Black Sabbath, Helmet, Therapy?, Deftones, Baroness, Mastodon und Converge nennen Prototyper in ihrer Presseaussendung als Anhaltspunkte für ihr musikalisches Schaffen. Zeuge dessen ist „Wounds“, der dritte Tonträger der Wiener Rockband, den sie im fünften Jahr ihres Bestehens veröffentlichten.

Im Interview spricht Sänger und Gitarrist Martin X. Forster über die Emotionen, die sich auf „Wounds“ niederschlagen, über Rockmusik als Auflehnung gegen den Mainstream und die Frage, ob die Welt zugrunde geht.

PARADOX: WOHER KOMMT DIE WUT, DIE IN EURER MUSIK MITSCHWINGT?

Martin X. Forster: Für mich ist das gar nicht nur Wut, sondern eine Mixtur aus all den Emotionen, die unser Leben bestimmen. Der Titelsong „Wounds“ behandelt zum Beispiel jene Momente, in denen man einen anderen Weg einschlagen muss, Dinge hinter sich lässt, man seinen Ängsten entgegentritt – auch wenn es schmerzt. „Impetus“ ist eine Hymne auf’s Durchhalten, Weitermachen – auf den inneren Antrieb und Überlebenswillen eben.
Das ist der erste Song auf der EP, also starten wir eigentlich mit einer positiven Message. Klar, ein Song wie „Dog Days“ ist einfach Frustabbau, aber ich denke, dass wir auf der EP eine ganz gute Bandbreite an Emotionen abdecken.

PARADOX: BEZUGNEHMEND AUF EUREN SONG „BE AFRAID“ MÖCHTE ICH DICH FRAGEN: DENKST DU, DIE WELT GEHT GERADE VOR DIE HUNDE?

Martin X. Forster: Dazu eine eindeutige Antwort zu geben, ist schwierig. Das Problem ist ja, dass es dabei sehr auf die eigene Wahrnehmung und den eigenen Erfahrungshorizont ankommt – jemand, dessen Lebensrealität ganz anders ist als meine, denkt darüber auch ganz was Anderes. Da braucht man gar nicht in die Ferne schweifen, viele Menschen in Österreich denken ja auch, dass alles jetzt schon ganz furchtbar ist bei uns. Was natürlich lächerlich ist, wenn man das große Ganze betrachtet. Es gibt aber aktuell schon besorgniserregende Tendenzen und man hat das Gefühl, dass einige „Player“ auf diesem Feld gerade einen perversen Spaß dran haben, Öl ins Feuer zu gießen.

PARADOX: GIBT ES IN DEINEN AUGEN EINEN AUSWEG?

Martin X. Forster: Mehr Bildung für so viele Menschen wie möglich. Muss ja kein Uni-Abschluss sein, aber es wird in einer immer komplexeren und vernetzteren Welt laufend schwieriger, auch nur halbwegs den Durchblick zu haben. Ohne gewisse Grundkompetenzen geht das einfach nicht. Die Konsequenz aus dem Nicht-Verstehen der Welt ist dann das Einigeln in einer Blase, die Rückbesinnung auf die gute alte Zeit – wann genau die gewesen sein soll, weiß dann eh wieder niemand – und leichtere Manipulierbarkeit.

PARADOX: WIE SEHT IHR DIE SOGENANNTEN „MAINSTREAM-MEDIEN“? ICH SPIELE HIER AUF EURE TEXTZEILE „MEDIA AND POLITICS WORK HAND IN HAND, FORCE-FEED US THEIR SHIT…“ AN.

Martin X. Forster: Da muss ich zunächst erwähnen, dass der Text schon entstanden ist, bevor die aktuelle „fake news“-Debatte so richtig aufgekommen ist. Ich weiß nicht, ob ich diese Zeile nochmal so schreiben würde, da das Thema jetzt komplexer geworden ist. Für einen Song braucht es halt was Griffiges, da kannst du ja nicht ewig erklären, was du meinst. Man braucht heutzutage „Medienkompetenz” – also die Fähigkeit, den Kontext einer Nachricht und eines Mediums mitzudenken und dadurch die Message einordnen zu können. Die Grundaussage des Songs ist: Ich lasse mich nicht von der Hysterie und der Angst anstecken, meine Zeit ist mir zu schade dafür. Funktioniert leider nicht immer, aber ich versuche es zumindest.

PARADOX: EURE NEUE EP „WOUNDS“ HABT IHR BEI UND MIT ALEXANDER LAUSCH AUFGENOMMEN, DER ZULETZT UNTER ANDEREM DAS SEHR ERFOLGREICHE ALBUM „DEATHROW KIDS“ VON DEN CRISPIES PRODUZIERT HAT. WIE IST ES MIT IHM ZU ARBEITEN?

