Back to the Roots – für die Produktion seiner aktuellen EP Nimmerlandblues blickt Phenomen zurück in seine Vergangenheit.

Im folgenden Interview schauen wir deswegen aber nicht nur zurück, kommende Projekte und das aktuelle Geschehen sind ebenfalls Thema.

PARADOX: Wie würdest du deine Musik jemandem beschreiben, der dich noch nicht kennt?

Phenomen: Ich habe früher eine komplett andere Richtung gemacht, was Hip-Hop und Rap anbelangt; auf Technik und Flow habe ich immer sehr viel Wert gelegt. Zudem war ich auch sehr Battleraplastig, habe in einigen Foren gebattelt. Dein Musikgeschmack verändert sich, du kannst nicht immer diesen harten Battlerap machen, das interessiert dann irgendwann keinen mehr, weil das zu der Zeit einfach jeder gemacht hat. Ich wollte in eine andere Richtung gehen und heute kann ich meine Musik so beschreiben, dass sie auf jeden Fall sehr melancholisch ist. Dennoch lege ich sehr viel Wert auf Technik, besonders was Reimpatterns angeht, Flowswitches, et cetera.

PARADOX: Deinen wahrscheinlich größten Hit hattest du letztes Jahr mit „So Nice“. In diesem Song besingst du die Neunziger Jahre, warum gerade die Neunziger?

Phenomen: Ich bin ein Neunziger Kind, genauer gesagt ‘91 geboren. Die Neunziger
haben mich in dem Sinne beeinflusst, dass ich in der Zeit meine Leidenschaft für die Musik entdeckt habe. Mich verbindet sehr viel damit, vor allem mit den späten Neunzigern und daher dachte ich mir, das ist ein gutes Songkonzept. Wer will denn nicht nochmal gerne Kind sein, und die Sachen wieder erleben? Diese Unbeschwertheit, wieder ein Kind zu sein, mit den Dingen, die in meinen Augen prägend für die Neunziger waren, dieses Feeling wollte ich in dem Song rüberbringen.

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Phenomen – (c) incolour.at

PARADOX: Deine EP Nimmerlandblues ist vor kurzem erschienen. Das Nimmerland ist ein Ort aus Peter Pan, wo die Kinder nicht erwachsen werden und man nur an etwas glauben muss, damit es in Erfüllung geht. Wieviel Nimmerland und wieviel Blues steckt in der Platte?

Phenomen: Ehrlich gesagt, bei der Wahl des Titels habe ich nicht so explizit an das Nimmerland von Peter Pan gedacht. Es ist aber schon in diese Richtung, das Nimmerland, wo du immer Kind bist. Das ist ein fiktiver Ort, der vollkommen von der Außenwelt abgekoppelt ist. Das beschreibt auch irgendwie die Umgebung, in der ich die letzten Jahre aufgewachsen bin. Es steht sinnbildlich für das kleine Dorf, da bist du immer das Kind gewesen, es gibt nicht viele Perspektiven, und irgendwann willst du von dort weg und die große Welt entdecken. Der Blues bezieht sich auf die starke Präsenz von Gesang und melancholischeren Rhythmen bei den Tracks von Nimmerlandblues. Auch ein roter Faden an Melancholie, der sich durch das Tape zieht, das würde ich auch als Blues bezeichnen.

PARADOX: Hattest du bei der Entstehung des Tapes musikalische Einflüsse?

Phenomen: Ich bin bekennender Yelawolf Fan. Was mich sehr beeinflusst hat, war die Arena Rap EP. Er war damals seiner Zeit voraus und darauf gibt es coole Samples und eingespielte Instrumente, die das Ganze zu einer Rap/Country
Mischung geformt haben. Zurzeit höre ich das Twenty One Pilots Album, da kommen auch sehr viele Sachen drin vor wie Rap, Schizophrenic-Pop und viele weitere Einflüsse. Ich glaube, in Zukunft wird das immer wichtiger für den etwaigen Erfolg, dass du dich einfach von der Masse abhebst, und das ist auch mein Ziel. Ich will ein eigenständiger Artist sein, mich als Artist definieren, der einen komplett eigenen Style kreiert. Es ist wichtig für den zukünftigen Deutschrap, sich von der Masse abzuheben, auch ist es wichtig für den generellen Level im Hip-Hop.

PARADOX: In einem Pressetext von dir liest man, dass du 2015 einen neuen Level an Musik erreichen wolltest. Ist dir das rückblickend mit der EP gelungen?

Phenomen: Das mit dem Level bezieht sich ja nicht nur darauf, was du jetzt abgeliefert hast, sondern auch was für Möglichkeiten dir zur Verfügung stehen. Phenomen und Not Enough, wir machen von A bis Z alles selbst. Die ganzen Audioproduktionen, ich mische die Dinge selbst, ich mastere sie selbst, wir machen die Videos selbst, ich cutte sie sogar, wie ein richtiges Label. Da hast du aber auch Grenzen, budgetmäßig sowieso, audiomäßig genauso. Man sollte aber immer das Beste rausholen mit den Möglichkeiten, die man zur Verfügung hat. Ich würde sagen, das habe ich schon geschafft mit diesem Tape.

PARADOX: In vielen deiner Videos steht die Not Enough Crew im Hintergrund. Wer ist die Not Enough Crew, was macht sie eigentlich?

Phenomen: Das sind Nerds in allen Belangen. (Schaut und lacht dabei zu seiner Crew). Sprich Musiknerds, Fotografienerds, Grafikdesignnerds – ne, das sind grundsätzlich Freunde von mir, die alle auch was vorzuweisen haben. Grundsätzlich sind wir ein Kollektiv aus Musikern, Producern, Grafikern und Designer und jeder hat eben seine spezielle Tätigkeit. Ich und der Canis produzieren die ganze Musik, dann gibt es noch den Christian Schütz, der macht die ganzen Fotos, Grafikdesign und die Videos. Thomas Stadtfeld macht die Promotion und macht die kreativen Dinge. Wir sind eben das beste Team der Welt. Wir sind noch ein sehr kleines Team, aber wir machen jetzt seit einem halben Jahr das Not Enough Ding und im Prinzip sind die Tätigkeiten nicht viel anders als bei einem Independent Label.

PARADOX: Du wohnst ja in Wels, musikalisch eher eine kleine Stadt. Es gibt speziell in der deutschsprachigen Hip-Hop Szene Tendenzen nach Berlin zu ziehen. Hast du vielleicht auch solche Gedanken?

Phenomen: Zuerst muss ich dich korrigieren, ich wohne nicht in Wels, ich wohne so circa 15 Kilometer entfernt von Wels, das ist wirklich ein Dorf. Wenn du hier arbeitest, ist das Weiterkommen schwierig, weil die Musikszene in Wien oder Berlin ist. Es ist wirklich so, dass wir vorhaben in diese „Brennpunkte“ zu ziehen, denn dort ist es leichter etwaige Sachen aufzubauen. Natürlich ist heutzutage alles mit den sozialen Netzwerken beziehungsweise dem Internet möglich, aber grundsätzlich ist es immer besser, wenn du auf die Leute zugehst und mit ihnen redest. Darum ist es jetzt auch so, dass ich nach Wien ziehen werde. Das ist mal der erste Step, und was dann passiert, wird sich zeigen.

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