts-Journalisten einen relativ neutralen Rahmen zu schaffen, aber ein Rap-Superstar wie Farid Bang gelangt während eines Interviews an den Punkt, an dem er sagt, dass jegliche Kritik an einer Religion oder Religionsgemeinschaft nicht erlaubt sein sollte, da sie ja evtl. die Gefühle eines Gläubigen verletzten könnte. Ob es sich nun um eine politische und gesellschaftliche Dimension dabei handelt, die sich zum Beispiel durch die Instrumentalisierung der Religion zu Promozwecken definiert, bleibt dahingestellt. Die eigentliche Essenz der Aussage von Farid Bang in diesem Zusammenhang, ist doch eindeutig oder siehst du das anders?

Oliver Marquart: Nein, ich habe die Essenz seiner Aussage auch so verstanden.

www.music-news.at: Findest du das nicht hoch brisant und gefährlich in Anbetracht des vor allem jungen Publikums, das sich oftmals mehr als nur identifiziert mit seinem Star und Vorbild? Wird hier die Musik genutzt, um demokratiefeindliche Essenzen und Standpunkte zu verbreiten? Bewusst oder unbewusst?

Oliver Marquart: Ich weiß nicht, ob es gleich demokratiefeindlich ist, wenn man dazu aufruft, sich bei Meinungsäußerungen zurückzuhalten. Andererseits ist dieser Aufruf wenig glaubwürdig, wenn man selbst keinerlei Zurückhaltung übt und beispielsweise Redakteure, die einem nicht in den Kram passen, öffentlich persönlich beleidigt.

www.music-news.at: Ich spreche dich darauf ungern an, aber wie hast du dich in dem Moment gefühlt, nach dem Farid Bang dich nach dem Interview öffentlich als „fetten Hurensohn“ beleidigt hat? Bist du derartige Entgleisungen von solchen Persönlichkeiten dir gegenüber schon gewohnt oder war das dann doch etwas Neues?

Oliver Marquart: Das war schon ein neues Level, auch wenn ich verärgerte Reaktionen nach kritischen Rezensionen durchaus gewohnt bin.

www.music-news.at: Ich denke, dass gerade hier das Interview ausschlaggebend war, bei dem du gezielt nachgefragt und nicht alles im Raum stehen lassen hast. Die Album-Kritik war dann wohl nur noch das Sahnehäubchen. Aber wie sollte ein Journalist allgemein darauf reagieren, wenn ein Künstler den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in einem Interview mit dem „Lachanfall des Jahres“ runterspielt und später völlig die Fassung verliert, wenn es um die kritische Betrachtung einer Religion geht?

Oliver Marquart: Er sollte den Künstler höflich, aber bestimmt auf diesen Widerspruch aufmerksam machen.

www.music-news.at: Bietet Rap.de Künstlern, die derartige Aussagen in der Vergangenheit getroffen haben, auch in Zukunft eine Plattform?

Oliver Marquart: Wir sind eine Musikplattform und nehmen vor einem Interview normalerweise keine Gesinnungsprüfung vor. Wenn ein Künstler allerdings offen Sympathien für totalitäre Ideologien wie Faschismus etc. äußert, wäre das sicher ein Grund, ihn nicht zu interviewen. Grundsätzlich glaube ich allerdings nicht an Boykott, sondern an möglichst kritischen Dialog.

www.music-news.at: Das kann ich in deinem Fall nur unterschreiben und auch gutheißen. Leider habe ich bei einigen Kollegen von dir das Gefühl, dass sie sich gar nicht über die Tragweite ihrer Berichterstattung im Klaren und mit vielen Themen auch leider überfordert sind. Das merkt man gerade bei Themen wie Israel und dem Nahost-Konflikt. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass einige relevante deutsche Rapper antisemitische Vorurteile für ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen aussprechen und manifestieren.

Oliver Marquart: Im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt ist man schnell in antisemitischen Gefilden, das stimmt.

www.music-news.at: Wie kann die deutsche Rap-Presse dem entgegenwirken? Tut sie es schon oder gibt es da Nachholbedarf?

Oliver Marquart: Sie tut es, aber teilweise noch zu lasch. Vieles wird einfach durchgewunken oder stillschweigend hingenommen. Man sollte es einfach offen ansprechen, ohne die Künstler in eine Ecke zu drängen.

www.music-news.at: Wenn du Farid Bang eine Frage stellen könntest zu eurem Interview, auf die er offen und ehrlich antworten müsste, wie würde diese lauten?

Oliver Marquart: Warum dieser Ärger wegen einer Meinungsverschiedenheit?

www.music-news.at: Hat sich Nazar im Nachhinein nochmal zu dem ganzen Vorfall geäußert?

Oliver Marquart: Nein, nicht dass ich wüsste.

www.music-news.at: Oliver, ich danke dir für dieses offene Gespräch. Die letzten Worte gehören dir.

Oliver Marquart: Nichts zu danken. Ich danke dir für das interessante Gespräch und wünsche mir mehr Diskussionskultur im Deutschrap. Wir müssen nicht alle der gleichen Meinung sein. Einfach auch mal eine andere Sichtweise aushalten.

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