Martin X. Forster: Ich kenne Alex mittlerweile seit 2008, damals habe ich mit meiner anderen Band „Sympathy for Strawberry“ bei ihm ein Album aufgenommen. Er war damals noch am Beginn seiner Karriere als Produzent, aber es war eine sehr entspannte und fruchtbare Zusammenarbeit und so bin ich immer wieder bei ihm im Studio aufgetaucht. Und dann ist er 2012 bei Prototyper eingestiegen. Während der Songwriting-Phase zur neuen EP hat er gemerkt, dass er leider nicht mehr genug Zeit für Prototyper hat – aber er blieb der Band als Produzent und guter Freund erhalten. Im Studio hat er einen guten und schnellen Workflow entwickelt, ist aber trotzdem auch flexibel. Der Aufnahme-Prozess für „Wounds“ war also wieder sehr angenehm. Er ist sogar ruhig geblieben, als ich seine Kaffeemaschine gesprengt habe!
Das Crispies-Album hab ich noch nicht gehört, hab mir aber vorgenommen das nachzuholen, weil uns die Jungs letztens im FM4-Studio über den Weg gelaufen sind.

PARADOX: EURE MUSIK IST STARK BEEINFLUSST VOM HARD ROCK DER 70ER-JAHRE BIS HIN ZU DRECKIGEN 90ER-SOUNDS À LA HELMET, THERAPY? UND CO. SEIT EINIGEN JAHREN HEISST ES IMMER WIEDER, DIE ROCKMUSIK SEI TOT. WAS HALTEST DU VON DER THEORIE, DASS DIE ROCKMUSIK IHREN EINFLUSS UND IHRE VORMACHTSTELLUNG AM MUSIKMARKT VERLOREN HAT, WEIL IHRE INTERPRETEN ZU SEHR VOR MODERNEN EINFLÜSSEN ZURÜCKSCHEUEN UND ZU RÜCKWÄRTSGEWANDT AGIEREN?

Martin X. Forster: Hatte Rockmusik jemals eine Vormachtstellung? Es gibt zwar ein paar große Acts, die sich im Mainstream festgesetzt haben, aber das ist dann halt schon Pop geworden. Vielleicht bin ich zu romantisch, aber richtiger Rock ist für mich immer noch gelebte Auflehnung gegen den Mainstream. Und das muss dann auch nicht jeder mögen. Was die Rückschau betrifft: Wenn jemand seinen Spaß dran hat, 70er-Jahre Doom-Riffs zu recyclen… Warum nicht? Wir versuchen aber innovativ zu sein, Einflüsse von außerhalb des Rock-Paradigmas sind auch willkommen. Und dann machen wir halt unser eigenes Ding draus.

PARADOX: SIND DIE GOLDENEN ZEITEN JETZT, ODER STEHT PROTOTYPER NOCH EINE LANGE UND ROSIGE ZUKUNFT BEVOR?

Martin X. Forster: Ich bin da realistisch veranlagt. Im Endeffekt ist die Band ein Vehikel für Selbstverwirklichung, wir machen die Musik, die wir gerne auf der Bühne performen. Und im Moment bekommen wir sehr viel sehr positive Response, sowohl auf die Songs auf „Wounds” als auch auf die Gigs. Das freut uns natürlich sehr. Und deswegen denke ich mir, dass wir sicher noch ein paar Stufen erklimmen können. Live haben wir eh schon immer sehr gut funktioniert und die EP transportiert unsere Energie anscheinend sehr gut. Also mal sehen, was noch geht. Ich kann nur sagen, dass sich die Band jetzt sehr gut anfühlt. Mit Jürgen am Bass und Christoph an den Drums läuft das alles sehr relaxt, es gibt keinen Bullshit und alle bringen sich auf verschiedene Weise sehr gut ein.

PARADOX: WELCHE SIND FÜR EUCH ALS MUSIKER BEZIEHUNGSWEISE BAND DIE GRÖSSTEN SCHWIERIGKEITEN IN EURER KARRIERE? WELCHE STEINE LIEGEN IM WEG UND WELCHE CHANCEN KANN MAN ERGREIFEN?

Martin X. Forster: Die größte Herausforderung ist einfach sein Publikum zu erreichen. Ich weiß, es gäbe sicher sehr sehr viele Menschen, denen unsere Musik gefallen würde. Aber du musst halt herausstechen, und das funktioniert in den seltensten Fällen nur über die Musik. Das ist die Schwierigkeit, und dann muss man Chancen – und auch Fallen – als solche erkennen. Wir managen/booken uns noch selber, da braucht man auf jeden Fall einen langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz. Leider ist die Musik beziehungsweise die Bühnenperformance, obwohl das das Wichtigste ist, eben nur ein Mosaikstein von vielen.

PARADOX: IN „IMPETUS” HEISST ES: „I’M HERE TO CLAIM MY CROWN…“ WIE SEHEN EURE MITTEL- UND LANGFRISTIGEN PLÄNE AUS?

Martin X. Forster: Nachhaltiges Wachstum wär so ein Schlüsselwort. Also zunächst so viele Konzerte für so viele Leute wie möglich spielen und zu versuchen, diese zu Fans zu machen. Dazwischen so viel neue Musik wie möglich schreiben und veröffentlichen – wir denken bereits ans zweite volle Album. Ich kann nur jeden einladen, sich uns anzusehen und -hören… Wir liefern ab!

[Dieser Artikel erschien im Sommer 2017 in PARADOX #05]

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